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RisikokapitalZinswende verdirbt Geldgebern von Start-ups die Laune

Das Investorenbarometer für die Venture-Capital-Branche rutscht im zweiten Quartal in den negativen Bereich. Die Fonds werden zurückhaltender.Larissa Holzki, Peter Köhler, Arno Schütze 05.08.2022 - 16:02 Uhr Artikel anhören

An den Märkten geraten Technologietitel angesichts der Zinswende unter Druck.

Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Frankfurt, Düsseldorf. Der Markt für Risikokapital in Deutschland spürt die negativen Folgen der steigenden Leitzinsen in den USA und in Europa. Das von der staatlichen Förderbank KfW und dem Branchenverband BVK erstellte Investorenbarometer für die Venture-Capital-Branche (VC-Branche) ist im zweiten Quartal 2022 gegenüber dem ersten Vierteljahr um 26 Zähler gefallen und befindet sich mit minus 18,5 Punkten nun im negativen Bereich.

Die Geschäftslage hat sich um gut 20 Punkte verschlechtert, die Geschäftserwartungen gingen sogar um über 31 Punkte zurück. Die Stimmung der Investoren mit Blick auf die höheren Zinsen sank mit minus 92,6 Punkten auf ein Allzeittief.

Notenbanken weltweit haben angesichts der hohen Inflation die Zinswende eingeleitet. So hob die Europäische Zentralbank (EZB) Ende Juli erstmals seit elf Jahren die Zinsen an – mit einem halben Prozentpunkt überraschten die Währungshüter die Märkte. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) erhöhte die Leitzinsen im Juni und Juli sogar jeweils um 0,75 Prozentpunkte. In den USA liegt der Leitzins damit bereits im Korridor von 2,25 bis 2,5 Prozent.

Durch die Zinsschritte stieg laut Investorenbarometer der Druck hin zu niedrigeren Bewertungen weiter. Denn die Reaktion der Notenbanken versetzte insbesondere den Börsenkursen von Technologieaktien einen weiteren Dämpfer.

Deren Entwicklung spiegelt sich zwar nicht eins zu eins in den VC-Portfolio-Bewertungen wider. Die fallenden Kurse würden sich aber nach und nach auf die Bewertungen neuer Finanzierungsrunden auswirken, sind die Experten überzeugt.

Das Klima für Börsengänge, auch IPOs (Initial Public Offering) genannt, verschlechterte sich laut dem Investorenbarometer von KfW und BVK ebenfalls deutlich. Das IPO-Fenster schloss sich den Experten zufolge noch nie so schnell wie im ersten Halbjahr 2022. Im Vergleich zum zweiten Quartal 2021 sank in den USA die Zahl der Börsengänge laut der Beratungsgesellschaft EY von 119 auf 30, in Europa kam es zu einem Einbruch von 166 auf 43 IPOs.

Das VC-Geschäftslima hat sich somit laut Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW, von April bis Ende Juni weiter abgeschwächt. Ulrike Hinrichs, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des BVK, meint: „Die Fortsetzung der Stimmungsabkühlung kam nicht unerwartet angesichts der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen.“ Für eine Überraschung sorgten Köhler-Geib zufolge jedoch die Konsequenz und die Stärke, mit der die US-Notenbank Fed ihre Zinswende nun vollzieht.

KfW: Schwierigerer Start für neue Fonds

Und Investmentbanker sehen weitere Herausforderungen für die Branche: 2021 war laut Clif Marriott, Co-Chef für den Sektor Technologie, Medien und Telekommunikation in Europa bei Goldman Sachs, ein Jahr mit Übertreibungen in vielen Bereichen. Die Bewertungen würden nun den neuen Realitäten angepasst. „Starke Höherbewertungen sind rar geworden.“

Die steigenden Zinsen werden laut Analyse von KfW und BVK auch das Auflegen neuer Fonds erschweren, weil die institutionellen Investoren jetzt auch wieder auf risikoärmere Anlageklassen – wie etwa Unternehmens- oder Staatsanleihen – zurückgreifen.

Das schwierigere Einsammeln neuer Gelder wirkte sich zuletzt auch auf die Bereitschaft der VC-Investoren aus, Neuinvestitionen zu tätigen, der entsprechende Indikator knickte ein.

