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Philippe Brassac im Interview Crédit-Agricole-Chef: „Ein großer Teil der Wirtschaft wird sich von Covid zügig erholen“

Der Chef der französischen Großbank spricht sich gegen „Corona-Pessimismus“ aus und sieht das Ende der Krise nahen. Mit einer großen Welle von Kreditausfällen rechnet er nicht.
04.12.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Steht seit 2015 an der Spitze der genossenschaftlichen Bankengruppe. Quelle: Denis ALLARD/REA/laif
Philippe Brassac

Steht seit 2015 an der Spitze der genossenschaftlichen Bankengruppe.

(Foto: Denis ALLARD/REA/laif)

Frankfurt Der Vorstandschef der französischen Bankengruppe Crédit Agricole, Philippe Brassac, plädiert für mehr Zuversicht in der Corona-Pandemie. Diese sei keine Wirtschaftskrise, sondern eine Gesundheitskrise: „Ich bin überzeugt, dass wir uns langsam, aber sicher dem Ende der Krise nähern“, sagte er im Interview mit dem Handelsblatt. „Da stimmen mich die medizinischen Fortschritte optimistisch. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass die Unternehmen, denen es vor der Pandemie gut ging, den Rest der Durststrecke auch noch überstehen.“

Die Hilfsprogramme der EU, der nationalen Regierungen und der Europäischen Zentralbank (EZB) wirkten. „Niemand hätte sich auf dem Höhepunkt der Pandemie vorstellen können, dass diese Strategie so gut funktioniert“, betonte Brassac.

Eine neue Bankenkrise fürchtet der Topbanker nicht: „Das Bankensystem in Frankreich und in Europa ist sehr robust und kann die Regierungen bei der Bewältigung der Pandemie unterstützen. Die Furcht vor einer gigantischen Welle an Unternehmenspleiten halte ich für übertrieben.“

Der Untergang Wirecards im Zuge eines Milliarden-Bilanzskandals treibt auch Brassac um. Die Crédit Agricole muss ein Großprojekt mit dem Zahlungsdienstleister aufgeben. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass bei Wirecard Bilanzen offenbar in großem Stil gefälscht wurden. Wir hoffen jetzt, dass wir so viel an Entschädigung wie möglich zurückholen können“, erklärte Brassac.

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    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Frankreich wurde von der Corona-Pandemie vielleicht noch härter getroffen als Deutschland. Befürchten Sie, dass die wirtschaftlichen Schäden auch auf die Finanzbranche durchschlagen? Droht sogar eine Bankenkrise?
    Nein, heute sind Banken Teil der Lösung. Das Bankensystem in Frankreich und in Europa ist sehr robust und kann die Regierungen bei der Bewältigung der Pandemie unterstützen. Natürlich gibt es etwas höhere Risiken, aber diese Risiken halte ich für beherrschbar. Die Furcht vor einer gigantischen Welle an Unternehmenspleiten halte ich für übertrieben. Schauen Sie sich unsere Gruppe an: Die Risikokosten von Crédit Agricole haben sich in den ersten neun Monaten im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, trotzdem haben wir eine Eigenkapitalrendite von zehn Prozent erreicht, und unsere Kernkapitalquote liegt bei 17 Prozent.

    Das klingt erstaunlich optimistisch.
    Sie dürfen nicht vergessen, dass wir es hier nicht mit einer Wirtschaftskrise zu tun haben, sondern mit einer Gesundheitskrise, die die Wirtschaft beeinträchtigt. Das ist ein wichtiger Unterschied, weil es nicht darum geht, strukturelle Schwächen im Unternehmenssektor zu beseitigen. Dazu wären schmerzhafte Anpassungen nötig. Aber so bin ich zuversichtlich, dass sich ein großer Teil der Wirtschaft zügig erholen kann, sobald die Gesundheitskrise eingedämmt und hoffentlich in absehbarer Zeit auch überwunden ist.

    Sie haben keine Angst davor, dass sich die wirtschaftlichen Folgen zu einem chronischen Leiden entwickeln?
    Ich bin überzeugt, dass wir uns langsam, aber sicher dem Ende der Krise nähern. Da stimmen mich die medizinischen Fortschritte optimistisch. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass die Unternehmen, denen es vor der Pandemie gut ging, den Rest der Durststrecke auch noch überstehen. Die EU, die nationalen Regierungen und die Europäische Zentralbank sorgen mit ihren Hilfsprogrammen dafür, dass das möglich sein wird. Niemand hätte sich auf dem Höhepunkt der Pandemie vorstellen können, dass diese Strategie so gut funktioniert.

