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Pieter van der Does im Interview Adyen-Chef zur Pleite des Konkurrenten: „Der Wirecard-Untergang ist ein Desaster für die Branche“

Der Chef des niederländischen Zahlungsabwicklers grenzt sich vom früheren Konkurrenten scharf ab und verzichtet auf Risikokunden. Van der Does rechnet mit weiteren Konsolidierungen.
21.09.2020 - 03:53 Uhr Kommentieren
Der Chef und Co-Gründer des Zahlungsdienstleisters Adyen meint, dass niemand in der Branche mit einem Betrugsfall bei Wirecard gerechnet habe. Quelle: Getty Images
Pieter van der Does

Der Chef und Co-Gründer des Zahlungsdienstleisters Adyen meint, dass niemand in der Branche mit einem Betrugsfall bei Wirecard gerechnet habe.

(Foto: Getty Images)

Frankfurt Der niederländische Zahlungsdienstleister Adyen zählt zu den Börsenlieblingen Europas. Seit der Erstnotiz vor gut zwei Jahren hat sich der Aktienkurs versechsfacht, der Marktwert ist auf 45 Milliarden Euro nach oben geschnellt. Auch nach Ausbruch der Coronakrise im März und nach Bekanntwerden des Betrugs beim Wettbewerber Wirecard im Juni zog der Adyen-Kurs weiter an.

Für Schadenfreude sieht Vorstandschef Pieter van der Does aber keinen Grund, im Gegenteil: „Der Wirecard-Untergang ist ein Desaster für die Branche, schließlich basiert unser Geschäft auf Vertrauen“, sagt er im Handelsblatt-Interview. „Niemand in der Branche hat gedacht, dass bei Wirecard Betrug im Spiel war – erst recht nicht in dem Ausmaß, wie es nun bekannt wird.“ 

Wie etliche Wettbewerber hat auch Adyen einige Wirecard-Kunden abgeworben. Die Branche profitiert vom Boom im E-Commerce, spürt aber auch auch die Coronakrise. „Generell lässt sich sagen: Unsere Umsätze mit Kunden aus dem stationären Einzelhandel wurden stark getroffen, aber das wurde durch mehr Zahlungen beim Onlineshopping ausgeglichen“, erklärt van der Does.

Das 2006 gegründete Unternehmen aus Amsterdam ist dafür bekannt, viele Großkunden zu bedienen. In Deutschland zählen dazu etwa Zalando, Flixbus, Hugo Boss, Delivery Hero und Bosch.

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    Van der Does rechnet mit einer weiteren Konsolidierung im hart umkämpften Geschäft mit Zahlungsabwicklungen. „Angesichts der steigenden Bewertung in der Branche dürfte es einzelnen Zahlungsdienstleistern nicht schwerfallen, Geld für Übernahmen einzusammeln.“

    Anders als bisher schließt der Adyen-Chef Übernahmen nicht mehr kategorisch aus: „Aber derzeit ziehen wir es vor, zusätzliche Dienstleistungen selbst zu entwickeln. Es ist auf jeden Fall sehr unwahrscheinlich, dass wir einen Zahlungsdienstleister, der uns ähnelt, erwerben.“

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr van der Does, die Corona-Pandemie bewirkt, dass sich viele Menschen bei ihren Ausgaben zurückhalten. Spürt das auch Adyen?
    Einige Händler und Unternehmen unter unseren Kunden werden durch die Folgen der Pandemie heftig getroffen. Aber Adyen hat ein breit gestreutes Portfolio rund um die Welt. Die Coronakrise hat sich stärker bei unseren Kunden im asiatisch-pazifischen Raum bemerkbar gemacht. In den USA waren die Auswirkungen auf Adyen dagegen geringer. Generell lässt sich sagen: Unsere Umsätze mit Kunden aus dem stationären Einzelhandel wurden stark getroffen, aber das wurde durch mehr Zahlungen beim Onlineshopping ausgeglichen.

    Mit welchen Veränderungen für Zahlungsdienstleister rechnen Sie durch die Coronakrise?
    Auf die langfristigen Aussichten von Adyen hat die Coronakrise keine Auswirkungen. Wir sehen weiter einen großen Zustrom an neuen Kunden, die wir auf unsere Plattform holen – Corona zum Trotz. Wir investieren weiter, wir stellen weiter Mitarbeiter ein. Die Corona-Pandemie beschleunigt sogar bestimmte Trends. Die Krise hat sich als Beschleuniger der Digitalisierung erwiesen: Einige Händler haben nun doch einen Onlineshop aufgebaut oder den bestehenden ausgebaut – auch Unternehmen, die bisher gefürchtet hatten, Onlineshopping könne ihre Marke beschädigen.

