Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Felix Hufeld im Interview Bafin-Chef prangert zu laxe Kreditvergabe an – und warnt vor einem „perfekten Sturm“

Die laxe Kreditvergabe deutscher Banken bereitet Felix Hufeld Sorgen. In einem Abschwung mit mehr Firmenpleiten droht den Instituten ein böses Ende.
Kommentieren
„Viele Institute müssen sich Gedanken über ihr Geschäftsmodell machen.“ Quelle: Axel Griesch/FinanzenVerlag/laif
Bafin-Chef Hufeld

„Viele Institute müssen sich Gedanken über ihr Geschäftsmodell machen.“

(Foto: Axel Griesch/FinanzenVerlag/laif)

FrankfurtDie Commerzbank ist nach deutlichen Kursverlusten aus dem Leitindex Dax geflogen, die Deutsche Bank aus dem Euro Stoxx 50. Und auch viele andere Geldhäuser tun sich schwer, nachhaltige Gewinne einzufahren. Felix Hufeld, der Chef der deutschen Finanzaufsicht Bafin, ist deshalb besorgt. Denn wenn es nach Jahren des Booms zu einem Wirtschaftsabschwung kommen sollte, droht vielen Banken ein böses Ende.

„Eine konjunkturelle Schönwetterperiode, wie wir sie aktuell erleben, ist nicht der Normalfall. Das sollten die Banken auch bei der Kreditvergabe berücksichtigen“, sagte Hufeld in einem Interview mit dem Handelsblatt.

Bauchschmerzen bereitet dem obersten Finanzaufseher vor allem, dass zahlreiche Banken ihr Kreditgeschäft derzeit aggressiv ausweiten und dabei zum Teil ihre Vergabestandards lockern. „Eine zu laxe Kreditvergabe kann in der Zukunft zu großen Problemen führen“, warnte Hufeld. „Falls dann parallel noch weitere Risikofaktoren hinzukommen, etwa geopolitische Risiken oder ein Einbruch der Konjunktur und bei den Immobilienpreisen, könnte ein perfekter Sturm drohen.“

„Immobilienpreisentwicklung ist beunruhigend“

Aktuell gebe das Kreditwachstum am Immobilienmarkt noch keinen Anlass zu akuter Sorge. „Aber die Immobilienpreisentwicklung ist beunruhigend“, so Hufeld. „Wenn die Preise so weiter steigen und sich auch in ein Übermaß an Kreditwachstum übersetzen würden, könnten wir aktiv werden“, warnte der Bafin-Präsident. So könne die Bafin in einem ersten Schritt von den Instituten „detailliertere Informationen einholen“. Außerdem könne die Behörde notfalls auch Extra-Kapitalpuffer für Immobilienkredite verlangen.

Wegen der Misere der deutschen Großbanken gehen viele Finanzmanager davon aus, dass es in den kommenden Jahren zu einem Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank kommen wird. Eine fusionierte Großbank könnte den enteilten ausländischen Konkurrenten besser Paroli bieten, lautet die Hoffnung.

„Eine Volkswirtschaft wie Deutschland braucht mindestens einen – wenn man es sich wünschen könnte mehrere – Spieler mit globalen Fähigkeiten, der Unternehmen aus der Realwirtschaft ins Ausland begleiten könnte“, findet auch Hufeld. Aber am Ende müssten über Fusionen der Markt und die betroffenen Manager entscheiden. „Die Bafin wird keinen nationalen Champion herbeibeaufsichtigen.“

Lesen Sie nachfolgend das gesamte Interview mit Felix Hufeld:

Felix Hufeld ist positiv überrascht, als er den Konferenzraum der Finanzaufsicht Bafin in Bonn betritt. Da das Interview mit dem Handelsblatt zur Mittagszeit stattfindet, haben seine Mitarbeiter viele kleine Häppchen auf dem Tisch drapiert – ein Service, den er von anderen Terminen nicht gewohnt ist. Doch zum Essen kommt der Bafin-Chef in den folgenden zwei Stunden kaum. Denn die Lage vieler Banken ist besorgniserregend – und es gibt unzählige Baustellen und Gefahren, die Hufeld umtreiben.

