Munich-Re-Chef Joachim Wenning „Der Klimawandel wird ganze Völker betreffen“

Joachim Wenning, Chef von Munich Re, im Interview über Treibhausgase, Klimaflüchtlinge und darüber, warum ein schneller Kohleausstieg falsch ist.
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Der Munich-Re-Chef macht sich Sorgen wegen Versicherungslücken. Quelle: Daniel Delang für Handelsblatt
Joachim Wenning

Der Munich-Re-Chef macht sich Sorgen wegen Versicherungslücken.

(Foto: Daniel Delang für Handelsblatt)

MünchenHeiß ist es an diesem Juli-Tag im Münchener Werksviertel. Dort, wo Pfanni früher Kartoffeln zu Knödeln verarbeitete, entsteht ein hippes Viertel. Im Juni eröffnete der Rückversicherer Munich Re gemeinsam mit der Porsche-Tochter MHP und dem Anlagenbauer Kuka seine Smart Factory. Es ist ein brütend warmer Showroom, in dem Roboter werkeln und Munich Re als Finanzpartner auftritt.

Nebenan im Labor dient als Besprechungstisch eine ausrangierte Tischtennisplatte, an der Wand hängen Holzpaletten, aus denen Topfpflanzen ranken. Munich Re-Chef Joachim Wenning hat bewusst an diesen Ort geladen. Die Botschaft ist klar: Wir denken an die Zukunft.

Herr Wenning, viele Menschen freuen sich über die heißen Sonnentage. Die Dauerhitze führt aber auch zu Ernteausfällen in Deutschland und Überschwemmungen in Asien. Sind Wetterextreme die neue Normalität?
Eindeutig ja. Die Existenz des Klimawandels ist seit Jahren wissenschaftlich belegt, auch wenn es immer noch ein paar Skeptiker gibt. Die Frequenz, aber auch die extremen Ausschläge von Wetterereignissen werden zunehmen, das ist unzweifelhaft.

Es gibt das Pariser Klimaschutzabkommen mit ehrgeizigen Zielen. Doch es fällt allen Regierungen schwer, Entscheidungen im Kampf gegen den Klimawandel zu treffen. Wie sehr frustriert Sie das als weltgrößter Versicherer von Naturkatastrophen?
Diese Aufgabe ist ein enorm komplexes Problem. Insofern kann ich verstehen, dass viele Regierungen nur zögerlich agieren. Aber man darf die Politik nicht aus der Pflicht lassen. Es genügt nicht, im bisherigen Tempo weiterzumachen, sonst werden wir das in Paris vereinbarte Klimaziel nicht erreichen. Das Abkommen aus dem Jahr 2015 hat aus gutem Grund das Ziel, dass sich das Klima bis 2050 um nicht mehr als zwei Grad Celsius erwärmen darf. Und zwar unter anderem, weil jenseits von zwei Grad viele Entwicklungen nicht mehr versicherbar sein werden.

Was meinen Sie damit?
Wir werden weiterhin einzelne Menschen versichern können, nicht aber die Ursachen kollektiver Wanderungs- oder Fluchtbewegungen. Mit fortschreitendem Klimawandel werden deutlich mehr Menschen als heute auf der Flucht sein, weil ihre Heimat nicht mehr bewohnbar sein wird. Für die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen und Risiken gibt es keine Versicherungslösung. Um eine solche Entwicklung zu verhindern, müssten im Sinne des Pariser Abkommens 90 Prozent der vor allem durch fossilen Energieverbrauch ausgestoßenen Kohlendioxide bis zum Jahr 2050 durch nonfossile Energieträger ersetzt werden.

Wie kann das erreicht werden?
Das wird ein mühsamer Weg. In Ländern, die von Öl, Gas oder Kohle leben und von diesen Energieträgern abhängig sind, wird der Umbau nicht freiwillig geschehen. Die politische Herausforderung ist es, einen Konsens zwischen den Staaten herzustellen, wie fossile Energieformen sukzessive ersetzt werden können. Dafür erwarten die Förderländer einen finanziellen Ausgleich. Gleichzeitig müssen nonfossile Energien verfügbar und bezahlbar gemacht werden.

Ein fast unlösbares Problem.
Einfach aus der fossilen Energie auszusteigen würde massive Wohlstandsverluste und Arbeitslosigkeit produzieren. Das nimmt keiner freiwillig in Kauf. Es müssen also neue Energieformen bereitgestellt werden. Und diese müssen in der Breite günstiger werden als fossile Energie, die wiederum entweder durch eine Besteuerung oder durch Zertifikate teurer gemacht werden sollte.

Unterstützen Sie eine CO2-Steuer?
Grundsätzlich ja. Eine politisch initiierte Verteuerung fossiler Energie bedeutet entweder eine CO2-Steuer oder teurere Zertifikate. Das ist für mich ein maßgeblicher Schritt, um den Anreiz des Umstiegs zu erhöhen. Aber egal, was letztlich gemacht wird, der Umbau der Energieversorgung wird in jedem Fall enorme Verteilungswirkungen haben. Das ist eine riesige Aufgabe und Verantwortung. Deshalb habe ich großen Respekt vor der politischen Aufgabe.

