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EU-Austritt Großbritanniens Banken haben sich auf einen harten Brexit vorbereitet – Ihre Kunden jedoch kaum

Die Bundesbank sieht bei vielen Unternehmen noch Nachholbedarf, wenn es darum geht, sich für einen chaotischen Brexit zu wappnen. Auch die Geldhäuser sind besorgt.
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Viele Banken wappnen sich für einen ungeordneten EU-Austritt Großbritanniens. Quelle: Moment Select/Getty Images
Bankenviertel in London

Viele Banken wappnen sich für einen ungeordneten EU-Austritt Großbritanniens.

(Foto: Moment Select/Getty Images)

Frankfurt Der Brexit rückt unaufhaltsam näher. In anderthalb Monaten will Großbritannien aus der Europäischen Union austreten. Und nach wie vor ist unklar, ob sich beide Seiten bis dahin auf eine geordnete Trennung verständigen. Andernfalls droht ein harter Brexit – und der könnte Unternehmen aus der Realwirtschaft heftiger treffen als den Finanzsektor.

„Die Finanzaufsicht und die Banken haben große Anstrengungen unternommen, um sich auf einen harten Brexit vorzubereiten“, sagt Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling im Gespräch mit dem Handelsblatt. Gefahren für die Finanzstabilität sehe er deshalb nicht. „Sorgen macht mir allerdings, dass sich viele Unternehmenskunden der Institute bisher nur unzureichend mit den Folgen des Brexits für ihre Finanzgeschäfte beschäftigt haben.“ Nachholbedarf gibt es vor allem im Mittelstand – dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

„Es ist notwendig, dass eine Vielzahl von Verträgen angepasst wird, damit Geschäfte auch im Fall eines harten Brexits fortgesetzt werden können“, mahnt Wuermeling. Die Geldhäuser hätten deshalb alle Kunden angeschrieben und darum gebeten, laufende Verträge „Brexit-sicher“ zu machen. „Aber die Rückmeldungen waren nach Aussagen vieler Banken bisher verhalten“, berichtet der Bundesbank-Vorstand. „Wir appellieren daher an alle Unternehmen und Privatkunden, auf entsprechende Aufforderungen von Banken spätestens jetzt zu reagieren. Im schlimmsten Fall können wichtige Vertragsbeziehungen nicht fortgesetzt und notwendige Transaktionen nicht getätigt werden.“

Auch die Geldhäuser sind besorgt über die Trägheit mancher Kunden. Die größten Unternehmen eines Sektors oder Landes seien vermutlich gut auf den Brexit vorbereitet, erklärt die Deutsche Bank. „Engpässe sehen wir jedoch bei kleineren und mittleren Unternehmen.“

Viele Firmen hätten die Brexit-Schreiben der Banken erst einmal beiseitegelegt und sie dann anscheinend vergessen, sagt Oliver Wagner, der Geschäftsführer des Verbands der Auslandsbanken in Deutschland (VAB). „Wir reden hier nicht über Dax- oder MDax-Konzerne, sondern eher über größere Mittelständler und größere Familienbetriebe.“

Dabei ist es laut Wagner wichtig, dass Firmen prüfen, ob sie Kredit- oder Konsortialverträge mit Geschäftspartnern in London anpassen müssen. Bereichsvorstand Jan-Philipp Gillmann von der Commerzbank warnt zudem davor, dass sich bei einem ungeregelten Brexit Warenlieferungen und die damit verbundene Zahlungen erheblich verzögern könnten.

Das könne zu Liquiditätsengpässen bei Lieferanten führen, sagt Gillmann. „Dies sollten die Vertragspartner einkalkulieren und vertraglich regeln, zum Beispiel bei Akkreditiven.“ Darüber hinaus sollten sich die Unternehmen aus Sicht von Gillmann gegen Währungsrisiken absichern.

Mario Ohoven, der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), sieht dem Brexit-Stichtag mit wachsender Sorge entgegen. In einer Umfrage seines Verbandes haben fast 25 Prozent der betroffenen Mittelständler angegeben, ihr Unternehmen sei nicht gut auf den Brexit vorbereitet. „Diese Zahl ist besorgniserregend“, sagt Ohoven.

