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Rekordumsätze und Millionenverluste Die großen Investmentbanken trifft das Coronavirus unvorbereitet

Die enormen Kursausschläge in der Viruspandemie werden für einige Institute zur Gefahr, wie das Beispiel ABN Amro zeigt. Andere profitieren von der hohen Volatilität.
07.04.2020 - 09:28 Uhr Kommentieren
Die großen Investmentbanken trifft das Coronavirus unvorbereitet Quelle: AFP
Skyline von Manhattan

Die Coronakrise sorgt für Stress unter den Händlern.

(Foto: AFP)

Frankfurt Es war eine Nachricht, die an die schlimmsten Fehlspekulationen in der Finanzkrise erinnerte: Die durch die Pandemie ausgelösten Verwerfungen an den Märkten haben ABN Amro binnen kürzester Zeit 250 Millionen Dollar gekostet. Nach Steuerabzug verblieb für die niederländische Großbank noch immer ein Verlust von 200 Millionen Dollar.

Schuld waren nicht Zockereien eines unbeaufsichtigten Börsenhändlers, sondern Spekulationen eines Großkunden, die nicht aufgingen: Der Kunde hatte sich mit komplexen Finanzprodukten verkalkuliert. Wegen dieser und anderer Belastungen durch die Viruskrise werde man für das erste Quartal einen Rekordverlust verzeichnen, erklärte die Bank vergangene Woche.

Ist ABN Amro ein Einzelfall? Glaubt man den Experten, dann könnten weitere Investmentbanken auf dem falschen Fuß erwischt werden. Aber während für einige Institute die enormen Kursausschläge zur Gefahr werden, profitieren viele andere von der hohen Volatilität. Die Krise würde damit die Spreu vom Weizen trennen – und den Abstand der wenigen global erfolgreichen Investmentbanken zur Konkurrenz weiter vergrößern. Noch ist zwar offen, wer auf der Gewinner- und wer auf der Verliererseite steht. Doch die ersten Einschläge sind bereits spürbar.

Die aktuellen Marktbewegungen sind beispiellos. Die US-Aktienmärkte sind angesichts der Pandemie um rund ein Drittel gefallen. Der deutsche Leitindex Dax ist zwischen Ende Februar und Mitte März sogar um 40 Prozent abgestürzt. Für die Banken ist das eine große Herausforderung.

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    „Die Coronakrise wird uns noch länger begleiten“, glaubt Martin Borghetto, Europa-Vorstand der US-Großbank Morgan Stanley, zuständig für das Handelsgeschäft. Eine neue Finanzkrise drohe aber nicht. „Das Finanzsystem ist in Gänze stabiler geworden, die Anforderungen an die zu hinterlegenden Sicherheiten sind zum Beispiel gestiegen. Auch die Maßnahmen der Zentralbanken haben die Märkte beruhigt. Ein Weltuntergangsszenario sehe ich nicht“, beruhigt Borghetto.

    Auftrieb im Handelsgeschäft

    Dafür haben die jüngsten Turbulenzen in den Handelssälen zu hektischer Betriebsamkeit geführt. „Der März war der stärkste Handelsmonat in unserer Geschichte“, heißt es aus einem großen US-Haus. Die Volatilität sei auf einen Rekordwert geklettert, Kunden hätten in kürzester Zeit Aktien, Anleihen und Derivate verkauft und seien vor allem in Cash geflüchtet.

    Ein Top-Banker der Konkurrenz ergänzt: „Wir wickeln aktuell Rekordvolumina über unsere elektronischen Systeme ab.“ Panik habe es nicht gegeben. „Aber was die Kunden umtreibt, sind die großen Rücksetzer an den Börsen. Der Abverkauf erfolgte viel schneller als in früheren Krisen.“ Praktisch alle Asset-Klassen seien korreliert gefallen; passiv investierende Kunden, etwa große Pensionsfonds, mussten sich zurückziehen.

    Was dramatisch klingt, sorgt bei vielen Banken für eine Orderflut. Laut Finanzkreisen haben die großen US-Häuser Goldman Sachs, Morgan Stanley, JP Morgan und Citi Rekordumsätze bei vielen Produkten verbucht, vor allem bei Aktien und Derivaten. Aber auch die britische Barclays konnte von den Marktbewegungen profitieren.

    Laut dem Portal „Business Insider“ hat Barclays allein an einem einzigen Tag Mitte März 250 Millionen Dollar an Handelsgebühren eingenommen. Vorangegangen war die Ankündigung der US-Zentralbank, die Leitzinsen zu senken. Barclays Market-Making-Sparte, an der Vorstandschef Jes Staley trotz Investorenkritik festhalten will, hat geliefert.

    Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) sieht denn auch Chancen in der Krise. „Die Handelsumsätze der Investmentbanken sind aufgrund des hohen Transaktionsvolumens und höherer Spreads zwischen Angebot und Nachfrage stark gestiegen“, heißt es in einem neuen Report. Zusammen mit der höheren Grundvolatilität seit Jahresbeginn verheiße das steigende Einnahmen.

    Schwächelnde Beratung

    Den Investmentbanken kommt das wie gerufen: Das Handelsgeschäft ist im Schnitt für mehr als zwei Drittel der Erträge verantwortlich (siehe Grafik) und damit wichtiger als das sogenannte Eventgeschäft, also die Beratung bei Börsengängen, Fusionen und Übernahmen (M&A) sowie die Begleitung von Aktien- und Anleiheemissionen. Das kleinere Eventgeschäft gilt als volatil und steht in der Krise besonders unter Druck.

    Grafik

    So gehen die S&P-Analysten davon aus, dass das Volumen der Unternehmenstransaktionen im ersten Quartal 2020 „deutlich unter dem Normalwert liegen wird“, was die Gebühreneinnahmen erheblich drücke. Beispielsweise seien die Einnahmen aus Kapitalmarktmaßnahmen und der M&A-Beratung im Januar und Februar noch gut, im März fielen sie jedoch stark ab.

    „Natürlich verlangsamt sich das Beratungs- und Emissionsgeschäft“, bestätigt Patrick Frowein, Chef des Deutsche-Bank-Investmentbankings im deutschsprachigen Raum. Zwar würden laufende Übernahmeprozesse nicht ganz abgesagt, aber neue Transaktionen vertagt. Und: „Börsengänge werden im Moment auf der Zeitachse eher nach hinten geschoben.“

    Die Bremsspuren im Eventgeschäft zeigen sich auch in den am Mittwoch veröffentlichten Zahlen des Analysehauses Dealogic: Demnach stürzte das M&A-Gebührenvolumen in Amerika im ersten Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um die Hälfte ab. Die globalen Gesamterträge fielen trotz des zunächst starken Jahresbeginns um vier Prozent.

    Umso wichtiger werden in der Krise die stetig fließenden Einnahmen aus dem Handelsgeschäft. „Natürlich haben wir im Wertpapierhandel im Moment sehr viel zu tun“, sagt Frowein. Gerade bei hoher Volatilität und niedriger Liquidität in fast allen Marktsegmenten sei das traditionelle Händlerhandwerk gefragt, Nachfrage und Angebot zusammenzubringen. „Unsere Systeme laufen stabil und sicher – das ist wichtig für unsere Kunden“, betont Frowein.

    Ausfall von Problemkunden

    Doch nicht überall läuft es so reibungslos: Dass im Handelsgeschäft deutliche Risiken schlummern, zeigt das Beispiel ABN Amro. Die Schuld an dem 200-Millionen-Dollar-Rekordverlust schoben die Niederländer einem institutionellen Kunden zu. Auf Handelsblatt-Anfrage erklärte ein Sprecher, ABN habe den fraglichen Kunden finanziert. Dieser habe mit US-Futures und -Optionsscheinen spekuliert und diese bei der Bank als Sicherheit hinterlegt. Als der Wert der Papiere im Zuge des Corona-Börsencrashs stark gesunken sei, sei es zum „Margin Call“ gekommen.

    In der Finanzwelt ist damit die Nachschusspflicht gemeint, die bei Verlust der Mindestdeckungshöhe eines Kontos eingefordert wird. Die vertraglich festgelegte Pflicht soll eigentlich den – etwa durch einen Buchverlust herbeigeführten – Ausfall hinterlegter Sicherheiten kompensieren. Laut dem Sprecher war der Kunde jedoch nicht in der Lage, den Nachschuss zu leisten. In der Folge habe die Bank seine Positionen schließen und die Anlagen mit Verlust verkaufen müssen.

    In der aktuellen Mitteilung betonen die Niederländer die Einzigartigkeit des Vorfalls: „ABN Amro Clearing besitzt eine lange Erfolgsgeschichte mit geringen Kreditverlusten.“ Man beobachte zu jeder Zeit die Kundenkonten und steuere bei problematischen Positionen gegen. Die extreme Volatilität habe jedoch zu „starkem Stress und Verwerfungen auf den US-Märkten“ geführt. Komplett auszuschließen sei ein weiterer Millionenverlust zwar nicht, heißt es, jedoch sehr unwahrscheinlich.

