Union Square Ventures: Risikokapitalgeber Wenger zu nachhaltigen Investments: „ESG ist Bullshit“
Der grüne Bluff.
Foto: Getty Images; Per-Anders PetterssonNew York. Nachhaltigkeit ist einer der Megatrends – und obendrein lukrativ. Das haben Banken und Fondshäuser längst erkannt. Sie alle streben ein „grünes“ Image an. Laut dem deutschen Fondsverband BVI haben im ersten Quartal dieses Jahres 40 Prozent aller investierten Gelder in Publikumsfonds „Nachhaltigkeitsmerkmale“ aufgewiesen.
Albert Wenger hat zu dem Thema eine klare Meinung: „ESG ist Bullshit“, sagt der Risikokapitalgeber im Gespräch mit dem Handelsblatt. ESG („Environment, Social, Governance“) bildet die Themen Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung ab. Viele Banken und Unternehmen würden den Menschen nur etwas vormachen, um sich mit einem grünen Image zu schmücken, sagt er. Als Beispiel nennt er Unternehmen im S&P-500-ESG-Nachhaltigkeitsindex. Ende Mai flog etwa der US-Elektroautohersteller Tesla aus dem Index, während der größte US-Ölkonzern Exxon Mobil weiterhin drin ist.
Wenger ist Partner bei der Risikokapitalfirma Union Square Ventures (USV) aus New York, einem der bekanntesten US-Technologieinvestoren. USV investiert mit seinem Fonds in Unternehmen in frühen Wachstumsphasen. So steckte die Firma bereits 2007 Geld in den Kurznachrichtendienst Twitter und den Onlinemarktplatz Etsy. Auch in das Fintech Stripe hat USV früh investiert.
In Deutschland beschäftigt das Thema ESG die Finanzbranche ebenfalls. So gab es kürzlich eine Razzia bei der DWS. Die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank steht im Verdacht, ihr Engagement in Sachen Nachhaltigkeit und grüne Investments systematisch übertrieben dargestellt zu haben – auch „Greenwashing“ genannt.
Natürlich gebe es in einem sich entwickelnden Bereich wie ESG, in dem die Standards noch nicht gesetzt seien, noch Unsicherheiten und Fragen, sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing in seiner Funktion als Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) kürzlich im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Aber: „Allen Marktteilnehmern ist bewusst, wie gefährlich Vorwürfe von Greenwashing sind“, sagte er.
Expertin rechnet mit weiteren Vorwürfen
Christiane Hölz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) befürchtet, dass es nicht die letzten Vorwürfe gewesen sind: „Der Markt wächst rasant, alle wollen nur noch in nachhaltige Produkte investieren“, sagte sie dem Handelsblatt. Anleger könnten sich dabei jedoch nicht immer auf das ESG-Label verlassen. „Es ist sehr schwierig für Anleger, auf Anhieb zu erkennen, ob man auch wirklich in nachhaltige Unternehmen investiert“, so Hölz.
Doch auch Fonds werden laut Hölz vor Herausforderungen gestellt. Oftmals fehle es an Daten von den Unternehmen, inwieweit sie überhaupt die ESG-Kriterien erfüllen, sagte sie. „Deshalb besteht immer die Gefahr von Greenwashing, ob bewusst oder unbewusst.“
USV setzt selbst auch auf nachhaltige Investments. Im vergangenen Jahr hat die Risikokapitalfirma einen eigenen Klimafonds aufgelegt, um in renditeträchtige Technologien zu investieren, die gleichzeitig die Klimakrise bekämpfen.
Doch die Risikokapitalfirma steckt das Geld nicht nur in klimafreundliche Technologien. USV war auch einer der ersten Investoren von Coinbase. Zwar ist USV derzeit nicht mehr in Coinbase, eine der größten Kryptobörsen weltweit, investiert, dennoch glaubt Wenger weiterhin an Kryptowährungen „als fundamentale Innovation“.
Einbruch einer Anlageklasse.
Foto: dpaDaran änderte auch der Terra-Crash Mitte Mai nichts, der geschätzte 50 Milliarden Dollar auslöschte und die Kryptowelt erschütterte. Terra ist ein sogenannter Stablecoin, der wertstabil an einen Basiswert aus der Realwirtschaft gekoppelt sein sollte. Bei Terra handelt es sich um eine indirekte Bindung an den US-Dollar. Der Link zur US-Währung, der über ein komplexes System durch die Verknüpfung mit einer weiteren Kryptowährung namens Luna aufrechterhalten werden sollte, kollabierte jedoch während der Marktturbulenzen.
