Jeannette zu Fürstenberg

Die Ökonomin heiratete Erbprinz Christian zu Fürstenberg, gehört seitdem zum Hochadel.

(Foto: Nik Hunger für Handelsblatt)

Jeannette zu Fürstenberg im Interview „Wirkt wie ein Brandbeschleuniger” – Investorin warnt vor künstlicher Intelligenz

Die Investorin Jeannette zu Fürstenberg spricht über die Risiken künstlicher Intelligenz – und fordert eine Bildungs-Revolution in Deutschland.
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HeiligenbergWenn Jeannette zu Fürstenberg beruflich unterwegs ist, dann führt der Weg der Fondsmanagerin oft nach Berlin. Spannende junge Firmen, bei denen sich ein Investment lohnen könnte, sind in der Hauptstadt reichlich zu finden. An diesem schönen Frühlingstag aber bittet die Erbprinzessin des Hauses Fürstenberg ins Schloss Heiligenberg hoch über dem Nordufer des Bodensees.

Hier lebt die Investorin, die Ökonomie studiert hat und einen Doktortitel in Philosophie besitzt, mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Von der Schlossterrasse aus fällt der Blick geradewegs auf den See und das dahinter liegende Massiv des Säntis in der Schweiz.

Frau Fürstenberg, als klassische Frühphaseninvestorin müssen Sie sich zwangsläufig auch mit der Entwicklung von künstlicher Intelligenz beschäftigen. Wie ist Ihr Empfinden?
Eine Mischung aus Faszination und Sorge. Faszination über das Potenzial einer Technologie, welche durch die steigende Verfügbarkeit von Daten- und Rechenkapazität immer wirkungsvoller wird und Züge menschlicher Intelligenz und Intuition entwickelt. Gleichzeitig Sorge über das Missbrauchspotenzial und die subtile Einflussnahme auf unsere Lebensführung. Ein Beispiel dafür, wie subtil ein prägender Algorithmus wirkt, sind die Kaufempfehlungen von Amazon oder personalisierte Werbung und Inhalte von Facebook. Die Maschine beginnt, unsere Entscheidungen zu steuern.

Wie wird sich das auf die Entwicklung der Gesellschaft auswirken?
Für mich ist die Entwicklung demokratiegefährdend. Basis einer Demokratie ist die geteilte Wirklichkeitswahrnehmung einer Gesellschaft. Diese löst sich zunehmend durch den globalisierungs- und technologiebedingten Wegfall von Arbeitsplätzen auf und führt zu diffusen Ängsten und wegfallender Zugehörigkeit zu identitätsbildenden Strukturen. Vor Social Media haben klassische Medien die Erklärung und Einordnung übernommen, was sich stabilisierend auf die Meinungsbildung ausgewirkt hat.

Heute werden durch Fake News und vor allem die direkte und ungefilterte Weitergabe von großteils auch falschen Informationen Ängste verstärkt und vorgefasste Meinungen bestätigt. Die sogenannte gesellschaftliche Mitte, die immer stabilisierend gewirkt hat, verliert an Kraft. Und dadurch polarisiert sich das gesamte System.

Mit welchen Folgen?
Die Folgen sind vielerorten schon erkennbar: der Brexit, die Wahlen in Italien, die Regierungen in den USA und in Polen und hierzulande die AfD bei alarmierenden 16 Prozent. Künstliche Intelligenz wirkt wie ein Brandbeschleuniger für den Populismus. Denken Sie an den gezielten Einsatz von Bots während der Wahlkämpfe.

Was lässt sich dagegen machen?
Wir ersticken in Europa, gerade in den EU-Kernstaaten, an der Komplexität unserer n-stufigen Governance. In China werden die Entscheidungsprozesse hingegen immer autokratischer und vor allem auch schneller. Hier wirkt Technologie wie ein Katalysator für ökonomische und militärische Dominanz. Wir hier in Europa sind hingegen viel zu langsam und zu bürokratisch.

Ein Plädoyer gegen die Demokratie?
Um Himmels willen nein! Für mehr Europa, aber das fehlende Tempo und die mangelnde Entschlossenheit im Hinblick auf China und die USA ein souveränes Gegengewicht zu bilden lässt uns zurückfallen, und unser Vorsprung in Kerntechnologien und bei Produktionsprozessen in der Industrie zehrt sich langsam auf. Wir brauchen mehr Geschwindigkeit, natürlich auf Basis unserer starken Demokratie.

