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Interview mit Axel Weber „Zur boomenden Wirtschaft passt kein Negativzins“

Der Verwaltungsratschef der UBS, Axel Weber, erklärt, wieso er zu seiner Politik in der Finanzkrise steht und weshalb die EZB jetzt handeln muss.
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Die Rede von UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber im Video

Frankfurt Technik allein macht auch nicht glücklich: Statt die Digitalisierung der Finanzbranche zu beschwören, widmet sich Axel Weber in seinem Vortrag lieber der Nachhaltigkeit. „Es gibt keinen Bereich im Bankgeschäft, der sich derzeit so schnell entwickelt“, sagt der Verwaltungsratschef der UBS und Ex-Bundesbankchef. Sein Plädoyer: Banken sollen sich auch mal weigern, ein Geschäft zu machen, wenn es nicht nachhaltig ist.

Herr Weber, was macht Sie zuversichtlich, dass sich die Finanzbranche von der kurzfristigen Renditemaximierung abwendet und zum Wohle der Gesellschaft handelt? Die Gier scheint mir doch immanent zu sein.
Ich bin der festen Überzeugung, dass nur ein nachhaltiges Geschäft vernünftige, nachhaltige Erträge abwirft. Die UBS hat die Vermögensverwaltung stark ausgebaut und das Investmentbanking fokussiert. Wir verdienen unsere Eigenkapitalkosten, und darauf kommt es an. Bei Banken, die zu stark auf das volatile Geschäft setzen, geht es nur so lange gut, wie die Märkte boomen. Nachhaltigkeit liegt im Kerninteresse der Banken.

Es ist ja nicht so lange her, dass einige Banken eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent plus x als Ziel hatten. Gibt es jetzt ein Umdenken in der Branche – auch durch das verstärkte Angebot nachhaltiger Investments?
Wir bei der UBS erzielen in der Vermögensverwaltung eine Eigenkapitalrendite von rund 50 Prozent. Wenn eine Bank ein Geschäftsmodell hat, das nachhaltig ist und von den Aufsehern als risikoarm angesehen wird, dann muss man weniger eigenes Kapital einsetzen und erreicht eine höhere Eigenkapitalrendite. Das ist das Einmaleins des Bankings. Das Brot-und-Butter-Geschäft, also das Geschäft mit privaten Kunden und die Vermögensverwaltung, ist viel stabiler und rentabler als das volatile Geschäft.

Auf welche Geschäftsbeziehungen hat die UBS verzichtet, weil sie nicht nachhaltig sind?
Es gibt verschiedene Bereiche, wo wir uns fragen: Erfüllen diese Unternehmen noch die Bedingungen, die wir an sie stellen? Um dies beurteilen zu können, haben wir ein umfassendes Management von Umwelt- und Sozialrisiken. Banken ziehen sich wegen der mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz etwa bei Kohlekraftwerken oder bestimmten Waffenherstellern zunehmend aus der Finanzierung zurück. Und nicht nachhaltig sind für uns natürlich auch Geschäftsbeziehungen oder Bereiche, bei denen wir keine vernünftige Eigenkapitalrendite erzielen können. Wenn ein Geschäft nicht rentabel ist, dann ist es auch nicht sinnvoll, langfristig dort aktiv zu bleiben.

Einer unserer Zuhörer fragt, ob die UBS noch bei Nestlé aktiv ist. Der Konzern wird von Globalisierungskritikern wegen seiner Methoden immer wieder kritisiert.
Wir sind die größte Schweizer Bank und haben natürlich Geschäftsbeziehungen mit fast allen großen Schweizer Unternehmen. Es ist allerdings etwas anderes, ob Sie als Investor engagiert sind oder ob Sie als Transaktionsbank mit einem Unternehmen im eigenen Land etwas zu tun haben.

Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz mahnte eben, dass es zu einem ungeordneten Brexit kommen könnte. Was würde das bedeuten, auch für die Finanzindustrie?
Es wird eine gewisse Übergangsphase geben. In dieser Phase müssen sich die Banken auf eine neue Realität einstellen. Für die UBS heißt das konkret, dass es Verlagerungen geben wird: Bislang ist London das Zentrum, von dem aus wir viel EU-Geschäft betreiben, vor allem im Investmentbanking. Wenn wir von London aus in Zukunft einen schlechteren Zugang auf den EU-Markt haben, werden wir mehr Aktivitäten nach Frankfurt und auch auf andere europäische Städte verlagern. Mit der Vermögensverwaltung sind wir in Frankfurt schon heute sehr stark. Wir werden hier zusätzliche Kapazitäten im Investmentbanking aufbauen.

