Das große Fressen

Bereits in den ersten sechs Monaten kletterte das Volumen von Fusionen und Übernahmen weltweit mit 2,5 Billionen Dollar auf einen neuen Rekord.

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M&A-Geschäft Das große Fressen – Der Markt für Fusionen und Übernahmen läuft heiß

Das M&A-Geschäft steuert in diesem Jahr auf einen neuen Rekord zu. Doch die Indizien mehren sich, dass der Boom seinen Höhepunkt erreicht hat.
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FrankfurtBekannterweise sind Investmentbanker notorische Optimisten. Das müssen sie auch sein, sonst würde es ihnen kaum gelingen, die Unternehmenslenker davon zu überzeugen, sich in so riskante Abenteuer wie große Fusionen und Übernahmen (M&A) zu stürzen. Doch im Moment übertrifft der Markt selbst die Erwartungen der zuversichtlichsten Banker.

Das M&A-Geschäft läuft in diesem Jahr auf einen eindrucksvollen neuen Rekord zu. Doch schon mehren sich die Stimmen, die vor Risiken warnen. Mit dem aktuellen Höchststand haben die Kapitalmarktprofis nicht gerechnet. Bereits in den ersten sechs Monaten kletterte das Volumen von Fusionen und Übernahmen weltweit mit 2,5 Billionen Dollar auf einen neuen Rekord.

Das entspricht einem deutlichen Plus von 61 Prozent gegenüber den bereits guten sechs Monaten im Vorjahr, wie der Finanzdatenanbieter Thomson Reuters errechnet hat. Ein Ende der Euphorie ist zumindest kurzfristig nicht zu erkennen.

„Wenn sich das bisherige Transaktionsvolumen aus dem ersten Halbjahr verdoppeln würde, dann wäre das mit gut fünf Billionen Dollar ein neuer Rekord im weltweiten M&A-Geschäft“, betont Christoph Stanger, Partner bei Goldman Sachs in London. Ihn erschreckt diese Entwicklung nicht.

Denn gemessen an der Marktkapitalisierung der Unternehmen weltweit bliebe die Königsdisziplin im Investmentbanking unter dem langjährigen Durchschnitt, argumentiert der Co-Chef für Aktienemissionen in Europa.

Es gibt gute Gründe dafür, dass die Fusionsmanie in den nächsten Monaten erst einmal anhält. Die Konjunktur läuft weltweit rund, auch wenn sie sich in Europa zuletzt etwas abgeschwächt hat.

„Die rege Aktivität bei Fusionen und Übernahmen ist typisch für die Endphase eines Zyklus“, betont Birger Berendes, der bei Bank of America Merrill Lynch das deutsche M&A-Geschäft verantwortet. Die Unternehmen sitzen auf viel Liquidität und sind hochprofitabel. Das erleichtere Transaktionen, urteilt Berendes. Gleichzeitig hält die Digitalisierung die Unternehmen in den nächsten Jahren in Atem.

„Nicht nur in der Autoindustrie wird sich viel verändern“, meint Torsten Murke, Chef des Firmenkundengeschäfts und des Investmentbankings bei BNP Paribas. Viele Unternehmen konzentrierten sich auf ihr Kerngeschäft, weil sie dadurch Konglomeratsabschläge am Aktienmarkt verhindern.

Angst vor Krise in den USA

2019 kann das schon wieder ganz anders aussehen. Die mahnenden Stimmen werden lauter. Immer mehr Spieler am Kapitalmarkt ziehen bereits Parallelen zur Finanzkrise 2007, auch wenn sie sich öffentlich nicht so hart äußern wollen. Das Umfeld trübt sich ein, was nicht nur mit drohenden Handelskriegen zu tun hat.

„Es gibt Spekulationen am Markt, dass die USA im kommenden Jahr oder 2020 in eine Rezession rutschen werden“, sagt etwa Tan Chong Lee, Europachef des Staatsfonds Temasek aus Singapur, der ein Vermögen von knapp 200 Milliarden Euro verwaltet. Tan ist deshalb etwas vorsichtiger bei seiner Investmentpolitik geworden.

Herausforderungen für das Jahr 2019 sieht auch Ekkehard Franzke, Partner bei der Beratung AT Kearney. Er macht sich nicht nur wegen der wachsenden geopolitischer Risiken mit Blick auf die von den USA gegenüber China verhängten Strafzölle und die Irankrise Sorgen. Er sieht auch die steigenden Ölpreise, die anziehende Inflation und die anstehende Zinswende in der Euro-Zone als Risiken für den M&A-Markt.

Experten geben außerdem zu bedenken, dass der Boom vor allem von einer Reihe von Megadeals geschürt wird. Das gilt auch für Deutschland. Diese wenigen Großtransaktionen würden den Blick auf ein politisch und wirtschaftlich eher unsicheres Umfeld verdecken, warnt Leon Saunders Calvert, Global Head of M&A bei Thomson Reuters.

