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Finanzdienstleister Erfolgreich und umstritten – Stärken und Schwächen von Deutschlands Börsenstar Wirecard

Amazon, Apple, Google? Deutschlands Antwort lautet: Wirecard. Rasante Kursgewinne machen die Tech-Firma zum Dax-Kandidaten – und zum Ziel von Angriffen.
Update: 14.08.2018 - 11:04 Uhr Kommentieren
Im September könnte das Unternehmen in den Dax aufsteigen. Quelle: imago/argum
Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München

Im September könnte das Unternehmen in den Dax aufsteigen.

(Foto: imago/argum)

München/DüsseldorfDie letzte Attacke kam Anfang des Jahres. Die Southern Investigative Reporting Foundation (SIRF) hatte über Wirecard berichtet, dass im Jahr 2015 bei der Übernahme eines indischen Konkurrenten durch den deutschen Zahlungsabwickler ein Großteil der Summe nicht beim Verkäufer angekommen sein soll.

Wirecard wies das zurück, trotzdem verlor die Aktie im Januar kurzzeitig rund zwölf Prozent. Das Muster ist bekannt: Ein weitgehend unbekannter Researchdienst attackiert Wirecard, der Kurs geht auf Tauchstation, der Konzern dementiert, die Aktie erholt sich wieder und klettert auf neue Höhen.

So geht das trotz der immer wieder aufkeimenden Unsicherheit seit Jahren. Auch das Minus aus dem Januar ist längst aufgeholt, heute liegt der Wirecard-Kurs rund 75 Prozent höher als vor einem halben Jahr. In der breiten Öffentlichkeit ist das Unternehmen aus Aschheim im Osten Münchens noch immer ein Unbekannter, dabei hat sich Wirecard längst als Börsenstar etabliert.

Der Aufstieg in den Dax und damit in die Königsklasse des heimischen Aktienmarkts könnte Anfang September von der Deutschen Börse beschlossen werden. Wirecard wäre dann endgültig Deutschlands bekanntestes Fintech-Unternehmen und im Zukunftsmarkt Digitalisierung eine deutsche Antwort auf US-Stars wie Google, Apple oder Amazon.

Neuling macht Etablierten den Platz streitig

Im Dax würde Wirecard wahrscheinlich ebenfalls einen Finanzkonzern ersetzen, einen, den jeder kennt: die Commerzbank. So könnte der Wachwechsel im Dax zum Symbol für den Strukturwandel in der gesamten Branche werden. Die jungen, ehrgeizigen Fintech-Unternehmen steigen auf, die etablierten Großbanken tun sich schwer damit, ihre Geschäftsmodelle schnell genug an die Digitalisierung anzupassen, und das, obwohl sich gerade die Commerzbank große Mühe gibt, von der Tech-Konkurrenz zu lernen.

Für diesen Wandel steht Wirecard mit seiner aggressiven Expansion – wie kaum ein anderes Unternehmen nehmen Anleger die Münchner als reinrassigen Wachstumswert wahr. Das Geschäftsmodell von Gründer und Chef Markus Braun weckt die Kursfantasie.

Aber auch der Börsenstar Wirecard hat seine Schattenseiten. Trotz der rasanten Kursgewinne kommen seit zehn Jahren mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder Vorwürfe auf, in denen von finanziellen Unregelmäßigkeiten die Rede ist. Genauso regelmäßig wehrt sich Wirecard gegen die Attacken. Ein Großteil dieser Vorwürfe dürfte auf die Anfänge des Unternehmens zurückgehen.

Im Jahr 2000 ging Wirecard an das damalige Wachstumssegment der Börse, den Neuen Markt. Ein Jahr später wäre fast wieder Schluss gewesen, hätte nicht eine Investorengruppe das Unternehmen aufgefangen. Fortan war es das Geschäft von Wirecard, Zahlungen über das Internet abzuwickeln, in diesen Jahren ging es dabei vor allem um Glücksspiel und Pornografie.

