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Handelsblatt Insurance Summit Versicherer kämpfen mit alten Problemen und neuen Konkurrenten

Die Assekuranzen treiben mit Zukäufen und frischen Angeboten den Wandel voran. Doch viel Zeit bleibt ihnen nicht – neue Rivalen lauern auf ihre Chance.
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Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe im Gespräch mit Joachim Wenning, Vorstandsvorsitzender von Munich Re. Quelle: Torsten Jochim für Handelsblatt
Handelsblatt Insurance Summit

Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe im Gespräch mit Joachim Wenning, Vorstandsvorsitzender von Munich Re.

(Foto: Torsten Jochim für Handelsblatt)

München Es ist ein Preisschild, das wie ein Ausrufezeichen wirkt. Rund 250 Millionen Dollar investierte der Münchener Rückversicherer Munich Re vor wenigen Wochen in das amerikanische Versicherungs-Start-up Next und ließ damit die junge Firma mit einer Bewertung von rund einer Milliarde Dollar in den exklusiven Club der sogenannten Einhörner aufsteigen.

Dennoch ist der deutsche Dax-30-Konzern überzeugt, dass es gut angelegtes Geld ist. Denn Munich-Re-Vorstandschef Joachim Wenning verfolgt ein großes Ziel. Er will den vor 139 Jahren gegründeten, ehrwürdigen Rückversicherer bis zum Jahr 2020 an die Spitze des digitalen Fortschritts führen. „Kunden erwarten zunehmend auch von uns Standards, die sie aus anderen Branchen kennen: Schnelligkeit, Einfachheit, Annehmlichkeit und Komfort“, sagte Wenning an diesem Dienstag auf dem Versicherungsgipfel Insurance Summit des Handelsblatts in München.

Kampf um die digitale Spitze: Für viele Kunden sei es unverständlich, warum sie mit ihrer Versicherung nicht ebenso unkompliziert interagieren können wie mit Amazon & Co. „Die sogenannte digitale Ungeduld greift um sich, überall“, betonte Wenning. Unter dem Druck neuer digitaler Wettbewerber und des Näherrückens der US-Technologiekonzerne treibt die Branche deshalb mit Zukäufen und neuen Angeboten den Umbruch voran.

Für Wenning ist die „Systemfrage hinter der Digitalisierung“, wie Versicherer regelmäßig „sinnhafte, positive Interaktionen mit ihren Kunden sicherstellen“ können. Der Vorstandschef schreibt dabei den digitalen Plattformen, sogenannten datengetriebenen Ökosystemen, eine Schlüsselrolle zu.

Laut McKinsey soll über diese Ökosysteme wie Amazon & Co. bis 2025 bis zu ein Drittel des weltweiten Umsatzvolumens der Versicherer generiert werden. „Diese digitalen Ökosysteme verändern den Wettbewerb in unserer Branche“, warnte Wenning.

Rund 120 Teilnehmer verfolgen den Insurance Summit. Quelle: Torsten Jochim für Handelsblatt
Volles Haus

Rund 120 Teilnehmer verfolgen den Insurance Summit.

(Foto: Torsten Jochim für Handelsblatt)

Auch die Bundespolitik stellt sich bereits darauf ein, dass neue Wettbewerber auf die Branche zukommen. „Es wäre naiv zu glauben, dass es nur bei dem Vorstoß von Facebook mit Libra bleiben wird, den Zahlungsverkehr zu revolutionieren“, sagte Finanzstaatssekretär Jörg Kukies mit Blick auf die geplante Digitalwährung des sozialen Netzwerks.

„Es ist völlig klar, dass die Tech-Konzerne auch über Versicherungsdienstleistungen nachdenken werden.“ Die Bundesregierung werde jedoch darauf achten, dass sich auch die neuen Wettbewerber an die bestehenden Regeln und Regulierungen halten müssten. „Der faire Wettbewerb darf nicht unterwandert werden“, betonte Kukies.

Schlankeres Angebot

In der bisher sehr konservativen Versicherungsbranche bringt das einiges in Bewegung. Bislang waren die Fachleute der Allianz stolz darauf, den Kunden allein bei der gewerblichen Haftpflicht satte 340 Produktvarianten anbieten zu können, auch wenn sehr viele davon kaum nachgefragt wurden, wie Ivan de la Sota, Vorstand für den Konzernumbau bei der Allianz, auf dem Versicherungsgipfel einräumte.

Nun gibt der Konzern eine neue Parole aus: Das Angebot an die Kunden soll kompakter und leichter verständlich werden. „Aufräumen kommt vor Digitalisierung“, betont der Allianz-Vorstand. Ein Beispiel für die neue Einfachheit soll der im Oktober gestartete Online-Versicherer für Kfz-Policen unter dem Namen Allianz Direct sein.

„Das Modell ist länderübergreifend, datengetrieben und mit erheblichen Kostenvorteilen verbunden“, sagte de la Sota. Der Schadensprozess soll sich auf Künstliche Intelligenz, Bilderkennung und auf eigene Werkstätten stützen. Allianz Direct sei ein „Experimentierfeld für die Zukunft der Allianz“. 

