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Handelsblatt-Wirtschaftsclub „Ohne staatliches Wohlwollen hat die beste Geschäftsidee keinen Erfolg“

Handelsblatt-Redakteur Stephan Scheuer erklärt im Clubgespräch das Erfolgsgeheimnis chinesischer Tech-Konzerne – und worauf sich Europa einstellen sollte.
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Der ehemalige China-Korrespondent des Handelsblatts, Stephan Scheuer (links) diskutiert mit Handelsblatt-Finanzressortleiter Daniel Schäfer (rechts) über China als Hightech-Macht.
Handelsblatt Club-Gespräch

Der ehemalige China-Korrespondent des Handelsblatts, Stephan Scheuer (links) diskutiert mit Handelsblatt-Finanzressortleiter Daniel Schäfer (rechts) über China als Hightech-Macht.

Frankfurt Als Handelsblatt-Redakteur Stephan Scheuer nach fünf Jahren in China nach Deutschland zurückkehrte, erlebte er einen kleinen Kulturschock: Hier dreht sich längst noch nicht alles ums Smartphone, hier gibt es kein universelles mobiles Bezahlsystem, hier kann er nicht mal eben per Handy-App einen Arzttermin vereinbaren oder die Stromrechnung begleichen.

Allerdings: „Nicht nur bei der Smartphone-Nutzung ist uns China weit voraus, in dem Land herrscht ein konstanter Konkurrenzkampf um Ideen und der Staat sorgt dafür, dass neue Technologien schnell verbreitet werden“, sagte Scheuer am Montagabend auf einer Veranstaltung des Handelsblatt Wirtschaftsclubs in Frankfurt.

Das Bild von China als Werkbank der Welt, wo nur im Auftrag anderer gefertigt wird oder Ideen dreist kopiert werden, ist längst passé. „Zwar lassen sich chinesische Unternehmen noch immer von Innovationen aus dem Ausland inspirieren, aber sie kupfern nicht einfach ab, sondern machen es besser“, so Scheuer. Beispiel WhatsApp und das chinesische Pendant WeChat: Den Chat-Service aus den USA gab es zwar früher. Aber WeChat hat drei Jahre vor den Amerikanern eine Funktion für Ton- und Video-Anrufe eingeführt.

Wie Chinas Technologie-Konzerne so erfolgreich werden konnten und was sich daraus noch entwickeln könnte, schildert der Handelsblatt-Redakteur auch in seinem gerade erschienenen Buch „Der Masterplan – Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“.
Die chinesischen Unternehmen seien extrem gut darin, Plattformen aufzubauen, über die Nutzer dann quasi ihr ganzes Leben organisieren können – so zum Beispiel mit Hilfe von WeChat und AliPay, das zum Internetkonzern Alibaba gehört.

Dass solche Plattformen so gut funktionieren, liegt auch an der riesigen Zielgruppe von aktuell 1,4 Milliarden Chinesen. Wer in Deutschland eine Plattform skalieren möchte, stößt dagegen recht schnell an Landes- und Sprachgrenzen, die überwunden werden müssen.

Der Masterplan - Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft

Selbst dieser riesige Markt reicht den chinesischen Tech-Konzernen wie Alibaba, Tencent oder Baidu aber nicht mehr aus. Aktuell drängen sie nach Südostasien und Indien vor – Länder, die China ähnlich sind. Aber auch in Europa haben sie schon Fuß gefasst, so sind WeChatPay und AliPay auch hierzulande bereits in einigen Geschäften als Bezahlmethode präsent – momentan allerdings nur für chinesische Touristen, die hier Urlaub machen.

Ob die Konzerne ihr Angebot bald auch für europäische Kunden öffnen? Stephan Scheuer ist skeptisch. Das Problem: „Die Konzerne arbeiten sehr eng mit dem chinesischen Staat zusammen und geben Nutzerdaten an diesen weiter. Sie könnten zwar beteuern, dass sie dies mit europäischen Kundendaten nicht tun, aber es ist fraglich, ob man ihnen glauben würde“, so Scheuer. Allerdings: Wenn das Angebot bequem und clever genug ist, nutzen europäische Kunden es womöglich trotz solcher Bedenken.

Abschottung? Sinnlos!

Auch andere Technologien könnten über kurz oder lang nach Europa exportiert werden. Einen besonderen Fokus legen etliche chinesische Unternehmen derzeit auf die Entwicklung von Systemen mit künstlicher Intelligenz. So will etwa Robin Li den Suchmaschinenbetreiber Baidu zum weltweit führenden Unternehmen für künstliche Intelligenz (KI) aufbauen. Wenn europäische Unternehmen bei dieser Technologie den Anschluss verlieren, könnten auch KI-Systeme aus China in Europa zum Einsatz kommen – beispielsweise zur Verkehrssteuerung.

Eine Abschottung Europas gegen Produkte aus China hält Scheuer für sinnlos: „Wenn wir die Schotten dicht machen und keine Importe mehr aus China erlauben würden, träfe das insbesondere Deutschland viel heftiger als China, man denke nur an die Automobilexporte.“ Seine Empfehlung: „Wir sollten lieber unsere eigene Digitalisierungsstrategie vorantreiben.“

Der chinesische Staat leistet zum Erfolg der chinesischen Firmen einen entscheidenden Beitrag. Einerseits haben Unternehmen in China ohne staatliches Wohlwollen keine Chance: „Die beste Geschäftsidee bringt nichts, wenn man sich nicht mit dem Staat gut stellt und alle Regeln befolgt“, so Scheuer. Auf der anderen Seite sorge der Staat aber auch für eine rasche Verbreitung der nötigen Infrastruktur, so etwa ein schnelles mobiles Datennetz – um das in Europa noch immer gerungen wird.

Auch die Schattenseiten dieses mächtigen Staates blieben am Montagabend nicht unerwähnt. Zum einen gibt es auf politischer Ebene kein Kontrollorgan, das Entscheidungen der mächtigen kommunistischen Partei prüft. Zum anderen eröffnet die digitale Welt der Regierung neue Möglichkeiten, ihre Bürger zu überwachen und zu kontrollieren.

Jede Handlung im Internet hinterlässt eine Datenspur und die sammelt der Staat ein, um Profile über die Bürger zu erstellen. Wer durchfällt, gilt als „Vertrauensbrecher“ und muss harte Sanktionen fürchten. So dürfen inzwischen rund acht Millionen Menschen nicht mehr Zug fahren oder fliegen, da sie einen Kredit nicht abbezahlt, eine Straftat begangen oder Kritik an der Regierung geäußert haben.

In Form eines Punktesystems, häufig auch als Social Score bezeichnet, soll diese Überwachung in den kommenden Jahren noch ausgebaut werden. Was Chinas Bürger wirklich darüber denken, ist schwierig herauszufinden, da jede kritische Äußerung bestraft werden könnte. „Nach außen herrscht eine positive Aufbruchstimmung“, sagt Scheuer. „Um Probleme wie Smog oder Wohnungsmangel zu beseitigen, sind die Menschen bereit, drastische Mittel zu ergreifen.“

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