Haben Sie das Gefühl, dass die Energiewende in Berlin mittlerweile ordentlich gemanagt wird?
Wenn mit Energiewende gemeint ist, dass damit die Klimaziele bis 2050 erreicht werden, dann reichen die bisherigen Bemühungen in Europa und in der Welt nicht aus. Ich wüsste keine Industrienation, die diesbezüglich schon genügend tut. Bewirkt hat Berlin allerdings, dass etwa durch die Subventionierung von Solarpanels die ehemals sehr teure Solarenergie nach und nach ins Geschäft gekommen ist. Das war ein guter Beitrag, auch wenn er teuer erkauft wurde.

Muss die EU eine stärkere Führungsrolle übernehmen, nachdem die USA aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen sind?
Die EU gehört dazu, keine Frage. Die wohlhabenden Wirtschaftsnationen müssten bei diesem Thema generell Vorreiter sein. Der Klimawandel lässt sich aber nur aufhalten, wenn sich auch die USA, China und Indien entsprechend engagieren.

Schon heute sind 70 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Verstärkt der Klimawandel die Wanderung vieler Menschen vom Süden in den wohlhabenden Norden?
Ja, die Herausforderungen durch humanitäre Katastrophen werden eine Dimension einnehmen, die schwer zu organisieren sein wird. Der Klimawandel wird ganze Völker betreffen, die in bestimmten Landstrichen nicht mehr leben und überleben können. Bis 2030 wird die Weltbevölkerung von heute 7,5 Milliarden Menschen auf 8,5 Milliarden anschwellen.

Die Hälfte dieses Anstiegs kommt aus Afrika. Viele Menschen werden klimabedingt ihre Zukunft anderswo suchen, auch auf unserem Kontinent. Das sind enorme gesellschaftliche Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns in Europa auf ein Konzept zum Umgang mit den vielen Flüchtlingen verständigen.

Europa und dem Rest der Welt wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als diese Menschen aufzunehmen.
Es wäre allerdings einfacher, mehr vor Ort zu investieren und die Ursachen zu bekämpfen, als viele Millionen Menschen zu integrieren.

Der Ausstieg aus der Kohle ist in Deutschland ein heftig umstrittenes Thema. Wie relevant ist er für ein besseres Klima?
Kohle ist einer der CO2-intensivsten fossilen Energieträger. Wenn man eine Energieform als erste ersetzen will, sollte es also diese sein. Aber wer sich nur auf Kohle einschießt, der wird vor allem Folgendes bewirken: Die Förderländer werden ihre Kohle an Volkswirtschaften verkaufen, die weniger rigide agieren. Dadurch wird der Preis sinken, und die Wettbewerbsfähigkeit nonfossiler Energien wird noch geringer. Das ist Marktwirtschaft. Ich verstehe emotional, dass viele einen schnellen Ausstieg aus der Kohle fordern. Aber das wäre zu kurz gesprungen.

Ist das auch der Grund, warum Sie im Gegensatz zur Allianz weiter Kohlekraftwerke versichern?
In dieser Diskussion wollen wir nicht einfach nur den Eindruck erwecken, als seien wir besonders fortschrittlich. Wir glauben nämlich nicht, dass das zum Wandel im Energiemix beitragen wird. Zusätzlich unterstützen wir lieber Ideen, mit denen neue Energieformen entdeckt, verarbeitet und kommerzialisiert werden.

Als Sie im vergangenen Jahr Munich-Re-Chef wurden, verhagelten Ihnen die Spätsommerstürme das Geschäft. Wie geht man mit einem solchen Schock um?
Ganz nüchtern und sachlich, zugleich mit Respekt vor dem menschlichen Leid und der wirtschaftlichen Not, die hinter solchen Ereignissen stehen. Genau deshalb gibt es uns ja. Wir haben zwar einen niedrigen Gewinn ausgewiesen, aber das ist völlig normal, wenn es solche Schäden gibt. Entscheidend ist, dass das Risikomanagement funktioniert hat. Und wenn die Analyse ergibt, dass wir einen ganz normalen Anteil an den Schäden hatten, werfen wir uns nichts vor. Dann war es auch kein schlechtes Jahr.

Mit 340 Milliarden Euro gab es im vergangenen Jahr die größte Schadensumme, die jemals weltweit für Naturkatastrophen anfiel. Ist das erst der Anfang?
Langfristig zeigt der Pfad ganz klar nach oben. Dabei steigen die versicherten und die unversicherten Katastrophen. Die Versicherungslücke ist schon heute groß. Und es ist nicht absehbar, dass sie in Zukunft kleiner wird. Der eine kann sich den Schutz nicht leisten, andere verlassen sich darauf, dass der Staat zur Wiederherstellung der wesentlichen Infrastruktur einspringt.

Man muss also vor allem Lösungen für den Fall finden, dass sich jemand eine Versicherung nicht leisten kann?
Die gibt es bereits, etwa Pool-Lösungen, die wir als Munich Re selbst mit entwickelt haben. Zum Beispiel in Mexiko oder in der Karibik. Bei einer Katastrophe tritt dann der Pool ein und gibt dem Staat Mittel, die zweckgebunden zur Wiederherstellung der Infrastruktur verwendet werden.

