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Santander, JP Morgan, Deutsche Bank Von wegen langweilig: Der verschmähte Zahlungsverkehr wird für Banken wieder interessant

Mehrere Großbanken wollen wieder mehr Zahlungsdienste für ihre Kunden anbieten. Doch es könnte zu spät sein. Neue Konkurrenten haben sich längst etabliert.
14.12.2020 - 19:00 Uhr Kommentieren
Die spanische Großbank Santander hat ein eigenes Unternehmen gegründet, um ihre Aktivitäten im Zahlungsverkehr zu bündeln. Quelle: Bloomberg
Filiale von Santander in Madrid

Die spanische Großbank Santander hat ein eigenes Unternehmen gegründet, um ihre Aktivitäten im Zahlungsverkehr zu bündeln.

(Foto: Bloomberg)

Frankfurt, Madrid, New York Selbst für die Mitarbeiter des insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard war es eine überraschende Nachricht: Die spanische Großbank Santander teilte Mitte November mit, dass sie das Wirecard-Kerngeschäft in Europa übernimmt – trotz aller Skandale, die im Zuge der Pleite des einstigen Dax-Konzerns bekannt wurden.

Seither sind fünf Wochen vergangen. Und es wird immer klarer, was Santander mit dem Wirecard-Zukauf im Sinn hat. Er soll Teil einer breiten, internationalen Zahlungsplattform werden, die die größte spanische Bank derzeit aufbaut. In „PagoNxt“,‧ gerade erst als eine Art Start-up angelaufen, führt Santander ihre verschiedenen Zahlungsdienstleister weltweit zusammen.

Wie wichtig der Zahlungsverkehr ist, machte Santander-Chefin Ana Botín bereits Ende Oktober deutlich: „Zahlungen sind der Schlüssel für unsere Kundenbindungsstrategie, da sie Teil des Alltags unserer Kunden sind“, betonte sie auf der Hauptversammlung.

„Deshalb werden wir weiter investieren, um einer der größten und besten Zahlungsdienstleister der Welt zu bleiben.“ Gegründet wurde PagoNxt im November. Santander ist damit in drei Payment-Märkten aktiv: als Zahlungsdienstleister für Privatpersonen, für Händler und für kleine und mittelgroße Unternehmen, die in verschiedenen Währungsräumen Geschäfte machen.

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    Mit diesem Schritt steht Santander stellvertretend für eine Reihe von Geldhäusern, die das Geschäft mit dem Zahlungsverkehr wieder ernst nehmen. Sie wollen mehr, als nur Überweisungen für ihre Privat- und Firmenkunden zu erledigen, und nun auch verstärkt Zahlungen im boomenden E-Commerce abwickeln.

    Es geht um ein Geschäft, das heute in Europa von Spezialisten wie Worldline, Adyen, Stripe oder Paypal dominiert wird – die eigentlich mehr Tech-Unternehmen denn Finanzinstitute sind und rasant wachsen.

    Viele Entwicklungen verpasst

    Für den Strategieschwenk der Banken gibt es mehrere Gründe. Zum einen sorgt die Geldpolitik besonders der Europäischen Zentralbank dafür, dass die Zinsgewinne aus dem klassischen Kreditgeschäft und Renditen aus Eigenanlagen immer weiter schwinden. Allein darauf wollen sich viele Banken nicht mehr verlassen.

    Zum anderen sorgt die Coronakrise für einen Boom im Internethandel, der das Volumen der digitalen Zahlungen weltweit in die Höhe treibt. Bei vielen Unternehmen ist der Anteil des Onlinehandels am Gesamtumsatz dieses Jahr deutlich gestiegen – und davon profitieren Unternehmen wie der niederländische Zahlungsabwickler Adyen, der in den ersten drei Quartalen 2020 Umsatz und Gewinn nach oben schraubte.

    Die Beratungsfirma Accenture prognostiziert, dass sich weltweit bis zum Jahr 2023 die enorme Anzahl von fast 420 Milliarden Transaktionen im Wert von sieben Billionen US-Dollar von Bargeld auf Karten und digitale Zahlungsmethoden verlagern wird.
    Auch Banken erhoffen sich mehr Geschäft und können womöglich von der Wirecard-Pleite profitieren.

    Max Neukirchen, der bei Amerikas größter Bank, JP Morgan Chase, die Merchant Services leitet, sagt: „Unternehmen schauen sich genau an, mit welchem Zahlungsdienstleister sie zusammenarbeiten und wie er reguliert ist.“ Zudem suchten Unternehmenskunden vermehrt nach Zahlungsdienstleistungen aus einer Hand.

