M&A Markt für Fusionen und Übernahmen auf Rekordkurs – auch Anleger profitieren

Der M&A-Markt könnte in diesem Jahr seinen alten Billionenrekord knacken. Linde und Praxair wollen ihren Beitrag leisten – das freut auch Aktionäre.
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Die Unternehmen wagen mehr, wie die Übernahme des schwäbischen Wohnmobilherstellers durch den US-Rivalen Thor Industries zeigt. Quelle: dpa
Hymer als Übernahmeziel

Die Unternehmen wagen mehr, wie die Übernahme des schwäbischen Wohnmobilherstellers durch den US-Rivalen Thor Industries zeigt.

(Foto: dpa)

FrankfurtEs sieht nach einem Happy End aus: Lange Zeit stand die Megafusion des Gasekonzerns Linde mit dem US-Konkurrenten Praxair auf der Kippe. Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle sah die Krönung seines Lebenswerks in Gefahr. Doch nun hat es den Anschein, als ob der 45 Milliarden Dollar schwere Deal nicht an Kartellauflagen scheitern wird.

Mit dem Verkauf weiterer Unternehmensteile wollen die Münchener ihre Chancen auf eine Genehmigung der Fusion verbessern. Linde plant Insidern zufolge, zusätzliche Firmenanteile im Wert von rund 200 Millionen Dollar an ein Bündnis aus dem Konkurrenten Messer und dem Finanzinvestor CVC zu verkaufen.

Klappt der Zusammenschluss, wird der ohnehin schon heiß laufende Markt für Fusionen und Übernahmen (M&A) zusätzlich befeuert. Und die Aktionäre dürfen sich ebenfalls freuen, wie eine Untersuchung von Credit Suisse über mehrere Jahrzehnte zeigt. Danach honoriert die Börse diejenigen Konzerne, die Übernahmen wagen.

„Die Kurse der aufnehmenden Unternehmen schneiden kurzfristig im Mittel um rund zwei Prozentpunkte besser ab als der Gesamtmarkt“, betont Joachim Ringer, Co-Sprecher des Vorstands von Credit Suisse in Deutschland. Langfristig liege die Überrendite sogar bei etwa zehn Prozent.

Es ist ein lukrativer Boom. Das globale M&A-Geschäft wächst wie selten zuvor, und in diesem Jahr ist ein neuer Rekord in Reichweite. Damit würde der Höchststand aus dem Jahr 2007 eingestellt. Damals lag das M&A-Volumen nach den ersten neun Monaten bei 3,168 Billionen Dollar, im laufenden Jahr fällt die Summe der Transaktionen nur um 25 Milliarden Dollar kleiner aus, wie der Finanzdatenanbieter Thomson Reuters ausgerechnet hat.

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„Die wichtigsten Treiber für M&A sind derzeit, mehr Marktanteile zu erlangen und neue Technologien einzukaufen“, hat Patrick Frowein beobachtet, der bei der Deutschen Bank als Co-Leiter Corporate Finance für den deutschsprachigen Raum arbeitet. Die Expansion ins Ausland nennen die Topmanager erst an dritter Stelle. Aber es dauert inzwischen länger, bis Transaktionen abgeschlossen sind, was nicht zuletzt an den gründlicheren Prüfungen der Behörden liegt, sagt Holger Knittel, M&A-Chef für die deutschsprachigen Länder bei Citi.

Noch sind drei Monate Zeit, um den minimalen Vorsprung aus dem M&A-Jahrgang 2007 einzuholen. Die neue Rekordmarke von fünf Billionen Dollar scheint erreichbar, meint Christoph Stanger, Partner bei Goldman Sachs. Selbst Wissenschaftler wie Professor Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität, zeigen sich optimistisch.

Fusionen im europäischen Bankensektor stocken

Der Experte geht mit Blick auf die Rekordjagd davon aus, „dass sich diese Entwicklung auch in den kommenden Monaten fortsetzen wird. Viele Unternehmen verfügen über hohe Liquiditätsreserven und können bei Übernahmen von niedrigen Zinsen profitieren.“

Gerade in den Branchen Pharma, Chemie und Handel dürfte sich nach Ansicht von Brühl die Konsolidierung fortsetzen. Im europäischen Bankensektor sei dagegen noch nicht an Fusionen oder Übernahmen zu denken. Hier müssten viele Institute noch „ihre Hausaufgaben machen“.

