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Interessenskonflikte Warum Unternehmen keine intimen Beziehungen unter Kollegen wollen

In der Finanzbranche fordern einige Konzerne Mitarbeiter explizit auf, Liebesbeziehungen mit Kollegen offenzulegen. Doch rechtlich ist das ein Graubereich.
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Umfragen zeigen, dass jeder Dritte in seinem Berufsleben mindestens eine Büroliebschaft hatte. Quelle: Getty Images

Umfragen zeigen, dass jeder Dritte in seinem Berufsleben mindestens eine Büroliebschaft hatte.

(Foto: Getty Images)

FrankfurtAls sich Paul Meyer von seiner Frau trennt, ist er Ende 40 und als Geschäftsführer einer Frankfurter Firma praktisch rund um die Uhr im Einsatz. Doch Meyer verliebt sich neu – im eigenen Unternehmen.

Der Manager spielt mit offenen Karten und offenbart seine neue Beziehung schon bald seinen Kollegen in der Geschäftsleitung. Trotzdem bleibt ein Interessenkonflikt bestehen. Eine Zeit lang spielt Meyer mit dem Gedanken, seinen Job aufzugeben. Schließlich aber sucht sich seine Freundin eine neue Stelle.

Beziehungen wie die von Meyer, der in Wirklichkeit anders heißt, sind keine Seltenheit. Umfragen zeigen, dass jeder Dritte in seinem Berufsleben mindestens eine Büroliebschaft hatte. Und die führen nicht selten zu Problemen – oft auch auf höchster Ebene.

Das zeigte vor kurzem ein Fall in der Schweiz. Die dortige Raiffeisen-Bank trennte sich Anfang November 2018 vorzeitig von ihrem Vorstandschef Patrik Gisel. Dieser hatte zu diesem Zeitpunkt seit einigen Monaten eine Liebesbeziehung mit der ehemaligen Verwaltungsrätin Laurence de la Serna. Das Problem: Als Verwaltungsrätin war es de la Sernas Aufgabe, die Arbeit des Vorstands zu kontrollieren.

Viele Unternehmen der Finanzbranche fordern aufgrund solcher potentieller Interessenskonflikte ihre Mitarbeiter mehr oder weniger direkt auf, Liebesbeziehungen offen zu kommunizieren.

Erst vor wenigen Monaten verschärften die internationale Wirtschaftskanzlei Linklaters und die britische Großbank Barclays ihre Richtlinien, was die Meldepflichten für Büro-Beziehungen angeht. Bei internationalen Unternehmen aus der Finanzbranche wie etwa Barclays, Goldman Sachs oder der Bank of America finden sich in den Richtlinien bereits konkrete Passagen dazu.

In Deutschland schützt eigentlich das deutsche Persönlichkeitsrecht vor einer Bevormundung durch den Arbeitgeber in privaten Angelegenheiten. 2005 stellte das Düsseldorfer Landesarbeitsgericht klar, dass sich der Arbeitgeber nicht in das Liebesleben seiner Beschäftigten einmischen darf.

Dieses Prinzip bezieht sich laut Gericht ausdrücklich auf alle Formen der Emotion, vom Flirt bis zur großen Liebe. Zu dem Urteil kam es, nachdem die Supermarktkette Walmart ihren Mitarbeitern in Deutschland per Ethik-Richtlinie das Flirten verbieten wollte, um sexueller Belästigung am Arbeitsplatz vorzubeugen.

Eine Mitteilungspflicht für Beziehungen ist deshalb ein juristischer Graubereich. Natürlich dürfe man „am Arbeitsplatz private, auch intime Kontakte mit jedem haben, solange die Arbeitsbeziehung darunter nicht leidet“, erläutert Rechtsanwalt Georg Annuß. Leide jedoch die Arbeit eines Mitarbeiters unter den privaten Verhältnissen, könne der Vorgesetzte einschreiten und ihn versetzen.

