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GDV-Präsident Wolfgang Weiler „Die Riester-Rente ist sehr viel besser, als behauptet wird“

Der Präsident des Versicherungsverbandes GDV über die Gefahren für Lebensversicherer, die Provisionen in der Branche und den Verkauf von Altbeständen.
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Der Präsident des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft über die Gefahren für Lebensversicherer. Quelle: imago/Reiner Zensen
Dr. Wolfgang Weiler

Der Präsident des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft über die Gefahren für Lebensversicherer.

(Foto: imago/Reiner Zensen)

FrankfurtWolfgang Weiler kennt das Versicherungsgeschäft. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er in der Branche, acht Jahre davon leitete er den Versicherer HUK-Coburg, der unter seiner Führung zum deutschen Marktführer bei Kfz-Policen aufstieg. Seit September vergangenen Jahres führt der 65-Jährige den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft in Berlin – und ist damit die Stimme der Versicherer in der Politik. Mit dem Handelsblatt sprach der passionierte Radfahrer über die Lage der deutschen Lebensversicherer und wie sehr die geplante Änderung des Lebensversicherungsreformgesetzes die Branche verändern wird.

Herr Weiler, im neuen Evaluierungsbericht der Bundesregierung steht, dass die Finanzaufsicht 34 von 84 überwachten deutschen Lebensversicherern inzwischen in die intensivierte Aufsicht genommen hat, weil mittel- bis langfristig finanzielle Probleme drohen. Wie schlecht geht es den Versicherern?
Aus Sicht des GDV besteht keinerlei Anlass, an der Stabilität der Branche zu zweifeln. Die niedrigen Zinsen sind und bleiben eine große Herausforderung für die Versicherer. Alle Lebensversicherer können die gesetzlichen Vorgaben von Solvency II erfüllen. Die Unternehmen konnten ihre Bedeckungsquoten (Anm. d. Red.: das Verhältnis von Eigenmitteln zu Verpflichtungen gegenüber Kunden) im Vergleich zum letzten Jahr sogar noch mal verbessern. Die durchschnittliche Quote in der Branche lag 2016 bei 207 Prozent und 2017 bei 267 Prozent. In der aktuellen Niedrigzinsphase ist es Aufgabe der Bafin, genau hinzuschauen. Wir haben jedoch keine Kenntnis, nach welchen Kriterien die Bafin eine intensivierte Aufsicht durchführt.

Trotzdem wirkt die Lage angespannt. Gabriel Bernadino, Chef der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa, schloss jüngst nicht aus, dass einige Versicherer in Schwierigkeiten geraten. Nun will der Bund die Anforderungen für den Sicherungsfonds erhöhen. Ist das nicht ein Alarmsignal?
Sicher nicht. Es gibt ein paar rechtliche Detailfragen, die jetzt präziser geregelt werden sollen. Aber in ihrer Funktion als europäische Aufsicht kann ich die Aussage der Eiopa nachvollziehen. Nicht jedes Land hat so hohe Solvenzquoten wie Deutschland. Die deutsche Assekuranz steht heute besser da als vor zwei Jahren. Das liegt auch an dem Schwenk hin zu Produkten, die deutlich weniger die Solvenz belasten. Das wirkt sich natürlich mit dem Neugeschäft eines jeden Jahres weiter aus. 

Versicherer zählen zu den größten Investoren in europäische Staatsanleihen. Wie sehr haben die Wahlen in Italien die Branche auf dem falschen Fuß erwischt?
Die Flucht in den sicheren Hafen hat erwartungsgemäß wieder eingesetzt. Die Versicherer insgesamt sind heute aber noch weniger als vor Jahren in italienischen Anleihen investiert. In der Breite hat das also keine Auswirkung.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Euro-Krise zurückkehrt?
Das ist immer eine dunkle Wolke über dem Euro-Raum. Durch die gute konjunkturelle Entwicklung der vergangenen Jahre haben sich die Bedenken spürbar und deutlich verzogen. Vor einem Jahr war aber auch noch in keiner Prognose zu lesen, dass womöglich ein großer Handelskrieg entsteht, der auch Auswirkungen auf die weitere Entwicklung im Euro-Raum haben wird. Wenn ein größerer Absturz tatsächlich käme, dann müsste sich sicher auch die EZB neu positionieren.