    Neben der Coronakrise hat der Fall Wirecard die Payment-Branche umgetrieben. Hat Sie der Absturz überrascht?
    Niemand in der Branche hat gedacht, dass bei Wirecard Betrug im Spiel war – erst recht nicht in dem Ausmaß, wie es nun bekannt wird. Der Wirecard-Untergang ist ein Desaster für die Branche, schließlich basiert unser Geschäft auf Vertrauen. Aber wir spüren die Folgen nicht unmittelbar. Adyen und Wirecard sind in verschiedenen Bereichen des Marktes unterwegs. Wirecard hatte zum Beispiel viele kleine Unternehmen aus der asiatisch-pazifischen Region als Kunden. In dem Segment ist Adyen nicht stark vertreten.

    Eine Frage, die Wirecard-Kritiker schon früh umgetrieben hat: Warum war Wirecard so profitabel – viermal so profitabel wie Adyen? Haben Sie sich das auch gefragt?
    Wir sprechen lieber über unser eigenes Geschäft. Wir haben uns bisher eher auf große Kunden mit einem großen Transaktionsvolumen konzentriert. Wirecard hatte viele Kunden, aber eher kleine und risikoreiche. Das ist eine strategische Entscheidung: Wir wollen sehr große Kunden bedienen, die auch hohe Volumina abwickeln und sehr anspruchsvoll sind. Und dann muss man akzeptieren, dass die Margen gering sind. Aufgrund der großen Volumina verdienen wir dennoch auskömmlich.

    Adyen ist dadurch allerdings auch von einigen großen Kunden abhängig. Wollen Sie das ändern und auch kleinere Kunden ansprechen?
    Mit der Zeit wird Adyen immer weniger abhängig sein von einzelnen Großkunden, einfach, weil sich unser Kundenstamm immer weiter ausweitet. Wir werden also automatisch diversifizierter. Derzeit kommen viele mittelgroße Kunden auf uns zu, und wir sprechen sie auch an. Wir passen unsere Produkte an die Anforderungen mittlerer und kleinerer Kunden an. Aber wir wollen keine risikoreichen Kunden.

    Grafik

    Wie viele frühere Wirecard-Kunden klopfen bei Adyen an? Und sind das vor allem Hochrisikokunden, zum Beispiel Anbieter von Glücksspiel?
    Einige ehemalige Wirecard-Kunden wechseln zu uns. Die Zahl ist so gering, dass sie keinen Einfluss auf unser Jahresergebnis haben wird. Adyen ist wie gesagt nicht dafür bekannt, Hochrisikokunden zu bedienen.

    Wirecard hatte ein sehr großes Drittpartnergeschäft. Das war einer der Gründe, warum sie für viele Jahre diesen mutmaßlichen Betrug organisieren konnte. Wie groß ist dieses Geschäft bei Adyen?
    Klein. Auch das ist eine strategische Entscheidung. Wir finden, dass wir unseren Kunden den besten Service bieten können, wenn wir die Systeme für die Zahlungsabwicklung selbst bauen und diese direkt zum Beispiel an Mastercard, Visa und andere Zahlungsnetzwerke angeschlossen sind. Wir wollen möglichst selbst die volle Kontrolle. Je mehr weitere Partner zwischengeschaltet sind, desto schlechter wird der Service und desto geringer das Tempo der Zahlungsabwicklung. Aber manchmal müssen auch wir den Weg über Drittpartner gehen, zum Beispiel wenn wir in einem kleineren Land aktiv sein wollen und es dort die Regel gibt, dass nur lokale Gesellschaften mit Geschäftsführern vor Ort aktiv sein dürfen.

    Aufgrund des Wirecard-Skandals: Stellen Ihre Kunden andere oder mehr Fragen dazu, wie Adyen genau arbeitet?
    Nur sehr begrenzt. Die meisten, die mit unserer Branche zu tun haben, betrachten es wie den Enron- oder den Parmalat-Skandal – als Problem, das alle zehn bis 15 Jahre in der Finanzwelt auftritt, aber nicht als systemisches Problem der Zahlungsdienstleister.

    Adyen ist ein Zahlungsdienstleister mit einer Banklizenz. Wettbewerber wie Nets und Computop wollen ihre Kunden zunehmend auch finanzieren. Hat Adyen ebenfalls solche Pläne?
    Nein, wir haben die Banklizenz nicht beantragt, um Kredite zu vergeben. Erstens hatten wir aufgrund des Wachstums von Adyen das Gefühl, dass es besser ist, bei hohen Transaktionsvolumina eine Banklizenz zu halten – sowohl für die Regulierer als auch für uns. Der zweite Grund ist ein technischer: Auch wenn die Abwicklung einer Zahlung eigentlich länger dauert, können wir Geld vorzeitig an unsere Händlerkunden auszahlen. Technisch ist es also ein Kredit, aber es ist kein echter Kredit, weil wir eigentlich nicht ins Risiko gehen. Klassische Kredite wollen wir nicht anbieten.

    Verdient Adyen an jedem Kunden, den die Firma auf ihrer Zahlungsplattform hat, Geld?
    Ja. Wir schließen keine Verträge, bei denen wir Verlust machen.

