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Untersuchungsausschuss Premiere im Wirecard-Skandal: Kronzeuge entschuldigt sich bei Aktionären für „Desaster“

Überraschung am späten Donnerstagabend: Der erste Wirecard-Insider entschuldigt sich bei den Geschädigten für die Milliardenpleite – und will zeitnah aussagen.
20.11.2020 - 02:06 Uhr Kommentieren
Markus Braun (mit dem Rücken zur Kamera) hat an seinem Verhalten, das er einst als Dax-Chef an den Tag gelegt hat, nichts geändert. Quelle: AFP
Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal

Markus Braun (mit dem Rücken zur Kamera) hat an seinem Verhalten, das er einst als Dax-Chef an den Tag gelegt hat, nichts geändert.

(Foto: AFP)

Berlin Es ist viertel nach elf am Donnerstagabend, der Untersuchungsausschuss tagt seit über 13 Stunden, da erwartet die Abgeordneten im Sitzungssaal 2.600 des Paul-Löbe-Hauses des Deutschen Bundestages eine Überraschung.

In der Justizvollzuganstalt Stadelheim sitzt Oliver B. vor der Kamera. Der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft München ist per Videokonferenz zugeschaltet. Der einstige Dubai-Statthalter des Konzerns, bekannt für sein Faible für schnelle Autos und seine Wohnung im Luxuswolkenkratzer Burj Khalifa, wirkt angefasst.

Als einziger Zeuge trägt er keinen Anzug, sondern einen schwarzen Pullover. B. - blass, schütteres Haar, deutlich dünner als auf früheren Fotos - sitzt allein in der zitronengelb gestrichenen Tristesse eines kleinen JVA-Besprechungsraums. An seiner Seite Strafverteidiger Nicolas Frühsorger.

B. beginnt mit der üblichen Selbstvorstellung. Geboren am 27. September 1973 im fränkischen Hof an der Saale, „derzeit wohnhaft in der JVA Stadelheim in München“, sagt er. Sitzungsleiter Hans Michelbach (CSU) belehrt ihn über die Möglichkeit einführender Worte, die B. annimmt.

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    „Ich bedanke mich erst mal für die Möglichkeit des Eingangsstatement und möchte die Gelegenheit nutzen, mich bei Ihnen als Vertretern der Öffentlichkeit als auch bei den Geschädigten zu entschuldigen. Die heute hier zur Aufklärung anstehende Angelegenheit ist ein Riesen-Desaster, das sich durch nichts beschönigen lässt“, trägt B. vor.

    Hören Sie zum Thema: Der Podcast Handelsblatt Crime beleuchtet das System hinter dem größten Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit.

    Durch den Sitzungssaal geht ein leises Raunen. „Ich werde mich meiner individuellen Verantwortung stellen“, fährt B. fort, „bitte aber um Verständnis, dass ich heute nicht auf alle Ihre Fragen antworten kann und von meinem Zeugenverweigerungsrecht Gebrauch machen muss.“ Der gesamte Vorgang bedürfe zunächst der vollständigen Aufarbeitung durch die Justiz, bevor er dazu Stellung nehmen werde. Gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft arbeite er „mit Hochdruck an der Aufklärung der einzelnen Komplexe“.

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    Geständiger Kronzeuge

    B. war nach Wirecards Pleite Anfang Juli aus Dubai nach München gereist und hatte sich gestellt. In einem umfassenden Geständnis sagte er aus, gemeinschaftlich mit Vorstandschef Braun und dem flüchtigen Asienvorstand Jan Marsalek Wirecards Bilanzen gefälscht zu haben. Braun weist dies entschieden zurück.

    Parlamentarier Matthias Hauer (CDU) reagiert im Sitzungssaal überrascht auf das öffentliche Schuldeingeständnis: „Wir haben Ihr Statement zur Kenntnis genommen und stellen fest, dass Sie sich bei den Geschädigten entschuldigt haben. Das ist mehr, als wir heute von anderer Stelle gehört haben.“

    Hauer mahnt, zur Verantwortung, der sich B. stellen wolle, gehöre auch die Zusammenarbeit mit dem Untersuchungsausschuss. Aufgrund des Ausmaßes des Skandals bestehe hier jedoch ein hoher Zeitdruck - eine neue Vernehmung sollte daher spätestens im Januar stattfinden.

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    B. bittet um Unterbrechung und Beratung mit seinem Anwalt. Kurz darauf sagt er zu, dass er im Januar zur Verfügung stehe. Die Sitzung wird geschlossen.

    B. habe offenbar als einziger verstanden, was die Öffentlichkeit von ihm erwarte, kommentiert Fabio De Masi (Die Linke) im Anschluss. Das sichere ihm eine zweite Chance zu und stehe im Gegensatz zum Verhalten von Markus Braun. Der Ex-CEO hatte bei seiner Anhörung am Nachmittag fast alle Fragen der Abgeordneten unbeantwortet gelassen. Natürlich mache B. Entschuldigung keinesfalls ungeschehen, was passiert sei. „Wir erwarten von ihm im Januar eine umfassende Aussage“, so De Masi weiter.

    Fakt ist: Im Fall Wirecard, immerhin der größten Börsenpleite der Nachkriegszeit, hat sich außer B. bisher niemand entschuldigt - weder der Präsident der Finanzaufsicht Bafin, noch der langjährige Bilanzprüfer EY, und schon gar nicht einer der Konzernverantwortlichen.

    Danyal Bayaz von den Grünen bezeichnet die Entschuldigung als positives Zeichen. B. habe als Kronzeuge bereits über Bandenbetrug bei Wirecard mit der Staatsanwaltschaft gesprochen. „Er und Stephan von Erffa haben - anders als Markus Braun - verbindlich angekündigt, Anfang des Jahres 2021 vor dem Ausschuss auszusagen.“ Beide seien wichtige Zeugen bei der politischen und behördlichen Aufklärung des Skandals.

    Von Erffa, ehemals Chefbuchhalter bei Wirecard, hatte als weiterer tatverdächtiger Zeuge vor B. die Aussage verweigert, jedoch ebenfalls angekündigt, mit dem Untersuchungsausschuss in Bälde zusammenarbeiten zu wollen. Auch Braun dürfte erneut vorgeladen werden. Den Parlamentariern stehen damit wohl weitere Nachtsitzungen bevor.

    Mehr: Ex-Wirecard-Chef Braun schweigt – so droht ihm eine zweite, härtere Runde

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