John Paulson Goldman und der „King of Cash“

John Paulson hat geahnt, dass die Immobilienblase platzt. Er bat Goldman Sachs um die Auflage eines Kreditderivates, auf dessen Niedergang Investoren spekulieren konnten. Das Papier stürzte ab, Paulson wurde zum Multimilliardär. Jetzt gerät der Star der Hedge-Fonds-Branche ins Zwielicht.
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Multimilliardär Paulson: Er hat geahnt, dass die Blase platzen wird. Quelle: Reuters

Multimilliardär Paulson: Er hat geahnt, dass die Blase platzen wird.

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NEW YORK. John A. Paulson sieht das Platzen der Immobilienblase kommen. Im April 2007 bittet er Goldman Sachs um die Auflage eines Kreditderivats, auf dessen Niedergang Investoren spekulieren können. Wie es in einer Klageschrift der US-Börsenaufsicht SEC heißt, hilft der New Yorker Hedge-Fonds-Manager bei der Selektion eines möglichst riskanten Portfolios mit und zahlt der Investmentbank 15 Millionen Dollar Gebühr für die Vermarktung. Es wird die beste Investition seines Lebens, denn „Abacus 2007-AC1“, so der kryptische Name des Wertpapiers, stürzt ab wie einst Ikarus: vom Himmel direkt zu Boden. Im Januar 2008 ist das Papier faktisch wertlos, ein winziges Prozent ist noch übrig. Die Goldman Sachs-Kunden, unter ihnen die Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB und ABN Amro, verlieren bei dieser Wette mehr als eine Mrd. Dollar. Paulson indes, der Mann auf der anderen Seite des Deals, wird mit Geschäften wie diesen zum Multimilliardär und gefeierten Star der Wall Street. Geschätztes Privatvermögen laut US-Magazin „Forbes“: zwölf Mrd. Dollar. Im November 2008 tritt Paulson im US-Kongress in Washington auf. Es ist keine Vorladung, vielmehr ein Ritterschlag: Der „Subprime-Superstar“ (CNBC) wird von Politikern um Rat gefragt, wie die Finanzkrise zu lösen sei.

Erst drei Jahre nach dem Abacus-Deal gerät sein Schachzug mit Goldman Sachs ins Zwielicht. Die SEC hat ihrer Klage E-Mails beigefügt, die auf eine aktive Beteiligung Paulsons bei der Zusammenstellung des Ramsch-Portfolios hindeuten. Die Firma Paulson & Company sah sich am Freitag zu einer Stellungnahme gedrängt und erklärte, sie habe das von Goldman Sachs auf den Markt gebrachte Wertpapier "weder initiiert noch vermarktet". Dabei sitzt auf der Anklagebank zunächst ohnehin allein die Investmentbank. Die SEC wirft Goldman Sachs vor, einen Interessenkonflikt verschwiegen zu haben. Sie habe komplexe Pakete mit zweifelhaften Hypothekendarlehen an Investoren verkauft, ohne die Käufer darüber zu informieren, dass ein großer Hedgefonds das Portfolio maßgeblich beeinflusst und gegen die Papiere gewettet habe. Paulson selbst wird in der Klage nicht beschuldigt: „Goldman war für die Präsentation bei den Investoren verantwortlich. Nicht Paulson“, betonte SEC-Chefankläger Robert Khuzami. Gleichzeitig kündigte die Börsenaufsicht aber an, ihre Untersuchungen nicht auf Goldman Sachs begrenzen zu wollen: Sie werde nicht locker lassen, „das Verhalten der Investmentbanken und anderer“ zu untersuchen, die in die Verbriefung komplexer Finanzprodukte im Zusammenhang mit dem US-Häusermarkt eingebunden waren, drohte die SEC. Dabei geht es im Kern um die Frage: Welche Investment-Methoden sind an der Wall Street noch erlaubt, wenn auch an der Grenze zur Kasinospielerei – und welche am Ende justiziabel?

John Paulson ist ein Gratwanderer wie viele seiner Hedge-Fonds-Kollegen - vermutlich aus der frühen Erfahrung heraus, Krisensituationen in Profite umgewandelt zu haben. Anfang der 90er-Jahre kaufte der gebürtige New Yorker ein Apartment in Manhattan sowie ein Haus in den Hamptons auf Long Island, jeweils aus der Zwangsvollstreckung. Der Wert seiner Immobilien stieg über die Jahre derart an, dass Paulson irgendwann schwindelig geworden sein muss – etwa 2005 war das: „Das ist verrückt. Wo ist die Blase, die wir shorten können?“, fragte er seine Kollegen im New Yorker Büro von Paulson & Company. Die Herde der Investoren rannte da noch in die entgegengesetzte Richtung: Die Immobilienpreise, das war die feste Überzeugung vieler Wall Street-Banken, Analysten und Ratingagenturen, werden weiter steigen.

