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Hauptversammlung „Wie ein trotziges Kind“: Wirecard-Führung nach Skandalen in der Kritik

Konzernchef Markus Braun gibt bei der Aktionärsversammlung von Wirecard den Visionär. Doch die Anteilseigner kritisieren die Führung mit deutlichen Worten.
Update: 18.06.2019 - 17:37 Uhr Kommentieren
Der Vorstandsvorsitzende von Wirecard spricht auf der Hauptversammlung zu den Aktionären. Quelle: dpa
Markus Braun

Der Vorstandsvorsitzende von Wirecard spricht auf der Hauptversammlung zu den Aktionären.

(Foto: dpa)

MünchenZu Beginn muss Markus Braun erst mal schlucken. „Das ist ein beeindruckendes Auditorium“, ruft der Wirecard-Chef den rund 2000 anwesenden Aktionären bei der Hauptversammlung in der Münchener Messe zu. Beim Eigentümertreffen des Zahlungsdienstleisters im vergangenen Jahr waren es 500 gewesen.

Die gestiegene Aufmerksamkeit der Aktionäre dürfte vielfältige Gründe haben: Wirecards Aufstieg in den Dax, zahlreiche Berichte über eine nicht ausreichende Transparenz im Konzern sowie starke Kursschwankungen der Aktie. Mit anderen Worten: Wirecard polarisiert, Wirecard interessiert, Wirecard beeindruckt – und Vorstandchef Braun spricht in freier Rede zu den Aktionären.

Der großgewachsene Manager nimmt dabei die Rolle des Visionärs ein, der vor allem die technischen Entwicklungen im Zahlungsverkehr antizipiert. „Digitalisierung ist die Einführung von weltweiten Standards“, sagte Braun. Die Zukunft liegt seiner Ansicht nach nicht in einem Gegeneinander von mobilem und stationärem Handel, sondern in der Verknüpfung aller Systeme. Braun spricht dabei von „unified commerce“, also einer einheitlichen Handelsplattform, die den Kunden während des gesamten Einkaufes begleitet.

Der Österreicher redet mehr als eine Stunde über die großen Trends. Und die Anleger lauschen, ohne dass Unruhe aufkommt. Braun steht auf der Bühne und klagt über die Vielzahl an Passwörtern und Apps, die es heute noch zu den unterschiedlichsten Themen gibt. Passwörter, die erfahrungsgemäß jeder Mensch in Unmengen mit sich im Kopf herum trägt, sollen in Zukunft durch die DNA jedes Nutzers ersetzt werden. All das müsse man vom Kunden aus denken. Erst dann werde eine Entwicklung zum Massenphänomen.

Braun wirbt aber auch für die wichtigste Entscheidung, über die die Aktionäre an diesem Tag abzustimmen haben. Der japanische Technologiekonzern Softbank, der bereits an einer Vielzahl von Unternehmen wie dem Fahrdienst Uber, dem Kommunikationsdienstleister Slack oder der Telekomgesellschaft Sprint beteiligt ist, will mittels einer Wandelanleihe etwa 5,6 Prozent des Grundkapitals an Wirecard erwerben.

„Unsere Aktionäre sollten bewusst miteinbezogen werden“, sagt Braun. Mit der Unterstützung von Softbank würden auch „die beiden weiße Flecken in Asien“, nämlich Japan und Südkorea, künftig als Markt für Wirecard erschlossen. Man wolle außerdem Zugang zu Unternehmen aus dem Portfolio von Softbank erhalten. „Die Softbank ist hier ein Partner, der uns stark unterstützen kann“, argumentiert Braun. Seine Worte kommen offensichtlich an: Letztendlich stimmen 99,25 Prozent des anwesenden Aktienkapitals für Einstieg von Softbank.

Qualitätsmängel statt Compliance-Verstöße

Hierzulande machte Wirecard indes in letzter Zeit weniger mit Fortschritten bei der Ausweitung des Geschäfts Schlagzeilen. So hatte die „Financial Times“ im Januar mehrere Artikel veröffentlicht, in denen es in der Niederlassung in Singapur um Vorwürfe wie Betrug, Geldwäsche und Kontomanipulation ging. Die mit der Aufarbeitung des Falls beauftragte Wirtschaftskanzlei Rajah & Tann hatte anschließend zwar Fehlverhalten festgestellt, die Summen an bilanziellen Unregelmäßigkeiten fielen indes geringer aus, als manche Aktionäre es befürchtet hatten.

