Lebensversicherung Generali trennt sich von seiner Lebensversicherungstochter – und weckt Sorgen bei Politikern

Generali verkauft vier Millionen Lebensversicherungen an den Abwickler Viridium. Der Deal ist der größte seiner Art in Deutschland.
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Der Versicherer verkauft Policen an Viridium. Quelle: mauritius images
Generali-Vertretung in Triest mit Allegorie der Stadt

Der Versicherer verkauft Policen an Viridium.

(Foto: mauritius images)

Frankfurt/BerlinNiemand kann Giovanni Liverani vorwerfen, eine vorschnelle Entscheidung getroffen zu haben. 20 Monate lang lotete der Chef des Versicherers Generali Deutschland die Chancen für einen Verkauf seines alten Lebensversicherungsbestands von rund vier Millionen Policen aus. Eine Alternative zum Verkauf sei die interne Abwicklung, betonte Liverani noch Ende Januar.

Knapp ein halbes Jahr später hat der Topmanager seine Entscheidung gefällt: Der italienische Versicherungskonzern verkauft seine bereits stillgelegte deutsche Tochter Generali Leben mit rund vier Millionen Kunden an die Abwicklungsplattform Viridium. Die Finanzaufsicht Bafin kündigte eine strenge Prüfung an – die Monate dauern könnte.

Der Deal ist nicht nur die bisher größte Transaktion dieser Art in Deutschland. So wird Generali Leben bei dem Verkauf mit bis zu einer Milliarde Euro bewertet. Er ist auch ein Politikum. Denn mit ihm stößt der umstrittene Verkauf von alten Lebensversicherungspolicen in Deutschland in eine neue Dimension vor.

Generali Deutschland behält zwar 10,1 Prozent der Anteile, und der Konzern übernimmt für 275 Millionen Euro für die nächsten fünf Jahre das Management der Kapitalanlagen für Generali Leben. Generali prüft zudem, sich mit zehn Prozent an Viridium selbst zu beteiligen.

Bisher haben professionelle Abwickler wie Viridium, Athene und Frankfurter Leben in Deutschland jedoch nur eine Handvoll kleinerer Leben-Bestände übernommen. Der Versicherer Ergo hatte den Verkauf zweier Portfolios mit sechs Millionen Lebensversicherungen wegen des negativen Echos bei Kunden und in der Politik im vergangenen Herbst in letzter Sekunde sogar wieder gestoppt.

Mit dem Deal ist ein Tabu gefallen

Doch spätestens mit dem Generali-Deal ist das Tabu um den Verkauf gefallen. Erst vor wenigen Wochen veräußerte die Deutschlandtochter der französischen Axa ihre stillgelegten Bestände der Pensionskasse Pro BAV an die Frankfurter Leben – und weitere Versicherer könnten folgen.

In Zeiten von Niedrigzins, Kostendruck und zunehmenden Zwängen durch Regulierung bräuchten die Firmen eine effiziente Strategie für das Bestandsmanagement, glaubt Michael Klüttgens, Versicherungsexperte von Willis Towers Watson. „Wir werden deshalb in den nächsten Jahren weitere Transaktionen sehen, in denen sich einzelne Versicherer von Lebensversicherungsbeständen oder Teilen ihrer Bestände trennen werden“, sagt er voraus.

Die Ratingagentur Fitch geht davon aus, dass das Run-off-Volumen in Deutschland bis 2022 auf 180 Milliarden Euro steigen wird.

Gerade bei Gewerkschaftern und Politikern werden die Deals aber mit großer Skepsis verfolgt. „Das ist kein Signal der Verlässlichkeit, zumal das Lebensversicherungsgeschäft an anderer Stelle im Konzern weitergetrieben werden soll“, rügt der Finanzexperte der Grünen, Gerhard Schick.

Für den Schutz der Versicherten sieht er Verbesserungsbedarf. „Ich sehe den Verkauf des Lebensversicherungsgeschäfts von Generali an die Viridium-Gruppe kritisch“, findet auch der finanzpolitische Sprecher der SPD, Lothar Binding. „Die Versicherten müssen sich hintergangen vorkommen“, glaubt Binding.

Weit weniger aufgeregt reagieren Verbraucherschützer. „Die Versicherten sollten sich keine Sorgen machen“, empfiehlt Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Zum einen seien Übernahmen und Fusionen in der Branche an der Tagesordnung. Zum anderen werde sich nichts an den vertraglichen Verpflichtungen ändern. Positiv sei zudem der Verbleib Generalis als Miteigentümer.

