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Christian Mumenthaler im Interview Swiss-Re-CEO: „Fliegen bleibt eine der schlimmsten Umweltsünden“

Der Chef des Rückversicherers fordert einen entschlossenen Plan im Kampf gegen den Klimawandel – und erklärt, warum er selbst nicht als Öko-Vorbild taugt.
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„Deutschland kann bei der Ausarbeitung eines Gesamtplans eine führende Rolle einnehmen“, sagt der Swiss-Re-Chef. Quelle: Salvatore Vinci / 13 Photo
Christian Mumenthaler

„Deutschland kann bei der Ausarbeitung eines Gesamtplans eine führende Rolle einnehmen“, sagt der Swiss-Re-Chef.

(Foto: Salvatore Vinci / 13 Photo)

Monte Carlo Für den Blick auf die teuersten Jachten der Welt hat Swiss-Re-Chef Christian Mumenthaler keine Zeit. Im Halbstundentakt arbeitet er sich auch an diesem Sonntag von Termin zu Termin. Beim weltgrößten Branchentreff der Rückversicherer in Monte Carlo geht es schließlich darum, ein Gespür für Geschäfte, Verträge und Preise im kommenden Jahr zu erhalten.

Überall ein Thema: die Furcht der Branche, dass der Klimawandel die Gefahr von Naturkatastrophen und damit teuren Großschäden steigen lässt. Aus diesem Grund gehören die Rückversicherer schon seit vielen Jahren zu den eifrigsten Mahnern für mehr Klimaschutz.

Der repräsentative Pavillon der Swiss Re oberhalb des Jachthafens ist seit Jahren bereits Anlaufstelle für Kunden aus aller Welt. Mumenthaler ist am Vortag mit dem Flugzeug aus Zürich angereist, auch wenn der 50-Jährige das Fliegen mittlerweile für eine der größten Umweltsünden überhaupt hält. Aufgrund seiner vielen Termine in aller Welt kann er jedoch nur schwer darauf verzichten.

Schnell noch ein kleiner Snack vom Büfett, dann ist die nächste halbe Stunde für das Handelsblatt reserviert.

Was halten Sie von Greta Thunberg und der „Fridays for Future“-Bewegung?
Wir haben bereits im Jahr 1979 den Klimawandel als ein sich abzeichnendes Risiko und später als reales großes Risiko identifiziert. Seitdem waren wir vor allem bei der Aufklärung engagiert. Das war nur teilweise erfolgreich. Danach kam die Welle der vereinfachten Aussagen, die plötzlich mehr Resonanz gefunden haben. Jetzt jedenfalls ist der Druck endlich groß genug, dass etwas passiert.

Sind Sie Greta Thunberg schon einmal begegnet?
Nein.

Müsste nicht die Finanzindustrie mit ihrer gewaltigen Macht mehr Druck ausüben können als eine 16-jährige Schülerin?
Vor allem die Pensionskassen in den nordischen Ländern kümmern sich immer mehr darum, wie ökologisch die Unternehmen sind, in die sie investiert haben. Diese Welle schwappt gerade immer weiter in den Süden. Nun gibt es zum ersten Mal wirklich Druck auf alle Industrien, vor allem auf die Firmen, die viel CO2 ausstoßen. Das stimmt mich optimistisch. Jetzt müssen sich alle CEOs dieser Welt um das Klimaproblem kümmern.

Wie konkret bekämpft Swiss Re den Klimawandel?
Wir haben 2017 bei unserem Anlageprozess die ESG-Aspekte, die ökologische, soziale und Unternehmensführungsthemen berücksichtigen, konsequent integriert. Damit steuern wir alle unsere Anlagen, die sich auf über hundert Milliarden Dollar belaufen. Auch unterstützen wir keine Firmen mehr mit Versicherungsschutz, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle machen. Da gibt es jetzt aber auch in der Branche eine breite Front.

Wird Klimaschutz so irgendwann wichtiger als Wirtschaftswachstum?
Ich glaube nicht, dass sich dieses Dilemma so wirklich stellt. Stattdessen gehe ich davon aus, dass es Wachstum in einer nachhaltigeren und gesünderen Art geben wird. Am Anfang muss man sich um die einfacheren Lösungen kümmern. Was der Welt fehlt, ist der große Plan, mit welchen Maßnahmen und existierenden oder zukünftigen Technologien wir in allen Sektoren zu einem minimalen CO2-Ausstoß kommen könnten. Eine Energiewende lässt sich zum Beispiel wohl vollziehen, Alternativen für den Luftverkehr sind dagegen noch nicht absehbar.

Wir unterstützen keine Firmen mehr mit Versicherungsschutz, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle machen.

