Börsenhochzeit Eine Charmeoffensive aus Eschborn

Die Deutsche Börse wirbt mit einem Gutachten für ihre Fusion mit London. Doch die Kritiker des Milliardendeals überzeugt das nicht. Auch die Europäische Zentralbank prüft die Folgen der Fusion genau.
Update: 11.01.2017 - 19:06 Uhr Kommentieren
Der Vorstandschef der Deutschen Börse hat ein Gutachten in Auftrag geben, das sich für den Zusammenschluss mit der Londoner Börse ausspricht. Quelle: Reuters
Börsenchef Carsten Kengeter

Der Vorstandschef der Deutschen Börse hat ein Gutachten in Auftrag geben, das sich für den Zusammenschluss mit der Londoner Börse ausspricht.

(Foto: Reuters)

FrankfurtEs geht um Geld, viel Geld: Rund 25 Milliarden Euro wären Deutsche Börse und London Stock Exchange zusammen wert. Zum dritten Mal proben beide Marktplatzbetreiber den Zusammenschluss. Seit der Deal vor knapp einem Jahr publik wurde, haben beide Börsen viele Millionen Euro an Berater, Anwälte und Lobbyisten bezahlt, um die Börsenhochzeit vorzubereiten. Doch dass sie glückt, ist längst nicht ausgemacht – denn auch die Aufseher haben ein Wort mitzureden.

Schon früh entbrannte in Frankfurt eine Debatte über das Für und Wider der Fusion. Jetzt erhöht der Konzern aus Eschborn den Druck mit einem Gutachten. Wirtschaftsprofessor Dirk Schiereck von der Universität Darmstadt erklärt darin, „warum der Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange den Finanzplatz Frankfurt stärkt“. Doch Kritiker des Megadeals überzeugt das nicht. Denn auf die vielleicht wichtigste Frage für das Schicksal der Fusion geht die Untersuchung gar nicht ein. Unterdessen hat Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, angekündigt, dass sein Haus den Deal genau überprüfen wird.

Der Ökonom Dirk Schiereck argumentiert, dass nicht nur der Finanzplatz Frankfurt, sondern auch die Kunden der Börse von dem Zusammenschluss profitieren. Der Finanzplatz habe in den vergangenen Jahren bereits an Stellenwert verloren. „Dem dadurch drohenden Bedeutungsverlust kann mittels eines Zusammenschlusses mit einem starken Partner entgegengewirkt werden.“ Zudem benötige die deutsche Wirtschaft eine starke Börse, um sich das notwendige Kapital zu verschaffen, etwa, um den Umbau zur „Industrie 4.0“ zu finanzieren. Auch sollen Startups durch die Fusion leichter an die „ungleich reifere und sehr viel kapitalstärkere Frühphasenfinanzierungsszene in London“ kommen.

Für den Fall, dass der Zusammenschluss platzt, malt Schiereck ein Schreckensszenario aus: Ohne die Fusion, so der Ökonom, werde die Börse „und damit der Finanzplatz Frankfurt mittelfristig erheblich an Bedeutung verlieren“. Ähnliche Argumente führt auch Börsenchef Carsten Kengeter ins Feld, um für den Milliardendeal zu werben. Wider und wider warnte er vor einem Bedeutungsverlust für Frankfurt, sollte der Deal platzen.

Doch die Kritiker der Fusion überzeugt das nicht. Dass der Zusammenschluss mit London sich grundsätzlich lohnt, bezweifelt in Frankfurt kaum jemand. Doch die Konditionen des Deals brachten der Börse harsche Kritik von Aufsehern, Aktionären und Politikern ein. Kristallisationspunkt für den Streit sind die Standortpläne: Der Rechtssitz des Konzerns soll in London angesiedelt werden. Nach einem Brexit läge der Sitz der wichtigsten Börse in Europa damit außerhalb der EU. Bafin-Chef Felix Hufeld nannte das „schwer vorstellbar“. Doch formell hat Deutschlands höchster Finanzaufseher für den Deal nur eine beratende Funktion.

Die Fusion ruft auch EZB-Chef Mario Draghi auf den Plan. Die Europäische Zentralbank müsse den Zusammenschluss „sorgsam“ analysieren, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg aus einem Schreiben des EZB-Präsidenten an die französische Europaparlamentarierin Pervenche Beres. Wenn eine Fusion zur Änderung der Besitzverhältnisse einer Bank in der Eurozone führe, „muss die EZB das aus aufsichtsrechtlicher Perspektive sorgsam überprüfen.“ Beide Börsenbetreiber brauchen für ihre Geschäfte Banklizenzen und fallen damit unter die Bankaufsicht.

Die Unsicherheit über das zukünftige Verhältnis von Großbritannien zur Eurozone könne zu einem Verlust an Aufsichtsmöglichkeiten führen, fürchtet Draghi mit Blick auf das Clearing-Geschäft in London. Über die Clearinghäuser in der City wickeln viele Investoren ihre auf Euro lautendenden Derivategeschäfte ab. Es sei wichtig, für das britische Euro-Clearing eine Lösung zu finden, die den derzeitigen Standard der Aufsicht bewahrt oder möglichst sogar verbessert.

Derzeit klopft die EU-Kommission die wettbewerbsrechtlichen Folgen der Fusion ab. Wenn Brüssel den Deal genehmigt, ist die hessische Börsenaufsicht gefragt. Sie kann die Fusion untersagen, wenn sie die Fortentwicklung der Börse gefährdet sieht. Noch hat sich der zuständige Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) nicht festgelegt.

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