Europa-Chef Tan Chong Lee „Wir suchen weiter nach Unternehmen in Deutschland“ – Temasek will Einkaufstour fortsetzen

Der Europa-Chef des singapurischen Staatsfonds Temasek spricht im Interview über ertragsreiche Investments in Europa und welche Folgen der Handelskrieg haben könnte.
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Bei Investments legt sich Temasek keine regionalen Beschränkungen auf, sagt der Europa-Chef im Handelsblatt-Gespräch. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
Tan Chong Lee

Bei Investments legt sich Temasek keine regionalen Beschränkungen auf, sagt der Europa-Chef im Handelsblatt-Gespräch.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

Deutsche Konzerne, Mittelständler und Start-ups stehen bei asiatischen Investoren weiterhin hoch im Kurs. Temasek, die staatliche Investmentgesellschaft aus Singapur, will auch nach ihrem milliardenschweren Einstieg beim Pharmakonzern Bayer ihre Einkaufstour hierzulande fortsetzen. Europa-Chef Tan Chong Lee findet im Interview mit dem Handelsblatt viel Lob für den deutschen Mix aus Großkonzernen und Mittelstand.

Herr Tan, Sie haben sich kürzlich mit einem Investment von drei Milliarden Euro einen Anteil von gut vier Prozent am Pharmakonzern Bayer gesichert. Was gefällt Ihnen an Deutschland und speziell an Dax-Konzernen so gut?
Wenn wir eine gute Gelegenheit sehen, dann nehmen wir auch schon mal viel Geld in die Hände, um einen großen Minderheitsanteil zu kaufen. Bayer war für uns so eine Chance, denn nach der Übernahme des US-Saatgutherstellers Monsanto entsteht ein Weltmarktführer im Pflanzenschutzsektor. Davon werden wir profitieren. Und in der Pharma- und Chemiebranche wird es weitere Zusammenschlüsse geben, das stützt die Aktienkurse.

Das sehen Analysten auch so, trotzdem investiert nicht jeder Staatsfonds Milliarden.
Als zukunftsgerichtete Investmentgesellschaft haben wir auch die langfristigen globalen Trends im Blick, die Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig verändern. Dazu gehören ein steigender Wohlstand und eine längere Lebensdauer. Ein Beispiel: Die verfügbare Ackerfläche weltweit wächst nicht. Deshalb wird Nutzpflanzenanbau bei steigenden Bevölkerungszahlen immer wichtiger. Wir denken da langfristig, also in Generationen.

Haben Sie Appetit auf weitere deutsche Konzerne bekommen?
Wir haben keine regionalen Limits bei unseren Investments. Aber um die Frage konkret zu beantworten: Ja, wir suchen weiter nach Unternehmen in Deutschland. Wir haben erfahrene deutschsprachige Senior Manager eingestellt, die uns helfen, unseren Fokus auf Deutschland zu richten.

Aktivisten mischen heute etwa bei Thyssen-Krupp mit. Reizt es Sie, da ebenfalls einzusteigen?
Nein, wir konzentrieren uns auf gut geführte Unternehmen. Es ist unwahrscheinlich, dass wir in Konfliktsituationen hineingeraten, in denen beispielsweise das Management ausgetauscht oder das Geschäftsmodell geändert wird. Globale Trends, die das Leben der Menschen für die nächsten 20 bis 30 Jahre prägen werden – das ist unser Fokus und wir wollen Unternehmen finden, die als Marktführer oder als sogenannte „Emerging Champions“ gelten und von den Trends profitieren.

Was reizt Sie dann noch am deutschen Markt?
Die Mischung aus großen Konzernen, Mittelstand und kleineren Firmen ist sehr gesund, das gilt auch für das Verhältnis von börsennotierten und familiengeführten Unternehmen. Und viele haben eine starke Präsenz in Asien, das ist die Wachstumsregion schlechthin.

Im Mittelstand haben Sie aber noch nichts gekauft.
Bislang noch nicht, aber wir haben einen guten Draht zu einigen Mittelständlern aufgebaut. Die Unternehmen sind in Deutschland sehr dezentral organisiert, daher braucht es Zeit, ein Netzwerk zu entwickeln. Wir nehmen nur Minderheitspositionen ein, um das langfristige Wachstum zu unterstützen, das passt in die Philosophie der Familienunternehmer.

Sie beschäftigen Topberater wie Franz Fehrenbach von Bosch und Ex-Allianz-Chef Michael Diekmann. Wir dachten, mit deren Hilfe wären Sie im Mittelstand weitergekommen.
Der Mittelstand ist hart umkämpft, vor allem Private-Equity-Fonds mischen hier mit. Diese wollen zumeist Mehrheiten an den Firmen erlangen, was den Familienunternehmern oft nicht so gut gefällt. Mit unserem Ansatz, nur Minderheitsanteile zu kaufen, können wir da punkten.

Welche Renditen erwarten Sie aus Ihren Investments?
Das ist ganz unterschiedlich, je nach Risikoprofil der jeweiligen Branche. Je höher das Risiko, desto höher ist unsere erwartete Mindestrendite. Wir suchen beispielsweise auch Deals mit Start-ups in Berlin, da haben wir natürlich höhere Renditeerwartungen als bei etablierten Konzernen. Seit Gründung von Temasek 1974 lag die annualisierte Gesamtrendite für unseren Anteilseigner bei rund 15 Prozent.

Start-ups in Berlin? Das ist neu für Temasek. Was suchen Sie?
Die Bereiche E-Commerce und Transport sind interessant für uns, Fintechs gehören auch dazu. Wir haben schon Erfahrungen mit vergleichbaren Plattformen in China, Indien und Indonesien. Und wir haben zwei Finanzierungsrunden beim niederländischen Online-Zahlungsdienstleister Adyen mitgemacht, was sich beim Börsengang ausgezahlt hat.

Sie sind viel unterwegs. Schreckt Sie ein Handelskrieg zwischen den USA und China?
Natürlich beobachten wir das. Ein Handelskrieg könnte viele Sektoren betreffen; als zukunftsorientierte Investmentgesellschaft orientieren wir uns jedoch mehr an langfristigen Trends.

Welche negativen Folgen befürchten Sie?
Das Umfeld trübt sich im Vergleich zum Vorjahr ein. Das hat aber nicht nur mit den Handelskonflikten zu tun. Es gibt Spekulationen im Markt, dass die USA im kommenden Jahr oder 2020 in eine Rezession rutschen werden. Themen wie ein US-Konjunkturzyklus auf dem Zenit, steigende Leitzinsen spielen da eine Rolle. Vor diesem Hintergrund sind wir etwas vorsichtiger geworden und haben das Tempo bei unserer Investitionstätigkeit etwas gedrosselt.

Aber wir finden auch, dass Korrekturen an den Märkten gute Einstiegschancen bieten. Wir verfügen über ausreichend Liquidität und eine entsprechende Netto-Cash-Position. Wir können einer Korrektur standhalten und Unternehmen Liquidität zur Verfügung stellen. Aber die nächsten fünf Jahre werden sicher eine Herausforderung für uns alle.

Herr Tan, vielen Dank für das Gespräch.

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