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Diwakar Gupa

Diwakar Gupa war Finanzvorstand der größten indischen Bank, die State Bank of India. Heute ist er Vizepräsident der Asiatischen Entwicklungsbank.

(Foto: Asian Development Bank)

Interview mit Diwakar Gupta „Wir müssen die Leute dringend ausbilden“

Der Vizepräsident der Asiatischen Entwicklungsbank spricht über die Gefahren des gewaltigen Bevölkerungswachstums in Indien.
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DüsseldorfWenn Diwakar Gupta über sein Heimatland spricht, sprudeln gleich Zahlen und Daten aus ihm heraus. Der ehemalige Finanzvorstand der größten indischen Bank, State Bank of India, und heutige Vizepräsident der Asiatischen Entwicklungsbank, sieht im Bevölkerungswachstum eine mögliche Zeitbombe für den Subkontinent. Er fordert ein besseres Bildungssystem. Bei einer Wiederwahl von Premierminister Narendra Modi müsse dies dessen nächstes Projekt sein.

Herr Gupta, ist der große Bevölkerungswachstum Indiens in Ihren Augen mehr Chance oder Risiko?
Es gibt sie natürlich, die demografische Dividende in Indien. Rund ein Drittel der Bevölkerung in Indien ist jünger als 25 Jahre. Das ist klasse fürs Wirtschaftswachstum, super für die Älteren. Aber das Bevölkerungswachstum könnte sich zur Zeitbombe entwickeln.

Warum?
Indien, das sind eigentlich mehrere Länder in einem. Das sehen Sie schon außerhalb Dehlis. Da gibt es die glitzernde Erste Welt: Glastürme und IT-Hubs. Und nur 40 Kilometer entfernt ist alles agrargeprägt, das Dorfoberhaupt regiert, und alle paar Monate finden Ehrentötungen statt. Die Top ein bis zwei Prozent der Bevölkerung sind fein raus, gut ausgebildet in US-Universitäten. Die finden Jobs im IT-Sektor oder anderswo.

Und der Rest?
Gut 60 Prozent der Bevölkerung leben in landwirtschaftlich geprägten Regionen, die Landwirtschaft macht aber nur 17 Prozent der Wirtschaftsleistung Indiens aus. Hier bedeutet Bevölkerungswachstum aber vor allem Arbeitslosigkeit. Denn die Erträge der Landwirtschaft wachsen vielleicht um zwei Prozent. Und das große Problem ist: Hier gibt es quasi kein Bildungssystem, das den jungen Menschen ermöglichen würde, woanders richtige Arbeit zu finden.

Was kann das Land tun?
Die Bildung verbessern, auch die Berufsausbildung. Den Frauen gleiche Rechte einräumen, damit auch sie in der Masse qualifiziert auf den Arbeitsmarkt kommen.

Dabei ist die Zahl der Uniabsolventen doch hoch in Indien.
Statistiken sind da schwierig. Sie haben einen Schwarm an Ingenieuren, die die Universitäten verlassen, aber davon können Unternehmen vielleicht gerade einmal 20 Prozent anstellen. Das System muss sich mehr daran orientieren, wie qualifiziert die Menschen am Ende tatsächlich sind – nicht daran, wie viele Leute durch Universitäten geschleust und welche Abschlüsse vergeben werden.

Schafft die Automatisierung zusätzliche Probleme, die Menschen in Arbeit zu bringen?
Der Trend könnte dahingehen, dass es nur noch die hoch qualifizierten und die wirklich niedrig qualifizierten Jobs gibt. Für das Mittelfeld könnte der Bedarf durch die Automatisierung entfallen. Umso mehr gilt aber: Wir müssen die Leute dringend ausbilden. Sonst ist das eine Zeitbombe. Jedes Jahr mehr als 10 Millionen Menschen neu auf dem Arbeitsmarkt – und keine Jobs für sie. Und das in einem System, in dem die jungen Leute die ältere Generation irgendwann wegen mangelnder sozialer Sicherungssysteme unterstützen müssen.

Was tut die Regierung von Premierminister Narendra Modi, um die Bildung zu verbessern?
In Indien liegt noch so viel im Argen. Die Regierung konnte in ihrer ersten Legislaturperiode lediglich den Boden für Reformen in diesem Bereich bereiten. Auf anderen Gebieten hat sie aber einiges angestoßen.

Was waren denn in Ihren Augen Erfolge der Regierung, die im kommenden Jahr zur Wiederwahl steht?
Sie hat Korruption, die im Jahrzehnt zuvor institutionalisiert war, ein schlechtes Image verpasst. Es wird noch dauern, bis Korruption ganz aus dem System verschwindet. Dabei hilft die Digitalisierung, unter anderem das indische biometrische ID-System Aadhaar. Da jetzt Subventionen wie die für Gas über das Aadhaar-Konto fließen, will jeder eine digitale ID haben. Und damit wird Korruption schwieriger. Der nächste große Schritt müsste jetzt aber eben neben einer Reform des Agrarwesens eine Bildungsoffensive sein.

