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WirecardMarsaleks Brief sorgt für Streit im Wirecard-Prozess: „Wollen Sie das Schreiben in der Schublade verschwinden lassen?“

Seit drei Jahren ist Jan Marsalek auf der Flucht. Jetzt meldet er sich in einem Brief zu Wort, der den ehemaligen Co-CEO Markus Braun entlasten soll. Das sorgt für neuen Streit.René Bender, Lars-Marten Nagel, Michael Verfürden 19.07.2023 - 16:20 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Der Verteidiger Alfred Dierlamm (links) des früheren Wirecard-CEOs ist mit dem Vorsitzenden Richter heftig aneinandergeraten.

Foto: dpa

Düsseldorf, Berlin. Jahrelang hatte bei Wirecard Produktvorständin Susanne Steidl im Schatten ihres Vorstandskollegen Jan Marsalek gestanden. An diesem Mittwoch stahl er ihr wieder die Show, diesmal im Gerichtssaal.

Im Prozess um den milliardenschweren Betrugsskandal bei Wirecard sollte Steidl als Zeugin aussagen, doch ihr Auftritt vor dem Landgericht München geriet zunächst in den Hintergrund. Stattdessen stand das jüngste Lebenszeichen Marsaleks im Mittelpunkt, der vor drei Jahren untergetaucht war und seither auf der Flucht vor der Justiz ist.

Über die erste offizielle Wortmeldung des flüchtigen Ex-Vorstands und wie das Gericht damit umgehen sollte, stritten sich der Verteidiger des wegen Betrugs angeklagten langjährigen Wirecard-CEOs Markus Braun, Alfred Dierlamm, und der Vorsitzende Richter Markus Födisch so heftig, dass der Verhandlungstermin sogar kurzzeitig unterbrochen werden musste.

Über seinen Anwalt Frank Eckstein hatte Marsalek vor rund zwei Wochen ein Schreiben an das Gericht adressiert. In dem mehrseitigen Papier, über das am Dienstag zuerst die „Wirtschaftswoche“ berichtete, soll Eckstein im Namen Marsaleks erklärt haben, dass es bei Wirecard ein Drittpartnergeschäft gegeben haben soll.

Staatsanwaltschaft und Insolvenzverwalter haben dagegen bislang immer betont, dass es keine Belege für dieses angeblich an exotische Firmen wie Al-Alam in Dubai, Senjo in Singapur oder PayEasy in Manila ausgelagerte Milliardengeschäft gebe.

Im Sommer 2020 war der einstige Dax-Konzern zusammengebrochen, weil 1,9 Milliarden Euro angeblicher Erlöse aus diesem Drittpartnergeschäft nicht auffindbar waren. Laut Anklage sollen die Täter seit 2015 die Wirecard-Bilanzen gefälscht und kreditgebende Banken um 3,1 Milliarden Euro geprellt haben.

Schreiben stützt Brauns Argumentation

In einem der größten Betrugsfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte müssen sich Ex-Vorstandschef Braun und zwei weitere frühere Wirecard-Manager wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs verantworten. Seit Dezember 2022 verhandelt die Kammer.

Marsaleks Brief stützt nun jedoch die Argumentationslinie von Brauns Verteidiger Dierlamm. Der wird seit Monaten nicht müde, die Existenz des Drittpartnergeschäfts zu bekräftigen, wie zuletzt in der vergangenen Woche.

Dierlamm sieht seinen Mandanten als Opfer von Marsalek und des mitangeklagten Kronzeugen Oliver Bellenhaus. Er sagt: Die beiden hätten die Profite aus dem Drittpartnergeschäft veruntreut, was Bellenhaus und sein Anwalt bestreiten.

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Was hat es mit dem Brief von Jan Marsalek auf sich?

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Abspielen 17:29

Entsprechend vehement war Dierlamms Forderung, dass im Prozess gegen Braun nun das neue Papier ausführlich gewürdigt wird. „Wollen Sie das Schreiben in der Schublade verschwinden lassen?“, fragte Dierlamm am Mittwoch den Richter. Er zeigte sich verärgert darüber, dass der Brief dem Gericht bereits seit knapp zwei Wochen vorliegt und bislang noch keine Rolle in dem Prozess gespielt habe.

Dierlamm forderte den Richter auf, das Schreiben zu verlesen. Als Födisch dies ablehnte und klarmachte, dass er kaum Möglichkeiten sehe, das Schreiben in die Verhandlung einzubringen, stritten der Anwalt, die Staatsanwältin und der Richter minutenlang.

Födisch unterbrach schließlich die Sitzung kurz und zog sich mit den weiteren Richtern der Strafkammer zur Beratung zurück. Am Ende verbuchte Dierlamm zumindest einen kleinen Erfolg: Der Richter gestattete ihm, einen Antrag zu stellen, das Schreiben als Beweis in das Verfahren einzubringen, was Dierlamm dann auch umgehend tat.

„Ich hatte keine Vorstellung, wo das war“

Erst danach wandte sich das Gericht der früheren Vorständin Steidl zu. Die 52 Jahre alte österreichische Managerin arbeitete mehr als ein Jahrzehnt für Wirecard, 2018 stieg sie zur Vorständin auf. Auch sie gehört zu einem größeren Kreis ehemaliger Manager des Konzerns, gegen den die Staatsanwaltschaft bis heute ermittelt.

Im aktuellen Prozess will das Gericht Steidl aber als Zeugin zu den Abläufen bei Wirecard hören und insbesondere auch, was sie zum Drittpartnergeschäft sagen kann. Sie habe keine Aufgaben im Bereich des Drittpartnergeschäfts gehabt – und auch keinen Einblick, teilte sie dem Gericht mit. „Auf den Wirecard-Servern war das nicht“, sagte Steidl. „Ich hatte keine Vorstellung, wo das war.“ Ihr sei gesagt worden, dass sich die Daten in einer Cloud befänden.

Die Produktvorständin sagte als Zeugin aus.

Foto: Wirecard

Wenn sie etwas zu den Drittpartnern habe wissen wollen, habe sie sich an Marsalek wenden müssen. Transaktionen habe sie nicht einsehen können. „Ich habe keine Passwörter gehabt“, sagte Steidl.

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Angeblich hätte sie die Transaktionen gern über die Wirecard-Plattformen laufen lassen. Dazu sei es nicht gekommen, weil sie Marsalek ständig habe hinterherlaufen müssen. Die mutmaßlichen Hauptverdächtigen hätten ihre Geschäfte von dem übrigen Vorstand abgeschottet.

Steidl sagte, sie habe bis 2019 geglaubt, dass Wirecards Kerngeschäft Gewinne erziele. Sie sei geradezu erschrocken gewesen, dass die Profite vor allem auf das Drittpartnergeschäft zurückzuführen waren. Das Misstrauen führte aber nicht dazu, dass Steidl für sich persönliche Konsequenzen zog. Sie blieb bis zum finalen Kollaps im Sommer 2020 auf ihrem Posten im Vorstand.

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