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Fosun-Chef Guo Guangchang Thomas-Cook-Investor: „Wir haben alles getan, um zu helfen“

Der Chef des größten chinesischen Privatunternehmens Fosun spricht im Interview über die Insolvenz des Reisekonzerns, glaubt an eine Lösung im Handelskonflikt mit den USA und sorgt sich über die Geldpolitik der Zentralbanken.
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Der Fosun-Chef rät deutschen Unternehmen, sich stärker auf China zu konzentrieren. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
Guo Guangchang

Der Fosun-Chef rät deutschen Unternehmen, sich stärker auf China zu konzentrieren.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

Frankfurt Die chinesische Beteiligungsgesellschaft Fosun hat eine ganz besondere Mission. Ihre Investments hat sie in drei Sektoren unterteilt: Gesundheit, Wohlstand und Glück. In den Bereich Wohlstand fällt zum Beispiel die deutsche Privatbank Hauck & Aufhäuser. Zum Unternehmensbereich Glück gehört der Tourismus, und damit die wenig glückliche Beteiligung am gerade kollabierten Reiseriesen Thomas Cook.

Aber trotz dieses Rückschlags und globaler Risiken wie Handelskrieg und Rezessionsangst bleibt Gründer und Chairman Guo Guangchang optimistisch, vor allem auch was die Aussichten deutscher Unternehmen angeht. Zu einem Thema will sich Guo allerdings nicht äußern: den Unruhen in Hongkong. Das ist für einen chinesischen Unternehmer offenbar politisch zu heikel.

Herr Guo, trotz wochenlanger Verhandlungen ist eine Ihrer wichtigsten Holdinggesellschaften, Thomas Cook, gerade in Konkurs gegangen. Konnte das Unternehmen nicht gerettet werden?
Die Fosun Tourism Group ist ein Minderheitsinvestor der Thomas Cook Group ohne Vertretung in den Gremien. Seit Juli 2019 gab es laufend Gespräche Diskussionen zwischen Fosun, Thomas Cook, den Kernbanken, Schuldnern und anderen Interessengruppen über eine mögliche Beteiligung an der von Thomas Cook vorgeschlagenen Rekapitalisierung. Am 23. September hat Thomas Cook bekannt gegeben, dass diese Gespräche nicht zu einer endgültigen Einigung mit seinen Stakeholdern geführt haben, und beim Obersten Gerichtshof wurde ein Antrag auf Zwangsliquidation gestellt. Darüber sind wir sehr enttäuscht.

Fosun, als größter Aktionär, soll einen 900 Millionen Pfund schweren Rettungsplan unterstützt haben. Dann stellte sich heraus, dass das angeschlagene Unternehmen 200 Millionen Pfund mehr „saisonale Reserve“ benötigte. War das am Ende zu viel?
Wir haben alles getan, um Thomas Cook zu helfen und unserer Verantwortung gegenüber dem Unternehmen gerecht zu werden. Leider haben diese Diskussionen nicht zu einer endgültigen Einigung geführt.

Neben vielen hausgemachten Problemen spielte auch die Verunsicherung der britischen Verbraucher angesichts des Brexit eine Rolle beim Niedergang von Thomas Cook. Wie stark belasten solche globalen Risiken, einschließlich des Handelskrieges zwischen China und den USA, Ihr Geschäft?
Wir sind ein globales Unternehmen mit chinesischen Wurzeln. In den USA haben wir nur wenige Beteiligungen, so dass die direkten Auswirkungen von Handelsstreitigkeiten begrenzt sind. Aus unserer Sicht glauben wir, dass sowohl China als auch die USA zu den großen Gewinnern der Globalisierung gehören, weshalb wir hoffen, dass beide Länder gute Beziehungen pflegen und die Welt in Zukunft offener wird.

Der Handelskonflikt hat zu einer Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft beigetragen. Wie besorgt sind Sie über die wirtschaftliche Situation im Heimatmarkt von Fosun?
Die wirtschaftliche Entwicklung in China hat sich tatsächlich verlangsamt. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die Volksrepublik weiterhin eine Wachstumsrate von rund sechs Prozent erreichen kann. Die Mittelschicht wird weiter wachsen. Das bedeutet, dass die Nachfrage der chinesischen Verbraucher für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft wichtiger wird als der Export. Dies wird auch die Importe Chinas erhöhen. Dies bietet auch deutschen Unternehmen eine Chance.

