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Interview Der Fintech-Champion: Was Patrick Collison für den Bezahldienst Stripe plant

Der Gründer des wertvollsten Fintechs der Welt spricht über die Bedeutung von Technologie im Geldverkehr – und was er über einen eigenen Börsengang denkt.
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Der Gründer der Technologiefirma Stripe will seine Firma als globale Kraft etablieren. Quelle: Reuters
Patrick Collison

Der Gründer der Technologiefirma Stripe will seine Firma als globale Kraft etablieren.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Als Patrick Collison und sein jüngerer Bruder John vor bald zehn Jahren ihr Unternehmen Stripe gegründet haben, war ihr Geschäftsmodell noch überschaubar: Sie wollten Onlineshops die Annahme von Kreditkartenzahlungen erleichtern. Heute wickelt Stripe sämtliche Arten von Zahlungen ab, von Karten über digitale Wallets bis hin zur Sepa-Lastschrift.

Als reinen Zahlungsdienstleister will der 30-Jährige seine Firma aber nicht verstanden wissen. Vielmehr sei Stripe ein Technologieunternehmen. Mit inzwischen mehr als 1700 Mitarbeitern hat er etliche Zusatzservices entwickelt: von der Betrugsbekämpfung über Rechnungsstellung und Lösungen für die Ladenkasse bis hin zu einem Baukasten für die Gründung von Unternehmen in den USA. Zu seinen Kunden gehören Start-ups ebenso wie die Technologieriesen Google, Facebook und Amazon.

Herr Collison, der Zahlungsverkehrsmarkt steckt im Umbruch. Zuletzt gab es viele Fusionen und Übernahmen. Wen sehen Sie als Wettbewerber?
Bislang nutzen viele Unternehmen fünf verschiedene Anbieter, um ihren Zahlungsverkehr zu organisieren. Dazu gehören Banken, Zahlungsdienstleister und diverse Abwickler. Wir bieten alles aus einer Hand, da wir die Zahlungen auch selbst prüfen und abwickeln, also das sogenannte Acquiring übernehmen. Die Unternehmen müssen daher keine zusätzlichen Verträge mit anderen Zahlungsdienstleistern schließen. Zu unseren Stärken gehören auch spezielle Angebote für Marktplätze und Plattformen. Außerdem sind unsere Lösungen global einsetzbar.

Mit einem solchen Angebot sind Sie nicht allein, auch der Zahlungsdienstleister Adyen aus Amsterdam ist breit aufgestellt, und Paypal setzt ebenfalls auf Zahlungsabwicklung für Marktplätze und Plattformen.
Unser wichtigstes Alleinstellungsmerkmal sehe ich darin, dass wir im Kern ein Technologieunternehmen sind. Ein Großteil unserer Mitarbeiter sind Softwareingenieure. Sie sorgen dafür, dass unsere Lösungen sehr einfach zu implementieren sind. Außerdem bieten wir viele Zusatzprodukte, die über die reine Zahlungsabwicklung hinausgehen.

Zum Beispiel?
Mit „Sigma“ ermöglichen wir beispielsweise die Analyse der Umsatzdaten, und mit „Atlas“ helfen wir bei der Unternehmensgründung. Im Gegensatz zu einigen Wettbewerbern liegt unser Fokus nicht auf klassischen Händlern. Zu unseren Kunden zählen Technologiekonzerne wie Google, Facebook, Amazon und Uber ebenso wie viele junge Start-ups. Außerdem verstehen wir uns ausschließlich als Partner der Unternehmen, während etwa Paypal noch immer in erster Linie eine Konsumentenmarke ist.

Sind Sie zufrieden im Geschäft mit Unternehmenskunden, oder würden Sie manchmal gerne „Ich habe heute mit Stripe gezahlt“ hören?
Wir sind nicht sehr cool, deshalb passt der Geschäftskundenbereich gut zu uns. (lacht)

Ihre Investoren sehen das anders. In den vergangenen zwölf Monaten haben Sie 345 Millionen Dollar Kapital erhalten. Was wollen Sie mit all dem Geld machen?
Unser Ziel ist es, Stripe so schnell wie möglich als globale Kraft zu etablieren, die weltweit neue Unternehmen unterstützt und ihre Geschäftsmodelle erst ermöglicht. Die beste Geschäftsidee bringt schließlich nichts, wenn Unternehmen keine Zahlungen abwickeln können. Wir wollen verstehen, welche Bedürfnisse Unternehmen haben, und sie mit immer neuen Softwarebausteinen unterstützen. Deshalb investieren wir stark in unsere Forschungs- und Entwicklungsabteilung und expandieren in neue Länder.

Wie weit ist die Expansion schon fortgeschritten?
Wir sind heute in 32 Ländern aktiv. Als Nächstes liegt unser Fokus auf Mittel- und Osteuropa, Lateinamerika und Asien. Über unser Produkt „Atlas“ bedienen wir zusätzlich Tausende Firmen in 130 Ländern.