Bei einer Auslagerung des Lebensversicherungsgeschäfts könnten Kunden von sinkenden Kosten profitieren. „Da nur noch der Bestand zu verwalten ist, fallen beispielsweise die Kosten für das Neugeschäft weg. Die Kostenersparnis könnten sich der neue Eigner und die Versicherten teilen“, so Gatschke. Durch die Übertragung der Bestände an Viridium „ändert sich nichts an den Rechten der Kunden“, betont auch CDU-Finanzexperte Carsten Brodesser.

Doch Teile der Politik sind alarmiert. Erst vor wenigen Tagen wies das Bundesfinanzministerium darauf hin, dass die Bundesregierung „das Thema weiter intensiv“ beobachte und sich vorbehalte, „erforderlichenfalls gesetzliche Regelungen vorzuschlagen“. „Durch einen Unternehmensverkauf darf kein Versicherungsnehmer schlechtergestellt werden“, machte der oberste Bafin-Versicherungsaufseher Frank Grund klar. Gefährdet sieht Viridium den Deal indes nicht. Er gehe „davon aus, dass wir den Kaufvertrag zügig unterzeichnen werden“, sagte Viridium-Chef Heinz-Peter Roß hinsichtlich des bevorstehenden Signings.

So blickt die Branche nun auf Generali. Denn für viele deutsche Versicherer sind die alten Policen zum finanziellen Ballast geworden. Die niedrigen Zinsen machen es den Lebensversicherern schwer, die nötige Rendite für einst gegebene Zinsgarantien von bis zu vier Prozent zu erwirtschaften. Die Policen mit langfristigen Garantien binden zudem viel Kapital in einer ohnehin fragilen Branche.

Generali-Deutschlandchef hofft mit dem Verkauf auf einen Befreiungsschlag

So legte das Bundesfinanzministerium erst vor wenigen Tagen offen, dass 34 der 85 deutschen Lebensversicherer unter intensivierter Aufsicht stünden, weil sonst „mittel- bis langfristig finanzielle Schwierigkeiten“ drohen könnten. Viele Unternehmen haben das Neugeschäft mit kapitalbildenden Lebensversicherungen darum längst eingestellt.

Generali-Deutschlandchef Liverani hofft mit dem Verkauf auf einen Befreiungsschlag. Seit Monaten baut er das Deutschlandgeschäft drastisch um. Die bisherige Generali Lebensversicherung ist bereits Anfang des Jahres eingestellt worden, was bedeutet, dass keine Neukunden mehr aufgenommen wurden.

Zugleich lässt die Deutschlandtochter des italienischen Versicherers die Marken Aachen-Münchener und Central Kranken verschwinden und Generali-Policen künftig nur noch über den Finanzvertrieb DVAG verkaufen, an dem der Konzern 40 Prozent hält. Die 2.800 Generali-Vertreter wechselten jüngst – wie schon vor Jahren die Aachen-Münchener-Vermittler – zur DVAG.

Erst vor wenigen Tagen haben die Italiener eingeräumt, dass die Sparte zu den Firmen zählt, die die Bafin unter intensivierte Aufsicht genommen hatte. Umso erlöster ist Liverani, die alten Policen aus den Büchern zu bekommen. „Das ist ein fundamentaler Schritt bei der strategischen Neuausrichtung von Generali Deutschland“, betonte er. „Insgesamt setzen wir so also rund 1,9 Milliarden Euro an neuen Mitteln frei, die wir jetzt in neue, attraktive Geschäfte stecken können“, sagte er dem Handelsblatt.

An der Börse kam das an: Die Generali-Aktie legte zeitweise mehr als zwei Prozent zu. Doch den Kunden ist nicht zum Jubilieren zumute. „Wir befürchten, dass die Versicherten zukünftig deutlich schlechter gestellt sind“, warnte der Chef des Bundes der Versicherten, Axel Kleinlein. „Alle Generali-Kunden müssen damit rechnen, zukünftig noch spärlicher mit Überschüssen bedient zu werden.“ Zumindest bei seinen Kunden muss Liverani wohl noch Überzeugungsarbeit leisten.

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1 Kommentar zu "Lebensversicherung: Generali trennt sich von seiner Lebensversicherungstochter – und weckt Sorgen bei Politikern"

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  • Der Bund der Versicherten rät dringend vom Verkauf ab. Viridium habe "auffällig hohe Beschwerdequoten" und kämpfe mit IT-Problemen.
    Viridium gehört dem Finanzinvestor Cinven und dem Rückversicherer Hannover Rück.
    Cinven beteiligt sich an Unternehmen aller Art - ein Finanzinvestor versucht IMMER einen massiven Gewinn aus einem Unternehmenskauf zu ziehen.
    Garantiert Generali für die Verträge auch nach dem Verkauf???? wohl eher nicht!

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