Wie wird es im Handelskonflikt weiter gehen?
Wir sind überzeugt, dass die Führer beider Nationen über die Weisheit und die Fähigkeit verfügen, eine Einigung zu erzielen. Wir hoffen auf ein gutes Ergebnis.

Und was werden Sie tun, bis diese Weisheit Früchte trägt?
In anderen Regionen der Welt, in Afrika, in Indien, in den Schwellenländern und in Europa sehen wir viele Entwicklungsmöglichkeiten. Vor kurzem, anlässlich des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel, traf ich einige deutsche Vorstandschefs, mit denen ich sehr interessante Gespräche geführt habe. Ich glaube, dass sich die Volkswirtschaften von China und Deutschland sehr gut ergänzen. Unternehmen aus beiden Ländern sollten in mehr Bereichen intensiver zusammenarbeiten, so wie wir es auf unserem jüngsten Treffen in Peking diskutiert haben.

Auch Christian Sewing, der Chef der Deutschen Bank, war auf dieser Reise mit dabei. Möchten Sie vielleicht das Frankfurter Geldhaus übernehmen, nachdem Sie bereits die Privatbank Hauck & Aufhäuser gekauft haben?
(Lacht) Eigentlich sind wir mit unserem Portfolio in Deutschland im Moment zufrieden. Neben der sehr erfolgreichen Übernahme von Hauck & Aufhäuser halten wir die Mehrheit an dem Finanztechnologieunternehmen Naga, dem Automobilzulieferer Koller und dem Modeunternehmen Tom Tailor. Vor kurzem haben wir auch FFT übernommen, einen Spezialisten für Fertigungssysteme für die Automobilindustrie. Damit werden insgesamt rund 6000 Arbeitsplätze gesichert.

Aber gerade die Automobilindustrie leidet unter den Handelskriegen und dem Strukturwandel in der Branche. Haben Sie keine Angst, dass dies Auswirkungen auf Koller haben wird?
Wir sind sehr optimistisch hinsichtlich der Wachstumsaussichten von Koller, insbesondere was die Expansionsmöglichkeiten auf dem chinesischen Markt betrifft. Koller hat zum Beispiel eine Fabrik in China eröffnet und ist bereits Teil der Lieferkette zur Herstellung des Karosserie eines neuen Zuges in China. Das ist sehr vielversprechend.

Beunruhigt es Sie nicht, dass Deutschland sich auf dem Weg in die Rezession befindet? Sie mussten eine Mehrheitsbeteiligung am Modekonzern Tom Tailor übernehmen, weil das Unternehmen in Schwierigkeiten geraten ist.
Tom Tailor entwickelt sich aus unserer Sicht gut. Wir sind sehr zuversichtlich, dass das Unternehmen nachhaltig wachsen kann. Nur Bonita, eine Tochtergesellschaft, die sich auf Mode für Frauen über 50 Jahre spezialisiert hat, hat operative Probleme. Wir lösen diese Probleme – da bin ich zuversichtlich.

Sie haben also keine Angst, dass eine Wirtschaftskrise weitere Rettungsaktionen erforderlich macht?
Das Wachstum in Deutschland mag sich kurzfristig abschwächen, aber wir bleiben langfristig optimistisch, auch weil die deutsche Wirtschaft in vielen Bereichen nach wie vor Technologieführer ist. Was mich beunruhigt, ist, dass Europa oder in Zukunft sogar die ganze Welt in eine Ära negativer Zinsen eintreten wird. Das ist in der Geschichte nie passiert, niemand weiß, welche Auswirkungen das haben wird.

Wir sind etwas überrascht von ihrem Vertrauen in die Technologieführerschaft deutscher Unternehmen. Viele Experten befürchten, dass der Standort bei Zukunftsthemen wie künstlicher Intelligenz hinter China und den USA zurückfallen wird.
KI ist erst einmal nur eine Technologie, sie muss auf Industrie und Produkte angewendet werden, um Wert zu schaffen. Deutschland hat enorme Vorteile in der Fertigungsindustrie, wie zum Beispiel im Bereich Automobil- und vernetzte Industrie. Ich glaube, dass diese Branchen früher oder später durch Künstliche Intelligenz umgekrempelt werden. Deutsche Unternehmen sind dabei in einer guten Ausgangsposition.