Für solche Kunden ist man heute noch tätig, der Anteil liegt jedoch im einstelligen Prozentbereich. Inzwischen dominieren auf der Kundenliste ganz andere Namen: Banken, Versicherer und Kreditkartenfirmen, aber auch große Einzelhändler und Telekomkonzerne. Was vor allem daran liegt, dass Wirecard über die Jahre sein Geschäftsmodell rasant an die Entwicklungen des digitalen Bezahlens angepasst hat.

So testet die Allianz gerade in Italien unter dem Namen Allianz Prime eine App für das mobile Bezahlen. Die Technik und die Infrastruktur dahinter kommen von Visa und Wirecard. In Frankreich sind die Münchener seit diesem Jahr mit der Großbank Crédit Agricole (CA) im Geschäft.

Das Institut wickelt dort knapp ein Drittel des gesamten Zahlungsverkehrs ab und will in Zukunft noch mehr digitale und mobile Lösungen anbieten. Bertrand Chevallier, Chef von Crédit Agricole Payment Services, nannte Wirecard bei der Präsentation der Partnerschaft im April „einen der innovativsten Anbieter digitaler Finanztechnologie“.

Wachstumstreiber Asien

Fast die Hälfte des Umsatzes macht Wirecard aber in Fernost. „Mobile Formen des Bezahlens sind in Asien wesentlich weiter verbreitet“, beobachtet Marius Fuhrberg, Analyst bei Warburg Research.

Tatsächlich haben Länder wie China den Weg vom Bargeld hin zum mobilen Bezahlen rasend schnell vollzogen. Dabei dominieren Dienste wie Alipay oder WeChat Pay, die neben vielen Funktionen des täglichen Lebens auch das Bezahlen per Smartphone ermöglichen. Einer der Türöffner für Wirecard ist eine Banklizenz, die das Unternehmen schon 2006 erworben hat.

Kommen chinesische Touristen nach Europa, dann können sie wie zu Hause mit Alipay oder WeChat Pay bezahlen. Wer schon mal am Märchenschloss Neuschwanstein war, dem dürfte die „Galeria Lisl“ aufgefallen sein. Ein Einkaufsparadies speziell für asiatische Kunden mit Marken wie Zwilling oder WMF, Rimowa oder Lamy. Bezahlt wird per Alipay oder WeChat Pay.

Die Kassenterminals laufen über Wirecard. Dabei fließt bei jeder Zahlung eine Gebühr. Intern gilt eine einzelne Transaktion von mehr als 40.000 Euro, die ein chinesischer Tourist am Münchener Flughafen mit einem der beiden Dienste beglichen hat, als Spitzenreiter.

Wer vor fünf Jahren die Wirecard-Aktie gekauft hat und sich nicht von Berichten über angebliche Bilanzmanipulationen irritieren ließ, hat sein Geld inzwischen versiebenfacht. Mit einem Börsenwert von 21,2 Milliarden Euro ist Wirecard heute mehr als doppelt so viel wert wie die Commerzbank, die auf 10,4 Milliarden Euro kommt. Am Dienstag übertrumpfte das Unternehmen gar die Deutsche Bank, die lediglich noch auf eine Marktkapitalisierung von 20,8 Milliarden Euro kommt.

Zehn Dax-Konzerne sind weniger wert als die Münchener. Wenn also die Aktie von Wirecard bis zur Index-Entscheidung der Deutschen Börse am 5. September nicht dramatisch abstürzt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Zahlungsverkehrsabwickler in den Dax aufrückt.