    Grafik

    Das sei ein Geschäftsbereich, der bei JP Morgan weltweit wachse und in den die Bank stark investiere, sagt Neukirchen. JP Morgan zählt zu den Geldhäusern mit einer besonders großen Payment-Sparte und vielen Zahlungsdienstleistungen.

    Hinzu kommt, dass manche Firmen den Absatz über Onlinekanäle nun erst entdecken oder ausbauen. Dieses Geschäft wollen sich die Banken sichern. „In Deutschland fragen sich viele Unternehmen, wie sie ihre Produkte über andere Wege verkaufen und direkt mit ihren Kunden in Kontakt treten können“, sagt JP-Morgan-Manager Andreas Windmeier.

    Das gelte zum Beispiel für Autohersteller, erklärt der Leiter des Geschäftsbereichs Zahlungsverkehr Deutschland. Die Banken wollen damit punkten, dass sie Zahlungsabwicklung und Geschäftskonten aus einer Hand anbieten.

    Auch die Deutsche Bank beobachtet, dass klassische Unternehmen wie Automobil- oder Industriekonzerne den direkteren Kontakt zu ihren Endkunden suchen, wie Ole Matthiessen, Leiter Cash Management der Unternehmenskundensparte, kürzlich sagte.

    „Viele unserer traditionellen Firmenkunden stehen deshalb vor einer großen Transformation ihres Geschäftsmodells hin zu Plattformmodellen, bei denen neben dem eigentlichen Produkt auch zusätzliche Dienstleistungen oder Produkte verkauft werden.“ Bei der größten deutschen Bank wird die Kehrtwende hin zu Zahlungsdiensten besonders deutlich.

    Seit März vertreibt die Deutsche Bank sogar wieder Zahlungsgeräte für die Ladenkasse. Dabei hatte sie sich vor einigen Jahren von mehreren Zahlungstöchtern getrennt. Erst 2012 verkaufte sie die Deutsche Card Services, das Geschäft mit der Kartenakzeptanz.

    Über Jahre hatten zahlreiche Geldhäuser sich aus dem Payment-Markt ganz oder teils zurückgezogen oder das Geschäft zumindest vernachlässigt und damit die neue Konkurrenz überhaupt erst groß werden lassen. Nach Schätzungen von Accenture kommen Banken weltweit im Geschäft mit Zahlungsabwicklungen, im Fachjargon „Acquiring“, nur noch auf einen Marktanteil von 30 bis 40 Prozent, den Hauptteil haben andere Wettbewerber auf sich gezogen.

    Als uninteressant und margenschwach galt den Geldhäusern das Geschäft. Schließlich kassieren Zahlungsdienstleister nur einen kleinen Teil der Umsätze. Erst die Masse an Zahlungen macht das Geschäft lukrativ – ein Geschäftsmodell, auf das sich vor allem technologiegetriebene Unternehmen eingelassen haben.

    Oliver Geiseler, Partner der Beratungsfirma Capco, fällt ein deutliches Urteil: „Ein großer Teil der Banken hat viele Entwicklungen im Zahlungsverkehr verschlafen, sowohl Zahlungsdienstleistungen für Händler als auch für Verbraucher.“ Wie sehr Europas Geldhäuser anderen Wettbewerbern den Markt überlassen haben und wie viel sie nun daransetzen, doch noch aufzuholen, zeigt auch der Versuch, gemeinsam eine neues europäisches Zahlungssystem, kurz EPI, aufzubauen.

    Veraltete IT gilt als Hürde

    Das wird besonders im Fall der deutschen Kreditwirtschaft deutlich. Die eigenen Onlinebezahldienste der Banken, Giropay und Paydirekt, führen ein Nischendasein. Ihren gemeinsamen Händler-Zahlungsdienstleister Concardis haben die deutschen Geldhäuser 2017 an die Finanzinvestoren Bain und Advent verkauft.

    Concardis ist auch ein Beispiel dafür, dass es für kleine Anbieter zusehends schwierig wird, allein zu bestehen. Concardis gehört seit Längerem zum dänischen Zahlungsanbieter Nets – und Nets wiederum steht kurz vor der Fusion mit Nexi aus Italien. Gerade abgeschlossen ist die Übernahme von Ingenico durch Worldline aus Frankreich.