Ein Beispiel: Chinas Big-Data-2020-Verordnung wird auf deren technologische Entwicklung als exponentieller Hebel wirken, während die Datenschutz-Grundverordnung in Europa allseits Verunsicherung auslöst und unseren technologischen Fortschritt weiter hemmt. Besonders für junge Unternehmen. Ein digitaler, europäischer Binnenmarkt wäre hier ein erster wichtiger Schritt.

Was bedeutet das alles für den Faktor Arbeit?
Die Menschen werden glücklicherweise weiterhin gebraucht. Nicht nur die immer diskutierten Fachkräfte, mit denen der Mittelstand 65 Milliarden Euro mehr umsetzen könnte, aber noch wichtiger: Denken Sie an den Sozialsektor, an die Pflege immer älter werdender Menschen. Und an die Bildung. Wir müssen die Neugier unserer Kinder erhalten. Unser starres Bildungssystem mit seinen altmodischen Lehrplänen unterbindet dies häufig schon in frühen Jahren. Wir müssen künftig anders lernen. Beispielsweise projektbezogen.

Bitte etwas konkreter…
Ein gutes Beispiel ist die New School in Berlin, hier werden Lerninhalte über Projekte vermittelt. Die Kinder können beispielsweise ein Fahrrad bauen. Und sich anhand dieses Beispiels spielerisch den zugrunde liegenden Fragen widmen. Wie ist das Rad überhaupt entstanden? Was ist Mechanik? So wird spielerisch Neugier geweckt und erhalten. Und es entsteht eine neue Form der Humanintelligenz und eine frühe Ausprägung von geschlechtsunabhängiger Teamfähigkeit. Für all das brauchen wir mehr und anders ausgebildetes Personal. Und den Mut für große Veränderungen in unserem Schul- und Bildungssystem.

Zurück zur künstlichen Intelligenz, wo Sie ja bereits die Gefahren für die Gesellschaft beschrieben haben. Gleichwohl werden Sie als Investorin nun laufend mit Geschäftsmodellen konfrontiert, die im weitesten Sinne auf künstlicher Intelligenz beruhen und die Sie ja vor dem Hintergrund der Renditeerwartungen Ihrer Co-Investoren nicht alle ignorieren können. Wie wählen Sie da aus, ob Sie mit Kapital einsteigen?
Indem ich Teilhaberin des gesamten gestalterischen Prozesses werde. Und dabei geht es eben nicht nur darum, ein neues Geschäftsmodell auf seine Zukunftsfähigkeit und Rentabilität abzuklopfen, sondern vor allem auch darum, gerade in der Frühphase die treibenden Köpfe hinter diesen Modellen kennen zu lernen: Ist der Unternehmer in der Lage, auch Rat anzunehmen? Wie tickt der Gründer, vor allem auch ethisch? Und wofür steht er? Ich suche andersdenkende Menschen, die sich in ihrem Handeln nicht ausschließlich von Renditeerwartungen leiten lassen, sondern vor allem von ihrer gestalterischen Kraft, von einer Idee, von dem Willen zur positiven Gestaltung und Veränderung.

Was ist damit genau gemeint?
Ich denke, dass die Analogie zur Kunst hier sinnvoll ist. Bei vielen Unternehmern erlebe ich, ähnlich wie bei Künstlern, dass sie das, was sie sehen und in sich tragen, in die Welt bringen wollen. Sie wollen ihre inneren Bilder verwirklichen. Und sie wollen damit ein Stück weit neue Realitäten schaffen. Solche Denkmuster suchen wir bei jungen Unternehmern. Denken Sie an Facebook, und Google, beide haben in dem Wert von Daten einen neuen Wirtschaftssektor erfunden und entsprechend kraftvoll ausgebildet. Sie haben zeitig erkannt, dass Daten die neue Währung sind. Sich komplett auf neue Denkweisen einzulassen, so entsteht wirklich Neues, vielleicht auch Großes.

Ja, aber hatten Sie nicht eben den Algorithmus beispielsweise von Facebook als demokratiegefährdend eingestuft?
Stimmt, deshalb suchen wir mit unseren Investitionspartnern bei La Famiglia nach Bereichen, die neue Technologien auch mit Rücksicht auf die Gesellschaft einsetzen. Wir fokussieren uns im Kern auf Smart Entreprise Technologien, welche größere Effizienz in der Wertschöpfungskette ermöglichen und etablierte Unternehmen zukunftsfähig machen. Dies sichert langfristig den Erhalt von Arbeitsplätzen.

