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Wagniskapital Trade Republic, Wefox, Scalable, Mambu: Deutsche Fintechs sammeln dieses Jahr so viel Geld ein wie noch nie

Die Pandemie treibt die Digitalisierung und stärkt damit die Geschäftsmodelle der Start-ups. Experten erwarten, dass bald noch mehr Firmen Einhornstatus erlangen.
24.06.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Für etablierte Fintechs waren die letzten Finanzierungsrunden besonders lukrativ.
Fintech-Logos

Für etablierte Fintechs waren die letzten Finanzierungsrunden besonders lukrativ.

Frankfurt Vor wenigen Monaten noch war der Neobroker Trade Republic nur seinen Nutzern und den Kennern der Start-up-Szene ein Begriff. Ende Mai rückte das Berliner Fintech dann in den Blickpunkt der breiteren Öffentlichkeit: Trade Republic sammelte 615 Millionen Euro an frischem Kapital ein.

Die Bewertung des Neobrokers schoss auf 4,8 Milliarden Euro in die Höhe – absolute Spitze unter den jungen deutschen Finanzfirmen, kurz Fintechs genannt. Zwischenzeitlich war Trade Republic sogar das wertvollste deutsche Start-up, bevor die Berliner Anfang Juni von der Softwarefirma Celonis überholt wurden.

Trade Republic ist nicht das einzige deutsche Fintech, das Hunderte von Millionen Euro bei den Investoren eingeworben hat. Auch die Finanzierungsrunden von Wefox, Scalable Capital und Mambu treiben das Kapitalvolumen in Deutschland in diesem Jahr auf ein Rekordniveau. Die gesamte Branche hat im ersten Halbjahr 2021 fast 2,1 Milliarden Euro eingesammelt – und damit deutlich mehr als in den Jahren zuvor, wie das Analysehaus Barkow Consulting ermittelt hat. Die Auswertung liegt dem Handelsblatt exklusiv vor.

Im bisher besten Jahr 2019 hatten Fintechs hierzulande insgesamt 1,8 Milliarden Euro von Wagniskapitalgebern erhalten. 2020 sank das Finanzierungsvolumen dann auf 1,4 Milliarden Euro, weil sich die Venture-Capital-Fonds wegen der Pandemie zeitweise mit Investitionen zurückgehalten hatten.

Doch letztlich treibt die Pandemie die Digitalisierung weiter an und stärkt damit die Geschäftsmodelle der Start-ups, die entweder als Partner oder Dienstleister der Banken ihr Geld verdienen oder den klassischen Geldhäusern Konkurrenz machen – wie eben der Broker Trade Republic.

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Er trifft mit seinem Geschäftsmodell einen Nerv: Kleinanleger bekommen über die App einen einfachen Zugang zum Kapitalmarkt. Das Geschäft boomt, gerade in der Coronakrise haben viele Privatinvestoren Zeit und ihr Interesse für die Geldanlage entdeckt. Als Vorbild gilt das US-Pendant Robinhood, das vom – über soziale Medien angeheizten – Trading-Hype profitiert und schon bald mit einer Milliardenbewertung an die Börse gehen könnte.

Gute Chancen für große Finanzierungen

Experten sehen kein Ende des aktuellen Booms bei den Finanzierungsrunden. Peter Barkow, Geschäftsführer von Barkow Consulting, erwartet, „dass die Gesamtfinanzierungen hoch bleiben“. Er sieht ein gutes Umfeld, gerade für größere Finanzierungen.

Die großvolumigen Kapitalrunden wertet Barkow als ein Zeichen, dass „deutsche Fintechs im internationalen Vergleich aufholen und aufschließen zu den Top-Finanzierungsrunden in Europa“. Der Abstand zum Topstandort London ist zwar nach wie vor erheblich, aber Deutschland und vor allem Berlin holen nach Meinung der Experten auf.

Das zeigt zum Beispiel das Versicherungs-Start-up Wefox mit einer Finanzierungsrunde von 560 Millionen Euro und einer Bewertung von 2,7 Milliarden Euro. Auch der digitale Vermögensverwalter Scalable und der Anbieter von Bankingsoftware Mambu stießen mit Finanzierungsrunden von jeweils mehr als 100 Millionen Euro in den Kreis der „Einhörner“ vor, wie im Fachjargon Start-ups heißen, deren Bewertung eine Milliarde Dollar übersteigt. Damit stehen vier Fintechs für mehr als zwei Drittel des Gesamtvolumens.

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Doch die Barkow-Daten zeigen, dass auch viele kleinere Finanz-Start-ups die Investoren überzeugt haben. Die Zahl der Finanzierungsrunden deutet 2021 ebenfalls auf ein Rekordniveau. Bisher gab es 77 Deals. Setzt sich die Entwicklung im zweiten Halbjahr fort, wären das mehr als im bisherigen Rekordjahr 2019.

