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Wirecard-Chef Markus Braun

„Wir werden unvermindert mit hoher Geschwindigkeit wachsen.“

(Foto: Thomas Einberger/Argum für Handelsblatt)

Markus Braun im Interview Wie der Wirecard-Chef 100 Milliarden Euro Börsenwert erreichen will

Markus Braun hat mit Wirecard Großes vor. In den kommenden Jahren will er das Geschäft verdreißigfachen – und die Banken mit Smartphone-Konten angreifen.
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Es ist ein kometenhafter Aufstieg: In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Aktienkurs von Wirecard versiebenfacht. Mit einem Börsenwert von gut 23 Milliarden Euro hat der Zahlungsdienstleister mittlerweile selbst die Deutsche Bank überholt. Und seit einer guten Woche ist der Zahlungsdienstleister Mitglied in der obersten deutschen Börsenliga, dem Dax.

Das alles ist für Markus Braun erst der Anfang. Im Interview skizziert der Vorstandschef des neben SAP einzigen großen deutschen Tech-Konzerns einen ehrgeizigen Wachstumsplan: Das Geschäftsvolumen will er in den kommenden Jahren verdreißigfachen - den Börsenwert mehr als vervierfachen. „Wir werden unvermindert mit hoher Geschwindigkeit wachsen“, sagt Braun voraus. „Das wird sich auch im Aktienkurs widerspiegeln. Wir haben sicherlich das Potenzial, den Börsenwert in den kommenden Jahren auf mehr als 100 Milliarden Euro zu bringen.“

Einer der Wachstumshebel: Das bayerische Unternehmen will die etablierten Banken im Privatkundengeschäft angreifen. Wirecard werde sein mobiles Bezahlsystem Boon zu einem Smartphone-Konto ausweiten, kündigte Braun an. „Künftig sollen die Kunden via Boon Überweisungen tätigen können, Kredite ausleihen und Versicherungen abschließen.“

Wirecards ehrgeizige Ziele sind den Investoren viel wert: Das Unternehmen hat mit einem Wert von fast 75 das höchste Kurs-Gewinn-Verhältnis im Dax. Die Gefahr, dass auf den steilen Aufstieg ein jäher Absturz folgt, sieht Braun nicht: Diskussionen über hohe Bewertungen habe es schon bei Kursen von drei Euro gegeben. Derzeit steht der Kurs bei über 180 Euro. „Wahrscheinlich wird auch noch bei 2000 Euro darüber debattiert.“ Geht es so weiter, dürfte Wirecard bald die nächsten Dax-Werte hinter sich lassen.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Braun, seit der ersten Notierung der Wirecard-Aktie im Dax in der vergangenen Woche: Wie oft schauen Sie auf den Aktienkurs?
Ich schaue gar nicht aktiv darauf, das kurzfristige Auf und Ab interessiert mich nicht, da es auf langfristige Entwicklungen ankommt. Aber ich erhalte den Kurs alle paar Stunden per Push-Meldung.

Innerhalb weniger Stunden kann sich aber gerade beim Wirecard-Kurs dramatisch viel ändern. Vor zwei Wochen verlor die Aktie an einem einzigen Tag zeitweise zehn Prozent ihres Werts. Warum ist ausgerechnet Wirecard immer wieder Zielscheibe für Spekulanten, die bösartige Gerüchte streuen?
Meine Botschaft war immer: Das ist nichts, worauf wir nur ansatzweise schauen sollten. Hin und wieder kann an der Börse kurzfristig spekuliert werden, mittel- und langfristig haben wir aber keinen Zweifel, dass sich unsere sehr starke Geschäftsentwicklung im Aktienkurs widerspiegelt.

Derartige Gerüchte werden über andere Dax-Konzerne wie die Telekom oder Siemens nicht gestreut. Das kann Ihnen nicht wirklich gefallen ...
Es gab solche Fälle aber auch bei anderen Unternehmen, beispielsweise bei Ströer oder Pro Sieben Sat 1. Das gehört eben zur Börse dazu, und damit muss man umgehen können. Das ist nichts, was uns nur eine Sekunde davon ablenkt, uns auf eine operative Exzellenz zu konzentrieren. Wir haben auch nie ein Geschäft dadurch verloren. Aus Investorensicht war es jedenfalls sicher schlauer, in den vergangenen 15 Jahren auf steigende Kurse bei Wirecard zu setzen. Und das gilt auch für die Zukunft.