Kann Frankfurt zu Europas Finanzplatz Nummer eins werden?
Nein, das glaube ich nicht. Zürich liegt unter den globalen Finanzplätzen auf Platz 16, Frankfurt ist auf Platz 20. Bei uns wird Frankfurt der Sitz der UBS-Europabank sein. Alle Unternehmen, die jetzt Aktivitäten aus London verlagern, dürften ihre Kundenberater dorthin schicken, wo die Kunden sind – Madrid, Amsterdam, Paris und auch Frankfurt. Insbesondere Paris hat einen sehr starken Kapitalmarkt. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass sich einige Institute zwischen Frankfurt und Paris entscheiden werden. Manchmal hat das einfache Gründe: Ein Banker aus New York fliegt nach Paris eine Stunde weniger als nach Frankfurt. Aber Frankfurt hat eine gute Chance, im Privatkundengeschäft der Finanzplatz Nummer eins zu werden. Für das Kapitalmarktgeschäft ist das Rennen noch offen.

Als vor zehn Jahren die US-Investmentbank Lehman pleiteging, waren Sie als Bundesbank-Präsident mitten im Geschehen. Wenn man heute sieht, wie gut die amerikanischen Banken dastehen: Was ist dann eigentlich in Europa falsch gelaufen?
Die USA haben gesagt: Jede Bank bekommt jetzt eine Zwangskapitalinjektion und darf sie zurückzahlen, wenn sie es kann. Wer es nicht kann, bleibt unter staatlicher Obhut. Das wäre in Deutschland politisch nicht möglich gewesen. Wir haben stattdessen darauf Wert gelegt, dass andere Banken zur Rettung eines Instituts solidarisch beitragen. Aber nach der Pleite von Lehman ging das nicht mehr. Da mussten wir einen Rettungsfonds schaffen. Ich habe gehört, dass von den 500 Milliarden Euro, die damals genehmigt wurden, bis auf fast 20 Milliarden alle Gelder zurückgeflossen sind. Ich denke, dass Deutschland ganz gut durch die Krise gekommen ist und dass der deutsche Weg eigentlich der bessere ist. Aber er ist langsamer, und das bemängeln jetzt natürlich einige.

Sorgt Sie nicht, dass die deutschen Banken im amerikanischen Vergleich abgehängt wirken?
Ob uns das als führende Schweizer Bank und größter Vermögensverwalter der Welt besorgt? Eigentlich nicht! Wenn wir etwas erfolgreicher sind als einige europäische Mitbewerber, dann haben wir offenbar einiges richtig gemacht. Das heißt ja nicht, dass das andere nicht auch tun könnten. Ich wünsche mir natürlich auch erfolgreiche europäische Wettbewerber. Wir können nicht immer nur auf die USA schauen. Das ist ein ganz anderer Markt, da werden Investitionen zu 70 Prozent über den Kapitalmarkt finanziert. Das lässt sich nicht vergleichen.

Die Europäische Zentralbank hat im Vergleich zur US-Notenbank Fed erst spät angekündigt, zur normalen Geldpolitik zurückkehren zu wollen. Die ersten Zinsschritte dürften erst 2019 kommen. Ist es ein Fehler, dass die EZB so vorsichtig agiert?
Die Europäische Zentralbank ist nicht gerade die mutigste Instanz bei der Normalisierung der Geldpolitik. Wir sehen Lohnabschlüsse, die deutlich über der Norm liegen. Zu einer boomenden Wirtschaft passt keine Negativzinspolitik. Die EZB müsste den Schritt zur Normalität meines Erachtens nach forcieren. Der Finanzsektor wird sich nicht normalisieren, bis sich die Geldpolitik normalisiert hat. Nur dann funktioniert das eigentliche Geschäft der Banken. Wir brauchen Zinsstrukturkurven, die im positiven Bereich anfangen und eine gewisse Steigung habe. Je länger sich Notenbanken im außergewöhnlichen Bereich bewegen, desto länger wird die Erholung des Banksektors hinausgeschoben.

Was wäre ein normales Zinsniveau für Sie?
Darüber kann man lange reden. Wichtiger ist, dass wir uns auf den Weg dahin machen. Die Amerikaner haben das getan. In den USA liegen die Nominalzinsen bei der Inflationsrate. Die Realzinsen sind also nicht mehr negativ. In Europa sieht das anders aus, und das passt nicht zur Konjunktur.

