Fed-Sitzung Die US-Notenbank muss sich heute gegen Trump behaupten

Die Fed und ihr neuer Chef Jerome Powell brauchen neben ökonomischer Weisheit immer mehr politisches Geschick. Anleger werden auf jedes Signal lauern.
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Powell ist Jurist und hat lange Erfahrung in der Politik und in der Beteiligungsbranche. Quelle: dpa
Jerome Powell

Powell ist Jurist und hat lange Erfahrung in der Politik und in der Beteiligungsbranche.

(Foto: dpa)

New York, FrankfurtEin guter Notenbankchef braucht drei herausragende Fähigkeiten. Er muss als Ökonom die wirtschaftliche Entwicklung richtig einschätzen, er muss die Kapitalmärkte verstehen, und er muss sich auf den Umgang mit Politikern verstehen.

Über Jerome Powell, den neuen Chef der US-Notenbank (Fed), sagte neulich ein regionaler Fed-Chef: „Im ersten Punkt reicht Jay nicht an seine Vorgänger heran. Aber in den beiden anderen Punkten ist er ihnen überlegen. Damit ist er der richtige Fed-Chef für die USA unter Präsident Donald Trump.“

Wenig später sollte sich zeigen, wie sehr „Jay“, wie Powell meist genannt wird, seine politische Gewitztheit im Laufe seiner im Winter gerade erst angelaufenen vierjährigen Amtszeit brauchen wird. Vor zwei Wochen brach der US-Präsident mit der Tradition, sich nicht in die Geldpolitik einzumischen.

Er sei „nicht begeistert“ von der Zinspolitik der Fed, sagte Trump im Interview mit dem Börsensender CNBC und legte kurz darauf mit einem Tweet nach. Die Zinsen weiter anzuheben würde „die USA für den wirtschaftlichen Erfolg bestrafen“, argumentierte der US-Präsident. Lieber sollte das Land einiges von dem wieder aufholen dürfen, was durch „Währungsmanipulation und schlechte Handelsverträge verloren wurde. Unsere Schulden werden fällig, und wir heben die Zinsen an – echt jetzt?“, monierte Trump.

Ihn stört besonders, dass die Fed die Zügel anzieht, während andere Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan weiter bei ihrer Nullzinspolitik bleiben. Damit bekommt Powell gefährlichen Druck, während allein schon die wirtschaftliche Entwicklung schwer einzuschätzen ist.

EZB-Präsident Mario Draghi hat in der letzten Woche Trumps Vorwurf, mit niedrigen Zinsen den Euro künstlich zu drücken, weggewischt. „Wir befinden uns an einem anderen Punkt des wirtschaftlichen Zyklus“, sagte er. Die Fed hat hingegen bei ihrer Sitzung am Mittwoch wenig Gelegenheit, auf Trumps Angriff zu reagieren. Es ist keine Pressekonferenz vorgesehen, und niemand rechnet damit, dass der Leitzins angehoben wird. Seit Juni ist eine Spanne von 1,75 bis 2,0 Prozent vorgegeben. Die Investoren werden trotzdem darauf lauern, ob sich in der Stellungnahme der Fed ein Hinweis auf die weitere Entwicklung findet.

Michael Feroli, Fed-Experte bei JP Morgan, erwartet allenfalls winzige sprachliche Änderungen. Etwa, dass die Arbeitslosigkeit nicht als „gesunken“, sondern einfach als „niedrig“ bezeichnet wird. Das würde auch zu Powells Stil passen, der sich im Vergleich zu anderen Geldpolitikern erfrischend knapp und direkt auszudrücken pflegt.

Attacken aus dem Weißen Haus

Die Fed hat dieses Jahr den Zins zweimal um je einen Viertelprozentpunkt angehoben. Die meisten Experten erwarten, dass noch zwei solcher Schritte folgen. Denn die US-Wirtschaft brummt, auch durch Trumps Steuerreform angeheizt. Verfolgt Powell weiter den Kurs zur Straffung der Geldpolitik, riskiert er nochmalige Attacken aus dem Weißen Haus. Reagiert er hingegen vorsichtiger und erhöht die Zinsen nur einmal, dann könnte das als Einknicken vor der Politik gedeutet werden, auch wenn es vielleicht ganz andere Gründe hat.

Die wirtschaftliche Situation gibt zurzeit ebenfalls Rätsel auf. Die US-Konjunktur läuft sehr gut. Gerade hat US-Finanzminister Steven Mnuchin gesagt, dass er bis auf Weiteres mit Wachstumsraten um die drei Prozent rechnet, womit Trump ein wichtiges Wahlversprechen einlösen würde. Viele Ökonomen fürchten aber eine Überhitzung und damit eine stärkere Inflation.

Auf der anderen Seite gibt es auch Argumente, die für eine vorsichtige Gangart sprechen. An den Märkten macht an diesen Tagen der Begriff „Powell Put“ die Runde. Gemeint ist damit die Erwartung, dass die Fed die Renditen kurzfristiger Staatsanleihen unter denen der langfristigen halten wird.

Schon jetzt ist die Zinskurve, welche die kurz- und langfristigen Renditen abbildet, so flach wie seit Jahren nicht mehr. Der Langfristzins liegt bei drei Prozent, und die kurzfristigen Sätze nähern sich dieser Marke, auch durch die Geldpolitik der Fed getrieben. Eine Inversion, bei der Kurzläufer mehr einbringen als Langläufer, gilt als Vorbote einer Rezession.