Herr Hufeld, die Commerzbank ist nach deutlichen Kursverlusten aus dem Leitindex Dax geflogen, die Deutsche Bank aus dem Euro Stoxx 50. Auch viele andere Geldhäuser tun sich schwer, nachhaltige Gewinne einzufahren. Muss uns das Sorgen bereiten?
Es gibt positive Entwicklungen, etwa die verbesserte Eigenkapital- und Liquiditätsausstattung vieler Institute. Doch die schwache Profitabilität fordert die Banken in Europa massiv heraus. Das gilt besonders für Deutschland. Die Institute müssen auf Dauer ihre Eigenkapitalkosten verdienen, aber viele von ihnen tun das im Moment nicht. Das gibt Anlass zur Sorge und schmälert auch die Fähigkeit, notwendiges zusätzliches Eigenkapital aufzubauen.

Was können die Banken besser machen?
Da gibt es eine Vielzahl an Maßnahmen. Ein wichtiger Ansatzpunkt sind die Kostenstrukturen, die bei vielen Banken nach wie vor nicht angemessen sind. Fakt ist, dass die Kosten im deutschen Bankensystem in den letzten Jahren unter dem Strich nicht gesunken sind. Darüber hinaus müssen sich viele Institute Gedanken über ihr Geschäftsmodell machen.

Inwiefern?
In den Zeiten der Digitalisierung und neuer Wettbewerber ist es eine Fiktion zu glauben, dass kleine und mittelgroße Banken auf Dauer im Gewande einer Universalbank, die alle Dienstleistungen anbietet, Erfolg haben können. Wir beobachten hier bereits einen Wandel, der allerdings sehr langsam vonstattengeht. Wir sehen Fusionen und einen Trend zur Spezialisierung. Vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken setzen stärker auf Arbeitsteilung im Verbund.

Sind die deutschen Banken für einen Abschwung mit mehr Firmenpleiten gerüstet?
Eine konjunkturelle Schönwetterperiode, wie wir sie aktuell erleben, ist nicht der Normalfall. Das sollten die Banken auch bei der Kreditvergabe berücksichtigen. Sorgen bereitet uns, dass einige Institute im Kreditgeschäft sehr aggressiv unterwegs sind und dabei offenbar teilweise ihre Kreditvergabestandards lockern.

Wir haben anekdotische Hinweise darauf, dass einige Institute – insbesondere im hart umkämpften Firmenkundengeschäft – die Kreditbedingungen aufweichen. Dabei geht es beispielsweise um Sicherheiten für Kredite oder die Rahmenbedingungen in Kreditverträgen, den Covenants.

Wir arbeiten daran, hierfür eine bessere Datenbasis zu bekommen. Und wir werden grundsätzlich ein erhöhtes Augenmerk auf dieses Thema legen, denn eine zu laxe Kreditvergabe kann in der Zukunft zu großen Problemen führen. Falls dann parallel noch weitere Risikofaktoren hinzukommen, etwa geopolitische Risiken oder ein Einbruch der Konjunktur und bei den Immobilienpreisen, könnte ein perfekter Sturm drohen.

Wie gefährlich ist der Immobilienboom?
Aktuell gibt das Kreditwachstum noch keinen Anlass zu akuter Sorge. Aber die Immobilienpreisentwicklung ist beunruhigend. Wenn die Preise so weiter steigen und sich auch in ein Übermaß an Kreditwachstum übersetzen würden, könnten wir aktiv werden. Ein erster Schritt ist, dass wir detailliertere Informationen einholen müssen. Leider stehen uns in Deutschland weniger Daten über die Marktlage und die Kreditvergabe, insbesondere bei Immobiliendarlehen, zur Verfügung als Behörden in anderen Ländern.

Erwägen Sie, von Banken einen Extra-Kapitalpuffer für Immobilienkredite zu verlangen?
Das Instrument des antizyklischen Kapitalpuffers könnte aktiviert werden. Bislang erscheinen uns die Voraussetzungen dafür – anders als in anderen Ländern – noch nicht erfüllt. Aber in Abhängigkeit von den oben genannten Marktentwicklungen könnten wir in absehbarer Zeit von den Banken fordern, Extra-Kapitalpuffer für Immobilienrisiken anzulegen.

Wären Zusammenschlüsse von größeren Banken in Deutschland hilfreich, um die großen Herausforderungen zu bewältigen?
Konsolidierung ist eine Option, aber sie ist kein Allheilmittel. Es wäre naiv zu glauben, dass sich das Problem der Ertragsschwäche damit in kurzer Zeit strukturell wegzaubern ließe. Dazu müsste mehr passieren. Und wir sollten auch die Lektionen der „Too-big-to-fail-Problematik“ nicht allzu leichtfertig vergessen.

