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China Kleine Banken, große Probleme

Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren hat Chinas Zentralbank ein schwer angeschlagenes Geldinstitut unter ihre Fittiche genommen.
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Massiver Eingriff in den Bankenmarkt. Quelle: Reuters
Sitz der chinesischen Notenbank in Peking

Massiver Eingriff in den Bankenmarkt.

(Foto: Reuters)

Peking Für chinesische Verhältnisse ist sie ein Winzling: Die Baoshang Bank mit Sitz in der Inneren Mongolei hat 8000 Mitarbeiter und eine Bilanzsumme von gerade einmal 60 Milliarden Dollar. Und doch sendete die kleine Geschäftsbank in der vergangenen Woche Schockwellen durch die chinesischen Finanzmärkte: Wegen „ernsthafter“ Kreditrisiken übernahmen die Zentralbank und Chinas Aufsichtsbehörde für Banken und Versicherungen (CBIRC) die Baoshang Bank. Damit ist sie das erste Kreditinstitut in mehr als zwei Dekaden, das im Auftrag der Behörden zwangsverwaltet wird.

Noch ist Baoshang ein Einzelfall. Doch die Zwangsübernahme hat die seit Langem schwelenden Sorgen über die Heerscharen chinesischer Kleinbanken und deren riskantes Geschäftsgebaren wieder aufkeimen lassen. So sah sich die chinesische Zentralbank in der vergangenen Woche dazu gezwungen, eine Kapitalspritze von rund 57 Milliarden Dollar in den Bankenmarkt zu pumpen, um mögliche Liquiditätsengpässe zu bekämpfen und die Gemüter zu beruhigen.

Baoshang ist ein Beispiel für die Kreditrisiken, die sich in den letzten Jahren während der wilden Expansion von kleinen und mittleren Banken aufgebaut haben“, sagte Sun Wujun, Finanzprofessor an der Nanjing-Universität. Die Übernahme durch Zentralbehörden zeige, dass die Auswirkungen der Krise nicht lokal begrenzt, sondern systemimmanent sein könnten.

Kleine Banken, große Probleme: Für die Sorgen der Experten gibt es gute Gründe. Laut jüngsten Daten der CBIRC haben kleine und mittelgroße Geldhäuser ihren Anteil am chinesischen Bankenmarkt in den vergangenen zehn Jahren auf 47 Prozent mehr als verdoppelt.

Wohl auch dank fauler Kredite – denn die machten bei Stadtbanken 1,9 Prozent und bei ländlichen Banken sogar 4,1 Prozent aller vergebenen Kredite aus. Zum Vergleich: Chinas Großbanken kamen auf 1,1 Prozent, ausländische Kreditinstitute auf 0,8 Prozent.

Erste Warnungen

Schon im April warnte der chinesische Rechnungshof in einem Bericht, dass Ende 2018 bei einigen kleinen Geldinstituten in der zentralchinesischen Provinz Henan mehr als 40 Prozent aller Kredite faul waren. Anders als die landesweit tätigen Riesen agieren die kleineren Banken meist regional und sind daher abhängig von der lokalen Konjunktur und Wachstumsmodellen, die oftmals kurzfristige Profite über Nachhaltigkeit stellen.

Außerdem, so Sun, seien einige von ihnen von privaten Aktionären kontrolliert worden, die ihren eigenen Finanzbedarf decken wollten. Offiziell wiegeln staatliche Stellen ab, versuchen die Nervosität zu lindern. China sei „vollkommen in der Lage“, die Kreditrisiken bei den kleinen und mittelgroßen Geschäftsbanken zu managen, sagte Yi Gang, Chef der chinesischen Zentralbank.

Baoshang sei nicht etwa ein erster Dominostein. „Einige Marktakteure fürchten, dass nach der Übernahme der Baoshang Bank nun auch andere Institute folgen werden“, schrieb die Zentralbank am Sonntag auf ihrer Webseite. „Wir bitten alle darum, sich zu beruhigen. Zurzeit haben wir keine solchen Pläne.“

Die Übernahme von Baoshang gilt aber als extrem ungewöhnlicher Schritt, handelt es sich hierbei doch um die erste seit 1998. Die genaue Höhe der aktuellen Schulden des Geldhauses ist unbekannt. Laut Schätzungen der Finanzdatenfirma Refinitiv saß Baoshang zuletzt auf 206 ausstehenden Anleihen im Gesamtwert von mehr als zehn Milliarden Dollar.

