Deutsche Börse und LSE „Viele Dinge sind anders als 2004“

Die Deutsche Börse wirbt weiter für eine Fusion mit der London Stock Exchange. Vorstandsmitglied Jeffrey Tessler erklärt im Interview, warum ein Zusammenschluss auch das Wachstum in Europa treiben würde.
Die Deutsche Börse will mit der London Stock Exchange fusionieren. Quelle: dpa
Deutsche Börse

Die Deutsche Börse will mit der London Stock Exchange fusionieren.

(Foto: dpa)

Frankfurt/BerlinJeffrey Tessler ist 2004 erst ein paar Wochen bei der Deutschen Börse, als ihn der damalige Vorstandschef Werner Seifert in sein Büro ruft. Das Unternehmen wolle die London Stock Exchange (LSE) übernehmen, offenbart Seifert – und Tessler fällt aus allen Wolken. Seitdem hat der Deutsche-Börse-Vorstand diverse Fusionsversuche von Deutschlands größtem Börsenbetreiber begleitet. Sie scheiterten allesamt. Doch beim aktuellen Anlauf, mit der LSE zu verschmelzen, stehen die Chancen aus Sicht von Tessler so gut wie nie. „Viele Dinge sind anders als 2004“, sagte er in einem am Donnerstag veröffentlichten Reuters-Interview.

„Wir haben von früheren Versuchen gelernt, die handelnden Personen sind andere, und das Umfeld hat sich signifikant geändert“, erläuterte der 61-jährige Amerikaner. „Europa steht am Scheideweg. Es braucht Wirtschaftswachstum.“ EU-Finanzmarktkommissar Jonathan Hill treibe deshalb eine Kapitalmarktunion voran – eine starke Finanzmarktmarkt-Infrastruktur sei dafür unabdingbar. „Für die Kapitalmarktunion ist es von entscheidender Bedeutung, einen der weltgrößten Börsenbetreiber zu haben. In dieser Hinsicht ist das Timing der Fusion perfekt.“

Seit 2004 ist der Amerikaner Mitglied des Vorstands der Deutschen Börse. Quelle: PR
Jeffrey Tessler

Seit 2004 ist der Amerikaner Mitglied des Vorstands der Deutschen Börse.

(Foto: PR)

Mit dieser Argumentation dringt die Deutsche Börse einem Insider zufolge auch bei der Bundesregierung durch. „Ich finde es schlüssig, dass wir einen größeren europäischen Anbieter brauchen“, sagte ein ranghohes Regierungsmitglied Reuters. „Die US-Börsen sind viel größer. Deshalb muss etwas getan werden.“ Tessler verweist in diesem Zusammenhang auf den Bankensektor, wo es keinen europäischen Champion gebe. Hier geben US-Institute seit Jahren den Ton an. „Das Gleiche sollte im Bereich Finanzmarkt-Infrastruktur nicht passieren, besonders wegen der Bedeutung für die Kapitalmarktunion“, erklärte Tessler.

Zusammen wären Deutsche Börse und LSE derzeit über 25 Milliarden Euro wert und würden damit nahe an die beiden großen US-Konkurrenten CME und ICE heranrücken. Die ICE könnte das allerdings noch verhindern und die geplante Fusion torpedieren. Die Amerikaner müssen bis Anfang Mai entscheiden, ob sie eine Gegenofferte für die LSE vorlegen oder nicht.

Tessler ist bei der Deutschen Börse seit Anfang das Jahres für das neu geschaffene Mega-Ressort Kunden, Produkte und Märkte zuständig, das rund drei Viertel der Konzernerlöse einfährt. In ihm sind das Derivate-, Abwicklungs- und Wertpapierverwahrgeschäft gebündelt. Im Derivatehandel müssen Banken und andere Investoren Sicherheiten bei Abwicklungshäusern wie der Deutsche-Börse-Tochter Eurex Clearing hinterlegen. Die Clearinghäuser springen ein, falls ein Handelspartner ausfällt. So soll die Sicherheit des Finanzsystems erhöht werden.

„Sicherheiten sind das Lebensblut des Finanzsystems“

Die größten Börsenbetreiber der Welt
Platz 10: BM&F Bovespa
1 von 10

Die Bedeutung der brasilianischen Börse hat in den vergangenen Monaten stark gelitten. Das Land steckt tief in der Rezession. Neben den hausgemachten Problemen lastet auch die globale Konjunktureintrübung auf dem südamerikanischen Schwellenland. Die Börse in Brasilien hat sich dementsprechend katastrophal entwickelt. Auf Jahressicht hat der Bovespa über 15 Prozent verloren. Hinsichtlich der Marktkapitalisierung reicht es deswegen nur für den zehnten Platz.

