Skyline von Frankfurt

Finanzstandort Frankfurt Deutsche Banker kehren aus dem Ausland zurück und bereiten anderen den Weg

Der Brexit bringt deutsche Banker, die lange im Ausland gearbeitet haben, in die Heimat zurück. Die Vorhut bereitet den Weg für die nächste Zuzugswelle.
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FrankfurtEs gab schon seit Jahren für Michael Hellbeck keinen Deutschlandurlaub mehr, ohne diese Frage seiner Tochter: „Papa, warum können wir hier nicht einfach bleiben – für immer?“ Der Standard-Charterted-Banker reagierte stets mit demselben Satz: Es gebe hier schlicht keinen Job für ihn.

Doch im Sommer 2017 bekam seine 14-jährige Tochter die Antwort, die sie hören wollte: Ja, man werde nach Frankfurt ziehen – schon bald. „Ich hatte zufällig einen Tag vorher über die Deutschlandpläne der Bank gelesen. Deshalb erkundigte ich mich, welche Stellen es da geben würde“, erzählt Hellbeck fast ein Jahr später, „innerhalb weniger Minuten erfuhr ich, dass ich mit meinem Profil genau auf eine der Positionen passen würde.“

Fast drei Jahrzehnte hat Hellbeck in Asien gearbeitet, erst für die Deutsche Bank, später für Standard Chartered, darunter in Singapur, Manila und Seoul. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung bekam er die Chance, ins Ausland zu gehen, und ist geblieben.

Der Banker ist von Asien nach Frankfurt umgezogen. Quelle: Lêmrich für Handelsblatt
Michael Hellbeck

Der Banker ist von Asien nach Frankfurt umgezogen.

(Foto: Lêmrich für Handelsblatt)

Jetzt ist es wieder die Politik, die ihm die Rückkehr beschert hat: Wegen des britischen EU-Austritts vergrößert Standard Chartered das Geschäft in Frankfurt, und Hellbeck baut die Abteilung auf, die sich um das Risikomanagement der wachsenden Einheit kümmern wird.Er ist Teil der Brexit-Vorhut, die knapp zwei Jahre nach dem Referendum der Briten jetzt nach und nach am Main ankommt. Wie bei einer ganzen Reihe von Geldhäusern besteht diese in erster Linie aus Deutschen, die lange für ihre Bank im Ausland gearbeitet haben und jetzt den Schritt nach Frankfurt machen.

Dieser ist in der Regel mit einer besseren Position verbunden, teilweise kommen – wie bei Hellbeck – private Gründe hinzu. Die Pioniere treiben die Brexit-Pläne voran und ebnen den Weg für die nächste Zuzugswelle, die voraussichtlich im zweiten Halbjahr folgen wird.

Weil die Finanzhäuser ihr Geschäft mit EU-Kunden nicht mehr so wie bisher aus London betreiben können, verlegen sie Teile davon auf den Kontinent. Tausende von Bankern dürften Experten zufolge in die Mainmetropole kommen.

„Mir fällt vor allem auf, dass es der Wirtschaft hier gutgeht.“ Quelle: Goldman Sachs
Jens Hofmann von Goldman Sachs

„Mir fällt vor allem auf, dass es der Wirtschaft hier gutgeht.“

(Foto: Goldman Sachs)

Wie viele es wirklich werden, wird wesentlich von einem Faktor abhängen: von den Buchungsmodellen für die Tochtergesellschaften der Banken hier in Deutschland. Diese Modelle bestimmen, welche Produkte und Märkte von welcher rechtlichen Einheit aus bedient werden und wie viele Mitarbeiter dafür notwendig sind.

Gespräche mit Aufsicht

Finanzkreisen zufolge stehen die Buchungsmodelle derzeit im Zentrum der Gespräche, die vor allem US-Institute mit den Aufsichtsbehörden führen – ebenso wie die weiteren regulatorischen Voraussetzungen, um die Ableger am Main auf den Brexit vorzubereiten. Die neue Ära beginnt wohl 2021, wenn Großbritannien und alle EU-Mitgliedsländer die Übergangsfrist absegnen, die beide Seiten im Deal über den britischen EU-Austritt verankern wollen.

Noch hat sich Jürgen Feil eher provisorisch in Frankfurt eingerichtet. Es sei schwieriger als gedacht gewesen, eine passende Unterkunft zu finden, erzählt der 41-jährige Deutschbanker. Daher seien seine Frau und Tochter noch bei Verwandten in Süddeutschland, bis in ein paar Monaten die Wohnung frei werde, in die man gemeinsam einziehen werde.

