KI-Experte Damian Borth „KI-Systeme sind digitale Fachidioten“

Der Wissenschaftler am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz über die spannenden Einsatzgebiete der Technologie.
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Das Fachgebiet von Damian Borth ist Deep Learning. Quelle: Thorsten Jochim für Handelsblatt
Damian Borth

Das Fachgebiet von Damian Borth ist Deep Learning.

(Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt)

FrankfurtKünstliche Intelligenz (KI) ist ein großes Trendthema. Viele Unternehmen behaupten, dass sie diese bereits einsetzen – inzwischen auch immer mehr Banken.

Herr Borth, ist KI tatsächlich schon so weit verbreitet, wie es scheint?

An der Entwicklung von KI wird schon sehr lange gearbeitet, momentan ist daraus tatsächlich ein Modewort geworden und man muss oft genau hinschauen, was Marketing ist und was technologisch machbar ist. Da wird vieles mit dem Label KI versehen.

Was macht echte KI aus?

Ich halte mich an die Definition von Stuart Russell und Peter Norvig und unterscheide starke von schwacher KI. Wenn sich eine Maschine ihrer selbst bewusst ist, wäre das starke KI. Das gibt es bisher aber nur in Hollywood. Bei der schwachen KI sind wir sehr nah dran. Diese kann eng gefasste Aufgabenstellungen genauso gut oder besser lösen wie ein Mensch. Damit erscheint die KI von außen intelligent, ist aber im Inneren nur eine komplexe Rechenmaschine. Eine Aufgabe kann sie sehr gut lösen, aber für eine zweite, andersartige ist sie nicht zu gebrauchen – quasi ein digitaler Fachidiot. Ein System in einem selbstfahrenden Auto kann heute nicht gleichzeitig ein guter Schachspieler sein.

Ihr Fachgebiet ist Deep Learning. Was genau verbirgt sich dahinter?

Wenn wir heute von KI sprechen, hat das zum großen Teil mit den Erfolgen von Deep Learning zu tun. Den Durchbruch brachte 2012 das tiefe neuronale Netz Alexnet, das in einem Wettbewerb für Bilderkennung alle anderen KI-Methoden geschlagen hat. Tiefe neuronale Netze sind quasi künstliche Nervensysteme. Mithilfe von großen Datensätzen können sie trainiert werden und lernen so zum Beispiel Muster zu erkennen.

Welche Anwendungsmöglichkeiten sehen Sie für Finanzinstitute?
Immer, wenn Muster aus großen Datenmengen erkannt werden müssen, kann KI, und insbesondere das maschinelle Lernen, eine Hilfe sein. Das kann zum Beispiel für die Betrugsprävention oder bei Kreditentscheidungen genutzt werden. Auch Investmententscheidungen können verbessert werden, denn im Vergleich zum Menschen kann KI sehr viel mehr Daten überblicken und in hochdimensionalen Räumen miteinander verknüpfen. Deshalb werben nach den Technologiekonzernen inzwischen auch immer mehr Hedgefonds und Finanzinstitute die Koryphäen aus der KI-Forschung ab.

Braucht es zur Vermögensverwaltung bald keine Menschen mehr?
Man könnte die Investmentscheidungen der KI in vielen Bereichen sicherlich schon heute direkt umsetzen. Momentan gibt es dabei aber regulatorische Hürden. Die Finanzaufsicht fordert, dass Anlageentscheidungen für den Kunden nachvollziehbar sind. Deep Learning ist jedoch die Black Box der KI. Da im Vorfeld keine fixen Regeln programmiert werden, ist es schwierig, die Ergebnisse im Nachhinein zu erklären. Wir arbeiten gerade an einer Lösung, doch in der Zwischenzeit muss immer noch ein Mensch die Ergebnisse prüfen und die finale Entscheidung treffen.

Wie sieht es bei der Kundenberatung aus, arbeiten bald Roboter in den Bankfilialen?
Wenn sich eine Bank mal einen Roboter wie Pepper in die Filiale holt, ist das bisher reines Marketing. In einer App kann man die Kundenberatung viel besser gestalten, da braucht man keinen Roboter, der die Hand schüttelt. Überhaupt sehe ich im Bereich der Anlageberatung beschränkten Nutzen eines persönlichen Kontakts. Wenn ein KI-System mit ausreichend Daten versorgt wird, kann es die Bedürfnisse einzelner Kunden besser analysieren als ein Mensch.

Viele Menschen fürchten wegen KI um ihren Arbeitsplatz. Zu Recht?
Es wird auf dem Arbeitsmarkt zu Umwälzungen kommen, auch für Bankmitarbeiter. Damit umzugehen und die Menschen für die neuen Herausforderungen weiterzubilden, ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Gemeinsam mit dem Analystenverband DVFA arbeite ich etwa an einer Fortbildung für Analysten, um sie zu Financial Data Scientists zu machen. Sie lernen, wie man programmiert und KI einsetzt. Der Erfolg wird in der Kombination von technologischem Wissen und branchenspezifischen Fachkenntnissen liegen.

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Wie bewerten Sie die oft geäußerte Angst vor einem Kontrollverlust?
Solche Ängste basieren meist auf Hollywood-Filmen. Wie alle Technologien ist auch KI an sich neutral. Erst durch die Anwendung kann sie ins Positive oder Negative bewegt werden. Das macht sie aber nicht von selbst, wir müssen da die Magie rausnehmen.

Also kein Grund zur Sorge?
Es ist wichtig, dass bei der Anwendung von KI ethische Grundsätze eingehalten werden. Das müssen auch die Aufsichtsbehörden kontrollieren. Wirkliche Sorgen bereitet mir dagegen, dass wir in Europa den Anschluss an die USA und China verlieren und unser Wirtschaftswachstum darunter leidet. Um das zu verhindern, brauchen wir schnell einen nationalen KI-Plan. Insbesondere China ist im Vorteil, da es seine KI-Systeme mit Daten von mehr als einer Milliarde Menschen trainieren kann. Die Modelle werden besser sein als die in Europa entwickelten. Die Welt wartet nicht, bis unsere Regierung Richtlinien verabschieden hat.

Welche Erwartungen haben Sie an die KI-Strategie der Bundesregierung, zu der kürzlich ein Eckpunktepapier veröffentlicht wurde?
Das Papier geht in die richtige Richtung, doch bei den Zielen gibt es keine Überraschungen. Was mir persönlich fehlt ist ein Alleinstellungsmerkmal, das über den Begriff „AI made in Germany“ hinausgeht. Gerade im Zuge des Brexits könnte man die Gelegenheit nutzen um in Deutschland das Themenfeld „Financial Data Science“ zu positionieren, einen Betriff den ich seit Jahren mit meinen Kollegen als Verschmelzung von Finanzmärkten und KI umschreibe. Insbesondere sehe ich eine große Herausforderung beim Thema „Brain Drain“ – ich persönlich habe mich erst kürzlich entschieden einen Ruf für eine KI-Professur an der Uni St. Gallen anzunehmen. Dort packt man das Thema mutig an und schreitet schnelleren Schrittes voran.

Herr Borth, vielen Dank für das Interview.

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