    Besteht dabei nicht die Gefahr, dass der Strukturwandel verschleppt wird, dass Unternehmen gerettet werden, die ohne Hilfen vom Markt verschwinden würden?
    Ich bin sehr überrascht vom Pessimismus, der in dieser Argumentation mitschwingt. Der Lockdown im Frühjahr hat die französische Wirtschaft zwar extrem hart getroffen. Im zweiten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt um 30 Prozent eingebrochen. Aber für mich war klar, dass sich die Wirtschaft nach der Lockerung der Maßnahmen auch sehr schnell wieder erholen würde. Ab Juni kehrten sehr viele Unternehmen und die Verbraucher wieder zur Normalität zurück. Unsere Bank hat im September beispielsweise genauso viele Immobilienkredite vergeben wie im Vorjahr.

    Dann kam allerdings der zweite Lockdown.
    Nach dem ersten Lockdown haben sich 90 Prozent der Branchen sehr schnell wieder erholt. Für viele dieser Unternehmen ist die Krise bereits beendet, weil der zweite Lockdown nicht die gesamte Wirtschaft betrifft. Für die übrigen zehn Prozent, vielleicht sind es sogar nur fünf Prozent, ist es natürlich sehr hart. Am stärksten trifft die Pandemie die Veranstaltungsindustrie und den Tourismus. Auch für Unternehmen aus der Transport- und Luftfahrtbranche wird die Erholung sicherlich deutlich länger dauern, vielleicht sogar mehrere Jahre.

    So viel Zuversicht findet man derzeit selten in der Wirtschaftswelt.
    Wir dürfen die Situation nicht noch schlechter reden, als sie ist. Deshalb verstehe ich auch die Diskussion um eine mögliche Bankenkrise nicht. Die Banken sind robust, sie dürfen nicht noch vorsichtiger werden, sondern müssen ihren Teil zur Lösung der Krise beitragen. In diesem Jahr wird die französische Wirtschaft vermutlich um zehn Prozent schrumpfen, für das nächste Jahr sagen die Volkswirte aber eine Erholung um sechs Prozent voraus. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass das Wachstum noch höher ausfallen wird. In einer Krise neigt man dazu, alles noch pessimistischer zu sehen. Deshalb muss man sich bemühen, positiv zu denken, sonst werden die negativen Erwartungen zur selbst erfüllenden Prophezeiung.

    Frankreich befindet sich in einem zweiten Lockdown. Quelle: AFP
    Leerer Place du Trocadéro vor dem Eiffelturm

    Frankreich befindet sich in einem zweiten Lockdown.

    (Foto: AFP)

    Die Rettung hat allerdings einen Preis, der die Wirtschaft dauerhaft belasten könnte: deutlich höhere Staatsschulden und eine Verlängerung der ultraniedrigen Zinsen auf unabsehbare Zeit.
    Die höhere Verschuldung der Nationalstaaten bereitet mir in diesem Fall keine so großen Sorgen, denn was vor allem zählt, ist das internationale Gleichgewicht. Europa darf nicht sehr viel stärker verschuldet sein als China oder die Amerikaner, aber diese Gefahr sehe ich im Moment nicht.

    Und die Dauerniedrigzinsen? Sind die keine Bedrohung für die Geschäftsmodelle der Banken?
    Anders als in der Finanzkrise 2008 funktionieren die Finanzmärkte reibungslos, die Banken haben in dieser kritischen Zeit keine Probleme, sich zu refinanzieren. Das ist auch ein Verdienst der Geldpolitik der EZB, die von Anfang an klargemacht hat, dass sie bereitsteht, um all ihre Mittel für die Bekämpfung der Krise einzusetzen. Viele sehen die Niedrigzinsen als Problem für die Banken, tatsächlich sind sie allerdings vor allem ein Problem für die Verzinsung von Sparerguthaben. Banken müssen hier loyal und transparent eine grundlegende Rolle bei der Beratung ihrer Kunden einnehmen.

    Ihre deutschen Konkurrenten klagen sehr gern über die ungerechten Belastungen durch die Geldpolitik der EZB.
    Die Banken müssen sich natürlich an die neue Zinsrealität anpassen. Als breit aufgestellte Universalbank haben wir die Möglichkeit, niedrigere Zinsmargen durch das Provisionsgeschäft auszugleichen, in der Vermögensverwaltung beispielsweise oder in unserer Versicherungssparte. Seit 2015 sind die Zinssätze kontinuierlich gesunken, wir konnten unseren Gewinn trotzdem kontinuierlich steigern.

    Alle Welt spricht von der Konsolidierung des Bankenmarkts in Europa. Sie handeln bereits und wollen die italienische Bank Credito Valtellinese für 737 Millionen Euro übernehmen. Was steckt dahinter?
    Im Norden Italiens sind wir bereits seit 30 Jahren präsent. Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder Banken in dieser Region gekauft. Man kann das Angebot für den Credito Valtellinese als Teil der nationalen Konsolidierung in Italien sehen, die sich gerade beschleunigt. Aber für uns ist das vor allem die Fortsetzung einer kontrollierten Entwicklung, die wir seit zehn Jahren verfolgen. Mit Valtellinese hat uns bereits eine Partnerschaft verbunden, das ist wirklich eine sehr schöne Bank, mit starken regionalen Wurzeln.