Zehn Jahre mit Unterbrechungen hat er für Deutschlands größtes Geldhaus in London gearbeitet. „Als ich das Angebot bekam, wieder nach Deutschland zurückzugehen, hat die Familie nicht lange überlegen müssen“, erzählt Feil. Die Lebensqualität habe den Ausschlag gegeben. „Dazu gehören Dinge wie die ärztliche Versorgung. Im Notfall kann ich hier schnell und unkompliziert mit meiner Tochter zum Arzt, während wir in London erst einmal längere Fragebögen am Telefon beantworten mussten, bevor wir einen Termin in der Notaufnahme bekamen.“

Feil arbeitet in der Handelsabteilung der Deutschen Bank und ist dort für Zinsprodukte verantwortlich. Als Teil des Brexit-Spähtrupps arbeitet er aber auch an den Vorbereitungen, um Teile des Zinshandels von der Themse an den Main zu bringen. „Bei der Migration geht es unter anderem um die Sicherheiten, mit denen Derivate unterlegt sind“, erzählt Feil in seinem neuen, bisher eher noch spartanisch eingerichteten Büro, in dem zwei Tassen mit der britischen Flagge etwas Farbe hineinbringen. Das Geschenk eines Kunden, so der Banker.

„Die Lebensqualität gab den Ausschlag für die Rückkehr.“ Quelle: Deutsche Bank
Jürgen Feil von der Deutschen Bank

„Die Lebensqualität gab den Ausschlag für die Rückkehr.“

(Foto: Deutsche Bank)

Noch ist nicht klar, wann und wie viele seiner etwa zehn bis zwölf Mitarbeiter in London ihm nach Frankfurt folgen werden. Fest steht aber eines: Die Deutsche Bank verlegt ihr Buchungszentrum von London nach Frankfurt und hat bereits im Januar damit angefangen, ihre etwa 20.000 institutionellen Kunden im Wertpapierhandel, die bislang auf der Insel betreut wurden, zu ihren Computersystemen in Frankfurt zu dirigieren.

Andere Banken haben zunächst die rechtlichen Voraussetzungen für die Umsetzung ihrer Brexit-Pläne geschaffen. So hat die Citigroup Finanzkreisen zufolge ihre Einheit in Deutschland in Absprache mit den Regulierern so umorganisiert, dass sie das gesamte EU-Handelsgeschäft von Frankfurt aus steuern kann.

Mitarbeiter kehren gerne zurück

Wenn Jens Hofmann über seine neue alte Heimat spricht und wie sich Deutschland in den vergangenen Jahren verändert hat, dann ist es vor allem eines, das ihm auffällt: „Dass es der Wirtschaft hier gutgeht. Das ist ein ziemlicher Kontrast zu der durch den Brexit verursachten Unsicherheit in Großbritannien“, sagt der Goldman-Sachs-Banker.

13 Jahre hat er für die US-Investmentbank in London gearbeitet, seit Anfang April ist er am Main und baut hier ein Team von acht bis zehn Leuten auf, die sich um Finanzierungsprodukte für Unternehmen kümmern sollen – eine Folge der Regionalisierungsstrategie, die man sich verordnet habe. Die Bank bringe diese Teams näher an die Kunden und versuche gleichzeitig, neue Kunden anzusprechen, so erklärt Hoffmann seinen Umzug.

Das Wort Brexit nimmt er dabei nicht in den Mund. Doch Vorstandschef Lloyd Blankfein macht keinen Hehl daraus, dass Großbritanniens Scheidung von der EU diese Strategie verstärkt: „Der Brexit wird es nötig machen, dass wir eine stärkere Aufteilung an mehr Orten vornehmen werden, als wir es sonst täten“, sagte er in einem Interview.

Jens Hofmanns Team, das sich um Unternehmensfinanzierung kümmert, wird zunächst aus Deutschen bestehen, die diesen Job bisher aus London heraus gemacht haben. „Wir haben aber auch eine ganze Reihe von Anfragen von Nicht-Deutschen, die Interesse an einem Tapetenwechsel haben“, erzählt der Goldman-Sachs-Banker. Die kämen möglicherweise in einem zweiten Schritt.

Bei Michael Hellbeck von Standard Chartered ist schon klar, dass seine Abteilung von Anfang an international sein wird: Die „United Nations of Risk“ nennt er seine Truppe, zu der bereits ein Schotte, ein Chinese, eine Koreanerin und eine Serbin gehören – ebenso wie zwei Deutsche.

Um Kollegen von einem Umzug nach Frankfurt zu begeistern, hat Hellbeck sich etwas einfallen lassen: Er fährt mit Bewerbern ins Rheingau zum malerisch gelegenen Schloss Johannisberg – ein Essen und ein Riesling in der Schlossschänke sind bei diesem Ausflug eingeschlossen.

Die Charmeoffensive habe zwar durchaus Wirkung. Die meisten Mitarbeiter seines Teams, die aus London kämmen, seien aber ganz freiwillig da und hätten dafür vor allem einen Grund: „Sie haben Lust“, so Hellbeck, „am Aufbau von etwas Neuem beteiligt zu sein.“

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