Sichtbar werde das beim M&A-Volumen im Mittelstand, das auf dem niedrigsten Niveau seit 2013 liegt. Weltweit stehen 80 Transaktionen, die größer als fünf Milliarden Dollar sind, im ersten Halbjahr für die Hälfte des gesamten Volumens an Übernahmen. Hier mischten besonders europäische Adressen mit. Größter M&A-Deal des ersten Halbjahres weltweit ist die Umstrukturierung, die der Konsumgüterkonzern Unilever angekündigt hat.

Unilever will seine traditionelle Firmenstruktur aufbrechen und aus zwei Gesellschaften eine machen, wie der Konzern im März bekanntgab. Die Transaktion hat ein Gesamtvolumen von mehr als 90 Milliarden Dollar. Unter den Megadeals finden sich auch zwei mit deutscher Beteiligung. Fünftgrößte Transaktion des Jahres war die Übernahme des US-Telekomanbieters Sprint durch T-Mobile US mit fast 60 Milliarden Dollar.

Viele Investitionsmöglichkeiten

Auf Platz acht landet der deutsche Versorger Eon mit dem Kauf der RWE-Tochter Innogy für 38,5 Milliarden Dollar. Bis zum Jahresende sollte die Zeit der Megadeals anhalten. Für Finanzinvestoren wie Carlyle und CIC sind Käufe über zehn Milliarden Euro wie bei der Übernahme des Spezialchemiegeschäfts von Akzo Nobel kein Problem.

Carlyle hat erst kürzlich die Mittel für einen neuen Fonds mit einem Rekordvolumen von 18,5 Milliarden Dollar eingesammelt. „Die Private-Equity-Häuser können sich vor Geld nicht retten“, meint AT-Kearney-Partner Franzke. Christopher Elvin vom Berater Preqin schätzt, dass die Finanzinvestoren mittlerweile die Rekordsumme von über drei Billion Dollar eingesammelt haben. Damit ist die Branche in eine neue Dimension gewachsen.

Diese geballte Kaufkraft trifft auf eine ganze Reihe von Investitionsmöglichkeiten. AT-Kearney-Experte Franzke berichtet von einer Liste von über 20 größeren Unternehmen, die einen neuen Eigentümer suchen. Viele Großkonzerne wollten sich von einzelnen Sparten trennen, auch weil sie aktivistischen Investoren zuvorkommen wollen, die mit teils aggressiven Methoden solche Aufspaltungen fordern.

Daneben versuchen Beteiligungsgesellschaften, die aktuell attraktiven Preise zu nutzen und Firmen aus ihrem Portfolio zu verkaufen. In den nächsten Monaten wird sich das Schicksal des Caravan-Herstellers Hymer entscheiden. Die Finanzinvestoren KPS Capital und Centerbridge interessierten sich für das Familienunternehmen aus Bad Waldsee, berichten Finanzkreise. Im Gespräch sei eine Bewertung von etwa 2,5 Milliarden Euro

Andere Finanzinvestoren sind in der Zwischenzeit allerdings wegen des zyklischen Geschäfts abgesprungen. Alternativ prüft die Familie weiterhin einen Börsengang. Der französische Finanzinvestor Ardian stellt Finanzkreisen zufolge den deutschen Kosmetikhersteller Ada Cosmetics zum Verkauf. Das Unternehmen könne dabei mit bis zu 300 Millionen Euro bewertet werden.

Lange Liste von Verkäufen

Der geplante Verkauf des Callcenter-Geschäfts der Dienstleistungstochter Arvato des Medienriesen Bertelsmann ist auch noch nicht abgeschlossen. Immerhin geht es hier Finanzkreisen zufolge um etwa 800 Millionen Euro. Laut Insidern unternimmt Airbus einen neuen Anlauf zum Verkauf seines Zulieferers PFW Aerospace. Der Spezialist für Rohrleitungssysteme in Flugzeugen könne einen Erlös von 500 bis 600 Millionen Euro bringen.

Tempo machen will der Spezialchemiekonzern Evonik beim Verkauf des Methacrylat-Geschäfts, das angesichts der immer noch gut laufenden Konjunktur hoch bewertet wird. Die Transaktion könne über zwei Milliarden Euro bringen, schätzen Experten. Und bei Thyssen-Krupp wird über einen Verkauf der Autozulieferersparte spekuliert, die vier bis fünf Milliarden Euro bringen könnte.

Bei dem deutschen Konzern könnten darüber hinaus auch noch weitere Sparten zur Disposition stehen. Ob alle diese Deals am Ende auch stattfinden werden, ist allerdings fraglich. Gerade im Umfeld steigender Zinsen ist die Psychologie ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der Märkte.

Wenn die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen dauerhaft über der Marke von drei Prozent bleibt, dann könne die Stimmung am Markt auch drehen, warnt Investmentbanker Berendes. Vielleicht bricht der M&A-Boom doch schneller als erwartet ab.

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