Lloyd's of London Eine Institution geht fremd

Der britische Gigant im Versicherungshandel, Lloyd’s, setzt sich von London ab – zumindest ein wenig. Die traditionsreiche Versicherungsbörse baut als Brexit-Reaktion laut Medienbericht Brüssel als neue EU-Basis aus.
Update: 30.03.2017 - 08:02 Uhr Kommentieren
Den britischen Versicherungsgiganten zieht es nach Brüssel. Quelle: Reuters
Lloyd's Zentrale in London

Den britischen Versicherungsgiganten zieht es nach Brüssel.

(Foto: Reuters)

FrankfurtDie Ansage war klar und deutlich. „Wenn wir die Passporting-Rechte nicht bewahren können, würden wir sicherlich einen Hub, wahrscheinlich in Form einer Tochtergesellschaft, auf dem Kontinent aufbauen, über die wir dann das Geschäft mit den Kunden in Europa direkt laufen lassen“, kündigte der scheidende Chairman des britischen Versicherungsgiganten Lloyd's, John Nelson, im vergangenen Herbst an. Etwa ein halbes Jahr später schafft der wichtige britische Versicherungsmarkt nun Fakten.

So soll intern eine Festlegung bereits getroffen worden sein. Der Versicherungsriese Lloyd’s baue Brüssel als neuen EU-Standort wegen des Brexits in Kontinentaleuropa aus, wie das Branchenblatt „Insurance Insider“ am Mittwoch berichtet. Hauptsitz werde weiter London bleiben, doch mehr als 100 Arbeitsplätze könnten von der britischen Hauptstadt verlegt werden, heißt es.

Lloyd’s of London selbst wollte die Informationen nicht näher kommentieren. Die 328 Jahre alte Institution bestätigte lediglich, dass es am Mittwoch ein Treffen und am Donnerstag möglicherweise eine Erklärung geben werde. Lloyd's ist kein Versicherer oder Rückversicherer, sondern eine Börse, an der mit Versicherungen gehandelt wird.

Die attraktivsten Städte für Londoner Banker
Wohin zieht es die Banken nach dem Brexit?
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Es werden immer mehr Stimmen laut, dass sowohl englische als auch ausländische Banken Arbeitsplätze nach Paris oder Frankfurt verlagern werden. Doch eine Studie von Movinga zeigt: Für Banker sind die beiden europäischen Metropolen keinesfalls die attraktivsten Städte. Die Online-Umzugsplattform hat anhand verschiedener Kriterien – unter anderem Abgabenhöhe, Englisch-Freundlichkeit, Mieten, Kosten für den Lebensunterhalt und Flugminuten nach London – die lebenswertesten Städte für Londoner Banker zusammengestellt.

Platz 10: Mailand
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Die zweitgrößte Stadt Italiens ist für Londoner Banker im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen eher unattraktiv: Das liegt der Studie zufolge vor allem an der 130-minütigen Flugstecke, den hohen Mieten für Top-Wohnungen – fast 3000 Euro im Mittel – und dem geringen Anteil englischsprachiger Bewohner der Stadt.

Platz 9: Paris
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Manche Finanzexperten prophezeien zwar, dass die französische Hauptstadt nach dem Brexit zum neuen Finanzzentrum Europas wird. Im Preis-Leistungsverhältnis schneidet Paris aber deutlich schlechter als andere europäische Metropolen ab, was insbesondere an dem enorm hohen Einkommensteuersatz von 49 Prozent und an den horrenden Lebenshaltungskosten liegt. Das obere Mietpreissegment beträgt fast 3.400 Euro im Monat, für die Mitgliedschaft in einem Luxus-Fitnessstudio werden mehr als 100 Euro monatlich fällig und für einen Cocktail am Abend im Mittel zwölf Euro.

Platz 8: Madrid
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In der spanischen Hauptstadt müssen Londoner Banker weniger tief ins Portemonnaie greifen. Für eine Top-Wohnung zahlen sie in Madrid etwas mehr als 2.400 Euro, der maximale Einkommensteuersatz beträgt 42 Prozent. Allerdings müssen die Banker bei einer Flugzeit von 155 Minuten mehr als doppelt so viel Zeit einplanen, wenn sie Freunden und Bekannten in der ehemaligen Heimat London einen Besuch abstatten möchten.

Platz 7: Hamburg
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Die deutsche Hansestadt könnte für einige Banker aus London zur neuen Heimat werden: Dort sprechen – im Vergleich zu Madrid, Paris und Mailand – laut Untersuchung deutlich mehr Menschen Englisch, die deutsche Metropole ist nur 90 Flugminuten von London entfernt und die durchschnittlichen Mieten für Top-Wohnungen sind vergleichbar mit denen in der spanischen Hauptstadt. Mit fast 48 Prozent ist in Hamburg der maximale Einkommensteuersatz allerdings vergleichsweise hoch.

Platz 6: Frankfurt
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Noch lebenswerter für Banker als Hamburg ist Frankfurt. Dennoch schafft es die ohnehin schon weltweit als deutsche Finanzmetropole bekannte Großstadt nicht unter die Top fünf der attraktivsten europäischen Städte für Londoner Banker. Der Grund: hohe Abgaben, hohe Mieten und Lebenshaltungskosten. Für eine Hausreinigung werden schon mal 144 Euro fällig, für eine Mitgliedschaft im Luxus-Fitnessstudio 99 Euro und für einen Cocktail am Abend neun Euro.

Platz 5: Brüssel
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Der Hauptsitz der europäischen Politik kann trotz eines hohen Einkommensteuersatzes vor allem mit der Nähe zu London (70 Flugminuten) und vergleichsweise geringen Mieten für Top-Wohnungen punkten. Im Schnitt betragen diese in Brüssel etwa 1.500 Euro monatlich.

Der britische Versicherungsgigant verlagert damit nicht nur Teile des Geschäfts aus London. Das Traditionshaus setzt damit auch ein politisches Zeichen. Denn die Entscheidung erfolgt unmittelbar im Umfeld der Anrufung des Artikel 50 durch die britische Regierung, die damit die EU-Kommission offiziell vom Austrittswunsch Großbritanniens unterrichtet. Die nun beginnenden Verhandlungen sollen nach Willen der Briten maximal zwei Jahre dauern. Viele Finanzinstitute stellt dies jedoch vor ein heikles Problem. Denn mit dem Abschied von der EU geht der Verlust der sogenannten Passporting-Rechte einher.

Damit sind Rechte gemeint, die es Banken und Versicherern erlauben, von London aus Geschäfte auf dem gesamten europäischen Kontinent zu machen – ein Privileg, das viele Firmen nun mit der Verlagerung von Geschäften in die EU-Zone umgehen wollen. Denn weiter Produkte in den übrigen 27 EU-Staaten verkaufen zu können, brauchen die Firmen eine Lizenz in einem anderen EU-Land, beispielsweise in Deutschland. Deren Beantragung dauert nach Einschätzung von Experten mindestens zwölf Monate – viele Finanzinstitute stehen deshalb jetzt unter Zeitdruck.

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