Für Versicherer sind es derzeit wichtige Wochen: In Berlin bahnen sich deutliche Änderungen beim Lebensversicherungsreformgesetz an. Wird die Welt für die Assekuranzen im Herbst eine andere sein?
Es wird sich einiges ändern. Wir wehren uns aber gegen starre Regeln bei den Provisionen. Das fände ich aus marktwirtschaftlichen Gründen nicht richtig.
Es würde uns auch als Branche singulär treffen, beispielsweise im Vergleich zur Fondswirtschaft, mit der wir zum Teil in intensivem Wettbewerb stehen, die aber im Vergleich zu uns weder eine ähnliche Regulierung hätte noch befürchten müsste. Das wäre ein einseitiger Wettbewerbsnachteil. Hier müssen wir stattdessen für Gleichheit im Konkurrenzkampf sorgen, geht es doch um ähnliche Kundengruppen.

Wie zeitgemäß sind denn grundsätzlich noch solche Gebührenstrukturen? Gerade im Zeitalter der Digitalisierung? Die Fondsbranche macht hier doch schon länger vor, dass es auch günstiger gehen kann.
Die Provisionen sind bereits deutlich gesunken. Wir haben auch eine große Anbieter-Bandbreite am Markt. Direktanbieter haben beispielsweise geringe Gebühren, andere bieten zu höheren Kosten an, weil sie eine individuelle Beratung bieten.
Es ist aber eine alte Legende, die von bestimmten Marktkreisen immer wieder gestrickt wird, dass Fonds so wahnsinnig günstig und Versicherungen so teuer sind. Das hält keiner realen Betrachtung stand. Wir bewegen uns etwa auf gleichem Niveau. Ich finde es immer schwierig, wenn der Gesetzgeber klären will, was eine Branche verdienen darf.

Ganz harmonisch läuft die Zusammenarbeit gerade nicht mit der Politik. Mit Argwohn sehen Politik und Verbraucher, dass immer mehr Versicherer alte Policen loswerden wollen. Verstehen Sie, dass Kunden einen Vertrauensverlust beklagen?
Für den Verband kann ich nur sagen, dass es sich um eine in einer Marktwirtschaft ganz normale Möglichkeit handelt, wenn ein Unternehmen eine Tochtergesellschaft an ein anderes Unternehmen verkauft oder wenn Vertragsbestände von darauf spezialisierten Unternehmen weiter administriert werden. Wichtig ist, dass dies zum Nutzen aller Beteiligten ist. Man darf das ideologisch nicht überhöhen im Sinne von Treueschwüren. Wir haben Vertragsbeziehungen, die 50 oder 60 Jahre laufen.
In derartigen Zeitläufen gibt es immer wieder auch erhebliche gesellschaftliche und rechtliche Änderungen. Man kann aber erwarten, dass Änderungen vernünftig abgewogen und begründet werden. Die Konsolidierung auslaufender Bestände auf spezialisierten Plattformen ist in vielen Fällen zum Nutzen aller Beteiligten. Es fehlt uns aber in Deutschland die Erfahrung, deswegen ist die Diskussion schwierig.

In anderen Ländern wie in Großbritannien ging man jedoch recht ruppig mit Kunden um, so dass sogar die Aufsicht eingreifen muss. Spricht das nicht für berechtigte Sorgen vieler Menschen?
Damit transportiert man Erkenntnisse aus einem anderen Land nach Deutschland. Nun sind wir hier aber bei einem anderen Produkt und auch bei einer anderen Aufsicht. In Deutschland haben wir langlaufende Verträge mit laufender Beitragszahlung und Gewinnbeteiligung. Gerade diese Vertragsart ist sehr hoch reguliert. Das ist eine deutsche Spezialität. Bei jeder Übertragung von Beständen oder dem Verkauf eines Unternehmens ist die Aufsicht involviert. Sie erteilt Genehmigungen nur unter hohen Auflagen.

