Künstliche Intelligenz Kundenfang, Kreditvergabe, Schutz vor Betrug – wie die Finanzbranche intelligente Maschinen nutzt

Der Einsatz von KI wird für Unternehmen immer attraktiver. Doch die Arbeit mit den Maschinen sieht anders aus, als viele Kunden vermuten.
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Es braucht Menschen, um künstliche Intelligenz zu entwickeln. Quelle: imago/ZUMA Press
Alicia Vikander im Film„Ex Machina“

Es braucht Menschen, um künstliche Intelligenz zu entwickeln.

(Foto: imago/ZUMA Press)

FrankfurtKünstliche Intelligenz (KI) ist schon lange allgegenwärtig – allerdings nur in der fiktiven Welt der Filmemacher. Als Pionier gilt Fritz Lang, der in seinem Stummfilm Metropolis bereits 1927 einen Roboter mit künstlicher Intelligenz erschaffen ließ. Ein breiteres Publikum dürfte den humanoiden Roboter C-3PO aus der 1977 gestarteten Star-Wars-Saga kennen – oder den weniger menschlichen, aber nicht minder pfiffigen R2-D2. Und auch in den Filmen Terminator, Bladerunner und Ex Machina geht es um intelligente Maschinenwesen in Menschengestalt.

Solche Filme haben unsere Vorstellung von künstlicher Intelligenz geprägt. Das meiste davon wird nach Meinung von Wissenschaftlern noch lange – vielleicht sogar für immer – eine Fiktion aus Hollywood bleiben. Dennoch hat die jahrzehntelange Forschung an künstlicher Intelligenz nützliche Produkte hervorgebracht.

Und dank beschleunigter Rechenleistungen und enormer Speicherkapazitäten über die Cloud wird der Einsatz für die Unternehmen immer attraktiver. Einiges davon nutzt heute schon die Finanzbranche: So verwenden Versicherer intelligente Software, die gefälschte Schadenmeldungen erkennt, und Banken verhindern dank KI das Risiko für Kreditkartenbetrug.

Und das sollen erst die Anfänge sein. Das Interesse an dieser Technologie ist bei Finanzinstituten zuletzt stark gestiegen. „Wir erwarten dank KI einen großen Innovationsschub für Banken“, sagt Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands BdB. „Das Thema steht weit oben auf unserer Agenda, da wir uns davon nicht nur Effizienzsteigerungen erhoffen, sondern auch bessere Angebote für unsere Kunden.“

Mensch und Maschine arbeiten zusammen

Die Unternehmensberatung Accenture rechnet sogar damit, dass die Erträge in der globalen Bankenbranche dank KI bis 2022 um mehr als 30 Prozent steigen werden. „Möglich wird das durch eine enge Zusammenarbeit von Mensch und Maschine“, sagt Markus Hamprecht, der bei Accenture den Bereich Financial Services leitet. „Technologisch ist schon heute extrem viel machbar, es braucht aber Menschen, die Ideen für Anwendungsfälle entwickeln“, so der Berater. Wie genau die Technologie heute eingesetzt wird und welche Ziele sich die Finanzbranche gesteckt hat, lesen Sie in den kommenden Wochen in der neuen Handelsblatt-Serie „Künstliche Intelligenz in der Finanzbranche“.

Den Begriff „künstliche Intelligenz“ haben laut Umfrage des BdB immerhin drei Viertel der erwachsenen Deutschen gehört. Doch was genau ist eigentlich KI? Damian Borth, der am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) das Kompetenzzentrum für Deep Learning leitet, unterscheidet zwischen starker und schwacher KI (siehe Interview).

Realistisch sei heute nur die schwache KI. „Sie kann eng gefasste Aufgabenstellungen genauso gut oder besser lösen wie ein Mensch“, so der Wissenschaftler. Ein Bewusstsein für sich selbst habe sie allerdings nicht und sei meist auch nur in einer Disziplin richtig gut.

Auch die Politik beschäftigt sich zunehmend mit dem Thema. Eine kürzlich eingesetzte Enquetekommission des Bundestags beschreibt KI als „Sprung von der rechnenden zur kognitiven Informatik“. Sie sei „mehr und mehr lernfähig und zunehmend in der Lage, Erlerntes auf neue Situationen zu übertragen“. Zudem könne sie Prozesse selbstständig planen, Prognosen treffen oder auch mit Menschen interagieren. Eine KI-Strategie will die Bundesregierung Anfang Dezember vorstellen. Erklärtes Ziel: „Deutschland soll zum weltweit führenden Standort für KI werden.“

Die meisten Deutschen verbinden mit KI laut der BdB-Umfrage selbstfahrende Autos. Mancher mag dabei an die 80er-Jahre-Serie Knight Rider gedacht haben, in der sich das sprechende und autonom fahrende Auto „KITT“ die Hauptrolle mit David Hasselhoff teilt. „Davon sind wir heute nicht mehr weit entfernt“, sagt Borth, denn beim Einsatz von KI gehöre die Autoindustrie zu den Vorreitern. Druck sei insbesondere durch Tesla und die Alphabet-Tochter Waymo entstanden, und inzwischen seien auch die deutschen Konzerne gut aufgestellt. Als weiteres Vorbild für die Finanzbranche nennt der Forscher den Einzelhandel. Insbesondere im Onlinegeschäft habe Amazon den Takt vorgegeben. „Intelligente Analysen des Kaufverhaltens sind heute weit verbreitet“, so Borth.