„Ausgedehnten Sommerferien“ bei Investoren?

Angesichts absehbarer Schwierigkeiten, neue Mittel einzuwerben, versuchten die Investoren laut KfW-Experten möglicherweise, ihr vorhandenes Kapital über einen längeren Zeitraum zu strecken oder zur Stabilisierung des Bestandsportfolios zu nutzen. Manche Investoren zögerten offenbar, in dieser Phase der Unsicherheit weiter zu investieren.

Im Investorenbarometer von KfW und BVK wird auch auf anekdotische Berichte von Markteilnehmern verwiesen, in denen von „ausgedehnten Sommerferien“ bei Investoren zu hören sei. Somit sei die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass sich das abgekühlte Marktklima im dritten Quartal in einer spürbareren Abschwächung der Investitionstätigkeit niederschlage.

Lyle Schwartz, Co-Chef des Geschäfts mit Aktienprivatplatzierungen in Europa bei Goldman Sachs, verweist jedoch darauf, dass Start-ups im vergangenen Jahr noch Rekordsummen einsammelten. Geldgeber seien generell gewillt, junge Unternehmen durch schwierigere Phasen zu begleiten. Viele Investoren nutzten deshalb die Vorteile der veränderten Bewertungen. Sie hätten ausreichend Kapital, das sie investieren wollten, beobachtet der Manager.

Finanzierungsvolumen nur geringfügig zurückgegangen

Betrachtet man Deutschland, Österreich und die Schweiz, so ist das Finanzierungsvolumen im ersten Halbjahr 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur geringfügig gesunken, von 8,1 Milliarden Euro auf 7,9 Milliarden Euro. Zugleich ist die Zahl der Deals allerdings erheblich gestiegen, nämlich von 296 Deals in der ersten Jahreshälfte 2021 auf 368 Deals zwischen Januar und Juni 2022, hat die auf Tech-Unternehmen spezialisierte M&A-Beratung Clipperton analysiert.

Allerdings ist wichtig, zu beachten, dass es eine zeitliche Verzögerung in den Daten gibt: Viele Finanzierungsrunden werden erst mehrere Wochen nach der Unterzeichnung in die Datenbanken eingetragen, sodass erst die Daten aus den Monaten Mai und Juni tatsächlich die Entwicklungen seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine widerspiegeln.

Zudem dürfte es sich bei einigen Deals um vorgezogene Transaktionen handeln, bei denen Firmen, die sich erst im zweiten Halbjahr wieder mit Kapital hätten eindecken wollen, in Erwartung eines schwierigen Marktumfelds schon frühzeitiger um die weitere Finanzierung gekümmert haben.

Clipperton-Partner Nikolas Westphal verweist auf bereits zu erkennende starke Verschiebungen beim Investmentfokus. „Es hat ein sehr starker Schwenk in Richtung Software stattgefunden“, sagt Westphal, „50 Prozent aller Runden im ersten Halbjahr 2022 waren im Softwarebereich und nur noch 14 Prozent in E-Commerce und Marktplätzen.“

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Er begründet diese Entwicklung mit einer veränderteren Risikoneigung: „Im vergangenen Jahr wurde nur noch auf Wachstum fokussiert, jetzt stehen Modelle im Vordergrund, die zwar auch eine starke Wachstumsdynamik zeigen, zudem aber eine ökonomische Robustheit aufweisen.“ Darunter fielen Geschäftsmodelle, bei denen das Kapital sehr effizient eingesetzt werden könne, und solche, die mit wiederkehrenden Umsätzen arbeiten, etwa mit Software-Abonnements.

Für das zweite Halbjahr hält Westphal von Clipperton zwei Szenarien für denkbar: Das Dry Powder, also das zur Verfügung stehende Kapital, sei immer noch auf historischen Höchstständen: „Die Frage wird sein, ob sich das existierende Kapital bei relativ gleichbleibender Aktivität einfach auf andere Geschäftsfelder fokussiert“, sagt er – „oder ob die Investoren tatsächlich eine Pause einlegen, weil es zu große Rezessionsängste gibt.“

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