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Kyriakos Mitsotakis

Der konservative Oppositionschef liegt in Umfragen vorn.

(Foto: Reuters)

Finanzmärkte Anleger wetten auf einen Politikwechsel in Griechenland

Die Aussicht auf einen Wahlsieg der konservativ-liberalen Partei Nea Dimokratia treibt die Kurse an der Athener Börse. Auch griechische Anleihen sind sehr gefragt.
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AthenAm 7. Juli wählen die Griechen ein neues Parlament. Aber die Anleger stimmen schon jetzt ab: Im Vorgriff auf einen möglichen Wahlsieg der konservativ-liberalen Nea Dimokratia (ND) bei der bevorstehenden Wahl decken sie sich mit griechischen Wertpapieren ein.

Zum Wochenstart klettern die wichtigsten Aktien an der Börse Athen weiter. Der Leitindex Athex Composite erreichte ein Zwölfmonatshoch bei 835 Punkten und ließ damit die wichtige Hürde von 830 Punkten hinter sich.

Allein in den vergangenen fünf Börsentagen schafften die Aktien der 42 wichtigsten Firmen des Mittelmeerlandes im Schnitt mit plus 13,4 Prozent die beste Wochenperformance seit vier Jahren. Das Kursfeuerwerk ist eine Reaktion auf das Ergebnis der Europawahl vom 26. Mai. Die oppositionelle ND konnte die Abstimmung unerwartet deutlich mit einem Vorsprung von fast zehn Prozentpunkten vor dem regierenden Linksbündnis Syriza von Ministerpräsident Alexis Tsipras gewinnen.

Auch bei den gleichzeitig stattfindenden Kommunal- und Regionalwahlen lag die ND klar vorn. Bei den in vielen Städten und Regionen fälligen Stichwahlen am vergangenen Sonntag festigten die Konservativen ihre Führung. Nach dem Debakel bei der Europawahl sucht Tsipras die Flucht nach vorn und zog die regulär erst im Oktober fällige Parlamentswahl auf den 7. Juli vor.

Die Aussichten, dass sich bis dahin die Stimmung zu seinen Gunsten dreht, sind aber sehr gering. Die Umfragen lassen einen klaren Wahlsieg des konservativen Oppositionschefs Kyriakos Mitsotakis erwarten. Der 51-jährige Harvard-Absolvent arbeitete als Wirtschaftsanalytiker bei der Chase Bank in London und für das Beratungshaus McKinsey, bevor er 2003 in die Politik ging.

Aussicht auf Steuerreform

Mitsotakis verspricht eine wirtschaftsfreundliche Politik. Er will die unter der Regierung Tsipras verschleppten Privatisierungen beschleunigen und mit einer umfassenden Steuerreform Investoren anlocken: Die Besteuerung der Unternehmensgewinne soll binnen zwei Jahren von 28 auf 20 Prozent zurückgeführt und die Dividendensteuer von zehn auf fünf Prozent halbiert werden.

Der Konservative will die staatliche Bürokratie entrümpeln, Genehmigungsverfahren straffen und mehr in die Infrastruktur investieren. Binnen 18 Monaten möchte Mitsotakis das Land, dessen Schuldpapiere derzeit noch drei Stufen tief im Ramschbereich angesiedelt sind, in die Liga der investitionswürdigen Schuldner führen.

Der Oppositionschef hat ehrgeizige Ziele: „Wir wollen in den nächsten fünf bis zehn Jahren Investitionen von 100 Milliarden Euro anziehen und das Wirtschaftswachstum auf vier Prozent verdoppeln.“

Diese Aussicht gefällt den Anlegern. Seit Jahresbeginn hat die Akropolis-Börse bereits 35 Prozent zugelegt. Im Fokus des Anlegerinteresses stehen vor allem Finanztitel.

Nachdem griechische Bankaktien in den Krisenjahren rund 99 Prozent ihres Börsenwerts verloren hatten, legte der Athener Bankenindex seit Januar fast 80 Prozent zu. Wer vor fünf Monaten Aktien der Piraeus Bank ins Depot nahm, des größten griechischen Kreditinstituts, kann sich sogar über einen Kursgewinn von 230 Prozent freuen.