Dass die Unternehmen mehr wagen, zeigt auch die Übernahme des schwäbischen Wohnmobilherstellers Erwin Hymer Group durch den US-Rivalen Thor Industries aus dieser Woche. Die Amerikaner werden durch den 2,1 Milliarden Euro schweren Deal zur weltweiten Nummer eins in der Branche.

„Die zusätzliche Rendite durch Übernahmen ist heute höher als noch in den 80er- und 90er-Jahren“, betont Ringer mit Blick auf die Untersuchung von Credit Suisse. Das hänge unter anderem mit besseren Modellrechnungen und ausgefeilteren Risikoanalysen auf Basis neuer Technologien und zusätzlicher Daten zusammen

Ein wesentlicher Treiber für M&A sind auch Synergien, wie die Berater der Boston Consulting Group (BCG) ermittelt haben. Die Synergieeffekte lägen so hoch wie nie zuvor in den vergangenen Jahren, stellen die Experten fest. Im vergangenen Jahr prognostizierten die Unternehmen Zusatzerlöse von durchschnittlich 2,1 Prozent der gemeinsamen Umsätze beider Unternehmen vor ihrem Zusammenschluss. Das ist fast eine Verdoppelung gegenüber 2011. Gleichzeitig honorierten „Investoren klare Aussagen zu Art und Höhe künftiger Wertsteigerungen aus dem Zusammenschluss“, sagt Jens Kengelbach, Senior Partner bei BCG.

Hohe Firmenpreise stören das Bild

Sorgen bereiten allerdings die Unternehmensbewertungen, die so hoch sind wie noch nie. Der für die Bewertung ausschlaggebende operative Gewinn im Vergleich zum Unternehmenswert – also das Vielfache des Ertrags vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) – lag im vergangenen Jahr laut BCG bei 14,2. Damit seien die Bewertungen noch höher als während der Dotcom-Blase oder kurz vor der Finanzkrise 2008. Mahnende Stimmen werden deshalb lauter, Parallelen zur Finanzkrise 2007 werden gezogen, auch wenn das öffentlich keiner so hart sagen will.

Dass sich das Umfeld eintrübt, hat nicht nur mit den drohenden Handelskriegen zu tun. „Es gibt Spekulationen im Markt, dass die USA im kommenden Jahr oder 2020 in eine Rezession rutschen werden“, sagt etwa Tan Chong Lee, Europachef des Staatsfonds Temasek aus Singapur, der ein Vermögen von knapp 200 Milliarden Euro verwaltet. Tan ist deshalb vorsichtiger in seiner Investmentpolitik geworden.

Andererseits zeigt der Handelskonflikt für Wolfgang Fink, Deutschland-Chef von Goldman Sachs, dass ein Standbein in den USA als dem wichtigsten Markt der Welt „hochrelevant ist“. Und das geht auch durch Übernahmen.

Nicht nur weltweit, auch in Deutschland brummt das M&A-Geschäft. Das Volumen angekündigter Deals mit deutscher Beteiligung erreicht im Jahresverlauf 2018 insgesamt 216,9 Milliarden Dollar, wie Thomson Reuters errechnet hat. Das entspricht einem Plus von 137 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Dazu gehören Transaktionen wie der Kauf des US-Telekomkonzerns Sprint durch T-Mobile USA im Wert von fast 59 Milliarden Dollar.

Der Kauf der RWE-Tochter Innogy durch den Versorger Eon folgt auf Platz zwei der größten Transaktionen mit rund 39 Milliarden Dollar. Das lässt auch die Kassen der Investmentbanken klingeln, die neben dem M&A-Geschäft in Deutschland auch bei Aktien- und Anleiheemissionen sowie bei Krediten gut verdienen. In den ersten neun Monaten stellten sie Rechnungen für ihre Beratung und Dienstleistungen über 2,1 Milliarden Dollar aus.

Jedoch gibt es auch Signale für eine mögliche Abkühlung im Markt. So sinkt laut Leon Saunders Calvert, Global Head of M&A bei Thomson Reuters, die Zahl der M&A-Deals im Mittelstand. Das ist ein erstes Warnzeichen, schließlich finden in diesem Segment die meisten Transaktionen statt. Die großen Deals auf den Titelseiten täuschten über die wachsende Vorsicht hinweg, sagte er. Doch noch verhallen solche Warnungen weitgehend ungehört.

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