Es wird viel über eine CO2-Steuer diskutiert. Was halten Sie davon?
Wir haben einen Preis für Kohlendioxid immer unterstützt. Ich frage mich aber, ob das genügt. Und ob es politisch machbar ist. Das Risiko ist außerdem, dass die Leute zahlen und der CO2-Ausstoß zu wenig zurückgeht. Deshalb bräuchte es vor allem einen Gesamtplan, und dann müssen wir schauen, was für Einzelmaßnahmen es braucht, um die richtigen Anreize zu schaffen.

Klimaschützer werden jetzt einwenden: Wenn wir weiter warten, bis sich alle relevanten Staaten auf einen Gesamtplan geeinigt haben, wird nie etwas geschehen.
Wir brauchen einen wissenschaftlich glaubhaften Plan, aber die Einigung aller Staaten ist gar nicht notwendig. Es geschieht heute schon viel, aber die Einzelmaßnahmen von Firmen, Regierungen, NGOs sind einfach nicht effektiv koordiniert. Dies würde sich mit einem Gesamtplan ändern. Gerade Klimaschützer sollten großes Interesse daran haben. Zusammenarbeit ist hier das entscheidende Schlüsselwort.

Heiße Sommer, Wasserknappheit: Ist es zur Umsetzung eines solch gewaltigen Plans hilfreich, dass wir den Klimawandel in Deutschland zu spüren bekommen?
Das hilft natürlich. Wobei auch niemand ernsthaft mehr den Klimawandel leugnet. Wir werden uns als Menschen einfach anpassen müssen. Schließlich ist die Gesamtsituation so komplex, dass es an manchen Orten künftig mehr regnen oder gar kälter wird. Das lässt sich einfach nicht seriös vorhersehen.

Wie wichtig ist Deutschland beim globalen Klimaschutz?
Als eine der führenden Wirtschafts- und Technologienationen kann Deutschland bei der Ausarbeitung eines Gesamtplans eine führende Rolle einnehmen.

Als Versicherungsunternehmer fürchten Sie sich schon aus geschäftlichen Gründen vor den Schäden durch Naturkatastrophen. Welche Rolle spielt der Klimawandel?
Bei Waldbränden, Dürren und Überschwemmungen glaubt die Wissenschaft an einen klaren Zusammenhang. Weniger klar ist die Sache bei Hurrikans. Wald wird in der Regel außer in Skandinavien nicht versichert. Die Relevanz liegt für uns also in den Häusern, die im Wald stehen. Hier sind ähnlich wie an den Küsten zu geringe Vorsichtsmaßnahmen zu beobachten. Ein Teil der Anpassung wird also in diese Richtung gehen müssen, also zum Beispiel genügende Abstände zum Wald.

Mit dem Hurrikan „Dorian“ ist der erste Wirbelsturm der schwersten Kategorie fünf durch den Atlantik gezogen. Wie oft blicken Sie in diesen Tagen auf den Wetterbericht?
Theoretisch halte ich mich an die Stoiker und versuche, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich beeinflussen kann. In der Praxis ist das schwierig. „Dorian“ hat viel Schaden angerichtet, besonders auf den Bahamas, aber mit dem ursprünglich prognostizierten Verlauf hätte es noch viel schlimmer sein können.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die bisherige Rekordsumme von 340 Milliarden Dollar bei Naturkatastrophen aus dem Jahr 2017 womöglich bald wieder überschritten wird?
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Rekordsumme innerhalb der nächsten zehn Jahre erneut überschritten wird. Das liegt zum einen am Klimawandel, aber auch an der Wertkonzentration in sehr gefährdeten Gebieten der Welt wie in Kalifornien, Florida oder an der chinesischen Küste.

Wertkonzentration? Können Sie uns sagen, was Sie damit konkret meinen?
Ja, dort sind über Jahrzehnte unglaubliche Werte akkumuliert worden. Miami hatte beispielsweise in den 1940er-Jahren wenige Hunderttausend Einwohner, heute sind es sechs Millionen im Großraum Miami. In China lebten Anfang der 1980er-Jahre rund 200 Millionen Menschen in Städten, heute sind es 800 Millionen. Das heißt, selbst wenn die Wetterereignisse gleich bleiben würden, würde das Schadensausmaß immer größer.

Warum bauen die Menschen in gefährlichen Küstenregionen?
Die Menschen genießen das Wasser und die Küste. Auch ist die ökonomische Aktivität dort. Heute baut man aber bis ins Meer hinaus und denkt zu wenig an die Gefahr. Dabei ist auch die Konstruktionsqualität in den Ländern sehr verschieden. In Japan ist sie so streng, dass die Städte auch Erdbeben widerstehen. In den USA stehen dagegen häufig Holzkonstruktionen am Wasser.

Gibt es Regionen auf der Welt, die gar nicht versicherbar sind?
Man muss als Versicherer natürlich Risiken finden, welche nicht jedes Jahr eintreten. Insofern kommen mir keine Regionen in den Sinn, die nicht versicherbar sind. Der Unversicherbarkeit am nächsten kommen beispielsweise manche Flutzonen in Amerika, die fast jedes Jahr überflutet werden. Hier wurde am falschen Ort gebaut, und das lässt sich auch mit Versicherung nicht korrigieren.

