Manipulierter Zinssatz „Nein, nein, nein“ – Deutscher Top-Banker weist im Euribor-Prozess alle Vorwürfe von sich

Achim Krämer war Topmanager der Deutschen Bank – im Londoner Euribor-Prozess weist er alle Vorwürfe einer Verschwörung zurück.
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Krämer soll als einer von sechs Deutschbankern bei der Manipulation des Euribor beteiligt gewesen sein. Quelle: Bloomberg/Getty Images
Achim Krämer in London

Krämer soll als einer von sechs Deutschbankern bei der Manipulation des Euribor beteiligt gewesen sein.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

LondonAchim Krämers Verteidiger überlässt nichts dem Zufall. Als Kind sei der angeklagte Finanzprofi Messdiener gewesen, sagt der Anwalt vor dem Southwark Crown Court in London. Bis heute wohne der Managing Director der Deutschen Bank mit Frau und drei Söhnen in seinem unterfränkischen Heimatdorf Kahl am Main, an den Wochenenden trainiere er ein lokales Basketballteam.

Vor Gericht kann die Bewertung des Charakters entscheidend sein, und die Jury soll wissen: Bei dem Angeklagten handelt es sich nicht um einen abgehobenen Banker, sondern um einen gläubigen Familienvater.

Der 53-jährige Krämer ist der einzige von sechs Deutschbankern, der vor dem Londoner Richter erschienen ist. Angeklagt waren im Prozess, bei dem darüber entschieden wird, ob die Verdächtigen tatsächlich den europäischen Referenzzins Euribor systematisch gefälscht haben, ursprünglich noch fünf Kollegen.

Doch einer hat sich bereits schuldig bekannt, und vier haben es vorgezogen, in Deutschland zu bleiben. So ist es nun Krämer, der die Vorgänge auf den Trading Floors seines Unternehmens in den Jahren 2005 bis 2009 rekonstruieren muss.

„Waren Sie jemals an den Euribor-Meldungen beteiligt?“, fragt ihn sein Verteidiger. „Nein“, sagt Krämer. „Haben Sie den Euribor manipuliert?“ „Nein.“ „Haben Sie mitbekommen, dass Mitarbeiter verschiedener Banken Absprachen getroffen haben?“ „Nein.“ Neunmal fragt der Anwalt zu Beginn der mehrtägigen Aussage, neunmal verneint Krämer.

Seit April wird vor dem Gericht an der Themse verhandelt, es geht um einen der größten Skandale vor der Finanzkrise. Neben den Deutschbankern sind auch Händler der britischen Großbank Barclays angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen, den Euribor zum Vorteil ihrer Arbeitgeber manipuliert zu haben. Sie sollen sich untereinander abgesprochen und so Millionengewinne gemacht haben.

Die angeblichen Drahtzieher der Verschwörung fehlen im Gerichtssaal. Der frühere Deutsche-Bank-Händler Christian Bittar hatte sich bereits im März schuldig bekannt und wartet nun in Untersuchungshaft auf die Verkündung seines Strafmaßes. Sein Freund, der frühere Barclays-Händler Philippe Moryoussef, hatte kurz vor Prozessbeginn im April seine britischen Anwälte entlassen und sich nach Paris abgesetzt.

Die beiden befreundeten Franzosen bildeten laut Staatsanwaltschaft den Kern der Verschwörung. In seinem Eingangsplädoyer hatte der Staatsanwalt gesagt, durch Bittars Geständnis sei bereits bewiesen, dass ein Verbrechen stattgefunden habe. Die Jury müsse nun nur noch entscheiden, ob die anderen Angeklagten ebenfalls Teil der Verschwörung waren. Die verbliebenen Angeklagten werden nun mit E-Mail- und Chatprotokollen konfrontiert, die zeigen sollen, wie sie mit den beiden Franzosen kollaboriert haben.

Der Euribor-Satz wird jeden Vormittag neu festgelegt. Das geschah damals, indem 48 sogenannte Panel-Banken einen Zinssatz gemeldet haben, zu dem sie Geld an andere Banken verleihen würden. Aus dem Durchschnitt wurde der Euribor ermittelt. Er bildet die Basis für die Zinsen aller möglichen Finanzprodukte, vom Festgeld bis zum Immobilienkredit.

Wünsche aus London

Krämer arbeitete zu jener Zeit in der Global-Finance-Abteilung in Frankfurt und verwaltete das Marktrisiko-Bankenbuch. Dorthin lagerten die einzelnen Teile der Bank ihre Zinsrisiken aus. Krämer war zuständig für die Absicherung der langfristigen Risiken. Neben ihm saßen vier weitere Händler, die laut den Chatprotokollen regen Kontakt mit Bittar, dem Star-Derivatehändler der Bank in London, pflegten.

Bittar bat demnach die Kollegen in Frankfurt regelmäßig darum, entweder einen niedrigen oder hohen Euribor-Zinssatz einzureichen – je nachdem, wie es ihm gerade in seine Tradingstrategie passte. Laut Staatsanwalt sollen die Frankfurter dann dem Euribor-Submitter der Bank den Wunsch aus London mündlich übermittelt haben. 

Der Submitter, also der Mitarbeiter, der die tägliche Euribor-Mitteilung der Bank weitergibt, saß in der Reihe direkt hinter den Händlern. Der Wunsch sei per Chat oder E-Mail aus London gekommen, sagt der Staatsanwalt am Mittwoch. Dann sei er in Frankfurt mündlich weitergereicht worden.

Krämer gibt zu Protokoll, er habe ein paar Euribor-Diskussionen am Desk mitbekommen. Aber er habe sich nicht eingemischt, weil weder Euribor-Meldungen noch der kurzfristige Derivatehandel zu seinem Job gehörten. Auch habe er es für legitim gehalten, dass die Submitter Wünsche von Tradern erhielten. Letztlich hätten sie aber das letzte Wort.

Im Kreuzverhör hält ihm der Staatsanwalt vor, er sei aber doch der Manager des Desks gewesen und daher für das Verhalten seiner Untergebenen verantwortlich. Krämer bestätigt dies. Doch habe er nie etwas mit Euribor-Meldungen zu tun gehabt. Und von Absprachen zwischen unterschiedlichen Banken habe er nichts mitbekommen.

Ähnlich hatten sich die drei anwesenden Barclays-Händler verteidigt. Die Jury muss nun entscheiden, wie glaubwürdig die Aussagen sind. „Das Wichtigste ist die Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit der Angeklagten“, hatte der Staatsanwalt den Geschworenen eingeschärft. „Der Rest sind Details.“

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