Vorgaben zu Beziehungen am Arbeitsplatz gibt es dennoch auch bei deutschen Unternehmen. So verlangt etwa die Allianz einer Sprecherin zufolge eine „aktive Offenlegung“, falls ein Interessenkonflikt im Raum stünde. Ein Konflikt liege beispielsweise vor, „wenn es sich um eine Beziehung zwischen Mitarbeiter/in und Vorgesetzten handelt“. Um solche Situationen zu entschärfen, könnten Compliance- und Personalabteilung etwa dafür sorgen, dass die Vorgesetzte nicht über eine Beförderung oder einen Bonus für den Partner entscheidet.

In Deutschland bedürften Bestimmungen im Firmenkodex, die über das Arbeitsverhalten der Angestellten hinausgehen, einer Zustimmung des Betriebsrats. Das ist ein Grund dafür, warum sich Passagen zu privaten Beziehungen in offiziellen Richtlinien deutlich zwischen verschiedenen Ländern unterscheiden.

Bei Unternehmen, die in mehreren Ländern tätig sind, unterscheiden sich die Vorgaben teils sogar von Standort zu Standort. Während etwa der weltweit gültige Kodex der Deutschen Bank „keine Passage zu privaten Beziehungen“ enthalte, gebe es in den USA sehr wohl „eine explizite Meldepflicht“, teilt das Institut mit. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland behalte sich der Arbeitgeber vor, Konflikte „in gemeinsamer und einvernehmlicher Abstimmung“ auszuräumen.

Vor allem in einer Gesellschaftsschicht beobachtet Arbeitsrechtler Annuß das Verwischen von Geschäftlichem mit Privatem; „der Elite, wo der persönliche Umgang miteinander relativ eng wird“. In dem Fall seien klare Regeln erforderlich. „Eine persönliche Nähebeziehung wirkt sich immer irgendwie aufs Geschäft aus – egal ob man gemeinsam Skifahren, Segeln oder zum Fußballspiel geht“, warnt Annuß.

Für die Raiffeisen-Mitarbeiter am Hauptsitz in St. Gallen war die Beziehung zwischen dem Vorstandschef und der Leiterin der Rechtsabteilung offenbar ein kaum tragbarer Zustand. In einer Befragung 2011 bezeichneten sie das Verhältnis als eine Belastung in der täglichen Arbeit.

Für Jutta Boenig, Inhaberin der „Boenig Beratung“ für Unternehmen, ist das Verhalten der beiden Führungskräfte schlicht fahrlässig. Boenig hat Verständnis für das Unbehagen der Mitarbeiter. Eine solche Beziehung untergrabe das Vertrauen in den Chef oder die Chefin. Das Wissen über ein Verhältnis zweier Kollegen könne die Arbeit eines Teams belasten, meint Boenig. Manche behalten ihr Verhältnis wohl auch deswegen lieber für sich. Nachvollziehbar, findet Boenig, das Thema sei eben ein Tabu.

Doch auch für die Beziehung kann die Arbeit belastend sein. Dann nämlich, wenn plötzlich beide Partner um den gleichen Job kämpfen. Zum wohl gehüteten Geheimnis der Liebesbeziehung kommt dann der Faktor Neid. Boenig hat das erlebt: Ein Paar verliebt sich am Arbeitsplatz. Beide haben die gleiche Ausbildung. Die eine Person steigt in der Hierarchie auf und bekommt den Job, den die andere auch wollte. Es kriselt in der Beziehung. Am Ende gehen beide in verschiedene Bereiche des Unternehmens.

Das ist der Schritt, zu dem Boenig unbedingt rät. Innerbetriebliche Paare sollten versuchen, „innerhalb des Unternehmens den maximalen Abstand“ zu halten. Bei Paul Meyer hat das betriebliche Abstandhalten funktioniert. Nachdem seine neue Partnerin das Unternehmen verlassen hatte, blieben die beiden zusammen. Inzwischen sind sie verheiratet und haben Kinder.

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