Dax-Konzern analysiert Die Deutsche Bank, ein Dauerpatient – der große Bilanzcheck

Deutschlands größte Bank lädt zur Hauptversammlung: Ein Blick in die Bilanz zeigt die enormen Herausforderungen für Vorstandschef Christian Sewing.
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„Die Deutsche Bank hat keine Chance gegen die Amerikaner“ – das sagt Fondsmanager Speich zur Strategie

FrankfurtVergnügungssteuerpflichtig waren die Hauptversammlungen der Deutschen Bank für das Topmanagement in den vergangenen Jahren nie. Eigentlich galt es nur, zwischen schlimmen und sehr schlimmen Aktionärstreffen zu unterscheiden. Nach dem jüngsten Kursrutsch, dem abrupten Führungswechsel, dem Abschied vom Anspruch einer globalen Investmentbank und den schwachen Zahlen für das erste Quartal dürfte am Donnerstag wieder eine sehr schlimme Hauptversammlung anstehen – vor allem für Paul Achleitner.

Wichtige Stimmrechtsberater machen den Aufsichtsratschef mitverantwortlich für die Dauermisere. Exemplarisch dafür steht die öffentliche Kritik des einflussreichen Aktionärsberaters Hermes: Achleitner trage eine Mitschuld an den diversen strategischen Kehrtwenden, zudem wecke der dritte Führungswechsel in seiner sechsjährigen Amtszeit ernste Zweifel an seinen Personalentscheidungen. Das Fazit von Hermes: Der Aufsichtsrat der Bank soll mit der Suche nach einem Nachfolger für Achleitner beginnen.

Der Aufsichtsratschef wurde 2017 für fünf Jahre wiedergewählt. Auf dieser Hauptversammlung können die Kritiker Achleitner also nur die Entlastung verweigern. Das wäre rechtlich nicht bindend, aber ein wichtiges Signal. Mit Glass Lewis hat ein großer US-Aktionärsberater seine Kunden bereits aufgefordert, Achleitner nicht zu entlasten.

Der einflussreichste der Hauptversammlungsberater, ISS, rät seinen Klienten hingegen, den Österreicher zu stützen, wenn auch nur, weil ein Wechsel an der Aufsichtsratsspitze so kurz nach dem turbulenten Ende der Ära John Cryan die Bank noch mehr destabilisieren würde.

Kurz nach Ostern musste Cryan seinen Job an der Spitze der Deutschen Bank aufgeben und wurde im Eilverfahren durch den bisherigen Privatkundenchef Christian Sewing ersetzt. Doch Cryans Uhr lief wohl schon Ende 2017 ab. Im vierten Quartal ging der Bank die Luft aus, und damit zeichnete sich für den Aufsichtsrat immer klarer ab, dass der Brite, den Achleitner 2015 selbst inthronisiert hatte, zwar glänzend analysieren konnte, wo die Probleme der Bank lagen, aber zu zögerlich bei der Umsetzung der harten Sanierungsschritte war. Diesen Job soll jetzt Sewing erledigen.

Wie schwierig die Aufgabe wird, zeigt ein Blick auf den Börsenkurs. Seit Sewings Ernennung ist die Deutsche-Bank-Aktie noch einmal um rund zehn Prozent gefallen und dümpelt damit nur noch knapp über dem Rekordtief vom Herbst 2016. Damals stürzte eine Multi-Milliarden-Forderung der US-Justiz die Bank in eine tiefe Vertrauenskrise.

Die Bank kämpft gegen zwei Hauptprobleme

An der Bilanz 2017 lässt sich ablesen, mit welchen Problemen die Frankfurter noch immer kämpfen: Es sind vor allem zwei Punkte, die Investoren und Aufsehern die Sorgenfalten auf die Stirn treiben: die Erosion der Einnahmen und das Verfehlen der Sparziele.

Die Nettoerträge sind allein im ‧vergangenen Jahr um rund zwölf Prozent auf 26,4 Milliarden Euro gesunken. Schon im Vorjahr waren die Einnahmen in vergleichbarer Größenordnung geschrumpft. Auf den ersten Blick hat die Bank das durch deutlich geringere Kosten auffangen können. Immerhin lagen die Aufwendungen mit 24,7 Milliarden Euro sogar 16 Prozent unter ihrem Vorjahreswert.

