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Jan Wicke Talanx-Vorstand entrümpelt das veraltete IT-System

Binnen anderthalb Jahren will der Versicherer Talanx Kosten in Höhe von 240 Millionen Euro einsparen. Der Aufbau einer modernen IT-Infrastruktur ist die größte Herausforderung.
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„Wir mussten überproportional viel anpacken“, gibt der Talanx-Vorstand zu. Quelle: Daniel Möller Fotografie
Jan Wicke

„Wir mussten überproportional viel anpacken“, gibt der Talanx-Vorstand zu.

(Foto: Daniel Möller Fotografie)

Frankfurt Die Versicherer aus Hannover sind für ihre nüchterne Sicht der Lage bekannt. Marketingjargon ist ebenso verpönt wie Anglizismen. So hat Talanx sein vor vier Jahren aufgelegtes Wachstums- und Effizienzprogramm für das deutsche Privat- und Firmenkundengeschäft schlicht „Kurs“ genannt. Die vier Buchstaben stehen für kundenorientiert, richtungsweisend und stabil. Die Botschaften, die Talanx sendet, sollen Beruhigung ausstrahlen, auf keinen Fall Aufregung vermitteln.

Für Hannoveraner Verhältnisse wagt sich Talanx-Vorstand Jan Wicke weit aus dem Fenster, wenn er im Gespräch mit dem Handelsblatt sagt: „Wir sind mit dem Kurs-Programm vor dem Plan. Und das in allen Dimensionen.“ Das Ziel, bis zu dessen Ablauf in anderthalb Jahren Kosten von 240 Millionen Euro einzusparen, dürfte nach jetzigem Stand mindestens erreicht werden.

Der 51-Jährige ist nicht nur Chef des Erstversicherers HDI Deutschland, sondern als Vorstand der Mutter Talanx auch für die Privat- und Firmenversicherung hierzulande zuständig. Auf der Gewinnseite machten sich in seinem Haus die Auswirkungen des Umbaus bereits im vergangenen Jahr deutlich bemerkbar.

Der Rückgang der Prämien der Vorjahre wurde gestoppt, die Schaden-Kosten-Quote sank mit 99,3 Prozent unter die wichtige Marke von 100. Und das operative Ergebnis stieg um nahezu ein Drittel auf 180 Millionen Euro. Bis ins Jahr 2021 sollen es 240 Millionen Euro sein, die bei der Mutter Talanx ankommen. „Das trauen wir uns zu“, so Wicke selbstsicher.

Umbau am Heimatmarkt

Die drittgrößte Versicherungsgruppe in Deutschland hatte im vergangenen Jahr mit Problemen in der wichtigen Industriesparte zu kämpfen. Die Feuerversicherung stand wegen hoher Schäden massiv unter Druck. Zuletzt konnte der Konzern hier aber deutliche Preiserhöhungen durchsetzen.

Auch wenn der Versicherer drei Viertel seiner Prämieneinnahmen im Ausland erwirtschaftet, kommt dem Heimatmarkt eine große Bedeutung zu, gerade hier fallen die internen Umbauarbeiten im Moment aber besonders umfangreich auch. Insgesamt 400 Millionen Euro investiert der Talanx-Konzern in den Geschäftsbereich HDI Deutschland.

Die seit langem veraltete IT des Hauses wird bereits seit geraumer Zeit umgebaut. „Wir wollen in den kommenden Jahren rund 20 bis 25 Prozent unserer internen Anwendungen beerdigen“, gibt Wicke die Richtung vor. Auf Konzernebene ist der Vorstand auch für das Thema IT zuständig. Mehr als 60 Altsysteme sollen in diesem Jahr noch abgeschaltet werden. „Wir mussten überproportional viel anpacken“, gibt Wicke zu.

Gerade wurde ein intern als „uralt“ bezeichnetes System für die Kfz-Versicherung ausgemustert und in ein modernes SAP-System integriert. Für die betroffenen Abteilungen sind solche Phasen besonders herausfordernd. Beide Systeme werden in den Monaten vor dem endgültigen Abschalten der alten Technik probeweise parallel betrieben, der Moment der Wahrheit kommt dann mit dem Ende des Altsystems.