Die Erbprinzessin empfängt den stellvertretenden Handelsblatt-Chefredakteur im Schloss Heiligenberg. Quelle: Nik Hunger für Handelsblatt
Jeannette zu Fürstenberg und Peter Brors

Die Erbprinzessin empfängt den stellvertretenden Handelsblatt-Chefredakteur im Schloss Heiligenberg.

(Foto: Nik Hunger für Handelsblatt)

Aber auch der Bereich Logistik ist zu nennen, hier ist Deutschland in vielen Bereichen Weltmarktführer, und wir wollen dazu beitragen, dass unsere heimische Industrie ihren Vorsprung nicht verspielt und so langfristig unsere Sozialsysteme gesichert werden können. Um 430 Milliarden Euro könnte die deutsche Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2030 aufgrund des Einsatzes von künstlicher Intelligenz steigen. Weltweit beziffert die Beratungsgesellschaft PwC das Wachstumspotenzial auf 15,7 Billionen Dollar. Das entspricht einem Anstieg des Welt-BIP um 14 Prozent.

An welche Firmen in Ihrem Portfolio denken Sie bei Ihrer Argumentation?
An Ontruck beispielsweise, ein junges Unternehmen, das dabei ist, den Speditionsmarkt mit einer neuen, auf einem Routenalgorithmus basierenden Software grundlegend zu verändern. Oder an Bigfinite, eine datengestützte Produktionsplattform, die Maschinenauslastung und Energieoptimierung für die Prozessindustrie steuert. All das brauchen erfolgreiche Firmen von morgen. Ein altes Unternehmen hat alles zu verlieren, ein junges Unternehmen hingegen alles zu gewinnen. Wir brauchen Tempo, denn der Veränderungsdruck besonders auch im Ausland ist gewaltig.

Das klingt noch sehr allgemein. Worauf genau zielen Sie mit La Famiglia ab?
Wir wollen Brücken bauen zwischen etablierten und jungen Unternehmen. Indem wir Gründer mit Entscheidungsträgern der sogenannten Old Economy und potenziellen Kunden für ihre neuen Dienstleistungen und Produkte zusammenbringen.

Wir investieren sowohl aufseiten der Disruptoren als auch bei jungen Unternehmen, welche die Prozesse der etablierten Konzerne beschleunigen. Ein Beispiel für einen Disruptor ist der voll lizenzierte Versicherer Coya, ein Beschleuniger für bestehende Versicherungskonzerne hingegen ist das Berliner Unternehmen Omni.us, welche die Datenverarbeitung über künstliche Intelligenz automatisiert.

Investoren von La Famiglia wie Markus Langes-Swarovski oder Denis Solvay, beide aus den gleichnamigen Familienkonzernen, sollen und müssen neben Kapital also auch immer Zugang zu ihren Unternehmen mitbringen?
So ist es. Unser Grundgedanke ist, nicht mit dem Geldkoffer umherzulaufen, sondern Anknüpfungspunkte zwischen alter und junger Unternehmenswelt zu bieten. Dies bietet neben Kooperationen auch die Möglichkeit des persönlichen Austauschs und der Bildung von tragfähigen Geschäftsbeziehungen.

Wer trifft letztlich die Investitionsentscheidung?
Die Entscheidungen treffen wir als Managementteam. Dem voraus geht eine eingehende Marktbeobachtung und ein Due-Diligence-Prozess der potenziellen Investments. Hier greifen sehr starke Filter.

Wie viele Beteiligungen hält der erste Fonds von La Famiglia inzwischen?
Wir halten 20 Beteiligungen. Jedes Jahr kommen etwa zehn hinzu. Die Zielmarke für den ersten Fonds liegt bei 35 Beteiligungen. Die Anfangsinvestition liegt je Unternehmen im mittleren sechsstelligen Bereich. Für 2019 planen wir, einen zweiten Fonds aufzulegen.

Und bei Ihrer Investorenkonferenz YNOW, die Ende des Monats zum dritten Mal in Schloss Heiligenberg stattfindet, bringen Sie eine kleine Gruppe ausgewählter Gründer, etablierter Unternehmer und Manager sowie Investoren auch räumlich zusammen?
Genau. Gemeinsam mit dem Warburg-Partner und früheren Telekom-Chef René Obermann lade ich aus unserem Netzwerk Persönlichkeiten aus diesen Welten ein. Die Veranstaltung steht jedes Jahr unter einem übergeordneten Thema. In diesem Jahr ist das die Blockchain-Technologie, die meines Erachtens in besonderem Maße dazu geeignet ist, als demokratisierendes Element zu wirken, auch im Hinblick auf künstliche Intelligenz.

Frau Fürstenberg, herzlichen Dank für das Interview.

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