Allein in diesem Jahr hat sich der Kurs nahezu verdoppelt. Sind Sie zufrieden?
Das müssen die Investoren beurteilen. Ich wäre aber kein guter Vorstandschef, wenn ich mit dem Status quo unseres Unternehmens zufrieden wäre.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Kurs versiebenfacht. Würde man das so fortschreiben, wäre man in fünf Jahren bei einer Bewertung von gut 150 Milliarden Euro. Ist das realistisch?
Ja, durchaus. Wir haben eine klare Strategie, und wir werden unvermindert mit hoher Geschwindigkeit wachsen. Das wird sich auch im Aktienkurs widerspiegeln. Wir haben sicherlich das Potenzial, den Börsenwert in den kommenden Jahren auf mehr als 100 Milliarden Euro zu bringen.

Sehen Sie die Dax-Mitgliedschaft als eine Art Adelstitel, als lange gehegten Wunsch? Oder ist sie mehr Fluch als Segen wegen der verschärften Wahrnehmung in der Öffentlichkeit?
Ich sehe sie eher als eine positive Auszeichnung, die für die Wahrnehmung des Unternehmens gut ist. Sie ändert aber unsere Strategie nicht. Wir haben noch weitaus ambitioniertere Ziele. Die Dax-Aufnahme ist dabei ein sehr positiver Zwischenschritt, der vor allem den Aktionären nutzt.

Im Vergleich zu anderen Dax-Unternehmen ist Wirecard mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von fast 75 extrem sportlich bewertet. Ist das nicht übertrieben?
Diese Debatte verfolgt uns seit vielen Jahren. Als ich kurz nach dem Börsengang zu Kursen von drei und vier Euro die ersten Roadshows mit Investoren absolvierte, wurde damals schon speziell im deutschen Raum sehr viel diskutiert. Heute stehen wir bei über 180 Euro. Wahrscheinlich wird auch noch bei 2000 Euro darüber debattiert werden. Letztlich müssen das die Investoren entscheiden, wir haben jedenfalls eine starke Wachstumsgeschichte vor uns.

Die Aktien vieler Zahlungsverkehrsanbieter sind an der Börse zuletzt ziemlich heiß gelaufen.
Das ist von Investoren zu bewerten. Wir können unser Geschäftsmodell in den kommenden Jahren sicher verzehn-, verzwanzig- oder auch verdreißigfachen – und die Bewertungen spiegeln grundsätzlich Zukunftserwartungen wider.

Bitte etwas genauer ...
Die Digitalisierung steht noch ganz am Anfang. Der erste Schritt war sicher, dass der stationäre Handel zum Onlinehandel wurde. Die Bezahlung ging am Anfang nicht in Echtzeit, sondern gegen Rechnung, Nachnahme, Vorauskasse. Wir haben dem Händler die Möglichkeit gegeben, diese Transaktionen in Echtzeit abzuwickeln. Je nach Region werden noch zwischen 30 und 50 Prozent des Onlinehandels per Rechnung beglichen.

Und was war der zweite Schritt?
Dann ist zu online der mobile Handel dazugekommen, in dem wir sehr ähnliche Technik einsetzen konnten. Heute werden immer noch rund 85 Prozent aller Zahlungen im stationären Handel mit Bargeld getätigt. Davon läuft ein Teil elektronisch, aber noch kaum volldigital – beispielsweise, wenn eine Plastikkarte zum Bezahlen eingesetzt wird. In den nächsten zehn Jahren wird sich das komplett ändern. Alle Händler von groß bis klein werden sukzessive auf eine digitale Multikanalstrategie umstellen. Also eine Plattform für alle Kanäle.

Und welche Rolle wird Wirecard dabei spielen?
Die Zukunft liegt in einer digitalen Plattform für alle Vertriebskanäle – diese bereitzustellen ist unsere Kernkompetenz. Und rundherum bauen wir permanent neue Mehrwertleistungen auf. Zum Beispiel digitale Kredite. Wir bleiben der Technologieanbieter, liefern die Algorithmen und arbeiten ebenfalls mit großen Banken zusammen. Den Kredit gibt es für Händler, aber bald auch für die privaten Endkunden. Hiervon haben wir heute schon 35 Millionen.

Es wird also künftig auch einen Wirecard-Kredit für Konsumenten geben?
Ja. Rund um unsere Bezahl-App „Boon“ wird auch eine Kreditfunktion vorbereitet.

Wird es irgendwann auch das eigene Smartphone-Konto von Wirecard geben?
Ja, rund um das Boon-Payment-Ecosystem wird es immer mehr Funktionen geben, die einen zusätzlichen Mehrwert stiften. Künftig sollen die Kunden via Boon Überweisungen tätigen können, Kredite ausleihen und Versicherungen abschließen. Wir sprechen dazu gerade mit großen Versicherern über Kooperationen. Beispielsweise sollen die Kunden ein Luxus- oder Elektronikprodukt beim Kauf gleich versichern können.