Die Gewichte in der Branche verschieben sich damit. „Der digitale Umbruch wird alle großen Branchen durcheinanderwirbeln“, prognostiziert Daniel Schreiber, Co-Chef und Mitgründer des stark auf moderne Technologien setzenden US-Versicherungs-Start-ups Lemonade, auf dem Insurance Summit.

Am Rande der Veranstaltung kommen die Gäste ins Gespräch.
Austausch

Am Rande der Veranstaltung kommen die Gäste ins Gespräch.

Doch die Versicherungsbranche könnte es besonders hart treffen. Denn während in der Musikindustrie oder im Handel das Produkt trotz moderner Technologie letztlich das gleiche bleibe, ändere sich bei den Versicherern alles. „Die nächsten führenden Unternehmen in der Versicherungsbranche werden Bots nutzen, nicht Makler, und Künstliche Intelligenz, nicht Aktuare.“

Gerade in Deutschland habe Lemonade, das sich derzeit mit der Deutschen Telekom über das Monopol für die Farbe Magenta streitet, eine Lücke ausgemacht, die die Amerikaner schließen wollen. So ist Lemonade seit Sommer dieses Jahres mit einer rein digitalen Hausrat- und Haftpflichtversicherung in Deutschland am Start, die innerhalb weniger Minuten per App abzuschließen ist.

Auch die etablierte Konkurrenz weiß, dass sich etwas ändern muss. „Versicherer, die darauf beharren, die Dinge einfach auf die gute alte Weise zu tun, drohen unterzugehen“, warnte in München Giovanni Liverani, Deutschlandchef der italienischen Versicherung Generali.

Denn die zunehmende Digitalisierung verändert auch die Wünsche der Kunden drastisch. Nach wie vor bevorzugt eine Mehrheit der Kunden zwar den persönlichen Kontakt, wie jüngst eine Umfrage der Unternehmensberatung ZEB ergab. Onlinekanäle lägen allerdings mittlerweile fast gleichauf.

Wie sehr die Branche in Bewegung geraten ist, zeigte letztes Jahr der Versuch des japanischen Technologieriesen Softbank, beim Schweizer Rückversicherer Swiss Re einzusteigen. Der spektakuläre Versuch scheiterte zwar. Doch der überraschende Schritt beweist, wie sehr die Branche inzwischen ins Visier der Technologiekonzerne geraten ist. Die Schweizer wollen nun ihre Expertise unter anderem in der Zusammenarbeit mit Start-ups verbessern, um schneller voranzukommen. Swiss Re will sich auf diese Weise Know-how auch von außen ins Haus holen.

Der Wettbewerb um digitalaffine Kunden wird allerdings längst nicht mehr allein über Innovations-Labs und agile Arbeitsweisen in den Unternehmen ausgetragen – sondern auch über massive Investitionen in aufstrebende junge, externe Firmen.

So ist die Geldspritze des Münchener Dax-30-Konzerns Munich Re in das Start-up Next kein Einzelfall. Erst wenige Monate zuvor zahlten die Münchener rund 300 Millionen Dollar für die erst fünf Jahre alte Berliner Firma Relayr, die vor allem im Internet der Dinge (IoT), also der Vernetzung von Gegenständen, Know-how aufgebaut hat.

Es ist ein Feld, in dem viele Versicherer neue Chancen wittern. Auch die drittgrößte deutsche Versicherungsgruppe Talanx stieg dieses Jahr beim 2016 gegründeten Berliner Start-up Next Big Thing ein, das ebenfalls auf diesem Feld sowie der Blockchain-Technologie unterwegs ist.

Attraktive Start-ups

Junge Start-ups wecken damit immer stärker die Fantasie der Versicherer und Investoren. Die Investitionen in Versicherungsneugründungen sind in den ersten neun Monaten dieses Jahres auf ein neues Rekordhoch gestiegen. Laut der Unternehmensberatung Willis Towers Watson stieg das Transaktionsvolumen im Vergleich zum Vorquartal um sechs Prozent an.

Die Anzahl der Deals sprang sogar um 20 Prozent von 69 auf 83 in die Höhe. Bereits in den ersten neun Monaten erreichte damit die Höhe der Investitionen in Insurtechs mit 4,36 Milliarden Dollar einen neuen Rekordwert.

Investitionen in vertriebsorientierte Start-ups seien dabei zurückgegangen. Stattdessen habe das Interesse an Unternehmen mit Lösungen im Bereich Advanced Analytics, also Vorhersagemodelle auf Basis moderner Analyseverfahren, zugenommen.

Für Finanzstaatssekretär Kukies ist klar, was diese Zahlen für die klassischen Versicherer bedeuten: „Die Lemonades dieser Welt werden immer mehr“, lautet seine Mahnung an die Manager der etablierten Firmen, „und sie werden mit immer mehr Geld ausgestattet.“ Im Klartext: Einfacher wird es nicht mehr für die Branche.

Mehr: Viele Kunden erwarten Hilfe binnen fünf Minuten, sagt der Munich-Re-CEO auf dem Handelsblatt Insurance Summit. Darauf müssten sich Versicherer einstellen.

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