„Es ist genau das gekommen, was viele Leute vorhergesehen haben“, sagt Wenger. Die Hoffnung sei gewesen, dass es einen tatsächlichen Nutzen von Luna geben würde, dass Luna selbst schon etwas wert sei. Doch diese Hoffnung sei falsch gewesen, sagt er. Auch andere Kryptowährungen wie etwa Bitcoin oder Ethereum verzeichneten in den vergangenen Wochen deutliche Rücksetzer.
Wenger sorgt sich nun um die regulatorischen Konsequenzen aus dem Crash: „Ich bin nicht der Meinung, dass Krypto der absolute Wilde Westen sein muss, wo es keine Regeln gibt.“ Aber die bestehenden „Securities“-Regulierungen seien aus den 1930er-Jahren. Die digitale Währung auf diese Art zu regulieren sei nicht hilfreich. Im Gegenteil: Dies schränke die Entwicklung von Kryptowährungen ein.
USV investiert weiterhin sowohl in Web-2.0- als auch in Web-3.0-Unternehmen und -Projekte. Im Gegensatz zu Web 2.0 umfasst Web 3.0 Projekte rund um Blockchain, Kryptowährungen und das dezentrale Internet. Innovation bleibe nicht in einem Sektor, sondern verschiebe sich, sagt Wenger. Als Investitionsfirma suchte USV nach den Gebieten, in denen die größten Veränderungen stattfänden.
Große Veränderungen hat Risikokapitalgeber Wenger 2021 bei den Bewertungen von Fintechs begleitet. Viele der Investoren hätten einfach zu viel Geld gehabt, sagt er. Sie hätten deshalb in jede Idee, in jedes Start-up investiert, das irgendwie den Anschein machte, als könnte es Erfolg haben.
Wenger sagt: „Als Investor durfte man keine Chance verpassen.“ In Deutschland haben Investoren im vergangenen Jahr insgesamt 4,6 Milliarden Euro in Fintechs gesteckt. Das ist fast 2,6-mal so viel wie im bisherigen Rekordjahr 2019, wie Comdirect und Barkow Consulting ermittelt haben.
Psychologisch schwierige Downrounds
In diesem Jahr haben sich die Verhältnisse jedoch verändert. Der Ukrainekrieg, die Inflation und die Zinswende setzen die Branche unter Druck. Die Investoren seien vorsichtiger geworden, und Firmen, die „wahnsinnig hohe Bewertungen“ hatten, seien in der Realität angekommen, so Wenger.
Unter den Fintechs geht nun die Sorge vor sogenannten „Downrounds“ um: also Finanzierungsrunden, bei denen die Bewertung sinkt. Laut Risikokapitalgeber Wenger sind diese Runden vor allem psychologisch schwierig, sowohl für Investoren als auch für die Unternehmen: „Für Investoren ist es oft einfacher auszusteigen, als eine Downround mitzumachen“, sagt er.
Niemand wisse, ob es für die Bewertung des Unternehmens künftig nicht noch weiter bergab gehe. Wenger selbst hat in seinen knapp 30 Jahren Berufserfahrung drei Downrounds mitgemacht – und blieb in den Fällen als Investor an Bord. „Es hat oft Jahre gedauert, bis die Unternehmer mir das verziehen haben, obwohl die Downround ihre Firma gerettet hat“, sagt er.
Die rund 125 Firmen im aktiven Portfolio von USV sind laut Wenger bereits frühzeitig im vergangenen Jahr kontaktiert worden: „Wir haben mit den Unternehmen besprochen, wie sie künftig mit dem Geld, das sie haben, an einen Punkt kommen können, damit sie finanzierbar werden.“
Wenger selbst betreut knapp 30 Unternehmen, bei 15 von ihnen sitzt er im Vorstand. Lediglich eines seiner Start-ups steht nach seinen Angaben vor der Herausforderung, nun Geld einsammeln zu müssen. Alle anderen seien bis über 2023 hinaus finanziert, sagt Wenger. Das ist wichtig für ihn, denn er erwartet, dass das schwierige Marktumfeld länger als ein Jahr anhält: „Viele Firmen werden deshalb in naher Zukunft pleitegehen.“