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Samir Desai

„Du musst die Nummer eins sein.“

(Foto: Bloomberg)

Funding-Circle-Chef Samir Desai Ein Brite will Deutschlands Firmen mit Online-Krediten versorgen

Die britische Kreditplattform Funding Circle will wachsen, auch in Deutschland. Ein Börsengang soll der Firma das dafür nötige Geld einbringen.
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LondonDer erste Blick in der Londoner Zentrale von Funding Circle fällt auf die Tischtennisplatte, der zweite auf das Regal mit den Auszeichnungen. „Ping Pong Fight Club Champion“ steht auf einem Silberpokal, hart errungen in einer lauten Halle gegen andere Start-ups. Die Tischtennistrophäen sind nicht zufällig prominent in der Lobby ausgestellt. Sie sollen eine Botschaft senden, wie der junge CEO Samir Desai erklärt: „Du musst die Nummer eins sein.“

Nummer eins zu sein ist das Geschäftsmodell von Funding Circle. Die 2010 gegründete Kreditplattform vermittelt Kredite von privaten Investoren an kleine Unternehmen. Die Größe des Netzwerks spielt dabei eine entscheidende Rolle. „Investoren kommen zur Plattform mit den meisten Krediten und der besten Risikostreuung“, sagt Desai. „Kreditnehmer kommen zu der Plattform, wo sie am günstigsten und schnellsten ihren Kredit bekommen.“

Das sogenannte Peer-to-Peer-Lending (P2P) ist im Kommen, weil viele kleinere Firmen sich von ihren Banken nicht ausreichend bedient fühlen. Funding Circle will sich zur ersten Adresse für all die genervten kleinen Ladeninhaber aufschwingen.

Statt monatelang mit einem Bankberater Termine zu vereinbaren, müssen Kunden nur ein Onlineformular ausfüllen und einige Unterlagen hochladen. Die Kreditzusage (bis zu 500.000 Pfund) erfolgt in den meisten Fällen binnen 48 Stunden. „Manchmal haben die Kunden schon ihren Kredit, bevor die Bank überhaupt mit einem Terminvorschlag zurückgerufen hat“, sagt Deutschlandchef Thorsten Seeger.

Anlegern, die bereit sind, ihr Geld zu verleihen, wird eine ansehnliche Rendite von fünf bis sieben Prozent versprochen. Die Kredite sind allerdings unbesichert, die Investoren laufen also Gefahr, ihr gesamtes Geld zu verlieren. Funding Circle selbst verdient an jedem Kredit eine Gebühr.

Im britischen Heimatmarkt dominiert Funding Circle seine P2P-Nische mit einem Marktanteil von 74 Prozent, in den drei Auslandsmärkten USA, Niederlande und Deutschland wächst das Start-up. Die Erträge sind allerdings noch bescheiden: 2016 erwirtschaftete das Unternehmen 50,9 Millionen Pfund – ein Plus von 59 Prozent. Der Verlust betrug 35,7 Millionen Pfund.

In den kommenden Monaten will das Fintech den großen Sprung wagen: Der Gang an die London Stock Exchange soll mindestens eine Milliarde Pfund einbringen, das wäre einer der größten Börsengänge in der Branche. Das Geld könnte dann unter anderem in Marketing-Kampagnen fließen, um den Namen bekannter zu machen – gerade auch in Deutschland.

Hartes Deutschland-Geschäft

Schon 2015 hatte Funding Circle in Deutschland das Start-up Zencap von Rocket Internet übernommen. Doch bis heute läuft das Geschäft auf einem niedrigen Niveau. Das britische Unternehmen ist in der Bundesrepublik kaum bekannt. Und es hat einen neuen Konkurrenten. Im Februar schluckte die Direktbank ING Diba den deutschen Kreditmarktplatz Lendico – mit dem klaren Ziel, das Geschäft mit Unternehmenkunden auszuweiten.

Doch davon will sich Desai nicht einschüchtern lassen. Der 34-Jährige, ein smarter Oxford-Absolvent mit einem einnehmenden Lächeln, ist schon jetzt ein Star auf Branchenkonferenzen. Nach einem erfolgreichen Börsengang würde er endgültig zum Aushängeschild der Londoner Fintech-Szene.

Mit Prognosen zum Listing hält er sich noch zurück. Der Zeitpunkt wird letztlich von der Kursentwicklung an den Märkten abhängen. Er hat aber bereits mehrere große Investmentbanken, darunter Goldman Sachs und Morgan Stanley, mit den Vorbereitungen beauftragt.