Wird dieser Anteil bald schon steigen?
Ich sehe nicht, dass ganze Regionen in den nächsten 10 bis zwanzig Jahren betroffen sein werden. Der Klimawandel ist ein sehr schleichender Prozess.

Welche Bedeutung wird der Einsatz digitaler Technik künftig haben, ob bei der Prävention oder bei der schnelleren Erfassung von Schäden?
Die Bandbreite ist riesig. Das geht von der Erfassung von Daten über die Beschleunigung von Prozessen oder das Minimieren von Risiken. Und im Schadensfall kann schneller ausgezahlt werden.

Liegt der Vorteil dann eher in der Auswertung immer größerer Datenströme oder im Einsatz Künstlicher Intelligenz?
Das Thema Künstliche Intelligenz wurde sehr stark gehypt. IT wird natürlich ein Treiber sein, dabei gibt es jede Menge Algorithmen, die heutzutage alle unter dem Stichwort Künstliche Intelligenz laufen. Im Spezialgebiet Machine Learning gibt es zwar große Fortschritte, mit denen sich aber nur eine kleine Anzahl von Problemen dieser Welt analysieren und bewältigen lassen.

Bei all diesen Technologien gibt es auch keine Differenzierung für die Unternehmen, denn alle werden durch IT-Firmen Zugriff auf diese Technologien haben. Bei den Daten ist das anders, die hat nicht jeder. Hier ändern sich auch ständig die Regulierungsvorschriften. Das wird die große Herausforderung sein, Daten regulatorisch konform zu halten, zu verwenden und zu verwalten. Das ist aus meiner Sicht spezifischer und interessanter.

Hurrikan „Dorian“ wütete vor allem auf den Bahamas. Dort sind viele Menschen nicht versichert, wie in vielen ärmeren Regionen. Könnte man dieses Problem angesichts des vielen Kapitals, das weltweit zur Verfügung steht, nicht lösen?
In den armen Ländern liegt der geringe Schutz unter anderem daran, dass es dort keine Versicherer gibt. Oder es gibt sie, aber die meisten Leute können sich keine Versicherung leisten. Hier arbeiten wir seit Jahren mit Regierungen zusammen, gut funktionierende Risikotransfermechanismen auch für wirtschaftlich noch benachteiligte Regionen zu etablieren.

Am längsten etabliert ist eine Versicherungslösung, die für die meisten karibischen Staaten seit 2007 eine Deckung bietet, die bereits mehrmals ausgezahlt hat. Ähnliche Lösungen gibt es auch in Lateinamerika oder für pazifische Inselstaaten.

Was ist mit Afrika? Vor einem halben Jahr verwüstete der Zyklon „Idai“ Mosambik.
Es ist möglich, die Hauptrisiken für Länder wie Mosambik zu ermitteln und Versicherungslösungen anzubieten. Dies ist zum Beispiel eines der Services des Insurance Development Forum, einer Vereinigung der Versicherungsindustrie zusammen mit der Uno und der Weltbank. Es gibt genug Kapazitäten auf der Versicherungsseite. Das Problem ist, dass die Regierung dann Gelder auf die Seite legen muss, die sie sonst für andere Dinge verwenden könnte.

Aber es gibt erfolgreiche Beispiele, wie das Kenya Livestock Insurance Program, bei dessen Lancierung 2015 wir auch mitgewirkt haben. Das Programm wird von der kenianischen Regierung finanziert, um Viehhalter in abgelegenen Gebieten zu schützen. Mithilfe von Satellitenbildern wird der Zustand der Weidebedingungen in einer bestimmten Region durch Messung der Bodenfarbe beurteilt. Grün ist gut, aber wenn es gelb wird, bedeutet es sehr trockene Bedingungen, und dann wird Geld ausgezahlt, damit die Menschen Futter und Wasser für ihr Vieh kaufen können.

Wie hat das Thema Klimawandel die Privatperson Christian Mumenthaler verändert? Wie tun Sie?
Ich bin Physiker, insofern war mir diese Thematik schon lange bewusst. Zu Hause haben wir schon seit mehr als zehn Jahren eine Pelletsheizung mit Solaranlage und kaufen nur Ökostrom ein. Zudem haben wir ein Elektroauto. Trotzdem fahre ich jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit, weil ich noch nie gerne Auto gefahren bin. Aber auf das Fliegen kann ich in meiner Rolle natürlich nicht verzichten, deswegen sehe ich mich auch nicht als Vorbild. Das Fliegen bleibt eine der schlimmsten Umweltsünden.

Herr Mumenthaler, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Mehr als 2000 Rückversicherer kommen in diesen Tagen in Monte Carlo zusammen. Doch die Kritik an dem Branchentreff ist groß – wegen geringem Nutzen und immenser Kosten.

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