    Trotz der angelaufenen Konsolidierung unter europäischen Zahlungsdienstleistern sieht Accenture-Zahlungsexperte Oliver Hommel noch Chancen für die Banken. „Für die Banken ist der Zug noch nicht abgefahren. Sie haben die Möglichkeit, Zahlungsdienstleistungen für Händler mit anderen Services aus dem Firmenkundengeschäft zu verknüpfen.“

    Allerdings sind die Hürden wegen der oft veralteten Bank-IT groß. Die Voraussetzung sei, dass „Banken ihre IT und ihre Systeme für den Zahlungsverkehr modernisieren und diese mit anderen Systemen verknüpfen“, meint Hommel. „Es funktioniert immer weniger, innovative Zahlungsangebote in die alte IT einzufügen. Für Zahlungsdienstleister ist entscheidend, dass ihre Systeme in hohem Tempo weiterentwickelt werden können.“

    Angesichts dieser Schwierigkeiten hält Hommel es für eine Möglichkeit, dass Banken Übernahmen von Zahlungsspezialisten erwägen. „Oder sie versuchen, mit einem Zahlungsdienstleister eine enge Partnerschaft einzugehen.“ Die deutschen Sparkassen haben ihren Anbieter, Payone, bereits mit Ingenico verschmolzen.

    Das Gemeinschaftsunternehmen geht nun in Worldline, Europas größtem Zahlungsdienstleister, auf. Santander jedenfalls geht davon aus, dass die Übernahme der Wirecard-Anteile ein schnelleres Wachstum in Europa ermöglicht, als wenn die Spanier diese Dienstleistung selbst hätten entwickeln müssen, heißt es bei der Bank. Doch die Zahlungsabwicklung für den E-Commerce, den Wirecard betrieben hat, ist nur eine Facette von PagoNxt.

    Unterschiedliche Dienstleistungen

    Bankchefin Botín beziffert für Santander das globale Marktvolumen von Zahlungsdienstleistungen auf 500 Milliarden Euro. Davon mache das Geschäft mit Händlern 50 Milliarden Euro aus, das mit dem internationalen Handel 340 Milliarden Euro und das mit Privatkunden 60 Milliarden Euro.

    Dabei bietet die spanische Bank in unterschiedlichen Ländern verschiedene Dienstleistungen an, sie alle sollen künftig von der Plattform PagoNxt aus gesteuert werden. So ist Santander derzeit mit zwei Dienstleistern im internationalen Handel, der Zahlungen in verschiedenen Währungen umfasst, präsent. „Superdigital“ wiederum richtet sich an brasilianische Privatkunden ohne eigenes Bankkonto, das Angebot will PagoNxt im kommenden Jahr in sieben lateinamerikanischen Märkten ausrollen.

    Die Deutsche Bank hat zwar bei Wirecard nicht zugegriffen und sich früh aus dem Bieterverfahren um die Wirecard Bank zurückgezogen, kann sich aber ebenfalls Zukäufe im Geschäft mit digitalen Zahlungen vorstellen. Stefan Hoops, Chef der Unternehmenskundensparte, sagte jüngst der „Financial Times“, dass das eine Option sei.

    Wenn es eine entsprechende Kaufgelegenheit gebe, würde man das in Betracht ziehen. Hoops sieht aber in Gemeinschaftsunternehmen eine Möglichkeit, im Payment-Geschäft zu wachsen. Etwa mit einem Partner, der zwar nicht in Europa aktiv ist, dafür aber in anderen Regionen eine starke Stellung hat.

    Außer Frage steht auch für JP Morgan, dass Banken, die bei Zahlungsdiensten mithalten wollen, viel Geld in die Hand nehmen müssen. „Das Geschäft ist extrem technologielastig, was hohe Investitionen erfordert“, sagt Windmeier. JP Morgan hat sein Zahlungsgeschäft bereits über einen Zukauf ausgebaut. Vor drei Jahren erwarb die Bank das Finanz-Start-up WePay aus dem Silicon Valley.

    Viele renommierte Zahlungsabwickler sind aber längst so teuer, dass sich die Banken eine Übernahme schlichtweg nicht leisten können. Stripe‧ plant nach Berichten der Nachrichtenagentur Bloomberg eine neue Finanzierungsrunde und könnte dann mit 70 Milliarden Dollar bewertet werden. Adyen ist an der Börse bereits fast so viel wert, Paypal kommt sogar auf einen Börsenwert von 250 Milliarden Dollar.

    Banken müssen sich daher wohl vom Gedanken verabschieden, diesen Payment-Riesen noch etwas entgegensetzen zu können – und vielmehr das verbleibende Payment-Geschäft verteidigen. Capco-Experte Geiseler meint, dass der Zahlungsverkehr für Banken ein relevantes Geschäftsfeld bleiben könne, „allerdings eher, wenn sie sich auf bestimmte Bereiche fokussieren – zum Beispiel als internationale Bank, die Zahlungen von Unternehmen zu Unternehmen abwickelt“.

    Mehr: Europäische Großbanken wollen eine eigenes Bezahlsystem und eine eigene Bezahlmarke schaffen.

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