Der Bundesfinanzminister hat relativ gelassen auf die politische Situation in Italien reagiert. Die Regierung fordert dort von der EZB, dass sie den Kauf von Staatsanleihen fortsetzt. Sehen Sie das auch so entspannt, oder haben Sie das Gefühl, dass die italienische Regierung einen gewissen Druck auf die EZB ausüben könnte?
Ich habe den Kauf von Staatsanleihen durch die Notenbank noch nie entspannt gesehen, denn das ist nicht die genuine Aufgabe einer Zentralbank. Die EZB muss am Kapitalmarkt die Refinanzierung der Banken sicherstellen. Die Staaten haben Staatsanleihen als sichere Anlagen definiert. Deshalb halten Banken heute deutlich mehr liquide Mittel in Form von Staatsanleihen, als sie es früher getan haben. Darum können sich Notenbanken aus diesem Bereich meines Erachtens nach stärker zurückziehen. Es macht auch keinen Sinn, dass die EZB gezielt von einem Land oder nur von einigen Ländern Staatsanleihen aufkauft.

Wie lange wird die EZB daran festhalten?
Wir erwarten, dass die EZB diese Geschäfte im Herbst leicht zurückschraubt und dann im Dezember beendet. Sie hat angekündigt, dass sie die Zinsen vor September nächsten Jahres nicht erhöhen wird. Dann dürfte die EZB mit Trippelschritten in den positiven Bereich gehen. Ich hatte eigentlich gehofft, dass EZB-Chef Mario Draghi das Negativzinsumfeld noch selbst beendet, er wird das aber vermutlich seinem Nachfolger überlassen.

Das ist ein gutes Stichwort. Sie galten als Kandidat für den Chefposten der EZB. Diese Hoffnung hatte sich 2011 zerschlagen. Mangels Unterstützung aus dem Kanzleramt haben Sie die Bundesbank verlassen und sind zur UBS gegangen. Jens Weidmann könnte nun ein ähnliches Schicksal ereilen.
Ich glaube, es gab damals keinen automatischen Anspruch auf den Chefposten für einen Deutschen bei der EZB, und es gibt ihn heute auch nicht.

Aber es gab Kandidaten, die im Gespräch waren.
Die gibt es immer. Aber das ist ja per se noch keine Nachricht wert.

Die Kanzlerin setzt ihre Prioritäten offenbar auf den Posten des EU-Kommissionspräsidenten. Wird die Gestaltungsmöglichkeit des EZB-Chefs in der Politik möglicherweise unterschätzt?
Von einem ehemaligen Notenbanker dürfen Sie jetzt nicht erwarten, dass er sagt: „Der EZB-Chef hat einen unwichtigen Posten.“ Im Gegenteil! Unabhängige Notenbanken sind für die Wirtschaft jedes Landes zentral und für uns Banker eine der wichtigsten Gegenparteien. Der Chefposten der EZB ist wichtig, aber er ist nicht das einzige wichtige Amt in Europa. Ich verfolge diese Diskussion mit Interesse. Die letzten Gipfel der G7, der G20 und auch der Nato scheinen bei den europäischen Politikern ein gewisses Umdenken ausgelöst zu haben.

Inwiefern?
Die Frage lautet, inwieweit Europa seine Zukunft selbst gestalten und mehr Verantwortung übernehmen muss – nicht nur für das eigene Schicksal, sondern auch im Hinblick auf die Konfliktherde im Umfeld, etwa im Mittleren Osten. Die Amerikaner betreiben derzeit eine stärker nach innen gerichtete Politik. Deshalb scheint man sich in der EU einig, dass man eine stärker auf Europa und nach außen gerichtete gemeinsame Politik betreiben muss. Insofern verstehe ich, dass es hier eine Diskussion um Prioritäten gibt. Der EZB-Posten ist und bleibt aber wichtig. Und ich glaube, es ist auch wichtig für die Akzeptanz der EZB-Politik in Deutschland, dass dort eine verlässliche Politik gemacht wird.

Gibt es eine Aufgabe in Deutschland, die Sie so reizen würde, dass Sie zurückkommen?
Ja, Rentner! Da arbeite ich dran, aber bin noch nicht ganz so weit.
Herr Weber, vielen Dank für das Gespräch.

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