Es gibt in Deutschland keinen Mangel an Bankangeboten. Womit will sich Boon von den vielen anderen differenzieren?
Wir wollen dem Kunden genau das anbieten, was er in diesem Moment braucht. Das ist Komfort für den Kunden, weil er nicht mit ständigen Marketingbotschaften konfrontiert wird. Hier sind wir im Bereich des maschinellen Lernens. Deswegen bauen wir sowohl auf der Konsumenten- als auch auf der Händlerseite an der digitalen Infrastruktur.

Folglich wird es auch keine große Marketingkampagne für Wirecard-Produkte wie Boon geben?
Sicherlich nicht. Wir nutzen hier sehr stark die Selbstvermarktung, beispielsweise mithilfe sozialer Medien. Zumal Wirecard vieles ist: Wir sind im Geschäft mit den Händlern aktiv und mit der Marke Boon mit den Endkunden. Dazu agieren wir noch im Hintergrund als White-Label-Anbieter für Unternehmen wie Orange oder die Allianz. Das ist der Offene-Plattform-Gedanke. Wir zwingen nicht jeden, unsere Marke zu übernehmen. Umgekehrt nutzen wir die Marke für neue Mehrwertleistungen.

Wozu braucht man dann noch Banken? Wird Wirecard diese mittelfristig nicht verdrängen?
Ich sehe uns gar nicht als Konkurrent einer klassischen Vollbank. Wir konzentrieren uns auf ein sehr spezielles Thema und glauben daran, dass es für alle Wachstumschancen gibt. Deswegen wollten wir auch nie jemandem etwas wegnehmen. Das ist die Geschichte der Menschheit: Technischer Fortschritt macht den Kuchen größer.

In der Evolutionsgeschichte geht aber gelegentlich auch mal jemand verloren.
Das bestreite ich nicht. In Summe ordnet sich aber das Thema Digitalisierung in die Fortschrittsgeschichte des Menschen ein. Als die ersten Züge fuhren, war das auch das Ende der Postkutsche. Es kam aber viel mehr an Geschäft hinzu.

Bisher galt SAP als technologischer Leuchtturm in Deutschland, nun folgt Wirecard. Warum gibt es von dieser Art Firmen so wenige hier?
Wir haben uns nie als rein deutsches Unternehmen betrachtet, sondern wir sind global.

Aber Ihre Zentrale mit immerhin 1000 Mitarbeitern ist in Aschheim.
Es gibt hier eben unglaublich viel Talent. Es ist auch gut, dass im Dax jetzt zwei starke Tech-Werte sind. Und es werden noch viele nachkommen. In zehn Jahren werden auch die großen europäischen Indizes sehr stark von technologiegetriebenen Unternehmen durchdrungen sein. Ich bin mir sicher, dass in Zukunft viele Unternehmen aus Europa heraus die Chancen der Digitalisierung aufgreifen werden.

Vielen Menschen macht die Digitalisierung Angst, sie fühlen sich abgehängt. Haben Sie dafür Verständnis?
Jeder Fortschritt hat immer auch Ängste mit sich gebracht, egal ob es die Eisenbahn war oder der elektrische Strom. Das ist immer nachvollziehbar. Unsere ganze Fortschrittsgeschichte besteht aus permanenter Veränderung. Das hört auch nie auf. In 300 Jahren werden wir auf Dinge stoßen, die wir uns heute nicht vorstellen können. Ich verstehe völlig, dass das für viele Menschen bedrohlich ist.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Thema Bargeld. Sind die Deutschen mit ihrer Liebe zu Scheinen und Münzen weltweit einzigartig?
Eine neue Technologie setzt sich immer durch einen Mehrwert durch, den der Nutzer als solchen empfindet. Nur so war der Siegeszug des Internets möglich. Wenn also der deutsche Konsument irgendwann den Nutzen von bargeldlosem Bezahlen erkennt, wird er sich auch anders verhalten. Sicher sind früher viele, die gern Kutsche gefahren sind, irgendwann in einen Zug gestiegen und haben gesehen: Das ist auch bequem. So funktioniert Fortschritt. Wir müssen deswegen Technologien schaffen, die so überzeugend sind, dass der Kunde sein Verhalten ändert.

Wie lange wird es in Deutschland dauern, bis sich elektronisches Bezahlen in der Breite durchsetzt?
Ich gebe nie Prognosen. Das war übrigens auch ein Hauptfehler der ersten Generation des Internets. Das Potenzial ist aber sicher da, dass irgendwann 80 bis 90 Prozent der Zahlungen elektronisch abgewickelt werden.

Wie oft zahlen Sie persönlich noch mit Bargeld?
Ich versuche, überall nicht nur per Karte, sondern mit Boon zu bezahlen. Die Durchdringung ist schon recht gut. Der Flaschenhals ist häufig die Person, die das Terminal bedient und sich mit dem System noch nicht auskennt. Ich helfe da aber gern aus.

Herr Braun, wir danken für das Interview.

So wurde Wirecard zum Börsenschwergewicht

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