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Raimund Röseler

Nicht zuständig für Industriepolitik.

(Foto: BaFin/Frank Beer)

Interview mit Raimund Röseler Oberster Bankenaufseher sieht Fusionen mit Argwohn – Bafin will Kreditvergabepraxis prüfen

Der oberste Bankenaufseher der Bafin äußert sich beim Thema Bankenfusion skeptisch. Zudem beunruhigt Röseler die laxe Kreditvergabepraxis vieler Institute.
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Die Finanzaufsicht Bafin skizziert Bedingungen für eine Großbankenfusion in Deutschland. Es gebe Konstellationen, in denen eine Konsolidierung Sinn ergebe, sagte Raimund Röseler, der oberster Bankenaufseher der Bafin, dem Handelsblatt. „Dabei genügt es dann aber in aller Regel nicht, dass man zwei Institute einfach zusammenlegt und sonst nichts ändert.“

Darüber hinaus dürfe keine Bank entstehen, die zu groß sei, um sie fallen zu lassen, sagte Röseler. „Wenn zwei große Institute fusionieren wollen, müsste man genau prüfen, welche Abwicklungshindernisse möglicherweise bestehen – und wie man diese reduzieren kann.“

Die Deutsche Bank und Commerzbank haben am Sonntag Fusionsgespräche angekündigt. Einige Politiker hoffen, dass dadurch ein nationaler Bankenchampion entsteht. „Es ist sicher sinnvoll, mindestens eine große deutsche Bank zu haben, die die deutsche Industrie weltweit begleiten kann“, sagte Röseler dazu. „Aber das ist Industriepolitik und kein Thema für die Bankenaufsicht.“

Röseler kündigte zudem an, dass die Bafin die Kreditvergabepraxis der Banken in Deutschland überprüfen will. „Wir haben Hinweise, dass die Kreditvergabebedingungen der Banken zunehmend aufgeweicht werden. Von Seiten der Finanzindustrie wurde uns dies an der einen oder anderen Stelle auch bestätigt“, sagte er.

Vor allem die Kreditvergabepolitik im Mittelstandsgeschäft und bei gewerblichen Immobilienkrediten bereite den Aufsehern „zunehmend Sorgen“. „Deswegen werden wir Anfang April in Abstimmung mit der EZB eine Umfrage in beiden Bereichen starten.“ Die Bafin wende sich dabei an die 100 größten Institute, die von ihr direkt beaufsichtigt werden.

Durch die Umfrage will sich die Bafin ein „besseres Bild von der Lage“ verschaffen – und könnte an schließend Konsequenzen ziehen. „Wir können die Banken auffordern, ihre Standards zu erhöhen“, sagte Röseler. „Und wir können sie dazu verpflichten, für diese Geschäfte mehr Eigenkapital zu hinterlegen – entweder flächendeckend, oder nur bei den Banken, die besonders auffällig sind.“

Parallel zu dieser Befragung will die Bafin auch eine Umfrage zu privaten Immobilienkrediten starten. „Aber wir sehen hier bislang keine flächendeckenden Probleme“, erklärte Röseler. Die niedrigen Zinsen führten oft dazu, dass Privatkunden höhere Tilgungsraten vereinbarten. „Das verringert die Risiken aus diesem Geschäft“, betonte Röseler.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Röseler, viele Banken leiden unter Ertragsproblemen. Sind Zusammenschlüsse ein probates Mittel, um auf die Situation zu reagieren?
Wenn zwei benachbarte Institute fusionieren, ergeben sich Größenvorteile. Das ist die Logik hinter vielen Fusionen von Sparkassen und Volksbanken, die es seit Jahren gibt. Aber bei vielen anderen Zusammenschlüssen bin ich skeptisch. Wenn zwei kranke Institute fusionieren, wird daraus nicht zwangsläufig eine gesunde Bank. Das gilt auch für grenzüberschreitende Fusionen. Außerdem muss man aufpassen, dass nicht wieder Banken entstehen, die zu groß sind, um sie fallen zu lassen. Wenn zwei große Institute fusionieren wollen, müsste man genau prüfen, welche Abwicklungshindernisse möglicherweise bestehen – und wie man diese reduzieren kann.

Die Bundesregierung macht sich für nationale Champions stark und nennt dabei explizit die Deutsche Bank. Wie finden Sie das?
Es ist sicher sinnvoll, mindestens eine große deutsche Bank zu haben, die die deutsche Industrie weltweit begleiten kann. Aber das ist Industriepolitik und kein Thema für die Bankenaufsicht.

Wenn man einen nationalen Champion will, wäre dann eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank nicht trotz aller Bedenken zielführend?
Zu einzelnen Instituten äußere ich mich nicht. Aber natürlich kann es Konstellationen geben, in denen eine Konsolidierung Sinn ergibt. Dabei genügt es dann aber in aller Regel nicht, dass man zwei Institute einfach zusammenlegt und sonst nichts ändert. Konsolidierung ist kein Allheilmittel.