Geht es nach den Analysten, dann ist der Aufstieg bereits so gut wie geschafft. Die Experten sind voll des Lobes. Die britische HSBC hob gerade ihr Kursziel für die Aktie, die zuletzt knapp 168 Euro kostete auf 235 Euro an und verwies auf die starke Geschäftsentwicklung im ersten und zweiten Quartal. Schon jetzt seien die firmeneigenen Ertrags- und Profitabilitätsziele des Bezahldienstleisters zu konservativ, urteilt Antonin Baudry. Auch die Investmentbank Goldman Sachs und die Schweizer UBS raten trotz des rasanten Kursanstiegs weiter zum Kauf der Aktie.

Doch das rasante Wachstum an der Börse birgt Gefahren. Der Marktwert von inzwischen gut 20 Milliarden Euro entspricht dem Dreizehnfachen des Eigenkapitals von gerade mal 1,6 Milliarden Euro. Zwar wächst der Nettogewinn – in den vergangenen fünf Jahren hat er sich um 254 Prozent gut verdreieinhalbfacht. Doch der Aktienkurs ist gleichzeitig um über 600 Prozent gestiegen und damit der realwirtschaftlichen Entwicklung weit davongeeilt.

Anleger bezahlen die Firma inzwischen mit dem 56-fachen Jahres-Nettogewinn. Kein anderer Dax-Wert ist so hoch bewertet und damit so teuer. Wer auf das Unternehmen setzt, spekuliert somit auf eine überdurchschnittliche Dynamik bei Wachstum und Profitabilität. Enttäuscht Wirecard aber die immer größeren Erwartungen, droht der Absturz. Das musste nach der Jahrtausendwende mit dem Finanzberater MLP ein anderer Shootingstar aus der Geldbranche erfahren.

Noch aber ist Wirecard der Liebling von Analysten und Investoren, und mit dem Aufstieg in den Dax würde der Kreis der Interessenten für die Aktie noch einmal größer. Besonders Indexfonds, die den Dax abbilden, müssten sich mit den Papieren der Münchener eindecken. Die neuen Investoren werden sich aber nicht mit den Erfolgen der Vergangenheit zufriedengeben, sondern vor allem nach Zukunftsstrategien fragen.

Von Wirecard wird dann zu hören sein, dass die Digitalisierung in vielen Bereichen erst am Anfang steht und die Möglichkeiten gerade beim elektronischen Bezahlen noch lange nicht ausgereizt sind.

Ermittlungen wegen Verbindungen zu Online-Kasinos

Die neuen Investoren werden auch nach den vielen Angriffen fragen, denen sich das Unternehmen am Aktienmarkt ausgesetzt sah. Juristisch scheinen dem Konzern derzeit keine akuten Probleme zu drohen. Die Börsenaufsicht Bafin bestätigt, dass es keine Untersuchungen wegen möglichen Marktmissbrauchs bei der Wirecard-Aktie gebe.

Und vonseiten der Staatsanwaltschaft München I erklärt die für Wirtschaftsstrafsachen zuständige Anklägerin Hildegard Bäumler-Hösl, dass im Moment lediglich ein Vorermittlungsverfahren gegen Wirecard laufe. Das geht auf einen Bericht im November vergangenen Jahres zurück, in dem Wirecard wegen seiner geschäftlichen Verbindungen zu Online-Kasinos Beihilfe zum illegalen Glücksspiel vorgeworfen wurde. Ob ein Ermittlungsverfahren aufgenommen wird, dürfte sich erst in Monaten entscheiden. Ein solches habe es im Übrigen noch nie gegen Wirecard gegeben, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Umgekehrt werde jedoch weiter gegen den Research-Dienst Zatarra ermittelt. Der hatte 2016 mit Vorwürfen wegen Geldwäsche und Betrug für einen Kursverlust von zwischenzeitlich 1,5 Milliarden Euro gesorgt. Auch hier ist unklar, wie lange die Ermittlungen noch andauern werden, heißt es. Wirecard-Chef Braun glaubt nicht, dass die Angriffe auf sein Unternehmen zu Ende sind. „Ich habe keinen Zweifel, dass das so weitergehen wird“, sagte er bei der Präsentation der Bilanz im Frühjahr.

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