Brauchen wir im Bankenmarkt einen europäischen Champion mit Sitz in Deutschland?
Eine Volkswirtschaft wie Deutschland braucht mindestens einen – wenn man es sich wünschen könnte mehrere – Spieler mit globalen Fähigkeiten, der Unternehmen aus der Realwirtschaft ins Ausland begleiten könnte. Es wäre nachteilig, wenn die dominierenden Finanzkonzerne wie in manch anderen Staaten nur aus dem Ausland stammen. Das sehe ich ebenso wie Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Das ist allerdings eine politische Einschätzung, keine aufsichtliche. Die Bafin wird keinen nationalen Champion herbeibeaufsichtigen.

Bei grenzüberschreitenden Fusionen wären deutsche Banken aktuell eher Übernahmeziel als Käufer. 
Grundsätzlich muss man feststellen, dass grenzüberschreitende Fusionen hochkomplex sind, extrem hohe Aufmerksamkeit des Managements erfordern, die gegebenenfalls dann anderweitig fehlt, und in der Regel kaum zu den erhofften Kostensenkungen führen. Kostensynergien lassen sich eher durch eine Fusion innerhalb eines Landes erzielen. Fusionen sollten primär eine Sache des Marktes, der betroffenen Manager sein und nur begrenzt der regulatorischen und politischen Rahmensetzer.

Finanzminister Scholz will im Finanzsektor künftig Industriepolitik betreiben. Wie finden Sie das?
Es ist normal, dass das Verhältnis von Banken und Politik nach der Finanzkrise von Zurückhaltung und Skepsis geprägt war. Doch nun sind die meisten Regulierungsmaßnahmen abgearbeitet, und es ist gut, dass sich das Verhältnis normalisiert.

Ich finde es positiv, dass die Bundesregierung anerkennt, dass die Finanzwirtschaft für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt eine hohe Bedeutung hat. Aber das darf nicht dazu führen, wie von einigen Lobbyisten intendiert, dass die Regeln jetzt wieder auf breiter Front gelockert werden. Wer regulatorische Geschenke fordert, legt damit den Keim für die nächste Finanzkrise.

Die Politik will unter anderem die Auflagen für kleinere Banken senken.
Auch die Bafin tritt nachhaltig für eine Stärkung des Proportionalitätsprinzips ein. Und es ist ebenfalls richtig, unbeabsichtigte Nebeneffekte zu analysieren und zu korrigieren. Es ist völlig normal, dass es regulatorische Zyklen gibt. Aber ich würde mir wünschen, dass die Spannbreite dieser Zyklen kleiner wird. Den Fehler einer massiven Deregulierung dürfen wir nicht wiederholen. Sonst haben wir aus der Finanzkrise nichts gelernt.

Außenminister Maas hat zuletzt angeregt, ein eigenes europäisches Zahlungssystem aufzubauen, um weniger abhängig zu sein von der Weltleitwährung Dollar und den USA. Was halten Sie davon?
Eine Stärkung europäischer Ressourcen ist erstrebenswert – egal, ob es um Zahlungssysteme, Cloud-Anbieter oder Batteriefabriken geht. Das verbessert die Rolle und die Wettbewerbsfähigkeit der EU im globalen Kontext und verschafft ihr eine stärkere Ausgangsposition. Aber ich warne davor, die Erwartungen zu hoch zu hängen. Es wird nicht gelingen und ist auch nicht erstrebenswert, ein völlig autarkes Europa zu schaffen, das sich von der Unbill der Welt isolieren kann. Die USA werden ein ökonomisches Schwergewicht bleiben und der Dollar auf absehbare Zeit die Weltleitwährung.

Bereiten Ihnen die Turbulenzen in der Türkei und anderen Schwellenländern Sorgen?
Wir erwarten von den deutschen Banken eine erhöhte Aufmerksamkeit und fragen von ihnen regelmäßig Daten ab, etwa zu ihrem Engagement in der Türkei und Liquiditätsflüssen. Außerdem reden wir intensiv mit den Tochtergesellschaften türkischer Banken in der Bundesrepublik.