Im Idealfall merkt der Kunde nicht, dass seine nächste Prämienrechnung auf einem neuen System erstellt wurde. Weniger gut wäre es, wenn Daten, Adressen oder Tarife mit einem Male durcheinandergingen. „Mittelfristig profitieren unsere Vertriebspartner, Kunden und wir von den Vorteilen einer modernen Architektur“, ist sich Wicke sicher.

Im Moment kostet der Umbau erst einmal viel Geld. So viel, dass die Auswirkungen auf die Bilanz spürbar sind. Bei der deutschen HDI berechnen sie deshalb die Schaden-Kosten-Quote – ein wichtiger Maßstab für die Effizienz unter Einrechnung der zusätzlichen Transaktionskosten und ohne diese Kosten. Zählen die Kosten dazu, dann lag die Quote im Auftaktquartal des Jahres bei 99,3 Prozent, ohne die Investitionen in neue Technik wären es erfreulichere 96,1 Prozent.

Dabei sind die Probleme mit einer veralteten IT, die über viele Jahre hinweg zu hoher Komplexität angewachsen ist, durchaus branchenüblich. So verglich Allianz-Chef Oliver Bäte einst die hauseigene IT mit dem Schloss Neuschwanstein. Mit jeder Übernahme, mit jeder Integration sei die Zahl der Türmchen am Schloss gewachsen, so Bäte. So sehr, dass am Ende selbst Spezialisten kaum mehr den Überblick über das gesamte Konstrukt hatten.

Dreigeteilte Architektur

Auch wenn beim IT-Umbau der deutschen HDI alles nach Plan läuft, wird am Ende keine vollkommen einheitliche Struktur stehen. Stattdessen schwebt Wicke eine Mehrschichtenarchitektur mit einer Dreiteilung vor. An deren Spitze, wo es vor allem um Anwendungen für Kunden und Vertriebspartner geht, soll es sehr schnelle Release-Zyklen geben. Danach folgt eine Middleware-Komponente beispielsweise für die Datenbanken, anschließend das Backend als Safe für den Datenschutz. Wicke will hier einen architektonischen Rahmen setzen. „Meine Analogie für die IT-Architektur ist eher ein Stadtentwicklungsplan, bei dem wir uns Handlungsoptionen für die Entwicklung schaffen und nicht gleich alles zubauen.“

Das Kurs-Programm der deutschen HDI hat noch eine zweite wesentliche Komponente. Das Geschäft mit den kleinen und mittelständischen Unternehmen, den sogenannten KMU, soll deutlich wachsen. Schlüssel dazu soll eine Mischung aus Risikomanagement und Beratung sein, beispielsweise für die Wartung von Maschinen und Systemen. Dabei sollen technische Innovationen rund um die Themen Künstliche Intelligenz sowie Internet der Dinge im Mittelpunkt stehen.

Im Frühjahr hatte Talanx angekündigt, sich an der nächsten Finanzierungsrunde des Berliner Start-ups Next Big Thing zu beteiligen, das insbesondere der Industrieversicherung zugutekommt. Weitere Ankündigungen sollen folgen. „In dem Bereich werden wir mehr machen“, kündigt Wicke an.

Das gilt auch für das Geschäft mit Freiberuflern wie Ärzten, Ingenieuren und Steuerberatern. Diese Berufsgruppen gelten unter Versicherern als schwierig, weil angesichts der potenziell hohen Schadenssummen eine umfangreiche Branchenexpertise nötig ist. Die Hannoveraner sind bei diesen Berufsgruppen traditionell gut aufgestellt und wollen ihren Anteil sogar ausbauen, erläutert Wicke.

An der Börse honorieren die Investoren schon seit Längerem den Kurswechsel in Hannover. Die Talanx-Aktie hat in diesem Jahr bereits mehr als 30 Prozent an Wert zugelegt und rangiert nahe dem Allzeithoch.

Mehr: Das Handelsblatt sprach auch mit Talanx-Chef Torsten Leute über mögliche Akquisitionen, den Umbau des chronisch defizitären Industriegeschäfts und seine Sorge über einen No-Deal-Brexit. Lesen Sie hier das Interview.

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