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City of London

Bisher Heimat des Euro-Clearings, jetzt im Brexit-Schatten.

(Foto: picture alliance / Daniel Kalker)

Brexit Countdown bei Euro-Clearing – noch 2018 könnten billionenschwere Derivatekontrakte gekündigt werden

Das britische Abwicklungshaus LCH warnt vor den Folgen eines abrupten EU-Ausstiegs. Noch im Dezember könnten Verträge gekündigt werden.
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Frankfurt/BrüsselEs war eine drastische Warnung: „Ein harter Brexit würde in Hunderttausende von Verträgen eingreifen und gravierende Unsicherheit hervorrufen“, sagte kürzlich Felix Hufeld, Chef der deutschen Finanzaufsicht Bafin – und illustrierte damit die wachsenden Sorgen vor einem unkontrollierten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Die größten Ängste bereitet Banken und Finanzmarktaufsehern dabei die Abwicklung von Derivategeschäften in Euro. Das sogenannte Euro-Clearing findet bisher größtenteils in London statt, muss nach dem Brexit aber möglicherweise in die EU verlagert werden.

Und der Umfang der Geschäfte, die eventuell verschoben werden müssen, ist gewaltig. Nach Angaben der Bank of England geht es um Derivatekontrakte mit einem Volumen von 38 Billionen Pfund, umgerechnet rund 43 Billionen Euro.

Viele Großbanken hoffen, dass die EU die britischen Abwicklungshäuser am Ende als gleichwertig anerkennen wird oder dass es zumindest einen Bestandsschutz für bestehende Derivatekontrakte in London geben wird. Doch das ist keinesfalls sicher. Und deshalb hat das größte Londoner Clearinghaus LCH seine Kunden Finanzkreisen zufolge informiert, wie es im Fall eines harten Brexits vorgehen würde.

Es würde die Derivatekontrakte mit einer Frist von 90 Tagen kündigen. Um die Geschäfte rechtzeitig vor dem britischen EU-Austritt am 29. März 2019 schließen zu können, müsste LCH die Kündigungen also bereits im Dezember verschicken.

„Diese Bedrohung muss man ernst nehmen“, sagt Hubertus Väth, der Geschäftsführer der Standortinitiative Frankfurt Main Finance. „Kommt es zum harten Brexit ohne Äquivalenz-Regelung – und das schließen immer weniger Beobachter aus – dann muss das Clearing verlagert werden.“ Eine Sprecherin von LCH äußerte sich zu dem Thema, über das zuerst die „Financial Times“ berichtet hatte, nicht.

Die 90-Tage-Kündigungsfrist ist Teil der Geschäftsbedingungen von LCH. Sie soll sicherstellen, dass Banken und andere Investoren genügend Zeit haben, um Derivatekontrakte an andere Abwicklungshäuser zu verlagern. Clearinghäuser stellen sich zwischen Käufer und Verkäufer und springen ein, wenn einer der Handelsteilnehmer ausfällt. Dadurch soll die Sicherheit und Transparenz an den Finanzmärkten erhöht werden.

Doch einige Banker und Finanzmarktaufseher sehen große Gefahren für die Finanzstabilität, wenn im Zuge des Brexits Derivatekontrakte mit einem Volumen von mehreren Billionen Euro verschoben werden müssen. „Das wäre sehr schwierig“, sagte ein hochrangiger Finanzmanager dem Handelsblatt. „Es würde zu großer Unruhe an den Märkten führen und wäre nicht gut für Investoren.“

Manche Beteiligte gehen davon aus, dass LCH juristisch gezwungen sei, seine Kunden auf eine mögliche Kündigung der Derivateverträge hinzuweisen. Andere haben Zweifel, dass LCH die Verträge im Dezember tatsächlich kündigt, schließlich würde das Unternehmen damit einen großen Teil seines Geschäfts aufgeben.

LCH wolle mit der Ankündigung eine Drohkulisse aufbauen, sagte eine mit den Diskussionen vertraute Person. Ziel sei es, den Druck auf Politik und Aufsichtsbehörden zu erhöhen, damit sich diese auf eine für LCH vorteilhafte Lösung verständigen.

Gefahr für die Finanzstabilität

Großbritannien will in den politischen Verhandlungen Insidern zufolge erreichen, dass die Europäische Union die britischen Clearinghäuser nach dem Brexit zumindest vorübergehend noch als gleichwertig anerkennt. Dann könnte das Euro-Clearing zunächst in London weiterlaufen. Die Aussichten auf eine solche Lösung seien aber gering, sagen EU-Diplomaten.

Die Gefahr, dass ein abrupter Ausstieg aus dem Euro-Clearing in London die Finanzstabilität gefährden könnte, ist in Brüssel jedoch allen bewusst. Die EZB und die Bank of England sind gerade dabei, mit dem Brexit verbundenen Stabilitätsrisiken zu untersuchen. Mit einem entsprechenden Bericht hatten EU-Kommissionsvize Valdis Dombrovskis und der britische Schatzkanzler Philip Hammond die beiden Zentralbanken im Frühjahr beauftragt.

Der Bericht werde aller Voraussicht nach binnen zwei Wochen fertig, sagten EU-Diplomaten. Darin werde es auch um das Euro-Clearing gehen. Die EU-Kommission wolle die Ergebnisse dieser Risikoprüfung noch abwarten und erst dann entscheiden, ob weitere Maßnahmen ergriffen werden müssten.

Positiv wird in Brüssel registriert, dass sich viele Banken intensiv auf einen ungeregelten Brexit vorbereiten. Zahlreiche Geldhäuser haben bei der Deutsche-Börse-Tochter Eurex Clearing in Frankfurt Konten eröffnet und das Geschäftsvolumen am Main deutlich hochgefahren. Seit Jahresbeginn hat sich das ausstehende Nominalvolumen an Euro-Zinsswaps, mit denen sich Anleger gegen Zinsschwankungen absichern, in Frankfurt in etwa verfünffacht auf 8,8 Billionen Euro.

Zu den Instituten, die Geschäft verlagert haben, zählen die Deutsche Bank und die Fondsgesellschaft Union Investment. Das Unternehmen habe damit begonnen, für jeden Fonds Konten aufzusetzen, über die Euro-Zinsswaps in Frankfurt abgewickelt werden könnten, sagt Union-Investment-Manager Christoph Hock. „Es ist zu erwarten, dass in Zukunft ein großer Teil dieser Produkte über Eurex zentral laufen wird.“

Das von der Londoner Seite oft vorgebrachte Argument, dass die Kosten bei einer Abwicklung von Derivategeschäften am Main höher seien als an der Themse, trifft laut Hock inzwischen nicht mehr zu. Union Investment gehe von gleichbleibenden Kosten aus. Im besten Fall seien mittelfristig sogar „Kosteneinsparungen von bis zu 30 Prozent möglich“, sagte Hock. Diese wolle Union Investment vollständig an die Anleger weiterreichen.

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