Desai hat Grund vorsichtig zu sein. Mehrere Kreditplattformen haben an der Börse schon Schiffbruch erlitten: Seit dem stark überzeichneten Debüt des US-Konkurrenten LendingClub im Dezember 2014 ist der Kurs um 86 Prozent eingebrochen. Die Aktie eines weiteren US-Wettbewerbers, Ondeck, notiert derzeit 75 Prozent unter dem Ausgabepreis.

Laut Desai sind die Geschäftsmodelle nicht vergleichbar. Funding Circle vermittele keine Verbraucherkredite wie LendingClub, sondern ausschließlich Firmenkredite.

Das Geschäft mit kleinen Unternehmen sei stabiler und berechenbarer, sagt er. Und es gebe deutlich weniger Konkurrenz als im Markt mit Verbraucherkrediten. Allerdings konkurriert Funding Circle um die gleichen Anleger. Und der britische Rivale Ratesetter hat nach einigen Reinfällen das Geschäft mit unbesicherten Firmenkrediten kürzlich aufgegeben.

Friseursalons als beste Schuldner

Von Skeptikern hat der Londoner Gründer sich jedoch noch nie zurückhalten lassen. Die Idee, das herkömmliche Kreditsystem zu umgehen, hatte er 2008. Damals arbeitete er als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group. Nach der Finanzkrise liehen Banken kaum noch Geld, besonders kleine Unternehmen litten unter der Kreditklemme. Dabei, so Desai, zählten Geschäfte wie Restaurants, Apotheken und Friseursalons häufig zu den besten Schuldnern, weil sie ein stabiles Einkommen haben und regelmäßig Kredite benötigen.

Mit seinen Freunden James Meekings und Andrew Mullinger machte Desai sich 2010 selbstständig, bald bezogen sie ihr erstes eigenes Büro auf der Oxford Street über einem Waffelbäcker. Sie brachten ihre Ersparnisse von 70 000 Pfund ein, zusammen mit Geld von „Familie und Freunden“ hatten sie ein Startkapital von 700.000 Pfund. Zunächst ging es darum, Investoren und Kreditnehmer auf die Seite zu locken, deshalb boten sie die Plattform ein halbes Jahr lang gratis an.

Ein erster Durchbruch kam im Februar 2011, als die ersten Risikokapitalgeber einstiegen. „Wir bekamen 2,5 Millionen Pfund für ein Unternehmen ohne Einnahmen“, sagt Desai. „Das war ein großer Moment, denn es bedeutete, dass andere Leute an die Idee glaubten.“

Zwei Jahre später folgte der nächste Meilenstein: Die britische Regierung nutzte die Plattform, um Kredite an kleine Unternehmen zu vergeben. Wenig später folgte die internationale Expansion.

Insgesamt hat die Plattform seit der Gründung mehr als 4,5 Milliarden Pfund an Krediten vermittelt, zwei Drittel davon in Großbritannien. In Deutschland ist das Geschäft noch klein, im vergangenen Jahr vermittelte Funding Circle nur 50 Millionen Pfund. Dieses Jahr sollen es 100 bis 150 Millionen Pfund werden. Trotz der vorherrschenden Meinung, dass es in Deutschland zu viele Banken gebe, hätten kleine Unternehmen Probleme, Kredite zu bekommen, sagt Desai.

Kritiker werfen Kreditplattformen vor, die Bonität ihrer Kunden nicht sorgfältig genug zu prüfen. Tatsächlich ist die Kreditausfallrate nach dem Eintritt in einen neuen Markt zunächst relativ hoch. Das Problem lege sich, je besser man einen Markt kennen lerne, erklärt Desai. Im reiferen britischen Markt sei die Scoring-Praxis inzwischen so ausgefeilt, dass die Ausfallraten nicht höher als bei Banken seien – trotz der schnellen Kreditvergabe.

Der Realitätstest wird erst in einer Rezession kommen, wenn Firmen massenweise ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Auch darauf sei man vorbereitet, sagt Desai. In Großbritannien könnten sich die Kreditausfälle vervierfachen, und die Anleger bekämen immer noch eine positive Rendite.

Der Londoner sieht auch langfristig hohe Wachstumsraten, weil die Banken an kleineren Firmenkrediten nicht allzu interessiert seien. Im Moment habe Funding Circle einen Marktanteil von einem Prozent in allen vier Märkten, sagt er. Das könne auf 10, 20, 30, sogar 50 Prozent steigen. „Sie können sich eine Zahl aussuchen.“

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