Diese Angebote reichen aber nicht. 
Eindeutig nein. Trotz der Marge des Versicherers ist es eine sinnvolle und wirtschaftlich lohnende Angelegenheit, sich zu versichern. Schließlich wird im Schadenfall die alte Infrastruktur durch eine neue, moderne ersetzt. Das stellt einen Produktivitätsschub für die betroffenen Regionen dar. Volkswirtschaften, die eine hohe Naturkatastrophenabdeckung haben, befinden sich dadurch langfristig auf einem höheren Wachstumspfad. Auf diesen Zusammenhang weise ich zum Beispiel bei meinen Chinabesuchen regelmäßig hin.

Munich-Re-Chef Wenning im Interview mit Handelsblatt-Redakteuren Christian Schnell (links), Sven Afhüppe und Daniel Schäfer (rechts). Quelle: Daniel Delang für Handelsblatt
Handelsblatt-Autoren in der Smart Factory

Munich-Re-Chef Wenning im Interview mit Handelsblatt-Redakteuren Christian Schnell (links), Sven Afhüppe und Daniel Schäfer (rechts).

(Foto: Daniel Delang für Handelsblatt)

Wie gut ist China gegen solche Schäden versichert?
Was Naturkatastrophen anbelangt, ist man dort fast vollständig unterversichert. Der Staat gibt im Zweifel Notfallhilfen für die Regionen. Das ist aber kein vollständiger Versicherungsschutz. Wir würden dagegen sofort bereit sein, einen kompletten Schutz zu geben. Bedarf ist da, schließlich gibt es in diesem riesigen Land alle Naturkatastrophen, die man sich ausdenken kann: Erdbeben, Taifune, Überschwemmungen, Dürren.

Wie sehr hilft Ihnen die Digitalisierung, die Gefahren besser einschätzen zu können?
Die Digitalisierung ist das Mittel schlechthin. Damit lässt sich alles verbessern. Sie ist wie ein Produktionsfaktor, den es vorher nicht gab. Bei Naturkatastrophen helfen Satelliten oder Drohnen beispielsweise dabei, Schäden in den betroffenen Regionen auszuwerten. Ich sehe als Versicherer dann in kürzester Zeit auf jedes einzelne Hausdach und weiß, welche Fälle ich vorrangig behandeln muss. Ein anderes Beispiel wäre im Underwriting, also der Risikonahme. Hier können wir die einzelnen Risiken stärker differenzieren. Außerdem können wir den Kundenzugang und den Vertrieb verbessern.

Der japanische Telekomgigant Softbank hat vor Kurzem einen Einstieg bei Ihrem Wettbewerber Swiss Re erwogen. Hat bei Ihnen auch schon einmal einer der großen Tech-Konzerne angeklopft?
Wie unsere Wettbewerber auch, sprechen wir schon seit Jahren mit den Amazons, Facebooks und Googles dieser Welt, um zu eruieren, ob eine Kooperation sinnvoll ist oder nicht. Doch beide Seiten zögern, weil sie nicht der Verlierer einer solchen Partnerschaft sein wollen, sondern das Heft weiter in der Hand behalten wollen.

Und was ist mit Übernahmen oder Anteilskäufen durch Technologiefirmen?
Wenn jemand wie Softbank bei uns angeklopft hätte, würde ich mich natürlich nicht in Interviews dazu äußern. Aber ist das überhaupt ein Deal, der auf der Hand liegt und sich lohnen würde? Stand heute nicht.

Warum nicht?
Weil große Plattform-Unternehmen wie Amazon oder Facebook davon leben, dass ihr Geschäft global skalierbar ist. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass das in der Rückversicherung oder in der Erstversicherung funktioniert. Das schränkt den Nutzen eines solchen Zusammenschlusses sehr stark ein.

Welche Apps nutzen Sie persönlich als Manager? Haben Sie eine globale Wetter-App oder eine Risk-App?
Selbstverständlich habe ich die Apps von Munich Re auf meinem Smartphone. Und ich habe auch eine ganz normale Wetter-App, auf der ich genauso wie Sie nachschaue, was ich in den Koffer packen muss, wenn ich nach New York oder anderswohin fliege.

Sie müssen im Beruf viele Risiken eingehen. Aber wie ist das im Privatleben? Vermutlich haben Sie kein Ferienhaus in Florida?
Wie ich beruflich agiere, hat eigentlich keinen großen Einfluss auf mein Privatleben. Es ist eher umgekehrt: Es gibt einen Risikokompass, den man in sich trägt. Und der hat einen Einfluss darauf, wie man sich als Manager verhält. Der wird vor allem durch Erkenntnisse beeinflusst. Je größer das Verständnis über Risiken ist, desto weniger Scheu hat man vor ihnen. Dann kann man in einem Risiko sogar eine Chance sehen. Das ist ja unser Geschäftsmodell. Es bedeutet natürlich nicht, dass man vom Hausdach springt und sich sagt, das wird schon.

Herr Wenning, vielen Dank für das Gespräch.

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