KfW-Kreditmarktausblick Das Kreditgeschäft boomt, doch die Gründe sind unerfreulich

Normalerweise gilt es als gutes Zeichen für die Wirtschaft, wenn die Kreditnachfrage von Firmen steigt. Ein Investitionsboom steck aber nicht dahinter.
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Die Branche benötigt besonders viele Kredite. Quelle: Cultura/Getty Images
Chemielabor:

Die Branche benötigt besonders viele Kredite.

(Foto: Cultura/Getty Images)

FrankfurtMit so einem deutlichen Zuwachs im Kreditgeschäft haben die Volkswirte der staatlichen Förderbank KfW nicht gerechnet. Um 8,3 Prozent haben die neu vergebenen Darlehen an Unternehmen und Selbstständige zwischen April und Juni 2018 zugelegt.

Für das gerade abgelaufene dritte Quartal rechnen die KfW-Experten sogar mit einer weiteren Beschleunigung des Kreditwachstums auf zehn Prozent. Das geht aus dem KfW-Kreditmarktausblick hervor, der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Eigentlich hatten die Experten mit einem Dämpfer im Kreditgeschäft gerechnet – weil die bislang starke Konjunktur zu schwächeln beginnt und der Handelsstreit mit den USA die Geschäftsaussichten für die deutsche Wirtschaft trübt. Solche Entwicklungen verderben Unternehmen meist die Lust an Investitionen – und damit auch an Krediten dafür.

Normalerweise gilt es als ein gutes Zeichen für die Wirtschaft, wenn die Kreditnachfrage von Unternehmen steigt. Die Deutsche Bank spricht in einer aktuellen Studie sogar vom „stärksten Aufschwung seit der New-Economy-Blase“ im Kreditgeschäft.

Der Boom werde von einer breiten Branchenbasis getragen, das heißt sowohl von Industrie- als auch von Dienstleistungsunternehmen. Besonders auffällig sei die Chemiebranche gewesen. Dort war der Finanzierungsbedarf vor allem wegen einer größeren Übernahme ungewöhnlich groß.

Doch der Chefvolkswirt der KfW, Jörg Zeuner, vermutet hinter dem aktuellen Kreditboom weniger erfreuliche Gründe. „Das unerwartet starke Kreditwachstum hat unserer Ansicht nach weniger mit einem Investitionsboom zu tun, sondern eher mit einem stotternden Konjunkturmotor, hoher Unsicherheit und der Erwartungshaltung der Unternehmen, dass die Zinsen wieder steigen“, sagt er dem Handelsblatt. Deswegen dürften sich die Unternehmen finanzielle Polster zulegen.

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Ein wichtiger Grund dafür, dass die KfW das Kreditwachstum unterschätzt hat, hängt mit der schwächelnden Konjunktur zusammen. Die Unternehmen konnten deshalb ihre Produkte nicht in dem Tempo abverkaufen, wie sie diese nachproduziert haben. Das hat dazu geführt, dass die Lagerbestände gestiegen sind. „Damit steigen auch die Lagerkosten, die von den Unternehmen finanziert werden müssen“, erklärt Zeuner.

Deutlicher Rückgang der Produktion

Die Wirtschaftsdaten und die Analysen führender Konjunkturexperten bestätigen die Einschätzung der KfW-Volkswirte. Im Juli ging die Produktion der Industrie deutlich zurück, was als Reaktion auf einen vorangegangenen unfreiwilligen Lageraufbau, wie ihn die KfW vermutet, plausibel wäre.

Die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute haben in der vergangenen Woche ihre gemeinsame Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum in diesem Jahr deutlich auf 1,7 Prozent gesenkt. Im Frühjahr hatten sie noch einen halben Prozentpunkt mehr vorausgesagt. Nach Einschätzung der Bundesbank ist die deutsche Wirtschaft „schwach“ ins dritte Quartal gestartet.

Auch die Deutsche Bank beobachtet „erste Warnsignale“, wie sie in ihrem aktuellen „Deutschland-Monitor Unternehmensfinanzierung“ schreibt. Sie hat die Laufzeit der nachgefragten Kredite analysiert. Für Investitionen benötigen Firmen langfristige Darlehen mit Laufzeiten von fünf Jahren und mehr.

Dort war das Wachstum aber bei Weitem nicht so dynamisch wie bei kurzfristigen Krediten. Ebenso wie die KfW schlussfolgern die Deutschbanker daraus, dass die Unternehmen sich „aus Sorge um eine Abkühlung der Weltwirtschaft aufgrund des Handelsstreits zwischen den Vereinigten Staaten und China und der zu erwartenden höheren Zinsen“ noch einmal Liquidität gesichert haben.

Es ist indes auch nicht überraschend, dass viele Unternehmen die derzeitigen Rahmenbedingungen nutzen. Die Konditionen für Kredite sind derzeit noch historisch niedrig, dürften sich aber auf absehbare Zeit erhöhen. Zeuner vermutet, dass sich die deutschen Unternehmen „auf steigende Zinsen der Europäischen Zentralbank einstellen und sich noch günstige Konditionen für ihre Finanzierung sichern“.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat mittlerweile eine vorsichtige Wende ihrer Geldpolitik angekündigt. Zum Jahreswechsel sollen die Anleihekäufe auslaufen, Ende des kommenden Jahres könnte eine erste Zinserhöhung der Notenbanker anstehen.

Unternehmen streben mit Macht zurück zur Hausbank

Nicht allein die Geldpolitik sorgt für günstige Konditionen, der harte Wettbewerb der Banken um Firmenkunden tut sein Übriges.

Wie attraktiv die Kreditangebote aus Sicht vieler Unternehmen sind, analysiert die Deutsche Bank: In den vergangenen Jahren holten sich Unternehmen häufig lieber Geld am Kapitalmarkt als von den Finanzinstituten. Das lag daran, dass die Banken während der Finanzkrise mit Darlehen geizten und Firmen unabhängiger von ihnen werden wollten und mussten.

Das hat sich mittlerweile geändert. Die Unternehmen strebten offenbar „mit Macht zurück zu ihren Hausbanken und weg vom Kapitalmarkt“, stellt die Deutsche Bank fest. Am stärksten drängen nach ihrer Beobachtung Auslandsbanken und Landesbanken in den Markt.

Die Kreditinstitute kommen den Unternehmen mittlerweile so weit entgegen, dass der Chef der Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, vor Kurzem im Handelsblatt-Interview vor einer „zu laxen Kreditvergabe“ gewarnt hat. Die Banken könnten dies in einem Wirtschaftsabschwung noch bereuen, so der Aufseher.

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