Die ist erstmal teuer.
Auch da kann die Digitalisierung helfen. Es gibt schon gutes Unterrichtsmaterial von unterschiedlichsten Organisationen, das als Module verteilt werden könnte. Jetzt müssten sie auf Massenebene an die Bevölkerung kommen. Es gibt 600.000 Dörfer in Indien. 500.000 davon haben weniger als 2000 Bewohner. Hierher reicht oft keine Schule, kein Krankenhaus. Egal wie viel guten digitalen Bildungsinhalt Sie haben, Sie brauchen mindestens einen Klassenraum, einen Beamer und einen Menschen, der den Inhalt vermittelt. Das Problem: Das liegt in der Verantwortung der einzelnen Bundesstaaten. Das ist ein Ausführungsproblem, das Indien ständig hat. Im Ausführen von guten Ideen ist Indien nicht gut. Das ist der Preis der Demokratie.

Weil widerstrebende politische Kräfte sich gegenseitig blockieren?
Sie haben alle fünf Jahre Wahlen. Und die einzelnen Bundesstaaten wählen zu unterschiedlichen Zeiten. Das Land ist ständig im Wahlmodus, Themen werden aufgeblasen und ausgenutzt. Eine gewählte Zentralregierung hat da nicht den Raum, alle ihre Pläne umzusetzen. In anderen Systemen wie China ist es einfacher, als Staat Dinge anzustoßen. In Indien können Sie ja noch nicht einmal eine Straße bauen, wenn irgendeine Parzelle zwischendrin nicht verkauft wird. Aber wenn die jetzige Regierung nächstes Jahr eine zweite Amtszeit erhalten sollte, gibt es viel Grund zur Hoffnung.

Klar ist der Sieg derzeit nicht. Modi ist auf einigen Feldern hinter den selbst hochgesteckten Zielen zurückgeblieben.
Die Leistung der Regierung ist schon beeindruckend. Sie hat die landesweit einheitliche Mehrwertsteuer endlich durchgesetzt. Die Demonetarisierung führte hingegen nicht wie erhofft zum Verschwinden von Schwarzgeld, weil Mittelsmänner bezahlt wurden, um auf ihren Namen Geldbeträge umzutauschen. Aber die Zahl der Steuerzahler und das Steueraufkommen sind seither gestiegen, weil klargemacht wurde: Wir wollen keine Korruption mehr. Und es hat einen Entwicklungsschub für digitale Bezahlsysteme gegeben.

Die Wachstumsraten in Indien sind ja derzeit nicht schlecht.
Nein, überhaupt nicht, wir werden in diesem Jahr mit mehr als sieben Prozent die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft sein.

Aber das Wachstum der Industrieproduktion ist niedriger als der Schnitt der Entwicklungsländer.
Das stimmt. In den vergangenen zwei Jahren ist die Wirtschaft vor allem wegen der Staatsausgaben gewachsen. Das Wachstum des Privatsektors ist kollabiert. Die Banken wollen wegen der hohen faulen Kredite kein Geld verleihen, die Industrie ist krank. Das drückt die Kapitalinvestitionen. Aber die Nachfrage nach Rohstoffen wie Stahl etwa zieht gerade an.

Die Ölpreise aber auch, was den Ölimporteur Indien belastet.
Das ist ein großes Problem für das Land und für die Regierung heute. Die hohen Benzinpreise spüren alle in der Bevölkerung. Am Ende könnte der Ölpreis die Wahlen im kommenden Jahr entscheiden. Indien ist seit einem Jahrzehnt immer wieder kurz davor, wirtschaftlich abzuheben. Das Land hätte die Phase niedriger Ölpreise 2014 bis 2016 besser nutzen können.

Die Rupie ist auf ein Rekordtief gefallen. Auch andere Schwellenländer leiden unter den Zinsanhebungen in den USA. Bleiben die Zeiten schwer für Schwellenländer?
Wir sehen ja im Moment vor allem eine Dollarstärke als eine Schwäche der einzelnen Währungen. Es geht vielmehr um Stimmung als um Fundamentaldaten. Als die USA 2013 quantitative Lockerungspolitik starteten, schickte das die Rupie auch in den Keller – und dann erholte sie sich später wieder. Ich glaube, Geopolitik wird ein bestimmender Faktor in nächster Zeit sein, inklusive den Handelskrieg und den Lieferketten, die sich neu sortieren müssen.

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