Paulson aber setzt einen Hedge-Fonds namens Credit Opportunities Fund auf, der ausschließlich auf einen bevorstehenden Kollaps im Häusermarkt wettet. Als seine ersten Investments im Minus liegen, erhöht er den Einsatz. Ein zweiter Fonds wird aufgelegt. Die ersten Probleme im Immobiliensektor werden bekannt, der Subprime-Spezialist New Century Financial weist einen Quartalsverlust aus und muss frühere Ergebnisse nach unten korrigieren. Paulsons Durchbruch kommt, als Mitte 2007 zwei Bear Stearns-Fonds kollabieren - ausgerechnet in jenem Wall Street-Haus, in dem die Karriere des heute 54-jährigen Harvard-Absolventen begann. Die New Yorker Investmentbank hat sich im Häuser-Boom zu viele riskante Subprime-Hypotheken aufgeladen und löst mit ihrem Debakel eine Welle der Angst unter Investoren aus. Die Herde ändert ihre Richtung und steigt plötzlich da ein, wo sich Paulson längst billig eingekauft hat: in Wertpapieren, die im Falle eines Immobilien-Crashs profitieren. Paulson hat „Hase und Igel“ gespielt und das Spiel gewonnen: 2007 kommt der Credit Opportunities Fund auf ein Plus von 590 Prozent, der zweite Fonds macht seine Investoren um 350 Prozent reicher. Für Paulson persönlich springen 3,7 Mrd. Dollar in 2007 und weitere zwei Mrd. Dollar in 2008 heraus - Weltrekord.

Aus dem jahrelang mittelmäßig erfolgreichen M&A-Experten und Hedge-Fonds-Manager ist über Nacht „J.P.“ geworden – ein berühmter Investor, bei dem sich Koryphäen wie George Soros zum Lunch anmelden. Der langjährige US-Notenbankchef Alan Greenspan arbeitet seit 2008 als Berater für einen Paulson-Fonds. Das Investmentmagazin „Alpha“ adelt Paulson zum „King of Cash“. Dabei scheut der Vater zweier Kinder die Aufmerksamkeit der Medien, wie es im Hedge-Fonds-Sektor Standard ist. Nach diversen Titelgeschichten im Zuge des außergewöhnlichen Reibachs tauchte Paulson bald wieder unter den Radarschirm der Medien. Erst die unangenehmen Details über den Abacus-Deal mit Goldman Sachs bringen „J.P.“ zurück ins Rampenlicht. Es sind Schlagzeilen, die sich „J.P.“ gewiss gerne erspart hätte.

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6 Kommentare zu "John Paulson: Goldman und der „King of Cash“"

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  • Nicht nur Goldman Sachs, sondern auch Paulson gehören auf die Anklagebank. Paulson wusste ganz genau, dass der Deal öffentlich platziert werden würde und dass sein Name, geschweige denn seine Short-Positionen, in den Verkaufsdokumenten nirgends erwähnt werden würden. Genau dass war ja die Motivation, "ACA" (und nicht Paulson) als Collateral Manager anzugeben. Kein investor wäre so blöd gewesen diesen Deal zu kaufen, wenn bekannt gewesen wäre, dass ein Short-Seller das Portfolio zusammengestellt hat.
    Meine befürchtung ist, dass dieser Fall wieder einmal nur die "Spitze des Eisberges" ist, und auch andere investmentbanken sich auf ähnliche Art und Weise auf Kosten ihrer Kunden bereichert haben.

  • Der Artikel verschweigt vieles. So z.b. Paulsons aktive Rolle bei der Auswahl der Fonds für den AC1, den er shorten wollte (und mit Riesengewinn geshortet hat). 10 Wells Fargo Fonds waren vorgeschlagen, Paulson strich sie aus der Liste. Waren wohl zu gut zum shorten.

  • Wir habens ja alle irgendwie geahnt.
    Um der notwendigen Diskussion noch etwas Feuer zu geben, möchte ich noch einen Fakt beifügen, der auch nachzulesen wäre!
    in den ersten Apriltagen des Jahres 2008, also die Krise noch jung war, respektive bei vielen noch nicht angekommen und Leman noch tronte, da sagte bei einem Vortrag im Ulmer Stadthaus Prof. Norbert Walter wörtlich: "...es ist die best vorhergesagte Krise aller Zeiten".

    Ca. 250 Leute und ich waren dabei. Aber diese Ausage hätte keiner vorher erwartet.

  • Greenspan als berater? Sorry, DAS nimmt jegliche Seriösität.

    Das Platzen der immobilienblase habe ich auch geahnt, aber als kleiner Mann hat man keine Möglichkeit, davon zu profitieren.

  • Wir habens ja alle irgendwie geahnt.
    Um der notwendigen Diskussion noch etwas Feuer zu geben, möchte ich noch einen Fakt beifügen, der auch nachzulesen wäre!
    in den ersten Apriltagen des Jahres 2008, also die Krise noch jung war, respektive bei vielen noch nicht angekommen und Leman noch tronte, da sagte bei einem Vortrag im Ulmer Stadthaus Prof. Norbert Walter wörtlich: "...es ist die best vorhergesagte Krise aller Zeiten".

    Ca. 250 Leute und ich waren dabei. Aber diese Ausage hätte keiner vorher erwartet.

  • Guten Tag,.... Ein erstklassiger Artikel. ich hoffe dass alle die ihn lesen sich einmal ernste Gedanken ueber Fonds (die sie nicht verstehen) machen werden. besten Dank

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