    Sie wurden ja auch mit der italienischen Banco BPM in Verbindung gebracht. Hat sich dieser Deal jetzt erledigt?
    Auch BPM ist eine sehr schöne Bank, mit der uns ebenfalls bereits eine Partnerschaft verbindet. BPM wird für uns ein sicherer und solider Partner bleiben. Dem haben wir nichts hinzuzufügen.

    Die Banco BPM entstand 2017 durch die Fusion der Banca Popolare di Milano und der Banco Popolare aus Verona. Quelle: Reuters
    „Solider Partner“ für Crédit Agricole

    Die Banco BPM entstand 2017 durch die Fusion der Banca Popolare di Milano und der Banco Popolare aus Verona.

    (Foto: Reuters)

    Im Moment findet die Konsolidierung vor allem auf nationalen Märkten statt, in Italien und Spanien zum Beispiel. Aber die Diskussionen über große grenzüberschreitende Zusammenschlüsse in Europa werden ebenfalls lebhafter. Werden wir solche internationalen Deals im kommenden Jahr sehen?
    Abgesehen von den Reden, die über solche internationalen Fusionen gehalten wurden, hat sich bislang wenig bewegt. Die Hindernisse sind zum großen Teil noch immer die alten: unterschiedliche Aufsichtsregime, Insolvenzregeln und Verbraucherschutzgesetze. Außerdem muss man die Diskussion über Zusammenschlüsse im Bankensektor differenzierter sehen. Trotz der gemeinsamen Aufsicht der Europäischen Zentralbank über die großen Banken ist Europa in Sachen Regulierung noch immer ein ziemlicher Flickenteppich, und das macht es schwieriger, Synergien zu nutzen.

    Was heißt das für Ihre Bank?
    Wir werden immer gefragt, ob wir autonom bleiben wollen oder eine Fusion anstreben. Aber die Wirklichkeit sieht sehr viel nuancierter aus. Allein in Europa haben wir 28 Partnerschaften mit anderen Banken. In Frankreich zum Beispiel arbeiten wir mit der Société Générale im Asset-Management zusammen, in Spanien haben wir eine Partnerschaft mit Santander beim Asset-Servicing, und in Italien kooperieren wir mit dem Credito Valtellinese bei Versicherungen. Solche Partnerschaften nehmen zu, auch im Zahlungsverkehr.

    Sehen Sie solche Kooperationen als Alternative zu Fusionen?
    Beide Optionen sind möglich, das hängt ganz von den betroffenen Banken und von der konkreten Situation ab. Für sehr fokussierte Banken sind Übernahmen vielleicht ein wichtigeres Thema als für sehr breit aufgestellte Universalbanken wie uns. Früher haben alle Banken ihre eigenen Lösungen entwickelt. Inzwischen sehen wir schnellere Fortschritte über Partnerschaften, und das ist auch sehr sinnvoll.

    28 Partnerschaften mit anderen Banken in Europa. Quelle: dpa
    Filiale von Crédit Agricole in Paris

    28 Partnerschaften mit anderen Banken in Europa.

    (Foto: dpa)

    Also sehen Sie auch keinen Bedarf für Übernahmen in Deutschland?
    Deutschland bleibt für uns sehr interessant. Wir sind hier mit insgesamt sechs Sparten vertreten, die sehr gut funktionieren vom Großkundengeschäft bis zum Factoring. Aber in Deutschland hatten wir, anders als in Frankreich oder Italien, nie eine starke Präsenz im Retailgeschäft. Sie wissen, wie hart die Konkurrenz auf dem deutschen Markt ist und wie schwierig es ist, hier Übernahmen zu tätigen. Wir wollen in Deutschland organisch wachsen, und das funktioniert auch gut. Wir verzeichnen zweistellige Wachstumsraten und konnten in den vergangenen fünf Jahren unseren Marktanteil deutlich steigern.

    Aber nicht alles hat in Deutschland gut funktioniert. Crédit Agricole gehört zu den Kreditgebern von Wirecard und musste 120 Millionen Euro abschreiben. Außerdem war Ihre Bank auch an einem langfristigen Zahlungstechnologieprojekt mit Wirecard beteiligt. Ließ sich für Sie wirklich nicht erkennen, dass bei dem Skandalkonzern etwas nicht stimmte?
    Nicht nur wir, auch viele weitere Partner sind betrogen worden. Insgesamt waren in diesem Kreditkonsortium 15 Banken vertreten. Solche großen Betrugsfälle hat es auch schon früher gegeben, aber wir haben nicht damit gerechnet, dass bei Wirecard Bilanzen offenbar in großem Stil gefälscht wurden. Bei der Technologiepartnerschaft, die sie ansprechen, haben wir keinen finanziellen Verlust erlitten. Allerdings hat Wirecard nicht das geliefert, was vereinbart war. Wir hoffen jetzt, dass wir so viel an Entschädigung wie möglich zurückholen können.

    Herr Brassac, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Crédit Agricole will italienische Bank Creval übernehmen

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