Isoliert betrachtet ist die Lage in der Türkei kein Anlass für große Besorgnis, weil das Engagement deutscher Institute überschaubar ist. Aber es drohen Probleme, falls es parallel zu weiteren geopolitischen Verwerfungen kommt – etwa zu Krisen in anderen Schwellenländern und verschärften Handelsstreitigkeiten. Es ist die Gleichzeitigkeit vieler potenzieller Krisenursachen, die mir Sorgen bereitet.

Wie lebt es sich denn als Finanzaufseher in diesen stürmischen Zeiten?
Der Wind in der internationalen Politik ist rauer geworden. Und die Schwankungen an den Märkten nehmen zu, gelegentlich ausgelöst durch einzelne Tweets. Das ist die neue Realität. Das gesamtwirtschaftliche Umfeld ist erratischer und volatiler geworden. Wir alle müssen mit einem höheren Grad an Unberechenbarkeit leben.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Gefahrenquellen für das Finanzsystem?
Sorgen bereitet mir der Anstieg der weltweiten Verschuldung. Irgendwann kann ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringen und zu übernervösen Reaktionen führen. Ein solcher Tropfen könnte etwa sein, wenn der chinesische Wirtschaftsmotor anfangen sollte zu stottern. Ein weiteres großes Risiko sind Cyberangriffe. Wir können nicht ausschließen, dass eine solche Attacke auch finanzielle Infrastrukturen und damit auch den Betrieb mehrerer Banken für Tage lahmlegt.

Wie kann man sich dagegen wappnen?
Wir können darauf achten, dass die Banken ihre Widerstandsfähigkeiten stärken – unter anderem durch mehr Eigenkapital. Außerdem haben wir sehr spezifische Vorgaben für das IT-Sicherheitsmanagement gemacht, um für mehr Stabilität zu sorgen.

Manche Banken haben auch ohne Cyberattacken Schwierigkeiten, Geld auszuzahlen oder richtige Buchungen vorzunehmen. Bei der Commerzbank gab es zuletzt zweimal innerhalb weniger Wochen Pannen.
Aktuell sind Pannen bei deutschen Banken häufiger auf Fehler bei internen Prozessen zurückzuführen als auf Attacken von außen. Denn viele Banken sind dabei, ihre alten IT-Systeme umzubauen – und dabei kommt es immer wieder zu Störungen. Wir sehen uns jeden Einzelfall genau an und drängen auf Verbesserungen, wenn wir systematische Fehlerquellen entdecken. Aber nicht jede Panne ist gleich ein aufsichtlicher Missstand.

Sie haben beim Handelsblatt-Banken-Gipfel angekündigt, bei einem Brexit Notfallmaßnahmen zu ergreifen, um Chaos zu verhindern. Was schwebt Ihnen vor?
Es geht beispielsweise um die Anerkennung interner Modelle, mit denen Banken berechnen, mit wie viel Eigenkapital sie bestimmte Geschäfte unterlegen. Wenn ein Institut nach Frankfurt zieht, das 100 interne Modelle verwendet, werden wir diese nicht alle bis Ende März überprüfen können. Wir werden das schrittweise in einem festgelegten Zeitraum tun. Und in einer Übergangszeit können die Institute die internen Modelle weiterverwenden, die wir noch nicht überprüft haben, die aber zuvor von den britischen Aufsichtsbehörden genehmigt worden sind.

Gilt das auch für Hunderttausende Derivateverträge, die nach dem Brexit ungültig werden könnten?
Auch diese sind ein wichtiges Thema, bei dem ein herausragendes Bedürfnis nach Rechtssicherheit besteht. Ich würde mir insoweit allerdings eine europäische Lösung wünschen. Ebenso klar ist aber auch, dass die betroffenen Institute die Hauptlast der notwendigen Anpassungen zu tragen und zu leisten haben. Finanzregulierung kann und darf nicht als Reparaturbetrieb für grundlegende politische Entscheidungen herhalten. Für uns kann es nur um zeitlich befristete Maßnahmen gehen, um mögliche Gefährdungen der Finanzstabilität abzuwenden.

Herr Hufeld, vielen Dank für das Interview.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Felix Hufeld im Interview - Bafin-Chef prangert zu laxe Kreditvergabe an – und warnt vor einem „perfekten Sturm“

0 Kommentare zu "Felix Hufeld im Interview: Bafin-Chef prangert zu laxe Kreditvergabe an – und warnt vor einem „perfekten Sturm“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.