Insolvenzen Die Angst vor Zombiefirmen wächst – 4 Gründe, warum sie gefährlich sind

Billige Kredite halten Firmen am Leben, die längst hätten insolvent sein müssen. Eine Studie zeigt, was sie für Europas Wirtschaft so gefährlich macht.
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In Filmen ernähren sich Zombies von Fleisch und Blut unschuldiger Opfer. In der Finanzwelt halten billige Kredite Zombiefirmen am Leben. Quelle: dapd
Mann im Zombie-Kostüm

In Filmen ernähren sich Zombies von Fleisch und Blut unschuldiger Opfer. In der Finanzwelt halten billige Kredite Zombiefirmen am Leben.

(Foto: dapd)

DüsseldorfNiedrige Zinsen und eine solide Konjunktur führen zu weniger Unternehmenspleiten. Eine gute Entwicklung – könnte man meinen. Doch sie hat auch ihre Schattenseiten, warnen die Experten der DZ-Bank in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie. Denn in einem solchen sorglosem Umfeld gedeiht an Europas Märkten eine gefährliche Spezies: die Zombieunternehmen.

Gemeint sind solche Firmen, die eigentlich längst hätten Pleite gehen müssen. Sie haben Produktivitätsprobleme, verdienen zu wenig und können im Wettbewerb nicht mehr mithalten. Weil die Marktbedingungen in Europa durch die anhaltende Niedrigzinsphase nicht mehr normal sind, verschwinden sie nicht. Durch das billige Geld werden sie künstlich am Leben gehalten.

Das Problem: Wenn die Zinsen wieder steigen, werden die Zombies zur Gefahr für die gesamte Wirtschaft. „Eine von einem Zinsanstieg ausgelöste Pleitewelle dämpft die konjunkturelle Entwicklung und kann in die Rezession führen“, schreiben die DZ-Analysten. Auch könnte die Pleitewelle in einem Land die restlichen EU-Mitgliedstaaten mit erfassen. Auslöser könnten vor allem Banken sein, die durch zu viele faule Kredite in Schieflage geraten.

Wie groß das Problem tatsächlich ist, lässt sich nur schätzen. Auch hänge die Wucht eines solchen Schocks davon ab, wie schnell die Zinsen tatsächlich steigen. Jedoch spricht einiges dafür, dass die Zombiefirmen in Europa zu einer wirtschaftlichen Gefahr zu werden drohen. Die Gründe im Einzelnen:

1. Es gibt weniger Firmenpleiten

Erstens: Immer weniger Unternehmen gehen in die Insolvenz. Im Jahr 2017 sind in Kontinentaleuropa rund 140.000 Firmen Pleite gegangen, sieben Prozent weniger als im Vorjahr. Das ist der vierte Rückgang der Insolvenzen in Folge und der niedrigste Stand seit 2008. In Deutschland, Frankreich und Italien gingen Insolvenzanmeldungen zwischen sechs und sieben Prozent zurück, in den Niederlanden sogar um 25 Prozent. Dass weniger Unternehmen dichtmachen müssen, ist aber per se nicht schlecht, wären da nicht die anderen beunruhigenden Faktoren.

2. Firmenkredite sind extrem billig

Unternehmen, die vor der Finanzkrise 2008 einen Kredit aufnahmen, mussten im Schnitt 4,8 Prozent Zinsen zahlen. Im vergangenen Jahr lag diese Zahl mit 2,2 Prozent um mehr als die Hälfte niedriger. Die Zinslast aller im Jahr 2017 an europäische Firmen vergebenen Unternehmenskredite (rund 4,3 Billionen Euro) lag bei 95,6 Milliarden Euro. Würde man allerdings für die Vergabe einen langfristigen Durchschnittszinssatz zugrunde legen, müssten die Unternehmen 111,9 Milliarden Euro mehr bezahlen. Das heißt: Die Firmen finanzieren sich deutlich günstiger als in den vergangenen Jahren.

Auch niedrige Zinsen sind per se nichts Schlechtes. Schließlich können Unternehmen, wenn sie weniger Geld für Kredite aufwenden müssen, mehr investieren, forschen und Mitarbeiter einstellen. Nur: Angeschlagene Firmen könnten die Niedrigzinsen dazu verleiten, über ihren Verhältnissen zu leben – also mehr Schulden zu machen, als sie eigentlich stemmen können.

3. Hoher Anteil an Kurzfristkrediten

Auch ein hoher Anteil an Kurzzeitkrediten in Europas Unternehmen spricht dafür, dass Zombiefirmen in der nächsten Zeit gefährlich werden könnten. Damit sind Kredite mit einer Laufzeit von maximal einem Jahr sowie Überziehungskredite gemeint. Im Euroraum machen solche Verbindlichkeiten knapp ein Drittel aller Bankkredite der Unternehmen aus.

Dabei ist deren Anteil besonders in südeuropäischen Ländern hoch. In Italien sind es 45,4 Prozent, in Griechenland 45,1 Prozent. Dagegen tendieren die Unternehmen in Deutschland und Frankreich, sich eher durch Langfristkredite zu finanzieren.

Kurzfristkredite sind deshalb problematisch, weil eine Zinserhöhung auf diesen Markt besonders schnell ankommt. Unternehmen, die sich eher über die kurze Frist finanzieren, sind also anfälliger für potenzielle Zinsänderungen und können ihre (Anschluss-)Kredite im Zweifel schneller nicht bedienen, als solche, die langfristige Finanzierungsverträge haben.

4. Viele faule Kredite in den Bankbilanzen

Jeder zehnte Firmenkundenkredit in den Portfolios europäischer Banken wird nur unzureichend bedient. Bei der Verteilung der faulen Kredite auf die europäischen Banken gibt es regionale Unterschiede.

So betrug der Anteil fauler Krediten bei den italienischen Banken 2017 201,1 Prozent, in Portugal 30,5 Prozent und in Griechenland gar 52,6 Prozent. Banken in Deutschland und Frankreich dagegen hatten mit Quoten von unter sechs Prozent einen nur geringen Anteil an nicht bedienten Firmenschulden.

Käme es zu einer kurzfristigen Zinserhöhung, träfe es also vor allem die Firmen und Banken in Südeuropa – Länder, deren Finanzsektor immer wieder ins Wanken gerät.

Hinzu kommt: Steigende Zinsen würden nicht nur die Unternehmen in die längst überfällige Pleite treiben. Sie könnten auch Europas Banken destabilisieren. Denn im Moment halten die Geldhäuser die Zombiefirmen am Leben: „Vor allem Banken, die sich selbst in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden, scheuen die endgültige Abschreibungen von Forderungen aus Krediten an solche Unternehmen“, so die DZ-Experten. Stattdessen werden die Kredite immer wieder kurzfristig verlängert.

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