Hoffen auf den „Powell Put“

Der Powell Put ist eine Anspielung auf den früheren Fed-Chef Alan Greenspan. Von ihm erwarteten die Anleger, dass er die Aktienkurse im Zweifel mit lockerer Geldpolitik nach unten absichert – das wurde als „Greenspan Put“ bekannt. Ein Put ist im Sprachgebrauch der Märkte ein Optionsgeschäft, mit dem ein Kursverfall abgesichert wird.

Über die Aussagekraft der Zinskurve wird heftig diskutiert. „Angesichts der zahmen US-Inflationserwartungen ist es unnötig, die Normalisierung der Geldpolitik so weit voranzutreiben, dass die Renditekurve invers wird“, gab der Präsident der regionalen Notenbank in St. Louis, James Bullard, kürzlich zu bedenken.

Andere dagegen bezweifeln, dass die Inversion der Zinskurve auch dieses Mal eine Rezession nach sich ziehen wird. Schließlich seien die Märkte verzerrt worden „durch strengere Regulierung und durch die geldpolitische Lockerung“, die neben den USA auch in Europa und Japan stattfand, glaubt etwa der frühere Fed-Chef Ben Bernanke.

„Nach allem, was wir sehen, ist der kurzfristige Ausblick auf die Wirtschaft ziemlich gut“, sagte Bernanke Mitte Juli bei einem gemeinsamen Auftritt mit dem früheren Finanzminister Hank Paulson und dem einstigen Chef der Fed New York, Tim Geithner. Alle drei hatten im Jahr 2008 zusammen die Folgen der Finanzkrise bekämpft.

Bernanke hat die Warnsignale jedoch schon einmal verkannt. „Ich würde die derzeit sehr flache Zinsstrukturkurve nicht als Anzeichen für eine kommende signifikante Konjunkturabschwächung interpretieren“, sagte er vor der Finanzkrise. Keine zwei Jahre später stürzte die Wirtschaft ab.

Powell und die Fed stehen daher vor schwierigen Entscheidungen. Sollen sie die inverse Zinskurve auf die leichte Schulter nehmen, was Powell bisher zu tun scheint? Möglicherweise kommt es gerade dann zur Rezession, weil die Fed zu schnell erhöht. Anders gesagt: Wenn die Fed das Signal der Zinskurve ernst nimmt und gegensteuert, erweist es sich wahrscheinlich als falsch, wenn sie es ignoriert, trägt sie dazu bei, dass die Rezession kommt.

Die Fed gerät in diese Situation mit einer weitgehend neuen Führung, die sich sehr von der alten Leitung unterscheidet. Als ausschlaggebend gelten in der Regel der Fed-Präsident, sein geldpolitischer Stellvertreter und der Chef der Fed New York. Früher waren alle drei Positionen mit renommierten Ökonomen und langjährig erfahrenen Geldpolitikern besetzt: Janet Yellen als Chefin, Stanley Fischer als Stellvertreter und Bill Dudley in New York.

Heute hat allein John Williams beide Qualifikationen. Er ist als Wissenschaftler sehr renommiert und hat vor Kurzem den Chefsessel der regionalen Fed in San Francisco mit dem in New York vertauscht. Rich Clarida gilt ebenfalls als ausgezeichneter Ökonom und Kenner der Geldpolitik, kommt aber von der Fondsgesellschaft Pimco und wird Stellvertreter Powells für geldpolitische Fragen.

„Powell ist sein eigener Herr“

Powell selbst ist Jurist und hat lange Erfahrung in der Politik und in der Beteiligungsbranche. Seit seinem Amtsantritt im Februar hat er sich mit vielen Politikern getroffen und dabei beide großen Parteien gleich bedient; er selbst gilt als gemäßigter Republikaner. Seiner Vorgängerin Janet Yellen hat man vorgeworfen, sich zu sehr auf Kontakte zu den Demokraten, denen sie nahesteht, zu konzentrieren.

Wahrscheinlich ist unter Trump Powell tatsächlich der richtige Fed-Chef, um die Unabhängigkeit der Institution zu wahren „Die Fed wird weiterhin von ökonomischen Daten getrieben sein und von der Notwendigkeit, ihre Kernaufgaben zu erfüllen: für Preisstabilität und für eine möglichst geringe nachhaltige Arbeitslosigkeit zu sorgen“, schreibt Peter Hooper, Chefökonom der Deutschen Bank in New York, in einer aktuellen Analyse.

„Powell ist sein eigener Herr und wird die Unabhängigkeit und die Mission der Fed über den Druck der Regierung stellen.“ Sein Kollege Feroli von JP Morgan glaubt sogar, dass die Attacke des Präsidenten im Zweifel zu einer noch härteren Gangart führt, um auch nur den Anschein eines „Kotaus“, einer Verbeugung, vor Donald Trump zu vermeiden.

Klar ist aber: Leichter wird der Job der Geldpolitiker unter diesen Voraussetzungen nicht. Eine mögliche Auseinandersetzung zwischen Trump und der Fed ist schon seit Beginn der Amtszeit des Präsidenten im Winter 2017 ein Thema. So lange die US-Konjunktur läuft wie geschmiert, hat Trump aber wenig Anlass, es zu weit zu treiben. Spannend wird es, wenn der Wirtschaftsboom nachlassen sollte und der Präsident dafür einen Schuldigen sucht.

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