Aber eine gute Startposition bedeutet noch nicht, dass man auch als Sieger durchs Ziel geht.
Damit sich Innovationen auszahlen, muss der Absatzmarkt groß genug sein. Für US-Unternehmen kann der Inlandsmarkt ausreichen. Deutsche Unternehmen müssen sich dagegen auf internationale Märkte, insbesondere China, konzentrieren. Deutsche und US-amerikanische Unternehmen aus der gleichen Branche sind oft direkte Wettbewerber, während Unternehmen aus China und Deutschland viel häufiger in Partnerschaft stehen.

Aber damit das funktioniert, müsste China seine Märkte noch mehr öffnen, oder?
Meiner Meinung nach sind die chinesischen Märkte in vielen Bereichen bereits sehr offen. Ein Unternehmen wie Siemens kann nun eine hundertprozentige Tochtergesellschaft in der Volksrepublik gründen. Gleiches gilt für die chemische Industrie, Automobilhersteller und Versicherer. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen.

Planen Sie mit so viel Vertrauen in die deutsche Wirtschaft weitere Akquisitionen oder Investitionen?
Im Moment wollen wir uns mehr auf die Optimierung unseres aktuellen Portfolios konzentrieren. Natürlich werden wir die Chancen prüfen, wenn sie sich ergeben, aber der Fokus liegt mehr darauf, das Wachstum der von uns kontrollierten Unternehmen voranzutreiben.

Gerade hat die Volksrepublik China ihren 70. Geburtstag gefeiert, was halten Sie von dieser Geschichte als Unternehmer?
Die Wirtschaftsreformen der vergangenen Jahrzehnte waren zweifellos eine Erfolgsgeschichte. Für die Menschen meiner Generation zum Beispiel bedeuteten sie eine deutliche Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten. Ich selbst stamme vom Land und komme aus einer sehr armen Familie. Dennoch hatte ich die Möglichkeit, die Universität zu besuchen und später eine private Firma zu gründen. Ich glaube, dass selbst chinesische Unternehmen dank der Öffnung der Wirtschaft für internationale Firmen weiter wachsen werden. Davon werden auch die Bürger profitieren.

Wo sehen Sie noch Defizite?
Obwohl China große Fortschritte gemacht hat, leben im westlichen ländlichen Teil Chinas immer noch Menschen in schwierigen Verhältnissen. Insbesondere bei der Armutsbekämpfung und der Verbesserung der Gesundheitsversorgung gibt es dort sicherlich noch viel zu tun. Hier ist Fosun stark engagiert. Wir haben ein soziales Projekt namens „Rural Doctor“ initiiert, zusammen mit unseren Partnern wollen wir den Landärzten bessere Arbeitsbedingungen bieten und sie ausbilden, um das Basisgesundheitssystem Chinas zu verbessern. Die weitere Öffnung der Wirtschaft wird dazu beitragen, solche und andere Probleme zu lösen.

Sind Kommunismus und Kapitalismus langfristig vereinbar? Wird China eines Tages eine Demokratie sein?
In China haben sich im Laufe der Jahre demokratische Strukturen entwickelt, um den Bedürfnissen des Landes gerecht zu werden. Der Nationale Volkskongress ist ein sehr gutes Beispiel für diese Entwicklung.

Der amerikanische Star-Investor Warren Buffett ist eines ihrer erklärten Vorbilder. Wo sehen Sie die größten Ähnlichkeiten und die größten Unterschiede?
(lacht) Der größte Unterschied ist, dass Warren Buffett Amerikaner ist, und ich bin Chinese. Aber im Ernst, was wir gemeinsam haben, ist, dass wir beide dem Ansatz des Value-Investing folgen, das heißt nach Unternehmen und Investitionen suchen, die fundamental unterbewertet sind. Aber im Laufe der Jahre haben sich die Ansätze sehr unterschiedlich entwickelt. Heute konzentrieren wir uns auf Unternehmen, die für die Bedürfnisse der chinesischen Mittelschicht wichtig sind, und auf Investitionen, die vom Zugang zum chinesischen Markt profitieren.

Herr Guo, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr: Der chinesische Investor Midea übernahm vor einigen Jahren Kuka und löste eine Debatte aus. Welche Investoren in deutsche Unternehmen eingestiegen sind.

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