Sie sind angetreten, um die Probleme von Händlern beim Bezahlen im Internet zu lösen. Was beschäftigt Sie aktuell am meisten?
In Europa sind gerade die Folgen der EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 ein ganz heißes Thema, speziell die starke Kundenauthentifizierung (SCA), die ab Mitte September in vielen Fällen zur Pflicht wird.

Bei Online-Zahlungen, insbesondere mit Kreditkarten, müssen Kunden dann vielfach ein zusätzliches Passwort eingeben.
Für Händler, die nicht darauf vorbereitet sind, ist die Regulierung ein heftiger Schlag. Denn im Onlinehandel können schon kleine Änderungen beim Bezahlvorgang die Abbruchraten deutlich steigern.

Laut einer Studie, die Sie in Auftrag gegeben haben, geht jeder zweite Kunde, der den Kauf abbricht, zu einem anderen Händler. Wie lässt sich das ändern?
Betroffen sind vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen. Sie haben weniger Ressourcen, um sich um die technische Umsetzung zu kümmern, und meist auch kein Team, das die Transaktionen analysiert. Unsere Software passt die angebotenen Bezahlmethoden automatisch an die Endkunden an. Dabei werden die Ausnahmeregelungen der PSD2 berücksichtigt und moderne Authentifizierungsverfahren wie 3D Secure 2.0 unterstützt. Zusätzlich hilft unser System „Radar“ dabei, betrügerische Transaktionen zu erkennen.

Zwischenzeitlich zeichnet sich ab, dass Zahlungsdienstleister bei der nationalen Aufsicht zusätzliche Zeit für die Umsetzung beantragen dürfen. Dennoch könnte Stripe mit diesem Angebot zu den Profiteuren der Regulierung gehören.
Unternehmen, bei denen die Zahlungen auch ab September problemlos funktionieren, werden einen großen Vorteil haben. Deshalb unterstützen wir sie. Je höher ihre Umsätze sind, desto höher sind auch unsere Einnahmen. Wir haben uns lange auf die Neuregelung vorbereitet und brauchen keinen Aufschub.

Erwarten Sie, dass die PSD2 in anderen Märkten nachgeahmt wird?
Die Idee hinter der PSD2 ist gut. Letztlich geht es darum, die Verbraucher zu schützen und zugleich Innovationen zu fördern. Das schauen sich viele Regierungen außerhalb Europas interessiert an. Die Erwartungen an dieses Projekt sind hoch. Die Bürokratiekosten durch die starke Kundenauthentifizierung könnten aber vor allem kleine Unternehmen in Bedrängnis bringen. Wir müssen abwarten, wie gut es funktioniert, und die Folgen empirisch beurteilen. In Indien gibt es die starke Kundenauthentifizierung schon länger, und dort sind die Händler überhaupt nicht zufrieden.

In Europa wird schon über das nächste Großprojekt diskutiert. Es soll ein Gegengewicht zu den amerikanischen Kreditkartenanbietern geschaffen werden. Hätte so etwas aus Ihrer Sicht Potenzial?
Es käme auf die genaue Gestaltung an. Man muss zwischen Plattformen und Standards auf der einen Seite und Produkten auf der anderen Seite unterscheiden. Je mehr sich die Regulierer in Richtung Produktgestaltung bewegen, desto schlechter stehen die Erfolgschancen. Ein Beispiel dafür ist der Versuch, eine europäische Internetsuchmaschine zu etablieren. Daraus ist nie etwas geworden.

Für einen Wandel im Finanzsystem könnte Facebooks Internetwährung Libra sorgen. Stripe zählt zu den Unterstützern. Was versprechen Sie sich davon?
Libra hat das Potenzial, vielen Menschen den Zugang zur Weltwirtschaft zu erleichtern. Deshalb freuen wir uns darauf, das Projekt gemeinsam mit den Partnern weiterzuentwickeln. Wir wollen einen Beitrag leisten, der Entwicklern und Start-ups einen Nutzen bringt.

In Deutschland sind Sie vor zwei Jahren gestartet, wie viele Kunden haben Sie hier inzwischen?
Wir nennen keine konkreten Kundenzahlen. Insgesamt sind es mehrere Millionen. Unsere Kernnutzerschaft besteht aus jungen Technologieunternehmen, in Deutschland zum Beispiel Jimdo und Personio. Traditionelle Unternehmen nutzen uns häufig für Innovationsprojekte, so wie zum Beispiel Daimler und BMW für ihre Carsharing-Plattform ShareNow und Volkswagen für Rio, den Logistikmarktplatz seiner Tochter MAN. Auch in traditionellen Institutionen sind wir schon angekommen. Zum Beispiel setzt ein Festzeltbetreiber beim Oktoberfest auf Stripe.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie in Deutschland?
Das Team in Berlin besteht momentan aus sieben Leuten. Ein Großteil der Nutzerbetreuung läuft über Dublin.

Nach der letzten Finanzierungsrunde ist die Bewertung von Stripe auf 22,5 Milliarden Dollar gestiegen. Ein guter Zeitpunkt für einen Börsengang?
Nicht notwendigerweise, denn im Gegensatz zu anderen Unternehmen brauchen wir das Kapital nicht. Wir erzielen bereits hohe Umsätze und sind in der glücklichen Lage, frei entscheiden zu können, ob und wann wir an die Börse gehen. Wir ‧behalten das im Blick, aber ich denke nicht, dass dafür jetzt der richtige Zeitpunkt ist.

