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Rede auf dem Petersberger Sommerdialog Deutsche-Bank-Chef Sewing: „Es ist Zeit für einen Ruck in Deutschland“

Christian Sewing spricht sich für eine neue Wirtschaftsstrategie aus, damit Europa im internationalen Wettbewerb nicht weiter zurückfällt. Als Vorbild tauge die Deutsche Bank.
09.07.2021 - 13:02 Uhr 4 Kommentare
„Wir werden weiter an Boden verlieren, wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändert“, sagte Christian Sewing auf dem Petersberger Sommerdialog. Quelle: Reuters
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing

„Wir werden weiter an Boden verlieren, wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändert“, sagte Christian Sewing auf dem Petersberger Sommerdialog.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing mahnt umfassende wirtschaftliche Reformen an. „Es ist Zeit für einen Ruck in Deutschland und Europa, um einmal die Formulierung unseres früheren Bundespräsidenten zu bemühen“, sagte Sewing in einer Rede auf dem Petersberger Sommerdialog.

Deutschland und Europa seien im Wettbewerb mit den USA und Asien in den vergangenen Jahren zurückgefallen und hinkten bei Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz hinterher. „Es bedarf also keiner hellseherischen Fähigkeiten, um vorherzusagen: Wir werden weiter an Boden verlieren, wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändert.“

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank sprach sich deshalb vor der Bundestagswahl im September für eine neue Wirtschaftsstrategie aus. „Die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit darf keine Nebensache sein, sondern gehört ganz oben auf die politische Agenda.“

Sewing hat die Rede, die dem Handelsblatt vorliegt, bereits vergangenen Samstag vor führenden europäischen Politikern und Wirtschaftsvertretern gehalten. Am Freitag hatte zuerst das Portal „The Pioneer“ darüber berichtet.

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    Sewing untermauerte seine Forderungen mit Daten über die wirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen zwei Dekaden. Deutschland sei zwar immer noch die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, allerdings bereits von China überholt worden. „Auf absehbare Zeit wird auch Indien vorbeiziehen. Und mit Kalifornien könnte uns – wenn es bei den aktuellen Wachstumsraten bleibt – in einigen Jahren ein einzelner US-Bundesstaat hinter sich lassen.“

    Im Jahr 2000 seien noch 41 der 100 wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt aus Europa gekommen – heute seien es nur noch 15, sagte Sewing. Bei der digitalen Infrastruktur seien die Mängel offensichtlich. „Während in Deutschland nur ein Viertel der Internetanschlüsse auf eine Übertragungsrate von mehr als 100 Megabit kommen, sind es in Südkorea mehr als 90 Prozent, in Schweden knapp 80 Prozent, in den USA gut 60 Prozent.“

    Nachteile für europäische Start-ups

    Deutschland gehöre zwar noch zu den wohlhabendsten Länder der Welt, sagte der 51-Jährige. „Aber der Trend spricht gegen uns – und da, wo die Grundlagen für die Zukunft gestellt werden, liegen wir zum Teil weit zurück.“

    Aus Sicht von Sewing haben in der Bundesrepublik viele den Ernst der Lage noch nicht erkannt. Angesichts von guten Export- und Beschäftigungszahlen sowie einem vergleichsweise niedrigen Schuldenstand neige man dazu, sich etwas zurückzulehnen. „Was aber heißt es für unsere langfristige Wettbewerbsfähigkeit, wenn die letzte wirklich große Reform in Deutschland – die Agenda 2010 – fast 20 Jahre her ist?“

    Die Europäische Union habe schon früh in ihrer Geschichte die Grenzen für den Warenverkehr geöffnet, aber bis heute keinen echten Binnenmarkt für Dienstleistungen, monierte Sewing. „Ausgerechnet die Digitalwirtschaft endet in Europa oft an den Landesgrenzen.“

    Wenn ein Start-up im Silicon Valley ein gutes Produkt entwickle, könne es im riesigen US-Markt sofort so stark wachsen, dass es danach auch global Erfolg habe. „In Europa dagegen müsste dasselbe Start-up schon in einer frühen Phase so viele Juristen beschäftigen, die sich mit ausländischem Steuer- oder Verbraucherrecht auskennen, dass eine Internationalisierung sich kaum lohnt oder zumindest viel, viel langsamer verläuft.“

    Aus Sicht von Sewing stehen 2021 und 2022 Richtungsentscheidungen an – für Deutschland und Europa. „Es geht in diesem Superwahljahr nicht nur ums Kanzleramt. Es geht darum, welche Wirtschaftspolitik, ja: welche Wirtschaftsordnung das kommende Jahrzehnt prägen soll.“

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    „Auch wir galten als unreformierbar“

    Die Deutsche Bank kann dabei nach Einschätzung von Sewing als Vorbild für Europa dienen. „Auch wir galten noch vor nicht allzu langer Zeit als unreformierbar, als zu komplex“, sagte er. „Es schien vorgezeichnet, dass wir international immer weiter zurückfallen würden.“

    In den vergangenen Jahren sei es Deutschlands größtem Geldhaus dann aber gelungen, „den Fokus nicht mehr zu verlieren und sich dann auch gegen Widerstände durchzusetzen“. Das Frankfurter Institut hat 2019 beschlossen, sich aus Teilen des Investmentbankings zurückzuziehen und insgesamt 18.000 Stellen zu streichen.

    Im Rahmen einer neuen Wirtschaftsstrategie für Europa plädiert Sewing für einen stärker integrierten EU-Binnenmarkt und für mehr Investitionen. Für die Förderung neuer Technologien, eine bessere Infrastruktur und die Transformation in eine nachhaltige und digitale Wirtschaft seien enorme Summen notwendig.