Doch diesen überdurchschnittlichen Rückgang verdankt die Bank vor allem der Tatsache, dass sie weniger für die Vergangenheitsbewältigung ausgeben musste. 2017 legte das Institut „nur“ noch 213 Millionen Euro für juristische Risiken zurück.

In den Jahren 2015 und 2016 wurden noch deutlich höhere Summen für Rechtsfälle, Wertminderungen, Restrukturierungen und Abfindungen fällig. Rechnet man die Ausgaben für Altlasten heraus, ergibt sich ein weniger schmeichelhaftes Bild. Die bereinigten Kosten sind 2017 gerade einmal um 3,5 Prozent auf 23,9 Milliarden Euro gesunken. Das bedeutet, dass die Einnahmen der Bank stärker gesunken sind als die bereinigten Kosten.

Wie dramatisch die Lage ist, macht ein Blick auf die Aufwand-Ertrags-Relation deutlich, die zeigt, wie viel eine Bank ausgeben muss, um einen Euro zu verdienen. Diese Kennziffer fällt für die Deutsche Bank zwar mit 93,4 Prozent enorm ungünstig aus, doch auf den ersten Blick hat sich der Wert in den vergangenen zwei Jahren stets etwas verbessert.

Legt man für die Kennziffer jedoch die bereinigten Kosten zugrunde, dann zeigt sich, dass sich die Effizienz in den vergangenen zwei Jahren kontinuierlich verschlechtert hat. Musste die Bank 2015 noch 78,8 Cent ausgeben, um einen Euro zu verdienen, waren es 2016 82,4 Cent und 2017 sogar 90,3 Cent.

Dieser beunruhigende Trend hat sich im ersten Quartal 2018, das in der Bankenbranche traditionell am stärksten ist, sogar noch fortgesetzt: Die bereinigte Aufwand-Ertrags-Relation ist weiter auf 0,91 gestiegen.

Kein Wunder, dass Investoren im Februar empfindlich reagierten, als die Bank ihr selbst gestecktes Kostenziel von 22 Milliarden Euro für dieses Jahr kassierte und auf 23 Milliarden Euro anhob. Die Ausgaben sind schließlich die Stellschraube in der Bilanz, die die Bank am ehesten selbst beeinflussen kann. Auch deshalb hat der neue Chef Sewing ehrgeizigere Sparanstrengungen aller Geschäftsbereiche verlangt.

Unter dem Strich hat die Bank 2017 in allen Sparten weniger verdient, im Investmentbanking ebenso wie im Privatkundengeschäft oder bei der Vermögensverwaltungstochter DWS. Als dann auch noch ein negativer Effekt durch die US-Steuerreform hinzukam, war klar, dass das Geldhaus den dritten Jahresverlust in Folge verbuchen musste. Ohne diese Sonderbelastung hätte die Bank zumindest wieder schwarze Zahlen geschrieben, das zeigt der Vorsteuergewinn von 1,2 Milliarden Euro.

Entwicklung im Investmentbanking ist besonders schmerzhaft

Besonders schmerzhaft ist die Entwicklung im Investmentbanking und dort vor allem in der einstigen Vorzeigesparte: dem Handel mit Anleihen, Devisen und Derivaten. Hier sind die Einnahmen der Bank seit der Finanzkrise von 8,6 Milliarden Euro auf 6,6 Milliarden Euro geschrumpft.

Viele Konkurrenten haben den Bereich längst zurückgestutzt, weil sie glauben, dass das Geschäft unter der neuen, sehr viel strengeren Regulierung nicht mehr funktioniert. Die Deutsche Bank wartete dagegen lange auf die Rückkehr der einstigen Gewinnmaschine. Bislang vergebens: 2017 hat der gesamte Bereich Corporate und Investmentbanking eine Minirendite von 1,3 Prozent erwirtschaftet. Kein Wunder, dass die Empörung groß war, als bekannt wurde, dass die Bank ihre Mitarbeiter dennoch mit Boni von 2,2 Milliarden Euro belohnen würde, vor allem um einen Exodus im Investmentbanking zu verhindern.