„Hier besteht akuter Nachholbedarf.“ Marc Tenbieg, der geschäftsführende Vorstand des deutschen Mittelstands-Bunds (DMB), verweist darauf, dass viele kleinere Unternehmen keine großen juristischen Abteilungen haben und dementsprechend nur zeitverzögert auf stark veränderte Rahmenbedingungen durch einen Brexit reagieren können. „Leider hören wir immer wieder, dass ein vollumfassender Plan illusorisch ist.“

Aufgrund von Übergangsgesetzen auf deutscher und europäischer Ebene können viele bestehende Verträge zwischen einheimischen Unternehmen und Finanzinstituten in London nach dem Brexit 21 Monate lang fortgesetzt werden. „Doch zahlreiche Erleichterungen im Geschäftsverkehr, die der EU-Binnenmarkt mit sich bringt, fallen von jetzt auf gleich weg“, warnt Bundesbank-Vorstand Wuermeling. VAB-Geschäftsführer Wagner geht etwa davon aus, dass sich Verträge nach britischem Recht nach dem Brexit im Klagefall in Deutschland nicht mehr so einfach durchsetzen lassen wie bisher.

Herausforderungen kommen auf die Firmen auch im Neugeschäft zu. „Wenn Verträge nicht angepasst werden, kann ein Unternehmen möglicherweise eine übliche Änderung in einem Derivatekontrakt nicht mehr vornehmen oder eine bisher bestehende Kreditlinie eines britischen Finanzinstituts nicht mehr in Anspruch nehmen“, warnt Wuermeling.

Vermutlich könne das Unternehmen einen ähnlichen Kredit von der Frankfurter oder Pariser Niederlassung des Instituts bekommen. „Aber das geht nicht von heute auf morgen.“ Denn die Verträge müssen in diesem Fall auf eine andere rechtliche Einheit umgeschrieben werden. „Bankkunden sollten also nicht davon ausgehen, dass jede Geschäftsbeziehung mit einem Finanzinstitut aus dem Vereinigten Königreich künftig eins zu eins so fortgesetzt werden kann“, sagt Wuermeling.

Warten auf die Umzugswelle

Banken brauchen eine Niederlassung mit Banklizenz in der EU, wenn sie nach dem Brexit weiter grenzüberschreitende Geschäfte in Europa machen wollen. Mehr als 45 Finanzinstitute haben deshalb eine Dependance in Deutschland aufgebaut oder bestehende Filialen erweitert.

Die Finanzaufsicht habe viele neue Lizenzen erteilt und werde bis Ende März noch weitere Verfahren abschließen, sagt Wuermeling. „Bei einigen kleineren Instituten wird es dagegen noch etwas länger dauern – sie werden deshalb erst mit einer gewissen Verzögerung von Frankfurt aus operieren können. Diese Institute haben entweder ihre Anträge oder die nötigen Unterlagen zu spät eingereicht.“

Bei den Banken, die sich in Deutschland niederlassen, fordert Wuermeling eine ausreichende Personalausstattung, „damit ein Institut in allen wesentlichen Funktionen aus sich heraus handlungsfähig ist – etwa in der Banksteuerung, im Handel und ganz besonders im Risikomanagement“.

Banken hätten deshalb Mitarbeiter aus London verlagert und Mitarbeiter in Frankfurt neu akquiriert. „Beides ist nicht einfach. Aber unter dem Strich ist es aus meiner Sicht gelungen, alle wesentlichen Funktionen zu besetzen“, sagt Wuermeling.

Die Zahl der zusätzlichen Arbeitsplätze, die wegen des Brexits in Frankfurt entstanden sind, ist bisher allerdings niedriger als von vielen anfangs erwartet. „Die Banken haben Schlüsselpositionen beim Aufbau von Filialen besetzt, beispielsweise in den Bereichen Risikomanagement und Compliance“, berichtet Personalberaterin Nicola Sievers von Inner Circle Consultants.

Im Handel sei es dagegen noch nicht zu größeren Verlagerungen gekommen. „Hier haben viele Institute einen Plan in der Schublade“, sagt Sievers. „Aber sie haben noch nicht auf den Startknopf gedrückt.“ Die Unsicherheit, wie das Verhältnis zwischen London und der EU künftig aussehen werde, sei noch zu groß.

Die Analysten der Landesbank Hessen-Thüringen gehen davon aus, dass die Zahl der Bankbeschäftigten in Frankfurt im Zuge des Brexits ab diesem Jahr spürbar steigen wird. Mittelfristig rechnen sie mit mindestens 8 000 neuen Finanzjobs.

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