Schweizer Großbank: Credit-Suisse-Chef Gottstein steht offenbar vor dem Aus
Der Credit-Suisse-Chef muss seinen Posten offenbar räumen.
Foto: ReutersZürich. Thomas Gottsteins Tage an der Spitze der Credit Suisse sind einem Medienbericht zufolge gezählt. Bereits am Mittwoch könnte der Rücktritt des seit 2020 amtierenden Chefs der zweitgrößten Schweizer Bank bekannt gegeben werden, wie das „Wall Street Journal“ und die „Financial Times“ am Dienstagabend unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Personen berichteten. Die Credit Suisse wollte den Bericht nicht kommentieren.
Wer Gottsteins Nachfolger wird, ist demnach noch unklar. In Bankkreisen gilt jedoch eine interne Nachfolgeregelung als wahrscheinlich. Auf Gottstein soll Ulrich Körner folgen, wie zwei mit der Sache vertraute Personen am Dienstag Abend zur Nachrichtenagentur Reuters sagten. Der Restrukturierungsspezialist Körner ist gegenwärtig Asset Management-Chef der Credit Suisse.
Der bevorstehende Wechsel an der Spitze der Credit Suisse kommt auch für viele Bankmitarbeiter überraschend. Noch vor wenigen Wochen waren Gottstein und Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann zusammen unterwegs, etwa in Deutschland. Sie warben bei Kunden und Belegschaft für die neue Strategie, die Vermögensverwaltung zu stärken.
Unter Gottsteins Führung war es zu einer Serie von Skandalen und Milliardenverlusten gekommen: Die Bank musste im März 2021 etwa die mit dem Pleite-Fintech Greensill betriebenen Lieferketten-Finanzierungsfonds abwickeln. Seither bangen Investoren um Anlegergeld in Milliardenhöhe. Zudem sorgte der Kollaps des Hedgefonds Archegos im gleichen Monat für einen Verlust von fünf Milliarden Dollar.
Trotz der Skandale hatte Verwaltungsratspräsident Lehmann lange auf Gottstein vertraut, die Bank aus der Krise zu führen. Bis auf Schweizchef André Helfenstein wurden sämtliche Vorstandsmitglieder ausgetauscht, die vor dem Skandal-März 2021 im Amt waren. Lehmann selbst ist ebenfalls noch nicht lange Chefaufseher: Er hatte Anfang Januar von António Horta-Osório übernommen, der über Verstöße gegen Coronabeschränkungen gestolpert war.
Wie hoch fällt der Quartalsverlust aus?
Bereits im Mai waren Forderungen von kleineren Investoren aufgekommen, Gottstein auszutauschen. Einen Bericht, wonach die Bank sich schon damals mit seiner Ablösung beschäftigt hatte, wies Verwaltungsratspräsident Lehmann seinerzeit energisch zurück.
Eine Veränderung auf dem CEO-Posten galt angesichts der vielen übrigen Wechsel als zu riskant für die Stabilität der Bank. Gottstein soll zudem die Rückendeckung der Ankeraktionäre wie des katarischen Staatsfonds und des Investors Harris Associates genossen haben.
Doch nun spricht viel dafür, dass das Quartalsergebnis, das die Bank an diesem Mittwoch veröffentlichen will, derart schlecht ausfiel, dass der CEO schlicht nicht mehr zu halten war. Bereits die schwachen Zahlen der Konkurrenten Julius Bär und UBS deuteten darauf hin, dass es für die Credit Suisse ungemütlich werden könnte.
Im Vorfeld hatte die Bank den Kapitalmarkt mit einer Gewinnwarnung auf schwache Zahlen eingestellt – es war die sechste Gewinnwarnung in Gottsteins Amtszeit. Insider hatten sich gefragt, wie viele negative Schlagzeilen Gottstein noch überstehen könnte. Dass es nun so schnell geht, ahnten sie jedoch nicht.