Zwischen Ende September 2018, als die Aktie in den Dax aufgenommen wurde, und Mitte Februar 2019 büßte das Papier die Hälfte des Wertes ein. In den vergangenen sechs Wochen kletterte der Kurs jedoch wieder stetig nach oben, auf aktuell etwa 154 Euro – Ende September waren es noch knapp 190 Euro gewesen. „Diese Vorwürfe, das möchte ich hier klar sagen, haben sich nicht bewahrheitet“, betont Braun während der Hauptversammlung. Es habe zwar Unregelmäßigkeiten bei Buchungen gegeben, aber: „Es waren Qualitätsmängel und nicht Compliance-Verstöße.“

Immer wieder bekommt der Konzern den Vorwurf zu hören, dass beim gewaltigen Wachstum der vergangenen Jahre die internen Strukturen nicht schnell genug mitgewachsen seien. Wirecard hatte bereits angekündigt, als Reaktion auf die Vorfälle in Singapur künftig überproportional in die Qualität der internen Prozesse investieren zu wollen.

Scharfe Kritik dazu äußert Ingo Speich von der Deka, der die Stimmrechte für 1,6 Millionen Aktien und damit knapp über ein Prozent des Grundkapitals vertritt. Wirecard sei „zum Spielball der Märkte geworden“. Die Schwankungsbreite des Aktienkurses sei für ein Dax-Unternehmen beängstigend. „Wirecard wird geführt wie ein Start-up“, kritisiert Speich. Das Unternehmen müsse auf den Qualitätsstandard eines Dax-Konzerns gebracht werden.

Speich fordert mehr Transparenz zu Informationen aus den Aufsichtsratssitzungen. Außerdem sei die Größe des Gremiums für ein so stark wachsendes Unternehmen nicht ausreichend. Der Deka-Vertreter kritisiert außerdem die Undurchsichtigkeit des Firmengeflechts, was Wirecard anfällig für Angriffe mache: „Und leider scheint es, als sei auch das Management selbst nicht mehr Herr dieser Komplexität.“

Aufsichtsratschef Matthias Wulf ließ die Kritik an seinem Gremium kalt. Der Aufsichtsrat habe sich in der Vergangenheit bereits umfassend professionalisiert und sei über die Aufarbeitung der Vorwürfe in Singapur stets informiert worden.

Unmut über das Compliance-System

Zweifel an der Krisenkommunikation äußert indes auch Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Es reicht nicht, wie ein trotziges Kind mit dem Fuß aufzustampfen und zu behaupten, ich war es nicht, ich hab‘ nichts getan“, sagt Bergdolt. Sie habe immer das Gefühl, dass Wirecard ein Getriebener sei. Von sich aus gebe man nur das zu, was letztlich in der Öffentlichkeit schon bekannt sei.

Bergdolt äußert zudem Unmut über das Compliance-System von Wirecard: „Ihre Strukturen sind leider immer noch nicht an die Größe des Unternehmens angepasst und sind mit Sicherheit nicht an den Status als Dax-Unternehmen angepasst.“ Deshalb wollte Bergdolt sowohl Vorstand als auch Aufsichtsrat nicht entlasten.

Auswirkungen auf die Entlastung hat das aber nicht. Die vier Vorstände werden letztendlich allesamt von mehr als 97 Prozent des anwesenden Aktienkapitals entlastet. Ähnlich sieht es bei den sechs Aufsichtsräten um den Vorsitzenden Wolf Matthias aus.

Die einflussreichen Stimmrechtsberater „Institutional Shareholder Services“ (ISS), Glass Lewis sowie deren deutscher Ableger Ivox hatten zuvor allesamt empfohlen, die Konzernführung zu entlasten. „[…] angesichts der Transparenz des Unternehmens bei der Beantwortung der Vorwürfe und der Veröffentlichung der Ergebnisse einer dafür in Auftrag gegebenen Untersuchung“ finde man keinen Grund, nicht zu entlasten, schreibt Glass Lewis in seiner Analyse. Von ISS heißt es: „Da es zum jetzigen Zeitpunkt nur Vorwürfe gegen die Gesellschaft zu geben scheint, wäre es aus unserer Sicht verfrüht, angesichts der derzeit fehlenden Klarheit gegen die Entlastung zu stimmen.“

Mehr: Wirecard blickt auf einen unruhigen Start im Dax zurück. Lesen Sie hier, warum und wie der Zahlungsdienstleister unter Schmerzen wächst.

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