In der Kritik ist auch die Riester-Rente. Sie haben einen Vorstoß für eine neue Variante angekündigt. Wann ist es so weit, und wie wird sich das neue Produkt unterscheiden?
Die Riester-Rente ist sehr viel besser, als behauptet wird. Aber auch sie leidet unter den niedrigen Zinsen. Dann schlagen natürlich auch die Kosten stärker zu Buche. Deswegen denken wir als wichtigste Anbieterbranche darüber nach, was sich ändern muss, um Riester erkennbar zu vereinfachen und so noch attraktiver zu machen.
Das Förderverfahren ist aus unserer Sicht viel zu fehleranfällig und kreiert Rückfragen und Verärgerungen bei den Kunden am laufenden Band. Das könnte man relativ einfach anders regeln. Wenn man dann das Verfahren generell deutlich verschlankt, dann ist ein vereinfachtes Produkt auch in Zeiten niedriger Zinsen wieder attraktiver.

Viele Versicherer fürchten eine Attacke von Amazon & Co. Glauben Sie, dass wir in Deutschland in den kommenden Jahren einen der Giganten als neuen Konkurrenten sehen werden?
Wir müssen damit rechnen, dass derartige Unternehmen Vorstöße unternehmen, um sich auch im Finanzmarkt eine große Stellung zu erobern.

Sind die deutschen Versicherer gewappnet?
Es ist ja nicht so, dass ein deutscher Versicherer nichts tut und die technische Entwicklung vorbeiziehen lässt. Es wird experimentiert, Verfahren werden adaptiert. Hier ist in den vergangenen beiden Jahren sehr viel passiert. Wir haben viele Verbindungen oder Beteiligungen mit Start-ups gesehen. Die Unternehmen sind viel dynamischer unterwegs, als man ihnen das von vielen Seiten zugetraut hat.

Trotzdem gibt es bei den neuen Angreifern eine andere Kostenstruktur, was es gefährlich macht. Ist das ein Risiko?
Der Versicherungsmarkt ist kein Feld, wo ein einzelner Anbieter alles abräumt. Dazu gibt es viel zu unterschiedliche Präferenzen, dazu ist das Geschäft viel zu hoch reguliert. Es gibt lange gewachsene Kundenbeziehungen, das lässt sich nicht mal schnell alles über den Haufen werfen.

Wie sehr werden Big Data und künstliche Intelligenz die Branche verändern?
Das ist die Schwelle eines neuen Zeitalters, auch für unser Geschäft. Eine Reihe von Versicherern ist hier schon sehr intensiv unterwegs. Da gibt es schon einiges zu besichtigen. Man muss aber auch eigene Erfahrungen sammeln und darf nicht nur zukaufen, sonst gibt man zu viel auf.

Die Digitalisierung macht Jobs überflüssig. Wie viele Stellen wird dieser Trend in den nächsten Jahren in Deutschland kosten?
Natürlich kann man sich vorstellen, dass ein dynamischer Digitalisierungsprozess erhebliche Produktivitätsverbesserungen mit sich bringt. Wir dürfen das aber nicht einfach linear fortschreiben. Die wahrscheinlichste Annahme ist, dass in bestimmten Feldern Jobs wegfallen, aber dafür an anderer Stelle auch Jobs aufgebaut werden. Es ist zu früh, um zu beurteilen, wie das Ergebnis unter dem Strich aussehen wird.

Und wie sicher sind Sie, dass wir auch 2020 noch 84 Lebensversicherer haben werden?
Ich glaube nicht, dass es da drastische Veränderungen geben wird.

Herr Weiler, vielen Dank für das Interview.

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