Wären aus Ihrer Sicht weitere Zusammenschlüsse der Landesbanken sinnvoll?
Im Landesbanken-Sektor gibt es Konsolidierungsbedarf. Es gibt nicht genügend Funktionen für die verbliebenen Landesbanken. Das haben die Sparkassen erkannt.

Sparkassenpräsident Helmut Schleweis will alle Landesbanken zu einer Sparkassenzentralbank fusionieren. Doch sein Plan A ist bereits gescheitert. Die Fusionsgespräche zwischen der kriselnden NordLB und der Helaba sind Ende 2018 geplatzt. Wie soll es jetzt noch zu einer Super-Landesbank kommen?
Die Eigentümer und der Sparkassen-Sektor haben sich darauf verständigt, die NordLB zu stützen. Das ist eine gute Ausgangsbasis für weitere Konsolidierungsüberlegungen der Banken und deren Eigentümer. Meine Wahrnehmung ist, dass es im öffentlich-rechtlichen Sektor mittlerweile sehr viele Befürworter einer Konsolidierung gibt.

Viele sehen es kritisch, dass zur Rettung der NordLB erneut viel öffentliches Geld fließen soll. Alleine das Land Niedersachsen als NordLB-Mehrheitseigner will 2,5 Milliarden Euro beisteuern. Deutschland hat künftig also keinen Grund mehr, mit erhobenem Zeigefinger nach Italien zu zeigen, wenn dort mal wieder eine kriselnde Bank vom Staat aufgefangen wird, oder?
Ich habe nie mit erhobenem Zeigefinger nach Italien gezeigt. Als Bankenaufseher sehe ich in Notsituationen immer die Eigentümer einer Bank in der Pflicht. Und die wollen bei der NordLB nun einen Beitrag leisten.

Wäre es ordnungspolitisch nicht sauberer, Teile der NordLB an Finanzinvestoren zu verkaufen oder das Institut gleich ganz abzuwickeln?
Andere Optionen wären für die Eigentümer nicht zwangsläufig günstiger. Bei beiden Alternativen müsste auch viel staatliches Geld fließen.

Die EU-Wettbewerbshüter sehen staatliche Kapitalspritzen kritisch. Was passiert, wenn sie für die angedachte Lösung kein grünes Licht geben?
Ich glaube nicht, dass das Projekt scheitert. Falls die EU-Kommission an der einen oder anderen Stelle Anmerkungen hat, müssen die Beteiligten nachbessern. Alternativ gibt es zudem noch das Angebot der privaten Investoren.

Lassen Sie uns über die Branche allgemein sprechen. Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken für die deutschen Banken?
Die Kreditvergabepolitik macht uns zunehmend Sorgen, insbesondere im Mittelstandsgeschäft und bei gewerblichen Immobilienkrediten. Deswegen werden wir Anfang April in Abstimmung mit der EZB eine Umfrage in beiden Bereichen starten. Wir wenden uns dabei an die 100 größten Institute, die wir direkt beaufsichtigen.

Was ist der Auslöser für die Umfrage?
Wir haben Hinweise, dass die Kreditvergabebedingungen der Banken zunehmend aufgeweicht werden. Vonseiten der Finanzindustrie wurde uns dies an der einen oder anderen Stelle auch bestätigt. Mit der Umfrage wollen wir dem nun nachgehen.

Was hindert die Geldhäuser daran, sich selbst am Riemen reißen?
Wenn eine Bank auf ihre harten Kreditvergabebedingungen besteht, verliert sie schnell Marktanteile an die anderen, die zu Zugeständnissen bereit sind. Und das will natürlich niemand. Zudem gibt es immer mehr Schuldnerberater, die Unternehmen bei der Darlehensaufnahme helfen und mit mehreren Banken verhandeln. Wer sich da bei den Bedingungen zu hart zeigt, hat schnell das Nachsehen.

Was bedeutet das konkret?
In einem Fall wollte beispielsweise ein Kunde partout nicht die Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren, die seiner Bank ein Kündigungsrecht gegeben hätten, wenn er in Zahlungsverzug geraten wäre. Die Bank wollte darauf nicht verzichten, aber ein Wettbewerber hat sich darauf offenbar eingelassen. Zudem werden Schutzmaßnahmen wie Schuldenobergrenzen für Unternehmen aufgeweicht. Diese beziehen sich in der Regel auf ein x-Faches des Ebitda…

…also des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen.
Jetzt ist diese Kennziffer häufig nicht mehr so definiert, wie es im Lehrbuch steht, sondern es gilt ein „Ebitda wie im Kreditvertrag vereinbart“. Das öffnet der Willkür Tür und Tor.

Eine Umfrage allein wird daran wenig ändern.
Das Ziel ist ja auch zunächst, durch die Umfrage ein besseres Bild von der Lage zu erhalten.