Keine Anzeichen für Verlangsamung

Am Mittwoch kam bereits eine weitere Runde hinzu. Die Firma Hawk AI aus München hat zehn Millionen Dollar (8,4 Millionen Euro) von Investoren erhalten. Das erst 2018 gegründete Unternehmen bietet anderen Finanzdienstleistern Software zur Geldwäschebekämpfung.

Max Flötotto, Partner der Unternehmensberatung McKinsey, spricht von einem deutlich besseren Finanzierungsangebot als in den Vorjahren: „Wir haben mittlerweile eine etablierte Finanzierungskultur und neben den sehr starken internationalen auch vermehrt lokale Geldgeber“, sagt er. „Gute Unternehmen und Ideen werden kaum Probleme haben, sich zu finanzieren.“

Aktuell sieht Flötotto „noch keine Anzeichen einer Verlangsamung“. Stattdessen würden Investoren fortlaufend weitere Segmente entdecken. Neben den seit Jahren diskutierten Klassikern wie Neobanken würden Onlinebroker wie Trade Republic an Bedeutung gewinnen. In Zukunft könnten auch Themen aus dem Geschäftskundenumfeld wichtiger werden.

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Barkow erwartet, dass manche Fintechs, die länger keine frischen Mittel eingesammelt haben, nun Kapitalrunden anstreben. Dass das Umfeld gerade für größere Finanzierungen gut sei, liege daran, dass einige Fintechs mittlerweile so groß sind, dass sich nicht nur Wagniskapitalgeber, sondern auch Private-Equity- und Hedgefonds, die normalerweise nur in reifere Unternehmen investieren, für die jungen Finanzfirmen interessieren.

Christian Hoppe, Co-Geschäftsführer der auf Start-up-Finanzierungen spezialisierten Silicon Valley Bank, beobachtet ebenfalls, dass viele Wagniskapitalgeber und andere Investoren nach attraktiven Unternehmen suchen. Seine Erwartung: „Ich gehe davon aus, dass wir unter den deutschen Fintechs weitere Einhörner sehen werden.“

Rekordjahr auch in Europa

Diese Fortschritte sorgen nach Meinung der Experten dafür, dass Deutschland den Rückstand gegenüber der europäischen Fintech-Metropole London ein Stück weit aufholen kann. „In der Vergangenheit war es oft so, dass die Finanzierungsrunden in Deutschland viel kleiner waren als zum Beispiel in Großbritannien. Diesen Abstand sehe ich jetzt nicht mehr“, konstatiert Barkow. McKinsey-Berater Flötotto sieht das ähnlich: „Egal auf welche Kennzahl wir schauen, Deutschland und insbesondere Berlin haben gewaltig aufgeholt.“

Beim gesamten Fintech-Finanzierungsvolumen liegt London aber weiterhin vorn. Und auch hier dürfte das laufende Jahr neue Rekordmarken setzen. Im bisherigen Jahresverlauf sammelten britische Finanz-Start-ups nach Daten des Informationsdienstes Dealroom umgerechnet bereits 4,7 Milliarden Euro ein, fast so viel wie im Rekordjahr 2019, als es knapp fünf Milliarden Euro waren.

In absoluten Zahlen liegt London zwar weiterhin vorn, aber relativ gesehen schrumpft der Vorsprung. In ganz Europa sammelten Fintechs in diesem Jahr knapp zwölf Milliarden Euro von Wagniskapitalgebern ein, 2019 waren es gut neun Milliarden. Damals kam gut die Hälfte aus Großbritannien, dieses Jahr liegt der Anteil deutlich niedriger.

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Trotz des Rekordvolumens der Fintech-Finanzierungen in Deutschland und Europa bleibt der Abstand zur unangefochtenen Nummer eins, den USA, gewaltig. In der frühen Finanzierungsphase von Start-ups gebe es mittlerweile zwar nur noch geringfügige Unterschiede, in den späteren Phasen, wenn die Unternehmer reifer werden, sei die Kluft aber weiterhin groß, heißt es in einer Studie des Bundesverbands Deutsche Startups, der Deutschen Börse, des Beraters Roland Berger und der Internet Economy Foundation.

Hier war das durchschnittliche Dealvolumen in den USA im vergangenen Jahr um 83 Prozent höher als in Europa. Dazu kommt, dass der Großteil des Geldes, das an deutsche Fintechs geht, in der Regel von großen US-Wagniskapitalfonds kommt.

Darüber hinaus gelinge deutschen Start-ups im internationalen Vergleich „noch viel zu selten der Sprung an die Börse“, bemängeln die Studienautoren – und das bremse auch das Wachstum von Neugründungen. Die Wagniskapitalrunden fielen dann geringer aus, weil Kapitalgeber die geringe Wahrscheinlichkeit eines lukrativen Börsengangs einpreisen würden, heißt es in der Studie. Und damit wachse die Abhängigkeit der heimischen Fintech-Szene von einzelnen Investoren.

Mehr: Diese Probleme sehen deutsche Start-ups noch beim milliardenschweren neuen Zukunftsfonds.

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