Kundendaten als Schlüssel

Auch Banken und Versicherer wollen mehr über ihre Kunden erfahren. Aussagen à la Amazon wie „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch“ lassen sich schon mit einfacher Datenanalyse treffen. „Wer tiefergehende Muster erkennen will, braucht KI“, sagt Gregor Nisio, Digitalexperte der Unternehmensberatung Capco. Ziel soll es sein, den Kunden individuellere Angebote zu machen und sie zum richtigen Zeitpunkt anzusprechen. „Wenn Kunden vor einem wichtigen Ereignis wie der Geburt eines Kindes oder einem Immobilienkauf stehen, sollten Banken und Versicherer das wissen, um frühzeitig passende Angebote machen zu können“, sagt Nisio.

BdB-Hauptgeschäftsführer Krautscheid sieht einen weiteren Nutzen: „Wenn wir unsere Kunden besser kennen, können wir sie bei der Haushaltsführung unterstützen, vor Überschuldung bewahren und passgenau die Lücken in der Altersvorsorge schließen.“ Aus Sicht von Verbraucherschützern bewegen sich die Institute damit aber auf dünnem Eis. „In der Hand von unabhängigen Beratern wären solche Analysen ohne Frage sinnvoll“, sagt Stephanie Heise, Bereichsleiterin Verbraucherfinanzen bei der Verbraucherzentrale NRW. „Wenn sie von der Bank kommen, sollten Kunden aber möglichst nachprüfen, ob die angebotenen Produkte tatsächlich die besten sind, ob sie diese wirklich brauchen oder ob der Kauf in erster Linie der Bank nützt.“

Gegenwind gibt es für Finanzinstitute auch bei der Datennutzung, denn seit Ende Mai gelten in der EU strengere Datenschutzregeln. „Werden die Vorgaben zu eng ausgelegt, können sie wichtige Innovationen bremsen“, fürchtet Krautscheid. Hintergrund: Systeme mit künstlicher Intelligenz müssen mithilfe von großen Datenmengen trainiert werden, damit sie Muster erkennen können.

Auch dazu will die Bundesregierung eine Lösung erarbeiten: „Die Menge an nutzbaren, qualitativ hochwertigen Daten muss deutlich erhöht werden, ohne dabei Persönlichkeitsrechte, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung oder andere Grundrechte zu verletzen“, heißt es im Eckpunktepapier zur KI-Strategie.

Eher außerhalb der Kundenwahrnehmung soll KI nach Vorstellung der Banken bei der Kreditvergabe und der Betrugs- oder Geldwäscheprävention zum Einsatz kommen. Zudem können die Systeme Vermögensverwaltern bei der Arbeit helfen – oder sie womöglich ersetzen. Diese Sorge, dass KI negative Auswirkungen auf den Arbeitsplatz haben könnte, treibt jeden zweiten Deutschen um.

Für die Bankbranche rechnet Accenture dagegen bis 2022 mit 14 Prozent mehr Arbeitsplätzen dank KI. „Die Aufgaben einiger Mitarbeiter werden sich allerdings ändern, auch die klassische Ausbildung für Bankkaufleute muss angepasst werden“, sagt Berater Hamprecht. „So wie aus Mechanikern in der Autobranche vielfach Mechatroniker geworden sind, braucht es auch in Banken Finanzexperten, die sich zugleich mit IT auskennen.“

Um ihren Job fürchten müssen nach Ansicht von Borth jedoch Kundenberater. „Wenn ein KI-System mit ausreichend Daten versorgt wird, kann es die Bedürfnisse einzelner Kunden viel besser analysieren als ein Mensch“, sagt er. Humanoide Roboter seien derzeit aber keine sinnvolle Alternative. „Wenn sich eine Bank mal einen Roboter wie Pepper in die Filiale holt, ist das reines Marketing“, sagt Borth, „über eine App kann man Beratung bisher noch viel besser gestalten.“

Zugleich wird bereits intensiv mit Chatbots und Sprachassistenten experimentiert. „Im Kundenservice funktioniert das schon gut“, sagt Nisio von Capco. „Einfache Anfragen wie eine Kartensperrung kann der Chatbot beantworten.“ Bei komplexeren Anliegen werde der Kunde an einen menschlichen Mitarbeiter weitergeleitet, denn meist fehle den Bots noch das nötige Sprachverständnis – und notwendige regulatorische Anforderungen müssen auch erfüllt werden.

Auch hier ist Hollywood also deutlich voraus: Schon 2013 verliebte sich der Hauptdarsteller im Film „Her“ in ein körperloses Betriebssystem namens Samantha. Gegenüber heutigen Sprachassistenten wie Alexa oder Siri ist eine solche Gefühlsreaktion eher nicht zu erwarten.

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