Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Bondmarkt Flucht vor drohenden Turbulenzen: Der Brexit vertreibt Anleihehändler aus London

Bei einem No-Deal-Szenario drohen Turbulenzen am Anleihemarkt. Viele in London ansässige Banken wären von den Auktionen ausgeschlossen. Nun haben sie es eilig.
Kommentieren
Viele Banken werden den Anleihehandel verlagern müssen. Quelle: Reuters
Finanzdistrikt Canary Wharf in London

Viele Banken werden den Anleihehandel verlagern müssen.

(Foto: Reuters)

FrankfurtDie Zeit läuft ab. Und parallel steigt die Angst, Großbritannien könnte tatsächlich ohne gemeinsame Vereinbarung aus der Europäischen Union (EU) ausscheiden. Auch wenn das Szenario eines „Hard Brexit“ zuletzt weniger wahrscheinlich wurde: Die Unsicherheit bleibt. Die Finanzindustrie sieht sich offiziell gut gewappnet. „Die Banken haben sich von Anfang an auch auf einen harten Brexit gut vorbereitet“, erklärte erst kürzlich der deutsche Bankenverband.

Doch Recherchen des Handelsblatts zeigen, dass es auf einem bisher wenig beachteten, aber dafür umso wichtigeren Markt Last-Minute-Vorkehrungen gibt, um auch mit einem No-Deal-Szenario umgehen zu können: dem Primärmarkt für europäische Staatsanleihen.

Allein der deutsche Staat versteigert 2019 Bonds im Wert von 200 Milliarden Euro über ein Auktionssystem. Das Problem: Ein Drittel der teilnehmenden Banken saß noch Ende 2018 in London – und wäre im Fall eines ungeregelten Brexits wohl von den Emissionen ausgeschlossen.

Für die Großbanken ist der Handel mit neu ausgegebenen Staatsanleihen der Euro-Zone nicht nur wegen der Lukrativität ein wichtiges Geschäft. Sie müssen ihren institutionellen Kunden, etwa Vermögensverwaltern, millionenschwere Pakete mit Staatsanleihen zu günstigen Konditionen anbieten können.

Dafür ist die Teilnahme an den Bond-Auktionen unerlässlich. In Deutschland darf eine Gruppe von 36 Banken mitbieten, die Teil des sogenannten Bieterkreises sind. Bislang konnten laut den Verfahrensregeln der Finanzagentur, die die Auktionen durchführt, nur Banken und Wertpapierfirmen mit Sitz in Deutschland oder in einem EU-Mitgliedsstaat Teil der Bietergruppe sein. „Zweigstellen von Unternehmen mit Sitz im Ausland“ sind ausdrücklich ausgeschlossen.

Heißt im Klartext: Tritt Großbritannien ohne Deal aus der EU aus, müssten viele Großbanken außen vor bleiben, die bisher mit ihren in London ansässigen Töchtern an den Auktionen des Bundes teilnehmen. Dazu zählen große Adressen wie Barclays, Morgan Stanley oder Nomura. Sie stehen für gut die Hälfte aller Käufe von Bundesanleihen.

Zwar hätten die meisten Banken eine Einheit auf dem europäischen Festland, über die das Geschäft technisch abgewickelt werden könne, sagt Stefan Winter, der Chef des Verbands der Auslandsbanken, dem Handelsblatt. Aber: „Ein ernstes Problem haben im Fall eines Hard Brexit jene Banken, die über keine Tochter in Deutschland oder in einem anderen EU-27-Mitgliedsstaat im Bieterkreis verfügen. Sie dürften nach den geltenden Regeln nicht mehr an den Auktionen teilnehmen.“

Großbanken treffen Vorkehrungen

Das Handelsblatt hat alle zwölf Bieterbanken angefragt, die Ende 2018 noch aus London heraus deutsche Staatsanleihen ersteigert hatten: Die US-Amerikaner Goldman Sachs, Merrill Lynch, JP Morgan, Citigroup, Morgan Stanley und Jefferies, die Japaner von Nomura und Mizuho, die Briten von Barclays und NatWest, die Kanadier der Scotiabank und die Schweizer UBS.

Klar ist nun: Hinter den Kulissen haben viele Institute Vorkehrungen getroffen, um zu verhindern, künftig von dem Multi-Milliardenmarkt ausgeschlossen zu werden. Bei anderen ist die Problematik bekannt, aber noch keine abschließende Lösung gefunden. Wie heikel das Thema ist, zeigt sich schon daran, dass viele Institute die Anfrage nicht kommentieren wollten.

So hat die Bank of America Merrill Lynch (Bofa) bereits die Reißleine gezogen. Wie aus Dokumenten auf der Webseite der Bundesbank hervorgeht, hat die Bofa vergangene Woche ihre London-Tochter Merrill Lynch International aus der Bietergruppe abgemeldet und stattdessen die in Paris ansässige Bofa Securities Europe als Bieterbank registriert.

Regeln wurden leicht modifiziert

Auch die Schweizer UBS ist nach der Fusion ihrer britischen Tochter mit der Frankfurter UBS Europe SE in der neuen Bieterliste vertreten. Für Goldman Sachs kommentiert eine Sprecherin: „Wir haben die nötige Infrastruktur in Frankfurt und anderen europäischen Städten aufgebaut, um Kunden und Geschäftspartnern alle Dienstleistungen weiterhin zur Verfügung stellen zu können, sollten die aktuellen Zugangsvereinbarungen für den EU-Markt ihre Gültigkeit verlieren.“

JP Morgan will laut Finanzkreisen das Geschäft zur Not durch eine seiner EU-Töchter in Frankfurt, Dublin oder Luxemburg leiten. Citi hat sich ebenfalls bereits mit einer Tochter in Frankfurt in Stellung gebracht. Doch viele Institute, die auch Ende März noch mit ihrer Londoner Tochter im Bieterkreis vertreten waren, gaben sich zugeknöpft, etwa Morgan Stanley, Barclays oder NatWest.

Einen Lichtblick gibt es immerhin für die Londoner Banken: Finanzagentur und Bundesbank haben am 30. März – einem Samstag – die Kriterien für die Mitgliedschaft in der Bietergruppe etwas gelockert. Künftig können Kreditinstitute und Wertpapierfirmen mit Sitz „in einem anderen Vertragsstaat des Europäischen Wirtschaftsraums“ (EWR) sowie der Schweiz teilnehmen. Der EWR umfasst auch Island, Liechtenstein und Norwegen; letzteres wird immer wieder als Vorbild für eine mögliche künftige Beziehung zwischen Großbritannien und der EU genannt.

Doch das Problem, dass viele Großbanken einen Teil ihres Anleihehandels auf den europäischen Kontinent verlagern müssen, löst das nicht. Auch der Zugang zu den Primärmärkten in anderen EU-Mitgliedsstaaten wie Frankreich oder Italien ist für Banken mit Sitz in Großbritannien weiter ungewiss. Fest steht: Die Londoner City gehört zweifelsohne schon jetzt zu den Verlierern des Brexit-Chaos.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Bondmarkt - Flucht vor drohenden Turbulenzen: Der Brexit vertreibt Anleihehändler aus London

0 Kommentare zu "Bondmarkt: Flucht vor drohenden Turbulenzen: Der Brexit vertreibt Anleihehändler aus London"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.