    Experten wie Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität, sind da nicht so sicher. „Die hohe Volatilität an den Finanzmärkten in Verbindung mit dem abrupten Kursrutsch in nahezu allen Assetklassen kann bei Finanzinstituten zu weiteren unerwarteten Verlusten führen“, warnt er. Die Stresssituation mache es schlicht wahrscheinlicher, dass sich Akteure verspekulierten. Je nach Einzelfall gebe es unterschiedliche Risiken:

    Verschlechterten sich die Sicherheiten von Krediten und könnten Kunden in der Krise keine weiteren Sicherheiten bereitstellen, könnten Banken gezwungen sein, Kredite zu kündigen, um ihre entstandenen Verluste zu begrenzen. Rote Zahlen drohten auch, wenn Banken als Gegenpartei auftreten und ihre Risikoabsicherung bei extremen Kursbewegungen nicht ausreicht. Außerdem könnten Clearinghäuser Probleme bekommen: Sie übernähmen bei nicht börsengehandelten sogenannten OTC-Derivaten das Risiko, dass Verkäufer oder Käufer ausfielen. Steige dieses Risiko, dann erhöhe sich für sie die Verlustgefahr.

    „In Krisenzeiten können extreme Risiken entstehen, die für Investmentbanken und Clearinghäuser zum Problem werden“, bilanziert Brühl. „Wie stark die Coronakrise das Geschäft letztendlich belastet, werden die Zahlen für das erste Quartal zeigen.“ Verluste auch bei anderen Instituten seien gut möglich.

    Wichtiges Risikomanagement

    Ein Topmanager einer großen US-Bank befürchtet: „Die aktuelle Krise wird sich in den Bilanzen niederschlagen. Viele große Investoren kämpfen mit dem volatilen Umfeld. Die Banken, die ihnen Finanzierungen zur Verfügung gestellt haben, müssen nun genauer hinschauen und die Qualität der hinterlegten Sicherheiten prüfen.

    Die Frage ist, ob sich diese auch bei Marktverwerfungen wie geplant verwerten lassen.“ Was bedeutet das konkret? „Natürlich gibt es Risiken, wenn Kunden bei hoher Volatilität falsch positioniert sind. Viele Investoren haben die Krise ein Stück weit verlernt. Die nächsten Wochen werden zeigen, welche Bank in die roten Zahlen gerät und welche gestärkt aus der Krise hervorgeht.“

    Amrit Shahani, Chefanalyst beim Datenanbieter Coalition, fürchtet kurzfristige Risiken vor allem beim Ausfall von Hedgefonds. „Einige kleinere Spieler haben bereits deutliche Schwierigkeiten“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Es geht für die Banken nun darum, die richtige Produktstrategie und die richtigen Kunden ausgewählt zu haben. Wichtig ist auch das Management der Sicherheiten. Wir haben das in der Vergangenheit gesehen: Wenn kleine Hedgefonds platzen, müssen die Banken für die Verluste geradestehen.“

    Shahani zufolge können vor allem die US-Institute aufgrund ihrer großen Plattformen Verluste leichter abfedern. Auch die britische Barclays habe ein gutes Risikomanagement. Problematischer sei die Situation bei mancher Großbank aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland, so Shahani. In Einzelfällen habe es etwa im Asiengeschäft bereits Verluste gegeben. Und die Qualität großer Kreditbücher könnte sich verschlechtern. „Tendenziell werden die US-Banken besser aus der Krise hervorgehen und auch 2020 Marktanteile gewinnen“, meint der Analyst. Für Europa erwarte er eine Konsolidierung: Auf einzelnen Feldern könnten manche Häuser ihre globale Position verteidigen oder sogar ausbauen. „Corona ist nicht das Ende für Europas Investmentbanken.“

    Auch die Viruskrise wird vorübergehen. Morgan Stanley bereitet sich bereits auf die Zeit danach vor. Vorstand Borghetto sagt: „Sobald Klarheit über die Folgen für die Realwirtschaft herrscht, etwa im Zuge der kommenden Quartalsberichte, werden die Kunden wieder investieren und kommen dann an Aktien nicht vorbei. In den letzten beiden Wochen haben sich die ersten Investoren ihre favorisierten Titel erneut angeschaut.“

    Welche Investmentbanken auch immer am Ende von den Coronaturbulenzen profitieren: Ihr Vorsprung dürfte sich schon bald bemerkbar machen. Im April legen alle großen Häuser ihre Quartalszahlen vor.

    Mehr: Bei Börsengängen, Fusionen und Übernahmen legen Unternehmen wegen des Coronavirus größere Vorsicht an den Tag.

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