    Dabei dürfe man sich nicht auf die Unterstützung von Regierungen und Zentralbanken verlassen, sondern müsse mehr privatwirtschaftliche Mittel mobilisieren – über einen stärkeren europäischen Kapitalmarkt. „Bisher gibt es einen Finanzbinnenmarkt nur in Ansätzen“, betonte Sewing. „In vielen Fällen haben wir dagegen 27 verschiedene Spielregeln für ein und dasselbe Produkt.“

    Neben einer Kapitalmarktunion macht sich Sewing auch für eine Vollendung der Bankenunion stark, inklusive einer europäischen Einlagensicherung. Die deutschen Privatbanken seien dazu „jederzeit bereit“, betonte Sewing, der seit Anfang Juli auch Präsident des deutschen Privatbankenverbands BdB ist. Viele deutsche Politiker, Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken lehnen eine europäische Einlagensicherung dagegen strikt ab.

    Mehr: Deutsche Großbanken dringen auf mehr Fortschritte beim europäischen Finanzmarkt.

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    Mehr zu: Rede auf dem Petersberger Sommerdialog - Deutsche-Bank-Chef Sewing: „Es ist Zeit für einen Ruck in Deutschland“
    4 Kommentare zu "Rede auf dem Petersberger Sommerdialog: Deutsche-Bank-Chef Sewing: „Es ist Zeit für einen Ruck in Deutschland“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.


    • Seit April 2013 haben die Aktionäre der Deutschen Bank insgesamt rd. 30 Mrd. für Kapitalerhöhungen aufgebracht. Bei der vorläufig letzten Kapitalerhöhung im April 2017 vertrauten die Aktionäre der Bank 8,0 Mrd. an.
      Von diesem April 2017 bis Ende 2020 ergibt sich mir als Aktionär dann folgende folgende „Bilanz“:

      -Das Eigenkapital sank von 63,2 Mrd. auf 54,8 Mrd. Ergibt – 8,4 Mrd.
      -Der Bilanz - Verlust gesamt bterägt -5,4 Mrd.
      -Kursverluste für die Aktionäre (15,50€ auf 8,95 € je Aktie) betragen gesamt – 13,5 Mrd.
      -Dividenden für Aktionäre gesamt +0,85 Mrd.
      -Bonuszahlungen ! für Beschäftigte +7,6 Mrd.

      Da fehlet doch die Achtung und der Respekt gegenüber den Aktionären.
      Weiters fehlt noch eine Art Gerechtigkeit, um als Vorbild zu gelten.
      Das ist Hr. Sewings Erbe, wird aber auch dessen Prüfung.

    • Es war Roman Herzog - der damalige deutsche Bundespräsident - mit seiner öffentlich gehaltenen Ansprache vom 26. April 1997 (Berliner Rede) mit der gewählten Formulierung „durch Deutschland muss ein Ruck gehen“. Dieser Vortrag ist als Ruck-Rede in die Geschichte eingegangen.

      Nun folgt ihm Christian Sewing - der heutige Deutsche-Bank-Chef - mit seiner Rede auf dem Petersberger Sommerdialog mahnt er umfassende wirtschaftliche Reformen an und bemüht die Formulierung unseres früheren Bundespräsidenten mit „Es ist Zeit für einen Ruck in Deutschland und Europa.

      Neu ist das nicht! Aber was Deutschland braucht, sind nicht fromme Sprüche sondern Taten. Wir brauchen keine klugen Köpfe, die wissen wie es geht, sondern allemal Menschen mit Tatkraft, nicht nur den Willen etwas zu bewegen, sondern wir brauchen auch eine Umgebung, die eben diese geforderten Taten zulässt und nicht durch (juristische) Gesetze den Fortschritt in Deutschland und der EU verhindert, sondern sogar schon im Keim erstickt.

      Ein Beispiel mag der “einfache“ Dachdeckermeister (deutsches Handwerk) mit seinem Lied aus dem Jahr 1973 https://www.youtube.com/watch?v=Z_2tWyPtoqQ sein. Ernst Neger sagte es schon mit dem Karnevalslied “Rucki Zucki“ mit der Melodie “Good Night Ladies“ komponiert von Sepp Gußmann

      Wann fangen wir an, bevor wir die Melodie bemühen müssen “Gute Nacht Deutschland“!

      Ein Politikwechsel und eine Person im Kanzleramt, die bereit ist, dieses Land in eine neue Zukunft zu führen – es wird Zeit für Deutschland und Europa!

    • Ich finde den Vorstoß sehr gelungen, aber keine Wirkung.

      Die letzten Jahre haben die Richtung vorgezeichnet und werden m.E. intensiviert (mehr Staat + weniger freie Marktwirtschaft, einhergehend mit Innovationsverlagerung nach USA und Asien). Traurig in diesem Zusammenhang ist nach meiner Ansicht, dass wir in Deutschland und Europa nicht mal mehr "Verwaltung" richtig hinbekommen.

      Dass die Deutsche Bank noch viel zu tun hat, ist natürlich wahrscheinlich auch den regulatorischen Einschränkungen geschuldet (vgl. US-Banken).

      Für mich persönlich heißt es, wenn es für Europa und Deutschland nicht umsetzbar ist ("der Ruck"), dann wenigstens bestmöglich für sich selbst und die Familie berücksichtigen und seine Zukunft danach ausrichten.

    • ??? Eine Bank die jeden Monat irgendwo auf der Welt auf der Anklagebank sitzt, nach x Jahren Börsenhausse, dann endlich mal wieder nen Gewinne macht, bei der Digitalisierung so la la dabei ist, soll Vorbild sein und gibt Tipps? Vielleicht ist das Problem und nicht die Lösung.

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