Im letzten Bilanzbericht des Geldinstituts hieß es, dass die Bank Ende 2016 noch auf ausstehenden Krediten in Höhe von 22 Milliarden Dollar saß – damals war das ein rasanter Anstieg von 65 Prozent gegenüber Ende 2014.Mit ihren 291 Filialen und der Bilanzsumme von 60 Milliarden Dollar ist Baoshang nach Berechnungen des Analysehauses Gavekal Dragonomics die Nummer 50 in der Rangliste chinesischer Banken.

Laut Barclays Research ist sie eine von 19 regionalen Banken mit einem Bilanzvolumen von zusammen 647 Milliarden Dollar, die bisher noch keinen Geschäftsbericht für das Jahr 2018 vorgelegt haben. Diese Verzögerungen haben ebenfalls die Sorgen vieler Investoren angefacht, dass es noch mehr Zwangsübernahmen oder Zusammenbrüche geben könnte.

Die Milliardärsbank

Baoshang gilt als persönliche Bank des chinesischen Milliardärs Xiao, des Gründers der inzwischen stark lädierten Tomorrow Group. Letztere musste sich 2018 von Vermögenswerten in Höhe von 24 Milliarden Dollar trennen, um Bankdarlehen zurückzuzahlen.

Xiao Jianhua, ein Bauernsohn aus Shandong, hatte über Jahre durch Verbindungen zu Familienmitgliedern der chinesischen Eliten ein Finanzkonglomerat aufgebaut, das aus Hunderten von Unternehmen bestand, die durch komplizierte Eigentumsverhältnisse miteinander verbunden waren.

Laut Berichten des renommierten chinesischen Wirtschaftsmagazins „Caixin“ begann Xiao Anfang der 2000er, Anteile an der Bank zu erwerben, und kam durch diverse Tochtergesellschaften schließlich auf 70 Prozent – das sind weit mehr als die landesweit eigentlich erlaubten 20 Prozent.

Nach Berechnungen der Finanzanalysten von Huatai Securities gingen 26 Prozent von Baoshangs Krediten an seine zehn besten Kunden. Allein durch Aktivitäten außerhalb der Bilanz versorgte das Geldinstitut die Tomorrow Group mit 21 Milliarden Dollar an Finanzmitteln, berichtet Caixin.

Aufgrund dieses politischen Kontexts glauben einige Analysten, dass man im Fall von Baoshangs Übernahme „die Auswirkungen dieses besonderen Falls nicht überzeichnen sollte“, wie es in einer Analyse der Nomura Bank heißt. Auch die Ökonomen von ANZ Research schreiben, dass es sich bei Baoshang um einen Einzelfall handelt.

Einen ähnlichen Fall gab es vor einigen Jahren auch in der Versicherungsbranche: Im Sommer 2017 verschwand der Firmengründer von Anbang, Wu Xiaohui, aus der Öffentlichkeit, weil gegen ihn wegen Verdachts auf „Wirtschaftsverbrechen“ ermittelt wurde.

Vergangenen Februar gab Peking dann bekannt, dass man die Geschäfte des angeschlagenen Versicherungskonzerns übernehmen würde. Drei Monate später wurde Wu wegen Betrugs zu 18 Jahren Haft verurteilt. Vielfach wird die Übernahme vom Baoshang dabei als Versuch gesehen, die seit Langem bestehenden „harten Garantien“ für kleinere Banken zu durchbrechen.

Damit ist eine Art impliziter Staatsgarantie gemeint, welche die Risikobereitschaft vieler Kunden anheizte, weil sie immer davon ausgehen konnten, dass sie im Notfall gerettet würden. Doch vor dem radikalen Schritt, Baoshang in die Pleite zu schicken, scheuten sich die chinesischen Behörden dann doch – wohl auch, um keinen Präzedenzfall im größtenteils staatlich kontrollierten Bankensystem zu schaffen.