Auch griechische Anleihen sind jetzt gefragt wie lange nicht mehr. Steigende Kurse drückten die Rendite des zehnjährigen Staatsbonds am Freitag mit 2,9 Prozent erstmals unter die Drei-Prozent-Marke. Das war der niedrigste Stand überhaupt seit Griechenlands Beitritt zur Euro-Zone. Am Montag sank die Rendite weiter auf gut 2,8 Prozent.

Und es gibt ein weiteres Novum: Erstmals werden jetzt griechische Anleihen am Markt zu niedrigeren Risikoprämien gehandelt als italienische Bonds. Es scheint eine verkehrte Welt zu sein: Italien steuerte in den Jahren 2010 bis 2018 viele Milliarden Euro zur Griechenlandrettung bei.

Jetzt ist das Land selbst zum Problemfall geworden. Der Haushaltsstreit mit der EU und Sorgen um die politische Stabilität in Rom verunsichern die Anleger. Die Rendite des fünfjährigen italienischen Bonds ist auf 1,85 Prozent gestiegen, während die des vergleichbaren griechischen Papiers auf 1,64 Prozent fiel. Und der Abstand zwischen den Renditen der zehnjährigen Anleihen verringert sich bereits erkennbar.

Weiteres Kurspotenzial möglich

Griechenland trägt zwar mit einer Staatsschuldenquote von 181 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) die größte Schuldenlast aller Euro-Staaten. Aber nach den Hilfsprogrammen der vergangenen Jahre befinden sich inzwischen mehr als 80 Prozent der griechischen Verbindlichkeiten in den Händen öffentlicher Gläubiger wie des Euro-Stabilitätsfonds ESM. Er berechnet den Griechen niedrige Zinsen von durchschnittlich einem Prozent.

Überdies kann Griechenland mit weiteren Schuldenerleichterungen rechnen. Das macht die griechischen Staatsschulden tragbarer als die italienischen, obwohl die Schuldenquote des Landes mit 132 Prozent des BIP deutlich niedriger ist.

Auch die Wachstumsaussichten in Griechenland verbessern sich. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert dem Land für 2019 eine Zunahme der Wirtschaftsleistung um 2,5 Prozent. Vor allem aber die Aussicht auf einen Machtwechsel im Juli macht griechische Aktien und Schuldpapiere in den Augen vieler Anleger attraktiv.

Der klare Sieg der Konservativen bei den Europa- und Kommunalwahlen markiert nach Meinung politischer Analysten einen grundlegenden Wandel: Nachdem die Griechen bei der Wahl vom Januar 2015 als eines der ersten Völker Europas der Versuchung des Populismus erlegen waren, tritt das Land jetzt offenbar als erstes in eine post-populistische Ära ein.

Trotz der jüngsten Aktienrally sehen Marktbeobachter weiteres Kurspotenzial. Von seinem Vorkrisenhoch aus dem Jahr 2007 mit mehr als 5.000 Zählern ist der Leitindex allerdings noch weit entfernt. Bankaktien dürften weiter im Mittelpunkt des Anlegerinteresses stehen, prognostiziert das Athener Brokerhaus Beta Securities.

Zu den weiteren Favoriten der Analysten zählen die dividendenstarke Fluggesellschaft Aegean Airlines, der im Energiegeschäft expandierende Mischkonzern Mytilineos, das Raffinerieunternehmen Motor Oil, der Spielwareneinzelhändler Jumbo, der Glücksspielkonzern Opap und der Immobilienentwickler Lamda Development.

Die wichtigsten griechischen Aktien werden auch in Deutschland gehandelt. Der Markt ist aber klein, die Handelbarkeit deshalb beschränkt und die Volatilität der Papiere entsprechend groß. Für Privatanleger werden daher börsengehandelte‧ Indexfonds wie der Lyxor MSCI Greece, der die Wertentwicklung der 25 größten Unternehmen des Athener Leitindexes abbildet, empfohlen.

Mehr: Griechenlands Wirtschaft wächst nach acht Jahren Rezession wieder. Aber im internationalen Vergleich ist das Land noch immer ein schwacher Mitbewerber.

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