Wie hoch sind Ihre Umsätze?
Wir kommunizieren keinerlei Zahlen zu Umsatz oder Gewinn. Das ist einer der Vorteile, wenn man nicht börsennotiert ist.

Könnten Sie mit mehr externem Kapital nicht viel schneller wachsen?
Um gute Software zu entwickeln, braucht es viel mehr als nur Geld. Software zu entwickeln ist eine technische und zugleich kreative Tätigkeit. Es gibt zahlreiche traditionelle Unternehmen im Finanzsektor, die hohe Gewinne erzielen, aber trotzdem keine gute Software hervorbringen. Das ist auf der einen Seite gut, denn so können sich neue Marktteilnehmer gegen die traditionellen Platzhirsche durchsetzen. Aber das heißt auch, dass uns zusätzliches Kapital aus einem Börsengang nicht helfen würde.

Und was hilft?

Mehr talentierte Leute. Ende des Jahres werden wir weltweit 2500 Mitarbeiter beschäftigen. Wenn Sie Freunde haben, die hervorragende Datenanalysten, sehr gute Produktmanager oder Ingenieure sind, sagen Sie Bescheid, die hätten wir gerne.

Einen Teil Ihres Kapitals haben Sie zuletzt in Übernahmen anderer Unternehmen gesteckt. Sind weitere geplant?
Das kann ich mir gut vorstellen. Für uns geht es dabei aber nicht um Reichweite und Wachstum. Wir wachsen aus eigener Kraft schon sehr schnell und verarbeiten mittlerweile Transaktionen für Millionen von Unternehmen. Für uns geht es um neue Fähigkeiten und Produkte, die unsere Dienstleistungen verbessern, also Akquisitionen wie Touchtech oder Index, mit dem wir Stripe Terminal entwickelt und den Schritt an die Ladenkasse gewagt haben.

Bieten Sie nun auch tragbare Kassenterminals an wie Sumup und izettle?
Nein, wir entwickeln nur die Software. Einer unserer Partner, der die Kartenlesegeräte bereitstellt, ist Shopify.

Wie läuft das Geschäft?
Es läuft sehr gut. Immer mehr Technologieunternehmen bauen auch außerhalb des Internets einen Zugang zu Kunden auf und müssen dort Zahlungen abwickeln. Dazu zählen der Lieferservice Deliveroo oder Fareharbor, ein Anbieter, der zum Beispiel dabei hilft, dass Tickets für Fähren nicht nur online, sondern auch auf dem Boot gebucht werden können.

Ursprünglich wollten Sie mit Stripe nur Kreditkartenzahlungen im Internet erleichtern. Hätten Sie erwartet, dass Ihr Unternehmen einmal so groß wird?
Nein, aber wir haben immer noch einen langen Weg vor uns. Ursprünglich wollten wir bessere Infrastruktur für ein bestimmtes Segment bauen, und dann haben wir festgestellt, dass alle Unternehmen weltweit dieselben Probleme haben. Als wir gestartet sind, haben wir das noch nicht gewusst.

Seitdem sind beinahe zehn Jahre vergangen, viele Start-ups haben zu diesem Zeitpunkt längst externe Manager. Sind Sie noch gerne Geschäftsführer?
Ich finde das Arbeiten für Stripe sehr motivierend. Wenn ich mal erschöpft bin oder einen schlechten Tag hatte, muss ich mir nur die neuesten Projekte unserer Kunden ansehen, das sind extrem interessante, schnell wachsende und innovative Unternehmen. Sie sind ambitioniert und optimistisch, das ist sehr motivierend.

Sie stammen aus Irland. Hätten Sie Stripe auch von dort aus so erfolgreich machen können?
Für die spezielle Zielgruppe, die wir zunächst bedient haben, war es sinnvoll, im Silicon Valley zu gründen. Heute gibt es weltweit viel mehr Start-ups als vor zehn Jahren. Inzwischen hätten wir für den Firmensitz sicher mehr Optionen. In Irland sind wir mittlerweile trotzdem sehr präsent. Bis Ende des Jahres werden wir 300 Leute in Dublin haben, die einen großen Teil der Entwicklungsarbeit leisten.

Mehrere europäische Fintechs bereiten gerade ihren Eintritt in die USA vor. Haben Sie Tipps, wie sie dort erfolgreich sein können?
Ich gebe gerne drei grundsätzliche Tipps, die überall auf der Welt wichtig sind: Man muss da sein, wo die Kunden sind. Man muss regulatorische Anforderungen ernst nehmen, auch wenn es viel Geld kostet. Und man muss darauf hören, was die Kunden wollen.

Mehr: Anfang kommenden Jahres soll die neue digitale Währung namens Libra an den Start gehen. Glückt das Experiment, wären Banken in ihrem Kerngeschäft bedroht.

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