Marktkapitalisierung: 4,6 Milliarden Euro*

*Stand: 23. Februar 2016

Platz 9: Singapore Exchange
2 von 10

Die Singapore Exchange ist 1999 aus der Fusion der Stock Exchange of Singapore und der Singapore International Montary Exchange hervorgegangen. Insgesamt sind knapp 800 Unternehmen an der Börse in Singapur gelistet.

Marktkapitalisierung: 5,0 Milliarden Euro

Platz 8: ASX
3 von 10

Der Preisverfall an den Rohstoffmärkten hat auch Australien hart getroffen. Vor allem die Geschäfte mit dem Hauptabnehmer China verlaufen schleppend. Die jahrelang glänzend verlaufenden Geschäfte im Eisenerzhandel sind nicht mehr so gewinnbringend. Auf Jahressicht hat die ASX knapp 15 Prozent verloren. Das ging an der Marktkapitalisierung nicht spurlos vorbei.

Marktkapitalisierung: 5,3 Milliarden Euro

Platz 7: Japan Exchange Group
4 von 10

Die Börse in Tokio hat ein lange Geschichte. Gegründet wurde sie 1878. Seit 1999 gibt es keinen Parketthandel mehr, sondern nur noch den elektronischen Börsenhandel. Neben dem Tokyo Stock Exchange existierte noch die Osaka Securities Exchange, 2011 fusionierten sie. Die Japan Exchange Group ging 2013 an den Start und ist laut Marktkapitalisierung die siebtgrößte der Welt.

Marktkapitalisierung: 7,6 Milliarden Euro

Platz 6: Nasdaq
5 von 10

Die Nasdaq startete im Februar 1971 als vollelektronische Handelsplattform. Ihre ganz große Zeit hatte die Nasdaq in den 90er-Jahren. Inzwischen muss sie hart um Marktanteile kämpfen. Das Wahrzeichen der Börse im Herzen New York ist die Wand mit Bildschirmen. Hinsichtlich der Marktkapitalisierung liegt die Nasdaq zwar noch vor der Japan Exchange Group, doch der Abstand zu den Spitzenplätzen ist groß.

Marktkapitalisierung: 9,5 Milliarden Euro

Platz 5: London Stock Exchange
6 von 10

Die London Stock Exchange (LSE) könnte bald mit der Deutschen Börse fusionieren. Das Interesse der Deutschen ist allerdings nicht neu. Bereits 2004 buhlten die Deutsche Börse um die LSE. Damals scheiterten die Verhandlungen, weil den Londonern das Angebot zu niedrig war. Die LSE ist mit 3000 handelnden Unternehmen aus über 70 Ländern der internationalste aller Handelsplätze und über 300 Jahre alt.

Marktkapitalisierung: 12,2 Milliarden Euro

Platz 4: Deutsche Börse
7 von 10

Bei einem Zusammenschluss könnte das fusionierte Unternehmen aus Deutscher Börse und LSE zu einem der größten Börsenbetreiber der Welt aufsteigen. Aktuell liegen die Deutschen schon auf Platz 4.

Marktkapitalisierung: 15,9 Milliarden Euro

Seit der Finanzkrise sei das Bedürfnis aller Akteure gestiegen, sich abzusichern, sagt Tessler. „Sicherheiten sind das Lebensblut des Finanzsystems.“ Und durch eine Fusion von Deutscher Börse und LSE könnten Geldhäuser ihre Sicherheiten noch effektiver einsetzen. Im Derivategeschäft könnten Banken gegenläufige Positionen, die sie bei Eurex Clearing und der LSE-Tochter LCH.Clearnet haben, gegeneinander aufrechnen. Absichern müssten die Institute dann nur ihre offenen Positionen.

„Wenn sie weniger Sicherheiten für den Handel brauchen, hätten sie zusätzliche Mittel zur Verfügung, um Geld an Unternehmen zu verleihen und das Wachstum in Europa anzukurbeln“, sagte Tessler. „Ein Übermaß an Sicherheiten vorzuhalten ist nicht zuträglich für die Wirtschaft. Banken brauchen das richtige Maß an Sicherheiten für die Risiken, die sie auf Nettobasis eingehen.“

Einem Bericht des Wirtschaftsmagazins „Economist“, das vor steigenden Risiken für das Finanzsystem durch die Fusion warnte, widersprach Tessler. „Wir haben ausgeklügelte Risiko-Management-Systeme, die berechnen, wie viel Sicherheiten unsere Kunden hinterlegen müssen. Wenn wir diese Systeme mit den Daten von Eurex Clearing und LCH.Clearnet füttern könnten, würde das die Sicherheit des Finanzsystems erhöhen.“

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