Als sich abzeichnete, dass sich die Erosion der Erträge auch im ersten Quartal 2018 fortsetzen würde, waren Cryans Tage als Vorstandschef endgültig gezählt. Sewing will jetzt die harten Entscheidungen umsetzen, die bereits seit einiger Zeit in der Schublade lagen, aber nicht ausgeführt wurden. Dazu gehört strikte Kostendisziplin genauso wie ein Gesundschrumpfen des Investmentbankings. Letzteres soll sich künftig auf die Geschäftsfelder und Regionen konzentrieren, in denen die Sparte ihre Kapitalkosten verdient. Sewing hat angekündigt, dass das Institut sein Zinsgeschäft in den USA deutlich verkleinern will.

Zudem wird die Bank ihr Aktiengeschäft weltweit überprüfen. Bei der Beratung von Unternehmen bei Wertpapierplatzierungen und Fusionen wollen sich die Frankfurter in Asien und den USA aus Bereichen zurückziehen, die nicht international relevant sind. Am Ziel, in zwei oder drei Jahren eine Eigenkapitalrendite von um die zehn Prozent zu erreichen, will der neue Chef trotz des anspruchsvollen Umbauprogramms nicht rütteln.

Wie heikel die Sanierungsaufgabe ist, zeigt die Skepsis der Ratingagenturen. Standard & Poor’s prüft eine Herabstufung der Bonitätsnote, Moody’s und DBRS haben die Einstufung mit einem negativen Ausblick versehen. Analyst Amit Goel von Barclays fürchtet, dass eine Verschlechterung des Ratings der Katalysator für eine weitere Abwärtsspirale sein könnte.

Viele seiner Kollegen bezweifeln, dass Sewings Umbaupläne ausreichen werden, um die Bank zu stabilisieren. Einige bringen bereits wieder radikale Schritte wie eine Fusion mit der Commerzbank ins Spiel. Steve Eisman, der Star-Stratege des Vermögensverwalters Neuberger Berman, fürchtet, dass die Frankfurter trotz sechs Kapitalerhöhungen seit der Finanzkrise bereits 2019 noch einmal ihre Aktionäre anpumpen müssen, um frische Mittel einzusammeln.

Allen Experten gemeinsam ist, dass sie mehr Details zum Umbau der Bank fordern. Auf der Hauptversammlung am Donnerstag dürfte Sewing den Schleier zumindest ein bisschen weiter lüften. Ob er aber damit den Unmut der Aktionäre besänftigen kann, darf bezweifelt werden.

Die Stärken und Schwächen der Deutschen Bank
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4 Kommentare zu "Dax-Konzern analysiert: Die Deutsche Bank, ein Dauerpatient – der große Bilanzcheck"

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  • @Herr Peter Kastner:
    DANKE - für Ihren Kommentar.
    Da stimmt wohl der Spruch: "Der Fisch stinkt vom Kopf"

    Kann mir mal jemand erklären, warum der Achleitner nach dem Kursverlust der Allianz den Niedergang der Deutschen Bank "betreuen" durfte?
    Wie wird da die Personalauswahl getroffen?
    Warum dürfen unfähige Personen öfters ans Ruder?
    Warum werden sie nicht rechtzeitig abgelöst?

  • Danke für diese ausführliche Analyse.

  • Ich zitiere einen anderen kundigen Kommentator (Leser) der FAZ:
    Am 31.05.2012 wechselte Paul Achleitner von der Allianz zur Dt. Bank.
    Die Bilanz von Achleitners Zeit als Finanzvorstand der Allianz war ein Kursverlust von 75 Prozent.
    Ähnlich verheerend ging es danach mit Achleitner bei der Dt. Bank weiter. Als Aufsichtsratsvorsitzender begleitete Achleitner dort einen Kursverlust von 56 Prozent.
    Wohlgemerkt: Der enorme Kursverlust der Dt. Bank in der Ära Achleitner war nicht einer allgemeinen Marktschwäche geschuldet, sondern hausgemacht.
    Dies zeigt sich deutlich, wenn man zum Vergleich die zeitgleiche Kursentwicklung der Allianzaktie heranzieht (also nach Achleitners Wechsel zur Dt. Bank). Das Bild ist klar:
    Während sich der Kurs der von Achleitner heimgesuchten Dt. Bank mehr als halbierte, stieg der Kurs der Allianz nach Achleitners Fortgang auf das Zweieinhalbfache.

  • Achleitner muss weg, schließlich hat er auch die Bonis, die Cryan genehmigt hat, durchgewunken. Über zwei Milliarden Euro Boni sind 10 % der Marktkapitalisierung der Deutschen Bank.

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