Schärfere Sanktionen durch Finanzaufsicht

Dennoch sieht Dexter Hsu, ein in Taipeh ansässiger Analyst von Macquarie Research, die Übernahme von Baoshang als ein langfristig gutes Zeichen. „Es zeigt, dass die Aufsichtsbehörden die Säuberung schlecht geführter ländlicher und städtischer Geschäftsbanken beschleunigen möchten“, sagte er. „Es könnte die Konsolidierung kleiner Banken vorantreiben. Wenn man in ein paar Jahren zurückblickt, wird man feststellen, dass dies der wirtschaftlichen Gesundheit zuträglich war.“

Seit einiger Zeit verschärfen die chinesischen Finanzaufsichtsbehörden auch die Sanktionen gegen Banken und Vermögensverwalter, die faule Kredite verstecken; die Zahl der Geldbußen nimmt zu. Zwar sind die Beträge oft noch relativ gering, aber sie sollen durch ihre Häufigkeit eine abschreckende Funktion haben.

So wurden allein im April gegen die Industrial and Commercial Bank of China, die China Minsheng Bank, die Tianjin Rural Commercial Bank und die Shengjing Bank Geldbußen verhängt. Seit drei Jahren hat China „finanzielle Stabilität“ und die Reduzierung der Unternehmensverschuldung als wichtige politische Ziele ausgegeben.

Zu den Maßnahmen gehörten die Bekämpfung des Schattenbanksystems, das eine maßgebliche Kreditquelle für viele Privatfirmen ist, die Beschränkung von Aktivitäten zwischen Banken sowie strengere Auflagen für Online-Kreditvergabe-Plattformen, die sich vor allem an Kleinunternehmer und Konsumenten richten.

Riesiger Kreditberg

Chinas Kreditberg ist riesig: Die Schulden privater Haushalte, der Unternehmen und der öffentlichen Stellen betrugen nach Berechnungen des Wirtschaftsinstituts der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften Ende vergangenen Jahres fast 244 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Damit sind sie binnen eines Jahrzehnts um rund die Hälfte nach oben geschossen. Besonders Schattenbanken, Immobilienunternehmen, Staatsunternehmen sowie die regionalen Provinzen gelten als zum Teil hochverschuldet. Doch Anfang des Jahres verkündete der CBIRC, dass der Schuldenabbau erfolgreich und das Schuldenniveau nun stabil sei.

So wurde laut ihren eigenen Angaben der Wert der Hochrisikoanlagen um 1,79 Billionen Dollar geschrumpft, und die Banken konnten faule Kredite in Höhe von 520 Milliarden Dollar entsorgen. Das Ende der Anti-Schulden-Kampagne sei damit noch nicht erreicht, hieß es auch. Denn wie hoch Chinas Schulden wirklich sind, das wissen selbst die amtlichen Statistiker nicht.

Viele Schulden sind verschleiert, viele Bilanzen nie gesäubert worden. Deshalb geht es in der zweiten Etappe nun um die Bereinigung des Schuldenbestands. So war es lange gängige Praxis unter kleineren Banken, faule Kredite als verspätet, aber nicht notleidend einzustufen.

Dadurch kamen viele Geldinstitute auf mehr als 20 Prozent „Sonderdarlehen“ und eine entsprechend niedrige Quote von faulen Krediten. Doch 2018 schafften die Aufsichtsbehörden diese Vorgehensweise ab, und der Markt für Forderungsausfälle in Höhe von fast 260 Milliarden Dollar erreichte seinen Höchststand seit 20 Jahren.

Nun widmen sich die Regulatoren den Vermögensverwaltern, deren eigentliche Aufgabe zwar darin besteht, die Probleme zu lösen, die sie aber stattdessen oft nur verschleiern. So wurden Banken dabei erwischt, wie Vermögensverwalter Forderungsausfälle der Banken aufkauften, damit diese vorübergehend aus den Bilanzen verschwanden, nur um sie dann später wieder gewinnbringend an die Bank zurückzuverkaufen.

Mehr: Die erzwungene Übernahme der Baoshang Bank birgt viel heiße Luft. Man sollte bei dem Fall immer auf das politische Umfeld schauen – ein Kommentar.

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