Und was machen Sie damit?
Da gibt es unterschiedliche Optionen. Wir können Banken auffordern, ihre Standards zu erhöhen. Und wir können sie dazu verpflichten, für diese Geschäfte mehr Eigenkapital  zu hinterlegen – entweder flächendeckend   oder  nur  bei  den Banken, die besonders  auffällig  sind.

Warum läuft der Kampf um Kunden gerade im Mittelstands- und Immobiliengeschäft aus dem Ruder?
Der Mittelstand ist ein attraktiver Markt für viele Banken. Nur haben wir nicht so viel Mittelstand, wie es Banken gibt, die mit ihm ins Geschäft kommen wollen. Das hat zunächst zu einem Preiswettbewerb geführt, jetzt läuft der Wettbewerb über die Standards. Bei gewerblichen Immobilienkrediten läuft es ähnlich.

Wie sieht es bei privaten Immobilienkrediten aus?
Wir werden parallel zu der anderen Befragung auch eine Umfrage zu privaten Immobilienkrediten machen. Aber wir sehen hier bislang keine flächendeckenden Probleme. Vielmehr führen die niedrigen Zinsen auch oft dazu, dass die Privatkunden höhere Tilgungsraten vereinbaren. Das verringert die Risiken aus diesem Geschäft für die Bank, sofern höhere Tilgungsraten die größeren Kreditvolumina aufgrund der starken Preisanstiege überkompensieren.

Macht es Sie misstrauisch, wenn Banken im Mittelstands- und Immobiliengeschäft stark wachsen, wenn er dort so verrückt zugeht?
Wenn eine Bank in diesen Bereichen Expertise hat, beunruhigt uns das nicht. Sorgen machen wir uns immer dann, wenn Banken in Märkte im In- oder Ausland vorstoßen, die sie möglicherweise nicht wirklich beherrschen. Denn dann bekommen sie häufig die Kredite und Finanzierungen, die die anderen nicht wollen. Deshalb beobachten wir solche Pläne genau und fragen auch mal nach.

Gerade das Geschäft mit langfristigen Baukrediten boomt derzeit. Haben die Banken ihr Zinsrisiko im Griff, falls die Zinsen steigen sollten?
Bei gut 40 Prozent der Banken würden wir auf der Grundlage des sogenannten Baseler Zinskoeffizienten von einem erhöhten Zinsänderungsrisiko sprechen. Das ist zwar noch immer relativ viel, aber vor einigen Jahren waren es noch gut 60 Prozent der Banken. Die Entwicklung der Baseler Risikokennziffer deutet also darauf hin, dass das Risiko deutlich gesunken ist, seit die Bankenaufsicht den Druck erhöht hat, diese Risiken einzudämmen. Wir dürfen dabei aber nicht verkennen, dass die Baseler Risikokennziffer nur eines von mehreren Merkmalen ist, die auf die Risikosituation im Bereich Zinsänderungsrisiko hindeuten. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ein überwiegender Teil der Institute das Risiko beherrscht und vor allem ausreichend Kapital vorhält, um auch Stressphasen unbeschadet zu überstehen.

Die Konjunktur in Deutschland kühlt sich ab. Die Banken müssen sich in der Folge auf mehr Kreditausfälle einstellen. Werden das alle Institute überleben?
Die sinkende Risikovorsorge war in den vergangenen Jahren ein Ergebnistreiber für die deutschen Banken. Wenn sich das ins Gegenteil verkehrt, müssen wir uns auf mögliche Folgen einstellen. Das war auch einer der Gründe, weshalb wir eine Einheit für die Intensivaufsicht von Banken gegründet haben, die Anfang dieses Jahres ihre Arbeit aufgenommen hat.

Wie viele Banken liegen auf der Intensivstation?
Das sage ich Ihnen nicht. Die Einheit wird schrittweise personell aufgestockt – und dann werden einzelne Banken dorthin übertragen. Dabei geht es vor allem auch um Institute, bei denen die Gefahr besteht, dass sie die Kapitalanforderungen in einem absehbaren Zeitraum nicht mehr erfüllen.

Was können Geldhäuser machen, um den Mix aus niedrigen Zinsen und steigenden Kreditausfällen wegzustecken?
Kostendisziplin ist ein wichtiges Thema – dazu gehört auch die Digitalisierung von Prozessen. Und ähnlich wie vor der Finanzkrise 2008 gilt: Jetzt ist Selbstdisziplin gefordert. Nicht jede Bank wird wachsen können. Einige Institute sollten auf eine Schrumpfungsstrategie setzen. Erlebt habe ich das in meiner Berufslaufbahn allerdings noch nie. Denn dazu sind die Eigentümer der Banken in den allermeisten Fällen nicht bereit.

Herr Röseler, vielen Dank für das Interview.

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