    Der Wettbewerb ist enorm in der Branche. Wo sehen Sie Wachstumschancen für Adyen?
    Wir investieren immer weiter in unsere Produkte und Services. Es geht nicht darum, einfach nur Kreditkartenzahlungen zu bewilligen, sondern darum eine Dienstleistung von hoher Qualität anzubieten. Zum Beispiel damit unsere Händlerkunden Zahlungen über verschiedene Kanäle und Länder hinweg abwickeln können. Darauf konzentrieren sich unsere Softwareentwickler und Programmierer. Wir wollen dabei auch nicht aufgehalten werden, indem wir Systeme anderer Firmen integrieren müssen.

    Adyen schließt also weiter Übernahmen aus?
    Wir sind nicht dogmatisch und können nicht völlig ausschließen, dass wir einmal etwas dazukaufen. Aber derzeit ziehen wir es vor, zusätzliche Dienstleistungen selbst zu entwickeln. Es ist auf jeden Fall sehr unwahrscheinlich, dass wir einen Zahlungsdienstleister, der uns ähnelt, erwerben.

    Der Aktienkurs von Adyen ist enorm gestiegen, seit dem Börsengang vor zwei Jahren hat er sich mehr als verfünffacht, der Börsenwert beträgt mehr als 40 Milliarden Euro. Sie und weitere Adyen-Manager haben Ende August 15 Prozent ihrer Adyen-Anteile verkauft. Man könnte das als Zeichen dafür interpretieren, dass Sie die Aktie für überbewertet halten.
    Ich betrachte den Vorgang eher technisch und als rationales Verhalten. Wenn man 90 Prozent des eigenen Vermögens in einer einzelnen Aktie hat, dann ergibt eine Streuung des Portfolios Sinn.

    Mit was für einem Aktienkurs rechnen Sie in fünf Jahren?
    Über den Wert des Unternehmens entscheidet der Markt.

    Was ist letztlich das Ziel von Adyen? Soll das Unternehmen der größte Zahlungsdienstleister der Welt werden?
    Adyen zielt nicht darauf ab, unbedingt der Größte und Erste in der Branche sein. Aber Größe ist mit Blick auf das abgewickelte Volumen wichtig: Wenn ein Zahlungsdienstleister in vielen Ländern eine hohe Zahl an Transaktionen abwickelt, lohnt es sich auch, in diesen Ländern eigene Lizenzen zu besitzen. Wir können unser Geschäft durch Größe besser optimieren und beschleunigen – und unsere Kunden letztlich immer besser bedienen.

    Selbst wenn Adyen nicht als Käufer aufritt – rechnen Sie mit einer weiteren Konsolidierung der Branche?
    Wahrscheinlich ja. Angesichts der steigenden Bewertung in der Branche dürfte es einzelnen Zahlungsdienstleistern nicht schwerfallen, Geld für Übernahmen einzusammeln.

    Wie wichtig ist der deutsche Markt für Adyen?
    Deutschland ist einer unserer besten Märkte. Unser allererster Kunde nach unserer Gründung 2006 war ein deutscher Kunde, Panfu …

    … ein Anbieter von Onlinespielen für Kinder, in denen immer mindestens ein Pandabär vorkommt.
    Und seitdem ist deutsche Markt sehr wichtig für uns. Wir haben früh ein Büro in Berlin aufgebaut. Heute zählen Zalando, Flixbus, Hugo Boss, Delivery Hero, Bosch zu unseren Kunden. Der deutsche Markt hatte auch noch einen anderen Vorteil für uns. In den Niederlanden werden wir als eine Art „Story“ betrachtet, weil wir vor dem Adyen-Start bereits einen erfolgreichen Zahlungsdienstleister, Bibit, gegründet und später verkauft hatten. In Deutschland ist das nicht der Fall.

    Rechnen Sie damit, dass auch Banken wieder verstärkt als Zahlungsdienstleister für Händler in den Markt zurückkehren – was den Wettbewerb noch verstärkt?
    Banken haben unterschätzt, wie wichtig der Zahlungsverkehr als Bindeglied zu den Händlern ist, die Banken auch als Firmenkunden haben. Banken haben hier einfach zu wenig investiert und das Geschäft vernachlässigt. Jetzt ändert sich in den Banken die Haltung gegenüber dem Zahlungsverkehr gravierend. Aber es ist schwer für sie zurückzukehren, weil es inzwischen viele spezialisierte Zahlungsdienstleister gibt.

    Die europäischen Banken versuchen, über eine gemeinsame Initiative ein neues Zahlungssystem, abgekürzt EPI, zu schaffen. Kann das ein Erfolg werden?
    Es wäre schon ein enormer Erfolg, wenn die Banken einen zweistelligen Marktanteil mit einem neuen Zahlungssystem hätten. Das gilt übrigens auch für Apple Pay und Google Pay. Aus Sicht unserer Händlerkunden ist es jeweils lediglich eine weitere Zahlungsmethode, aus der Verbraucher auswählen können. Adyen selbst ist neutral gegenüber allen Bezahlmethoden.

    Mehr: Der Zahlungsdienstleister Klarna will mit neuem Kapital auch neue Bankprodukte anbieten.

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